Adel in Deutschland zur Zeit der Industrialisierung

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von Jeckerle12, 19. Oktober 2016.

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  1. Jeckerle12

    Jeckerle12 Gast


    Halli Hallo,
    Ich habe im Internet mal ein bisschen "gegoogelt", und konnte leider keine eindeutige Antwort zu diesem Thema finden.

    War der Adel in Deutschland immer noch bestimmend über die "unteren Schichten" wie vor dem industriellen Umbruch oder hatte dieser einen großen Einfluss auf den Stand des Adels in der Gesellschaftshierarchie?

    Lg
     
  2. Goldkrone

    Goldkrone Mitglied

    Allgemein lässt sich im Zusammenhang mit der Industrialisierung sagen, dass der Adel zunächst die politische Hoheit behielt, während eine dünne Bürgerschicht (Fabrikanten, Aktionäre) einen wirtschaftlichen Machtzuwachs verzeichnete.

    Die unteren Schichten - Lohnarbeiter, Handwerker und Bauern - wuchsen zwar zahlenmäßig rasant an, blieben jedoch faktisch machtlos und rutschten trotz steigender Produktivität in die Armut (Pauperismus).

    Während der Adel also seine politische Stellung bis ins 20. Jahrhundert wahren konnte, konzentrierte sich wirtschaftliche Macht in Form von Kapital und "Produktionsmitteln" vor allem in wenigen, bürgerlichen Händen - eine Machtverschiebung zum Bürgertum. Die unteren Schichten waren aber nach wie vor von der Macht ausgenommen, zumindest in Deutschland.
     
  3. Caro91

    Caro91 Aktives Mitglied


    Man könnte vielleicht noch hinzufügen, dass die "informelle" Macht landbesitzender Adliger in einigen Gegenden, die besonders stark von der Frühindustrialisierung betroffen waren, tendenziell abnahm, weil dort mit wohlhabenden Fabrikanten (und Arbeitgebern) eine neue Konkurrenz auftrat und Fabrikarbeiter weniger vom örtlichen Grundbesitzer abhängig waren als Landarbeiter. Die starke Arbeitsmigration tat dann ein Übriges, dass traditionelle Loyalitätsgefüge sich aufzulösen begannen.

    Die Macht des "klassischen" landbesitzenden Adels erhielt sich deshalb im Laufe des 19. Jhds. besonders in wenig industrialisierten Gebieten (in Deutschland etwa Ostpreußen oder Mecklenburg). Allerdings erlangten viele Adlige auch über andere Wege großen Einfluss, etwa im Dienste der umfangreicher werdenden staatlichen Regierungen (beispielsweise als Minister oder Provinzgouverneure) oder im Offizierskorps. Auch wenn sie dort häufig mit Bürgerlichen konkurrieren mussten, brachten alte persönliche Verbindungen und der immer noch hohe Respekt ihnen dabei häufig den entscheidenden Vorteil.
     
  4. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Nicht als Widerspruch, nur als Ergänzung zu oben Gesagtem:

    - Adlige waren auch als Unternehmer erfolgreich: Beispiel die Familie Zeppelin

    - Großgrundbesitz blieb erhalten und damit ist bis heute gutes Geld zu verdienen: Thurn und Taxis, Hohenlohe, Berlichingen, Adelmann, Stauffenberg fallen mir da ein, weil die hier in Württemberg mindestens in der Forstwirtschaft noch einiges Gewicht haben

    Und andersrum gedacht: auch während der Gründerzeit wurden noch Adelstitel verliehen, etwa an Unternehmer wie Krupp. Oder an Personen, die sich um den Staat verdient gemacht haben wie etwa die Weizsäckers. Das ist ja auch ein Hinweis, dass Adelstitel bis 1918 durchaus noch ihren Stellenwert hatten
     
  5. Peterchensmond

    Peterchensmond Gesperrt

    Adelige waren stark vertreten weiterhin als Offiziere. In Ostelbien gab es noch die Gutswirtschaft, die hat sich gehalten, bis 1944/45 die Russen kamen. In der Industrie selber hatte aber das Großbürgertum das Sagen, v.a. Rüstungskonzerne, wurden ja schon genannt. Nach 1945 war die Zeit des Adels aber vorbei, in Westen und im Osten sowieso. Wobei ein Guttenberg, glaube ich, nach wie vor irgendeinen Forstvorstand stellt... Ja, so ganz emanzipiert hatte sich das Bürgertum zZt der Industrialisierung noch nicht, es gab noch einige Briefadlige, aber auch das war bald vorbei. soll man sagen: ein Segen?
     
  6. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    Ja, die Guttenbergs sind auch ein gutes Beispiel. Der westdeutsche Adel konnte seine Besitztümer durch zig Staatsformwechsel behalten. Nur in der DDR klappte das nicht. Da zieh ich mal meinen Hut vor den Kommunisten.
     
  7. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Das Schwierige ist, dass Jeckerle12 die Frage zeitlich nicht besonders eingegrenzt hat - ich würde natürlich die Zeit der Industrialisierung in den damaligen deutschen Fürstentümern und Königreichen ab 1830 und verstärkt ab 1850 ansetzen - soweit ich mich erinnere, es ist "etwas lange" zeitlich her, dass ich mich mit dem 19. Jahrhundert intensiver beschäftigt habe, - gab es ein steiles Wachstum der Industrie, und mindestens eine Wirtschaftskrise (nachgeschaut, die große Depression 1873 -1896, oder im deutschen Reich moderate Wirkung, daher nur Gründerkrise genannt).
    Noch lange bis ins 19.Jahrhundert war die Landwirtschaft der determinierende Faktor für die Ökonomie, der größte Teil der Beschäftigten war immer noch in der Land -und Forstwirtschaft und den verarbeitenden Betrieben (Brauereien, Textil, Zuckerraffinerien, Holzverarbeitung usw.) angestellt.
    Die Landwirtschaft war vor der Mechanisierung und dem Einsatz von Mineraldünger und Pflanzenschutz sehr arbeitsintensiv, noch 1900 waren im deutschen Reich 38 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt (1800 waren es noch 80 %). Am Anfang der Industrialisierung gab es im Ruhrgebiet noch viele Saisonarbeiter, die im Sommer in der Landwirtschaft, im Winter im Kohlebergbau gearbeitet haben. Erst mit dem Wachstum des Welthandels und der Industrie wuchs nicht nur die Arbeitsmigration im deutschen Reich in Schlesien und Polen wurden zusätzliche Arbeitskräfte für das Ruhrgebiet angeworben und die Städte wuchsen enorm. Das würde ich aber in die 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts datieren. Aus all dem kann man ersehen, dass der Adel nicht nur im Militär, im Obrigkeitsstaat, sondern auch in der Wirtschaft noch lange führend war. Traditionell stellt der Adel die größten Grundbesitzer, landwirtschaftlich und in der Forstwirtschaft, allerdings, auch wenn dies auch heute noch so ist, prozentual lässt sich dies mit dem 19.Jahrhundert nicht vergleichen. Die fünf größten Waldbesitzer (die Thurn und Taxis, Fürstenbergs, Hohenzollern, Riedesels und Sayn-Wittgensteins) bewirtschaften gerade einmal zusammen 1 Prozent der Forstfläche, 34 % sind in öffentlicher Hand.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Oktober 2016
  8. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Hier ist schon viel gutes angemerkt worden. Noch ein bißchen was zu grundsätzlichen Problemstellungen und Entwicklungen:

    1. Durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 verloren viele Adlige ihre Souveränität, durch die so genannte "Bauernbefreiung" (beginnt etwa ab 1810) ihre Stellung als Grundherren. Dieser Verlust an Macht und wirtschaftlichen Einnahmen wurde aber abgefedert. Zum einen dadurch, dass viele der kleineren Adelsfamilien hohe Regierungsposten etc. in den Ländern des Deutschen Bundes erhielten. Zum anderen mussten die Bauern sich quasi "freikaufen" und ihre ehemaligen Grundherren entschädigen (siehe u.a. Begriff der Ablösung). Dies war ein jahrzehntelanger Prozess, und einige der einstigen Dienste wie Hand- und Spanndienste oder sogar manche Lehnsbeziehungen blieben noch weit ins 19. Jahrhundert bestehen. Selbst kleinere Adelsfamilien verfügten weiterhin zudem über erheblichen Grundbesitz, besonders bei den Forsten.

    2. Nach der Reichsgründung 1871 behielten die Monarchen der Bundesländer ihre Titel und blieben zumindest auf dem Papier souveräne Oberhäupter ihrer Länder, auch wenn praktisch ihre politische Bedeutung immer mehr schwand.

    3. Der Adel behielt in Verwaltung und Militär bei der Stellenbesetzung die beherrschende Position, zumindest in den höheren Positionen. Georg Michaelis war 1917 der erste und einzige bürgerliche Reichskanzler. Alle Generalstabschefs waren Adlige, usw. Die Durchdringung der Verwaltung mit Adligen reichte hierarchisch bis weit nach unten, auch Landräte waren oft Adlige. Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass im Kaiserreich häufig Bürgerliche geadelt wurden. Dies betraf viele wohlhabende Industrielle oder Bankiers, die häufig dann Kinder im Staatsapparat "unterbrachten".

    4. Obwohl der Adel sich in den Umbrüchen des 19. Jahrhunderts nicht ohne Erfolg versuchte, sich Vorrechte und Vorteile zu behaupten, war er als Klasse auch besonders von Dekadenzerscheinungen geprägt. Herausragende Beispiele dafür waren das bayrische Könighaus oder das kurhessische Fürstenhaus.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Oktober 2016
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  9. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Fragen wir mal anders rum. Was war der Vorteil nobilitiert zu werden z.B. in der Gründerzeit, ausser das man ein von im Namen hatte und eventuell etwas bessere Geschäfte machen konnte. Währe da nicht der Titel Hoflieferant eventuell sogar besser gewesen.
    Und gerade beim Militär vermute ich mal starke Standesdünkel des Adel gegen über "Emporkömmlingen", also frisch nobilitierten.
     
  10. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Ashigarus Statement finde ich sehr wichtig, jetzt kenne ich mich nicht besonders aus, aber meine Vermutung ist, dass die Reformen in Preußen (Stein, Hardenberg), was die Aufhebung der Grundherrschaft des Landadels einleitete, eine Reaktion auf die im Rheinbund durch die napoleonischen Regierungen veranlasste Aufhebung der Ständeprivilegien für den Adel und Bauernbefreiuung waren ,ist das richtig? Oder hatte dies schon mit einer beginnenden Industrialisierung zu tun? Die ersten Eisenbahnstrecken folgten später, eine Abwanderung in die Städte gab es in dem Umfang wie ab 1850 noch nicht, oder? Jedenfalls zeigt dies, dass sich die Situation der Landbevölkerung grundlegend vor dem Beginn der Industrialisierung im deutschen Reich veränderte, auch wenn die Situation als Knecht und Tagelöhner immer noch von Abhängigkeit "von der Herrschaft" und Armut geprägt war, für einen Teil der Bauern eröffnete sich überhaupt die Chance einen anderen Beruf zu ergreifen und aus der Leibeigenschaft auszubrechen. Oder sehe ich das zu blauäugig?
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Oktober 2016
  11. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Das Ansehen würde ich nicht unterschätzen. Wer geadelt wurde, gehörte nun mit seiner Familie zur politisch-administrativen Herrscherklasse, über das Schicksal der eigenen Firma/Bank hinaus.

    Das Dazugehörigkeitsgefühl ist nicht zu unterschätzen. Viele Söhne dieser oft reichen Familien nahmen teils niedrige Verwaltungsposten, z.B. als Landräte, an. Da spielte sicher auch ein "Versorgungsdanke" wie früher bei den "echten" adligen Familien eine Rolle, dass man auch solche Söhne in der Verwaltung oder im Militär unterbrachte, die für die Unternehmensleistung nicht in Frage kamen.

    Wer sich näher dafür interessiert, eine gut belegte Familie von "Bürgeraristokraten" ist die 1863 in den Freiherrenstand erhobene Elberfelder Familie von der Heydt:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Von_der_Heydt_(Familie)

    Ein letzter Aspekt: für wohlhabende jüdische Familien hatte die Nobilitierung emanzipatorische Wirkung und ermöglichte Karrieren bis in höchste Etagen des Kaiserreiches, wie sie in früheren Jahrhunderten wohl nicht möglich gewesen wären. Allerdings ließen etliche geadelte Juden sich oder zumindest ihre Nachkommen taufen.

    Einer der berühmtesten Vertreter des jüdischen Adels war
    https://de.wikipedia.org/wiki/Gerson_von_Bleichr%C3%B6der
     
  12. Peterchensmond

    Peterchensmond Gesperrt

    Feudale Relikte, das mit dem Adel. Ein letzter Abglanz des feudalen Zeitalters in der Zeit des Bürgertums. Die Arbeiterklasse, vorher Bauern, stellte die manpower für die Umsetzung der Ideen aus der Intelligenz, etwa der Ingenieure. Wenn so ein Erfinder aber was auf sich hielt, ließ er sich adeln. Das Ergebnis der Industrialisierung waren dann die industriellen Kriege, es waren Weltkriege. Ohne die Entwicklung wäre das nicht möglich gewesen, derartige Massenvernichtung zu betreiben. Andererseits ermöglichte die Industrialisierung erst, dass die Arbeiter auch was zu beißen hatten, ohne dass die meisten Bauern waren. Bei all diesen Entwicklungen war der Adel nicht mehr groß beteiligt, dessen Zeit war abgelaufen nach der Französischen Revolution bereits oder in Deutschland nach 1848.
     
  13. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Leider kenne ich mich mit den preußischen Sozialreformen nicht wirklich gut aus. Die rechtlichen Bedingungen der Bauern wurden ohne Frage verbessert. Aber das Problem waren all die durch die napoleonischen Staatsreformen "besitzlos" gewordenen Adligen. Zum einen wollten die Herrscher der verbliebenen Staaten diese nicht wieder in ihre alte Stellung einsetzen, man wollte diese wichtige und immer noch besitzstarke Klasse nicht aber auch nicht verärgern. Dies führte zur so genannten "Ablösung", in der sich die Bauern stark verschuldeten.

    Hier in Hessen begann die Industrialisierung spät, in vielen Regionen erst weit nach 1850. Selbst eine Stadt wie Frankfurt wuchs erst im Kaiserreich entscheidet und dann aber explosiv über die alten Stadtgrenzen hinaus.

    Sagen wir mal so: der Mix aus "Bauernbefreiung" und neuen, erheblichen finanziellen Lasten führte vor allem auf dem Land zu einer katastrophalen Dynamik. Zuerst waren die Bauern geschädigt, die sich erheblich verschuldeten. Zu den Ablösungen kamen auch teils lange nachwirkende Kriegs- und Militärlasten der Kommunen nach den Befreiungskriegen. Armut und die neue Freizügigkeit, die sich auch nicht mehr durch restriktive Politik oder gelegentliche Verbote in den Bundesstaaten stoppen ließ, beförderten die gewaltigen Auswanderungswellen in den 1830er bis 1850er Jahren.
    Was die Berufswahl betrifft: es war für viele Bauern das Ende der Subsitenzwirtschaft - nicht nur mit guten Folgen. Die Erträge reichten (auch wg. Realteilung etc.) nicht mehr aus. Viele Bauern betrieben nun zusätzlich Kleinhandwerk/Kleingewerbe. Auch in etlichen der frühen Fabriken waren noch Bauern tätig, die zum Teil von ihren Dörfern zum Arbeitsort wanderten.
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ein Gedanke dazu.
    Die Industrialisierung, oder besser „Die Industrielle Revolution“, beginnt im späten 18. Jhd. in England, u. a. mit Erfindungen in der Textilproduktion.
    Ab ca. 1800 beginnt ein geschichtlich einmaliger steiler Wachstumsprozess der Gesamtheit der technischen Errungenschaften, des Konsums und der organisatorischen Strukturen.
    Zentrum sind England und mit leichter Verzögerung, aber auch dynamisch, Kontinental-Europa und die USA.
    (Andere Regionen der Erde bleiben zwar nicht unberührt, sind aber lange noch nicht getrieben vom neuen Geist. Und zudem fällt deren Wohlstand teilweise dramatisch ab.)

    Nun ist der Adel, schon aus seinem Selbstverständnis heraus, eine sehr kleine Schicht.
    Es ist ihm erstmals nicht mehr möglich aus eigenen Reihen den Personalbedarf zu decken, den der Ritt auf einer sehr neuen und unvergleichlich mächtigen Welle erfordert.

    „..the times they are a changin“, wie der neue Literatur-Nobelpreisträger so schön dichtet.
    Das war damals auch schon so, auch wenn die Zeit damals noch nicht ganz so verdichtet, ich mein komprimiert, war.
     
  15. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Was macht den Adel im 19. Jahrhundert in Deutschland aus?
    Aufgrund der Geschichte sind die Familien "wichtig", d.h. die Öffentlichkeit interessiert sich für den Adel auch in Fällen wo die einzelnen Adligen eigentlich uninteressant/unauffällig sind.
    Neben der Schicht des immer noch herrschenden (Hoch-)Adels verfügt der Adel über überdurchschnittliche Finanzmittel (auch wenn einzelne Bürgerliche reicher sind und etliche Adlige verarmten) und eine überdurchschnittliche Bildung. Dies ermöglichte vielen Adligen eine prägende Beteiligung an der Gesellschaft.

    Nur die viel größere Zahl an nichtadligen Bürgern führte zu einer Verschiebung der Gewichtung der alten Stände. Massiv gesteigerte Produktion, Ausweitung des Handels und das sich immer schneller vermehrende Wissen veränderten die Gesellschaft und brauchten mehr und mehr Angehörige der Oberschicht.
    In einigen Bereichen (z.B. Offiziere) sorgten Standesdünkel und Verkennung der gesellschaftlichen Entwicklung dafür, dass gegen den Trend der Zeit gearbeitet wurde.
     
  16. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Die Bauernbefreiung ist 1810 viel zu spät angesetzt. In Baden, Österreich und anderen Staaten gab es das schon in den 1780ern. Preußen würde ich in der Hinsicht eher als Nachzügler bezeichnen. Das Problem war tatsächlich die Verbindung der Aufhebung der Leibeigenschaft mit Geldzahlungen. In kleineren Staaten, wo die Leibeigenschaft schon früher im 18.Jh. keine Rolle mehr spielte, änderte ihre Aufhebung kaum etwas am Los der Bauern. Etwas anderes war es im Rechtselbischen mit der hohen Bedeutung der Gutsherrschaft.

    Zumindest gefühlt - gibt es dazu Statistiken? - hat locker die Hälfte des Hochadels die Zeichen der Zeit erkannt und in den eigenen Territorien die aufkeimende Industrie gefördert. Der Hochadel betrieb zwar nicht federführend wie Geschäftsführer die Unternehmen, hatte aber durchaus beträchtliche Anteile und das schon in der FNZ.

    Die Noblitierung der Industriellen scheint mir vor dem Hintergrund der Eliten des 19.Jh. verständlich. Auch wenn selbst im Militär eine zunehmende Durchlässigkeit zu verzeichnen war, so war doch die Besetzung höherer Posten überwiegend dem Adel und Hochadel vorbehalten. Hier ging das Bundesheer praktisch in den selben Bahnen wie die Reichsarmee des 17./18.Jh. weiter.
     

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