Alexander der Große - Die Menschheitsidee

Dieses Thema im Forum "Persönlichkeiten im Altertum" wurde erstellt von naradas, 13. April 2012.

  1. naradas

    naradas Neues Mitglied


    Ich beschäftige mich momentan intensiv mit Alexander dem Großen - vor allem die Theorien über seine "Menschheitsidee" haben es mir angetan.

    Nach ausgiebiger Lektüre der Fachliteratur vermag ich mir dennoch kein Urteil darüber zu bilden, ob an seiner momentanen "Huldigung" - beispielsweise durch Alexander Demandt - tatsächlich ohne weiteres festgehalten werden kann. Demandt schreibt, das der Kriegszug von Alexander dem Großen ebenso gigantisch gewesen sei, wie sein sein Friedensplan. Mir fehlen dafür aber irgendwie die Begründungen. Es wirkt gar leicht pathetisch.

    Kann seine Verschmelzungspolitik wirklich als Beweis für seinen Plan vom Frieden unter den Völkern, quasi seiner "Menschheitsidee", angesehen werden?

    Ich habe dazu unter anderem Helmut Berve gelesen, der bei der Verschmelzungspolitik deutlich die braungefärbten und rassischen Gedanken seiner Zeit zum Ausdruck bringt, aber Alexander dabei durchaus eine Art Verschmelzungspolitk (die über den Sinn der reinen politischen Machterhaltung geht) unterstellt. Besser aufgehoben fühle ich mich schon eher bei Alfred Heuss, der zwar anerkennt, dass Alexander als Schöpfer einer gewissen Universalität zu sehen ist, aber dennoch klar formuliert: "Alles ,was diesen Tatbestand zur Voraussetzung hat, an all dem ist er mittelbar beteiligt (was nicht heißt, dass es auf ihn zurückgänge, was gerne, aber logisch falsch verstanden wird).


    Um mal etwas auf den Punkt zu kommen: Hatte er den Traum vom Frieden unter den Völkern - also eine Menschheitsidee? War er gar ein Globalisierungspionier? Oder haben wir in unser heutigen Zeit der Globalisierung einfach unser eigenes Alexander-Bild entworfen das die These seiner Weltverbrüderungsidee bemüht?



    Ich freue mich auf Anregungen und Meinungen!
     
  2. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Heutzutage ist es offenbar beliebt, dass diverse historische Persönlichkeiten, Reiche und Entwicklungen als Vorläufer von heutzutage offiziell geförderten Ideen und Erscheinungen herhalten müssen. Da werden das Römerreich und das Reich Karls des Großen schon mal als EU-Vorläufer interpretiert, und Alexander soll anscheinend als früher Multi-Kulti-Kosmopolit herhalten. Der Sinn dahinter ist wohl der, neuen Erscheinungen und Institutionen eine lange Tradition zu verpassen. Unterm Strich sind allerdings in der Regel alle Parallelen an den Haaren herbeigezogen oder beruhen auf gezielten Fehlinterpretationen und Verfälschungen.

    Ich sehe das alles viel nüchterner. Alexander war in erster Linie ein ruheloser Eroberer, Krieger und Abenteurer, der immer mehr erreichen wollte und mit dem Erreichten nie zufrieden war. So etwas wie eine längere Friedensphase hatte er nicht eingeplant, er strebte immer wieder nach neuen Eroberungen. Mit Globalisierung und Weltfrieden hat das nichts zu tun.
    Er war allerdings durchaus auch Realist, und als solcher erkannte er (im Gegensatz zu vielen seiner Gefährten) anscheinend, dass die Makedonen allein eine zu schmale Machtbasis waren, um sein frisch zusammenerobertes Riesenreich dauerhaft zusammenhalten und noch weitere große Eroberungen durchführen zu können. Er konnte die Perser und sonstigen neuunterworfenen Völkerschaften nicht dauerhaft als Untertanen zweiter Klasse behandeln und gewaltsam niederhalten, sondern musste sie irgendwie integrieren. Aber auch dabei dachte er auch als Militär und sah in seinen neuen Untertanen auch neue Rekruten. Bereits bei seinen Feldzügen in Zentralasien und nach Indien hinein hatte er zahlreiche nichtmakedonische und nichtgriechische Soldaten dabei, außerdem initiierte er ein Programm, um fähige junge Perser im makedonischen Sinn zu erziehen und auszubilden.
    Alexander träumte also keineswegs vom Frieden unter den Völkern und Weltverbrüderung, sondern er wollte die Potentiale aller seiner Untertanen optimal nutzen, um seine Eroberungen zusammenzuhalten, seine Machtbasis zu verbreitern und sich die Grundlage für neue Eroberungen im Westen zu schaffen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2012
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  3. naradas

    naradas Neues Mitglied


    Ich bin froh nach all der pathetischen "Weltverbrüderungslektüre" endlich mal wieder klare und konstruktive Worte zu lesen! :)

    Es ist durchaus nachvollziehbar, wenn man in der Forschung des Versuch unternimmt, die Ursprünge zu begründen, um eine Art "roten Faden" herstellen zu können. Zugleich ist es mir aber irgendwie unbehaglich, wenn man der historischen Gestalt Alexander des Großens eine Menschheitsidee oder Globalisierungstheorien andichtet. Es zeigt einfach, dass sich die Geschichtsforschung im Laufe der Jahrhunderte in diesem Punkt nicht großartig geändert hat. Unter Kaiser Julian wurde seine Maßlosigkeit und unphilosophische Lebensweise in den Vordergrund gestellt, im Mittelalter wurden seine ritterlichen Tugenden gewürdigt, im 19. Jahrhundert musste er als Vorreiter des Nationalismus herhalten und in unserer heutigen Zeit ist er eben der Globalisierungspionier.

    Was mich aber dennoch ein wenig umtreibt:

    - Wie müsste der Begriff "Globalisierung" denn verstanden werden, wenn man Alexander als Pionier der Globalisierung ansieht? Die Begründung, dass er Grenzen überschritten hat (und dadurch fast zwangsläufig eine gewisse "neue" Handlungszone schuf) kann doch letztlich nicht als ausreichender Grund gelten?!

    - Was ist jemanden zu entgegnen, der Alexander einen Traum vom Frieden unter den Völkern (bsp. Fischer-Fabian) zuspricht? An welchem Punkt, bzw. wie ist seine Argumentation zu knacken? Es kann immer argumentiert werden, dass die - verhältnismäßige - Gleichstellung und Behandlung der eroberten Völker als Zeichen für seinen Friedenstraum gelten kann / seine Verschmelzungspolitik (bsp. Massenhochzeit) eine Zeichen seiner Menschheitsidee waren. Aber wie knacke ich diese Argumentation?

    Mit deinem aufgeführten Argument (Machterhaltung), welches ich durchaus teile, komme ich doch letztlich nicht besonders weit?

    Verstehst du was ich meine? :)
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2012
  4. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Die heutige Globalisierung hat das Ziel, de Menschheit durch engere wirtschaftliche, politische und kulturelle Kontakte und Verflechtungen zusammenwachsen zu lassen. Alexanders Globalisierung bestand darin, einfach möglichst die ganze Welt zu erobern.

    Eigentlich recht einfach: Wer vom Weltfrieden träumt, führt und plant nicht permanent neue Angriffskriege. Den Perserfeldzug kann man noch damit zu rechtfertigen versuchen, dass damit die latente Bedrohung Makedoniens und Griechenlands durch das Perserreich beseitigt wurde. Aber für seinen Einfall in Indien und seine Pläne einer Eroberung des Mittelmeerraums gibt es keine Rechtfertigung mehr, das waren pure Eroberungslust und der Wunsch, mehr zu erreichen als je ein Mensch vor ihm.
    Das mit dem Friedenstraum und der Menschheitsidee kann man auch leicht damit widerlegen, dass Alexander mit eiserner Härte durchgriff, wenn seine Untertanen nicht wollten, wie er wollte. Er schlug Aufstände nieder, zwang seine makedonischen und griechischen Veteranen, die in die Heimat zurückwollten, sich in neuen "Alexandrias" irgendwo im Hindukusch niederzulassen, und die Teilnehmer der berühmten Massenhochzeit waren oft auch nicht wirklich freiwillig dabei. Wem es wirklich um die Menschen geht, der behandelt sie nicht so, zumindest nicht, wenn man heutige Maßstäbe anlegt. Auch wenn Alexander durch Verschmelzung neue Untertanen schaffen wollte, so sollten diese nur seinen Zielen dienen, also vor allem für ihn kämpfen. Alexander handelte letztlich nicht anders als manche Diktatoren im 20. Jhdt., die ihre Ziele auf Biegen und Brechen durchsetzen wollten und die trotzdem von manchen verblendeten Anhängern noch heute verehrt und verteidigt werden.
    Ich will Alexander damit nicht auf einen brutalen Wüstling reduzieren. Er war intelligent und gebildet und aufgeschlossen für verschiedene kulturelle Einflüsse. Aber in erster Linie ging es ihm darum, seine Pläne zu verwirklichen und weiter zu kommen und mehr zu erreichen als je ein Mensch vor ihm. Für dieses Ziel nahm er keine Rücksicht, weder auf sich selbst noch auf andere.

    Doch, weil Alexander entsprechend handelte und z. B. Aufstände hart niederschlug.
     
  5. naradas

    naradas Neues Mitglied

    Viele deiner Ausführungen habe ich auch bei der Lektüre der Forschungsliteratur gelesen und in einer ähnlichen Art und Weise gedeutet. Dabei ist mir tatsächlich auch jedes Mal die teils gewaltsame Verpflanzung seiner Soldaten ein Dorn im Auge gewesen. Wer einen Traum vom Frieden hat, sollte eigentlich anders agieren. Vor allem beim bereits erwähnten Alfred Heuß sehe ich den Punkt, dass Alexander mehr zugeschrieben wird, als im letztlich zukommt.

    Dennoch kann ich nicht nachvollziehen, warum sich sowenige gegen die Deutungen von Badian ("Unity of mankind") oder Demandt stellen? Hast du die beiden gelesen? Ich sehe darin einfach keine logisch schlüssige Argumentationsstruktur, die die Behauptung nach Alexanders "Menschheitsidee" rechtfertigen würden. Und trotzdem findet sich in allen Rezensionen und Buchkritiken zu Demandts "Alexander der Große"
    (auch bei durchaus kritischen Medien) großes Lob für den Autor und seine Ansichten. Teilweise natürlich auch wieder sehr pathetisch: "Und selbst wenn man dem Autor eine allzu große Faszination durch seinen Helden vorwirft – seiner interpretatorischen Quintessenz will man sich am Ende nur schwer verschließen: So gigantisch wie Alexanders Kriegszug war sein Friedensplan. Ihn zu verwirklichen, ist noch immer das höchste Ziel aller politischen Kultur – wenn auch mit anderen Mitteln.“

    Mich verwundert das ganze irgendwie sehr. Hast du vielleicht ein paar kritische Stimmen / Aufsätze / Werke zu dieser Thematik gefunden, bzw. parat? Also jemanden, der die Sache mal etwas nüchterner betrachtet und die Behauptung von Alexanders "Menschheitsidee" argumentativ widerlegt? Bei Wiemer / Wilcken bin ich zwar ein bisschen fündig geworden - so richtig ausführlich gehen die beiden allerdings nicht darauf ein.


    PS: Eine Frage zu den von dir genannten Westplänen: Eine einhellige Forschungsmeinung besteht darüber noch immer nicht - und wird wahrscheinlich auch niemals bestehen - oder? Lassen sich solche Westpläne eigentliche bei Arrian (dem ich - auch wenn es vielleicht langweilig ist :) - die größte Bedeutung beimesse) finden?
     
  6. naradas

    naradas Neues Mitglied

    EDIT: Nicht Badian (der ist ja eh Alexander-kritisch) - ich meinte Robert Fox Lane.
     
  7. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Statt "Handlungszone" würde ich den Begriff "Geisteshorizont" hier einsetzen und damit sehr wohl eine Pionierleistung Alexanders begründen, Stichwort Hellenismus. Ohne den Feldzug müsste die gesamte antike Kultur- und Politikgeschichte der östlichen Mittelmeerwelt neu bzw. anders geschrieben werden.



    Aha.



    Zunächst einmal würde ich die Quellen prüfen und schauen, wo Alexander dort eine Friedenspolitik propagierte, bzw. wie die Autoren diese wenn überhaupt definierten. Das er als König und Feldherr darauf bedacht war, dass in seinem Reich Frieden und Ruhe herrschte und sein Heer loyal zu ihm blieb dürfte in der Natur der Sache liegen. Darin unterschied sich Alexander von keinem anderen Herrscherkollegen seiner Zeit, der auch wirklich herrschen wollte.

    Stichwort "Verschmelzungspolitik". Spontan fällt mir dazu einzig Plutarch ein, der dies direkt anspricht und das war einige Jahrhunderte nach Alexander. Ich denke die Autoren und Historiker der späteren Jahrhunderte haben da einiges über- und hineininterpretiert, wenn sie z.B. in der Massenhochzeit von Susa, der Orientalisierung von Heer und Verwaltungsapparat oder der Aneignung orientalischer Herrscherattitüden eine Politik der "Völkerverschmelzung" erkennen wollen. Letztlich war die Massenhochzeit von Susa ein eher theatralischer Versuch Teile seines noch skeptisches Offizierskorps mit dem Gedanken anzufreunden, in Asien eine neue persönliche Heimat anzusehen. Allerdings bedurfte es dazu nicht unbedingt die Form einer „asiatischen Braut“, von all denn Diadochen Alexanders hielt letztlich nur Seleukos an dieser fest deren Nachkommen die Könige des vorderen Orients stellten.



    Dazu hätte ich doch ein konkretes Beispiel.

    In Indien hat sich Alexander der Forderung seines Heeres zur Umkehr gebeugt. In Opis erlaubte er den revoltierenden Truppen den Rückmarsch in die Heimat. Und wenn jetzt mal wieder die Zerstörung von Theben angeführt wird, dann ist dazu anzumerken, dass Alexander dort als Hegemon des korinthischen Bundes einen Beschluss des Synhedrion gegen ein abtrünniges Bundesmitglied umgesetzt hatte.

    In Asien ist mir zu Lebzeiten Alexanders kein Volksaufstand gegen seine Herrschaft bekannt, der hart niedergeschlagen werden musste. Wenn überhaupt, dann richtete sich Alexanders Härte in erster Linie gegen Widerstand in seinem eigenen persönlichem Umfeld (Dimnos- und Pagenverschwörung, Philotas und Parmenion, Kleitos, Kallisthenes), ob nun gerechtfertigt oder nicht.

    EDIT: Ein Aufstand ist mir doch noch eingefallen. Die Samarier haben 332 v. Chr. gegen die Makedonen revoltiert als Alexander in Ägypten weilte. Dabei haben sie den Statthalter Andromachos lebendig verbrannt. Alexander hat den Aufstand ein Jahr später niedergeschlagen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2012
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  8. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Tyros war vielleicht nicht direkt ein Aufstand, es ging "nur" um das Opfern im Melkarttempel. Aber auch hier reagierte Alexander mit äußerster Brutalität.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nur zum Thema Globalisierung: Es ist mir schon häufiger aufgefallen, dass der Globalisierungsbegriff hier und anderswo sehr diffus verwendet wird. So wird er mit Vorliebe auf die Entdeckungen um 1500 angewendet und von einer ersten Globalisierung gesprochen oder auf das Zeitalter des Kolonialismus, hier eben - wenn auch der Threaderöffner zeigt, dass er dabei "Bauchschmerzen" hat - auf Alexander den Großen.
    Diese historischen Ereignisse haben zwar jeweils die Sicht der Zeitgenossen auf den Globus verändert, aber das macht die Globalisierung nicht aus.
    Globalisierung meint - stark verkürzt - aber tatsächlich die Lösung der Wirtschaft von den Nationalstaaten, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten zunächst schleichend und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks immer deutlicher erlebt haben. Sie potenziert sozusagen die Entfremdung von der Arbeit, wie wir sie seit der Industriellen Revolution kennen.
    Damit ist auch klar, dass der Begriff in "keinster"* Weise auf frühere historische Sachverhalte übertragbar.



    *ja, ja, das Wort existiert eigentlich nicht, das Nichts ist nicht steigerungsfähig.
     
  10. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Wobei Tyros (wie auch kurz darauf Gaza) noch nicht seiner Herrschaft unterworfen waren. Tyros verweigerte ja die Unterwerfung eben aufgrund der von Alexander gestellten Bedingung im Melkarttempel opfern zu wollen.
     
  11. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Schon klar, aber es widerspricht eben doch sehr dem oben erwähnten Bild vom "Friedensbringer".
     
  12. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    ... und sie dann friedlch zu regieren! Das entsprach dem Selbstverständnis antiker Herrscher und auch dem, was man unter einem erfolgreichen Landesherrn verstand: Ein großes Reich zu erobern, in dem Friede, Gerechtigkeit und Wohlstand herrschten. Leider wurden die Opfer auf diesem Weg meist übersehen und vergessen.

    Das ist nach antikem Verständnis Rechtfertigung genug!

    Man muss die Menschen doch nach den Kategorien und moralischen Maßstäben ihrer Zeit beurteilen, zumal die Herrscher.

    Sicher war Alexander kein Pazifist. Zwar sollte in seinem Reich Frieden herrschen, was neue Eroberungszüge nicht ausschloss.

    Man kann an einen antiken Herrscher nicht heutige moralische Maßstäbe anlegen. Jeder Mensch muss aus seiner Zeit heraus beurteilt werden.

    Gerade diese Tatsache und der eiserne Wille, seine Träume zu verwirklichen, trug ihm den Beinamen "der Große" ein. Trotz der unzähligen Opfer, die dieser Traum forderte, blieb das Faszinosum "Alexander" bis heute bestehen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. April 2012
  13. naradas

    naradas Neues Mitglied

    Und genau das stört mich momentan irgendwie, denn im Hinblick auf "Globalisierungspionier" und "Friedensbringer" legen wir bis zu einem gewissen Punkt durchaus die heutigen Maßstäbe an. Wir gehen ja von unserem heutigen Standpunkt aus - Alexander war der Begriff der Globalisierung sicherlich total fern und es war ganz sicher nicht seine eigentliche Intention.

    Doch sobald es an einen kritischen Punkt kommt, lese ich immer wieder - auch von den Vertretern seiner Pionierarbeit bei der Globalisierung und seinen Friedensträumen, dass man das nicht nach heutigen Maßstäben beurteilen kann.

    Was denn nun - ganz oder gar nicht? :)
     
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  14. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Jeder Geschichtsstudent lernt ganz früh das eherne Gesetz, dass man Menschen nach den Maßstäben ihrer Zeit beurteilen muss. Es wäre also völlig unsinnig, Caesar vorzuwerfen, er hätte zu viele Kriege geführt und sei somit ein "Kriegstreiber". Das gilt ebenso für Dschinghis Khan, Karl den Großen oder andere Herrscher. Sie handelten innerhalb ihrer Welt und gemäß ihrer kulturellen Prägung und überragten andere Herrscher, die zwar gleiches versuchten, aber weniger Erfolg hatten.

    Dennoch gibt es einige Herrscher, die selbst nach den Maßstäben ihrer Zeit besonders grausam waren und alle gebotenen Regeln verletzten. Das schlägt sich dann auch in den Beurteilungen der Zeitgenossen nieder. Legt man also diese Messlatte an, dann war Alexander weder besonders tyrannisch oder grausam, noch ein ein ungerechter oder feiger Herrscher - jedenfalls nicht nach den Maßstäben seiner Zeit. Und er hat ja sogar etwas bewirkt (wenn auch unabsichtlich): Ohne den Hellenismus, der auf seinem Lebenswerk basiert, wäre die Geschichte vermutlich vielfach anders verlaufen.

    Und wenn man Bewertungen Napoleons liest, der ebenfalls ein großes Reich zusammenraffte, so überwiegen oft Bewunderung und Erstaunen, obwohl seine Kriege weit über 100 000 Menschen das Leben kosteten.
     
  15. naradas

    naradas Neues Mitglied

    Der Nachhall, der durch den Hellenismus entstand - und von Alexander sicher nicht intentioniert war - ist zweifelsohne eine Art "Meilenstein" (mir fällt gerade kein besseres Wort ein :().

    Ich lese aus deinen Ausführungen aber dementsprechend auch heraus, dass du seinen Kriegszug nicht für ebenso gigantisch wie seinen Friedensplan hälst - ja? Nur weil er wollte, dass Frieden in seinem Reich herrscht - was natürlich aus reiner machtpolitischer Perspektive betrachtet sicher äußerst wünschenswert ist - hatte er deshalb doch noch lange keinen Traum "vom Frieden unter den Völkern" (zumindest nicht in erster Linie) - ja?
     
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Folgt man Quellen der Zeitgenossen, so schwebte Alexander eine Verschmelzung von Griechen und Iranern zu einer einheitlichen Reichsbevölkerung vor.

    Selbst wenn uns das heute völlig unrealistisch erscheint, so ist es doch eine kühne Utopie.
     
  17. Joinville

    Joinville Aktives Mitglied

    Natürlich, weshalb man dieses Bild schlicht und ergreifend nicht so pauschal auf Alexander, oder überhaupt auf eine Herrscherpersönlichkeit, auflegen sollte. Denn letztlich ist es eine der Frage des Standpunktes und, wie Dieter bereits schrieb, eines der Zeit gemäßen moralischen Maßstabes.

    Ich denke, dass Alexander wie jeder andere Herrscher oder Regierungschef darauf aus war, dass in seinem Reich Frieden herrschte und das der Herrscher von seinen Untertanen und der Geschichte als Friedensfürst und Wahrer des Rechts wahrgenommen wird. Aber dazu musste ein Reich erst einmal erobert werden und dabei handelte Alexander nach den Maßstäben seiner Zeit gemäß. Er fühlte sich als Hegemon des korinthischen Hellenenbundes zum Rachefeldzug gegen Persien legitimiert und beanspruchte basierend auf dem Prinzip des Eroberungsrechts die Nachfolgeschaft des Dareios. Dazu musste Widerstand (Dareios, Bessos, Spitamenes) gebrochen, Stadt und Land der Herrschaft unterworfen (Granikos, Issos, Tyros, Gaza, Gaugamela) und unmittelbare Bedrohungen (Parmenion, Kleitos, Dimnos- und Pagenverschwörung) aus dem Weg geräumt werden. All das musste letztlich auf militärischem Weg bzw. mit herrscherlicher Autorität verwirklicht werden.

    Angriffskriege mögen nach unserem heutigen Rechts- und Moralempfinden ein Tabu sein. In der damaligen Zeit waren sie es eben nicht. Man denke nur an die zahlreichen Kriege der Hellenen untereinander um die Hegemonie oder die Eroberungsfeldzüge(!) der Perser unter Kyros oder Dareios I. (dem Großen!) in Kleinasien und Ägypten und natürlich dann noch Dareios und Xerxes in Griechenland. Oder dann natürlich auf die Expansion Roms in späteren Jahrhunderten. Mir ist kaum eine gelehrte Aussage bekannt, die auf diese Beispiele mit der gleichen moralisierenden Brille schaut, wie auf Alexander.

    Unter seinem Volk, sprich den Unteranen seines Reiches, wahrscheinlich. Gegenüber den seiner Feinde, solange die sie nicht seiner Herrschaft unterworfen waren, wohl nicht.

    Welche Quellen genau? Wie gesagt, ich weis das auf Anhieb nur von Plutarch (etwa 400 Jahre nach Alexander). Hatten sich auch andere irgenwie darüber geäußert?
     
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  18. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Ziehst du da das Pferd nicht falsch herum auf? Richtig, Alexander handelte als Feldherr im Verständnis seiner Zeit, wie eben etwa auch Dareios. Ich sehe allerdings keinen besonders moralisierenden Blick auf Alexander, sondern eher einen idealisiert überhöhenden. Niemand würde Kyros oder Dareios als Friedensstifter oder Völkervereiniger glorifizieren, obwohl sie mit dem Achäminidenreich ein Gebilde schufen, in dem unterschiedlichste Völker in für damalige Verhältnisse erstaunlichem Frieden nebeneinander existierten und das im nahen Osten einen Kulturraum schuf, der sich vor dem Hellenismus der Folgezeit kaum zu verstecken braucht.
     
  19. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das tut aber auch keiner mt unserem Alexander! Das von ihm hinterlassene Bild ist komplex und lässt ihn vor allem als mutigen Eroberer, kühnen Entdecker und intelligenten Feldherrn erscheinen, der bis an seine Grenzen und darüber hinaus geht.

    Das ist es, was die Menschen bis heute an ihm fasziniert.
     
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  20. naradas

    naradas Neues Mitglied

    Da muss ich widersprechen. Tarn kann man denke ich durchaus außer Acht lassen, da seine Ausführungen der Quellenlage einfach nicht stand halten können.

    Aber unabhängig von Tarn gibt es eine Vielzahl aktueller Autoren / Wissenschaftler (ja, sogar Filmemacher!), die Alexanders Gedanken vom Frieden unter den Völkern als eindeutigen Fakt hinstellen. Bei Fischer-Fabian sicher wenig wissenschaftlich, bei Demandt hingegen, gibt es gleich mehrere Kapitel in denen er diese Ansicht verbreitet und dabei behauptet, dass sich dies aus den Quellen eindeutig ergeben würde. Und Robin Lane Fox? Der hat beim Alexander-Film von Oliver Stone als Berater zur Seite gestanden und ist ein großer Verfechter von dem Gedanken, dass Alexander ein friedensstiftender Heilsbringer und zugleich Globalisierungspionier gewesen sei.

    Insofern muss ich hier schon sagen, dass ich eine solche Verklärung von Alexander (und somit Idealisierung) in letzter Zeit wieder vermehrt feststelle. In diesem Zusammenhang gab es in Mannheim sogar vor nicht langer Zeit eine Ausstellung (Öffnung der Welt) und auch im dazu erschienen Begleitband wird immer wieder von Alexanders Idee der "unity of mankind" berichtet.
     

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