1803 kein Reichskrieg?

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Brissotin, 20. September 2017.

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  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied


    Ich hätte mal eine Frage:
    Warum löste die Okkupation Hannovers durch die Franzosen 1803 keinen Reichskrieg aus?

    Waren die Gewinner des Reichsdeputationshauptschlusses noch sosehr mit der Verteilung und Neustrukturierung des Geraubten beschäftigt, dass sie dafür keine Zeit hatten? Was war die Argumentation des Kaisers?
     
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das Kurfürstentum Hannover hatte im Reichsdeputationshauptschluss einen Bestandsschutz erhalten und war sogar im Besitz des Hochstifts Osnabrück bestätigt worden. Allerdings ging wenig später Großbritannien - zu dem Kurhannover in Personalunion gehörte - zum Angriff über und brach erneut einen Krieg gegen Frankreich vom Zaum. Da keine der Bestimmungen des Vertrages von Amiens aus dem Jahr 1802 vollständig erfüllt wurden, erklärte Großbritannien Frankreich am 18. Mai 1803 den Krieg. Somit fühlte sich das Reich nicht verpflichtet, einem Angreifer zur Seite zu stehen und nahm die Besetzung des Kurfürstentums Hannover ohne große Reaktion hin.

    Hinzu kam sicher, dass viele rechtsrheinische Reichsstände durch den Hauptschluss große Territorien dank Napoleon gewonnen hatten und diese nicht durch einen Reichskrieg verlieren wollten - der ihnen wegen der militärischen Überlegenheit der Franzosen ohnehin sinnlos erschien.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. September 2017
    Riothamus und muheijo gefällt das.
  3. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied


    Mir war jetzt nur mal aufgefallen, dass mir das Thema in den mir vorliegenden Publikationen zum HRR nie aufgefallen ist. Im Essayband zur großen Ausstellung 2006 wurde mal erörtert, ob der Reichsdeputationshauptschluss das Ende des HRR bedeutete oder es nicht etwa sogar überlebensfähiger machte. Vor dem Hintergrund des Bruches des Friedens von Amiens scheint das obsolet. Zwar hatten einige Fürsten schon die ihnen zufallenden Gebiete 1802 militärisch besetzt, aber de jure gehörten sie ihnen wohl erst 1803 an, also im selben Jahr der Invasion der Franzosen in Kurhannover. Zumindest Staaten, die sowieso Frankreich nicht wohl gesonnen waren und außerhalb der Reichweite der französischen Armee lagen wie Schweden etwa, hätten auf dem Reichstag einen Reichskrieg vorschlagen können. Ob Kurhannover evtl. selber an dem Krieg schuld war, war ja für den Casus ob die Reichsgrenzen missachtet wurden, eigentlich egal.

    In einem Buch über einen anderen Krieg tauchte mal der Aspekt auf, dass eine Friedensverletzung für den Verletzenden eventuell die nachteilige Folge haben konnte, dass die eben ausgehandelten Grenzen samt dem Vertrag als null und nichtig erklärt werden konnten (in dem Fall ging es um den Anfall Lothringens an Frankreich per Vertrag von 1735/38). Natürlich glaube ich, dass solche juristischen Spitzfindigkeiten Napoléon wahrscheinlich eh kalt gelassen haben dürften.
     
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Zukunft gehörte eindeutig den Nationalstaaten und nicht einem föderalen Gebilde wie dem Heiligen Römischen Reich - an dem sich durchaus auch positive Aspekte ausmachen lassen, im Gegensatz zu Bemerkungen, es sei ein "lebender Leichnam".

    Der Reichsdeputationshauptschluss war ein erster Schritt in diese Richtung, indem er die gewaltige Zahl der Reichsstände verkeinerte und geistliche Fürstentümer von der Landkarte verschwinden ließ. Ein weiterer Schritt wat der Rheinbund 1806, durch den zahlreiche weitere reichsunmittelbare Grafschaften, Reichsstädte und die gesamte Reichsritterschaft verschwanden. Das führte dann dazu, dass der Kaiser des HRR seine Krone niederlegte. Von den ehedem etwa 150 reichsunmittelbaren Territorien (exklusive Reichsritterschaft) waren nur noch rund 40 übriggeblieben, die dann nach 1815 den Kern des Deutschen Bundes bildeten - plus Preußen und Österreich, die dem Rheinbund nicht angehörten.

    Insofern muss man sagen, dass der Reichsdeputationsshauptschluss den Anfang vom Ende des Heiligen Römischen Reiches bildete. Entstanden war ein nicht zukunftsfähiges Gebilde, dessen linksrheinische Gebiete Frankreich annektiert hatte und das unter den Regeln der alten Reichsgesetze nicht lebensfähig war.
     

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