Antisemitismus in Polen während der Besetzung im Zweiten Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von Carolus, 24. März 2013.

  1. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied



    Speziell zu den Szenen, in denen polnischer Antisemitismus thematisiert wird, habe ich einen Artikel gelesen, in dem ein polnischer Journalist die zu pauschale Darstellung der Polen kritisiert:

    ZDF-Dreiteiler: Polen empört über Unsere Mütter, unsere Väter - B.Z. Berlin
     
  2. tela

    tela Aktives Mitglied

    Ich muss gestehen, dass ich nicht sagen kann, ob das ganze zu pauschal dargestellt wurde, aber grundsätzlich finde ich es nicht schlecht, dass dargestellt wurde, dass auch andere Leute bei den Verbrechen mitgemacht haben, dass dieses Gedankengut nicht nur bei den Deutschen vorhanden war, wobei ich nicht den Eindruck hatte, dass nicht versucht wurde die Schuld der Deutschen zu minimieren - also nach dem Motto: andere haben auch mitgemacht, also ist doch gar nicht so schlimm, was wir getan haben.

    Pogrom von Kielce ? Wikipedia

    Darüber habe ich auch einmal einen ziemlich schockierenden Spielfim gesehen, allerdings finde ich den Namen dazu nicht.
     
  3. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    In dem Wiki-Link wird ein Spielfilm genannt. Möglicherweise ist es der von Tela erwähnte:

     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nun, Polen war das Land, in dem im August 1945 ein Pogrom gegen jüdische KZ-Überlebende möglich war. Ich selbst habe ja schwiegerfamiliär einen sehr engen Bezug zu Polen und muss sagen, dass ich dort durchaus schon Formen von latenten bis offen aggressiven Antisemitismus begegnet bin, von antijudaistisch ("Im Johannesevangelium steht...") bis verschwörungstheoretisch ("Das Land, auf dem Birkenau stand, gehörte einem Juden..."). Und wenn der Cousin meiner Lebensgefährtin, der kein Deutsch spricht, in meinem Beisein seinem Schwager, der sich hinterm Garten damit abmüht, Industriemüll aus einem tief eingeschnittenen Bachlauf zu beseitigen auf Deutsch "Arbeit macht frei!" zuruft, dann ist das zwar noch kein Bekenntnis zu Antisemitismus oder Sympathie für faschistische Ideologien, für einen Lehrer aber ein bemerkenswert distanzloses Verhältnis zu einem Massenverbrechen. Im Übrigen war der polnische Antisemitismus durchaus auch ein Thema in Defiance. The Bielski Partisans, Schindlers Liste und Der Pianist.
    Es steht völlig außer Frage, dass die Verbrechen an den Juden deshalb möglich waren, weil sie von den Deutschen gewollt waren und Deutsche hier die Hauptlast trugen etc. Der polnische Antisemitismus entlastet kein bisschen die Schuld Deutschlands an der Shoa. Aber es entlastet Polen nicht vom polnischen Antisemitismus, der auch in der nationalkatholischen Armia Krajowa seinen Platz hatte. Nur weil diese gegen die deutsche Besatzung kämpfte, und unter den Sowjets litt, macht es die Mitglieder dieser Gruppierung ja nicht automatisch zu besseren Menschen.

    Eine pauschale Darstellung der Polen kann man eigentlich nicht festmachen. Weder waren das Mädchen, welches die Flucht aus dem Zug initiiert hat, noch der Anführer der Partisanengruppe als richtige Antisemiten dargestellt. Dies galt in erster Linie für die beiden Bauern und für den Partisan, der Victor immer so scheel ansah.
     
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  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Genau!

    Das hatte sehr viele Aspekte, von dem eigenen "Judenreferat" der Sektion VI der Hauptkommandantur der Heimatarmee, das Untergetauchten Hilfe leistete, bis hin zu antisemitischen Vorfällen, und antisemitischem "Programm" der Kollaborateure.

    Einen sehr abgewogenen Beitrag liefert dazu, auch in der Analyse der sehr unterschiedlichen Darstellungen polnischer Historiker, Golczewksi in dem MGFA-Band zur Armia Krajowa im Zweiten Weltkrieg ("Die Heimatarmee und die Juden", S. 635-676).
     
  6. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    Zur Haltung der Polen zu Juden während des Warschauer Aufstandes 1944 habe ich eine Sammlung von Aufsätzen hier gefunden:

    in: TRANSODRA Nr. 6/7: Gazeta Wyborcza: Debatte ueber Verbrechen der polnischen Heimatarmeee an Juden

    Die aufgeführten Berichte zeigen zwar keinen einheitlichen Antisemitismus, aber durchaus viele, erschreckende Beispiele dafür.

    @MODERATORES: Könnte man die letzten Beiträge vielleicht in einen eigenen Thread "Antisemitismus in Polen" (oder ähnlicher Titel) verschieben?
     
  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

  8. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Mehr unter

    "Unsere Mütter, unsere Väter" - ZDF zu polnischen Vorwürfen - SPIEGEL ONLINE
     
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  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Danke sehr. Man sieht an dem Verlauf, wie sensibel das Thema ist.

    Schade, dass das ZDF nicht auf den oben angesprochenen MGFA-Band zu der Frage Armia Krajowa verwiesen hat. Das wäre angebracht gewesen, da dort auch polnische Historiker zu Wort gekommen sind, und in sehr abgewogener und ruhiger Art über die interne polnische Historikerkontroverse der vergangenen Jahrzehnte um Thema berichtet haben.
     
  10. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Im Zusammenhang mit dem Prozeß gegen den ukrainischen SS-Wachmann Demjanjuk brachte der Spiegel vor einigen Jahren einen Artikel über die Zusammenarbeit der lokalen Bevölkerung und Verwaltung mit den Deutschen:

    http://wissen.spiegel.de/wissen/ima...009/05/16/ROSP200902100820092.PDF&thumb=false

    Es wird in dem Artikel erwähnt, dass auch einen weiteren Anlaß für antijüdische Ressentiments gab:

     
  11. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    es hatte und hat immer noch in Polen antisemitische Haltungen, wenn auch heute eher hinter vorgehaltener Hand und auch nicht überall - es ist schwer das zu erklären oder Beispiele zu geben (ElQ hat dazu schon was sehr richtiges gesagt).
     
  12. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich bin auf ein Interview gestoßen, das Thomas Blatt ? Wikipedia, KZ-Insasse in Sobibor und Überlebender des dortigen Aufstandes (Aufstand von Sobibór ? Wikipedia) anläßlich des Demjanjuk-Prozesses dem Spiegel gegeben hat.

    Darin beschreibt er die Schwierigkeiten, sich nach dem Aufstand in Polen zu verstecken:


    DER SPIEGEL*20/2009 - Ich will die Wahrheit
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dass Antisemitismus in Polen ein Problem war, räumt Botschafter Marganski ja laut Spiegel ein. Aus dem von Jacobum verlinkten Artikel:

    Die Kritik kann ich allerdings nicht teilen:
    Ich habe die Polen bzw. die polnischen Guerilleros der Armia Krajowa in dem Film als sehr viel heterogener wahrgenommen, als dies die polnische Kritik (oder müssen wir sagen die in Dtld. veröffentlichte polnische Kritik?) will. Es haben ja nun nicht viele Polen eine Rolle in dem Dreiteiler gespielt, vielleicht neun oder zehn. Davon waren ein Partisan, der Bauern (Vater) und die zwei Bauern, die an die Partisanen (ungern!) Lebensmittel verkauft haben, von denen einer später die Deutschen zum Partisanenlager führte, also 4 Leute als überzeugte Antisemiten gekennzeichnet. Bei anderen Figuren ist das nicht klar.

    Kritisch ist die Sache mit dem Zugüberfall. Dass Viktor als einziger zurück ging und die Zugtüren öffnete (nachdem der Partisanenführer sie zunächst wieder geschlossen hatte und der Typ der Viktor immer so scheel ansah quasi gesagt hatte, die Juden im Zug sollten doch verrecken) muss man das Verhalten als Antisemitismus interpretieren? War das so intendiert?
     
  14. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

    Es gibt einen neueren polnischen Spielfilm ("Poklosie"), in dem das Thema Antisemitismus in Polen thematisiert wird.

    Auch hier gab es heftige Reaktionen. Zitat aus "Spiegel Online":

    Näheres kann man hier nachlesen:

    Antisemitismus in Polen: Pasikowskis Film "Poklosie" sorgt für Streit - SPIEGEL ONLINE
     
  15. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich möchte mich den Ausführungen von El Quijote zum Film "Unsere Mütter - unsere Väter" anschließen. Es ist keine Schwarz-Weiß-Darstellung, allerdings vermittelte der Film mir den Eindruck, dass der Antisemitismus eher die Regel als die Ausnahme bei der Darstellung der Polen war.

    Zu dem in dem von Jacobum genannten Spiegel-Artikel erwähnten Film Poklosie gibt es auch zwei weitere Artikel, die sich mit dem Thema des polnischen Antisemitismus beschäftigen:

    Verdrängter Antisemitismus in Polen | Kultur | DW.DE | 10.01.2013 und Antisemitismus in Polen: Ein Bedauern hat es nie gegeben - Sachbuch - FAZ

    Neu war für mich, dass es laut dem Wiki-Artikel Geschichte der Juden in Polen ? Wikipedia bereits in der Vorkriegszeit einen zunehmenden Antisemitismus in Polen gegeben hat.

    In dem ZEIT-Artikel (Antisemitismus: Die Juden waren der innere Feind | Dossier | ZEIT ONLINE) wird ein weiterer Grund für antisemitische Tendenzen angegeben:

    als nach über 120 Jahren nach dem Ersten Weltkrieg der polnische Nationalstaat wieder entstand, war ein ethnisch und konfessionell einheitlicher Staat (d. h. polnisch-katholisch) haben.

    Letztlich ist die Frage, wie stark der Antisemitismus bei den (nicht-jüdischen) Polen ausgeprägt war. War es eher die Ausnahme oder eher die Regel?
     
  16. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Vor vielen Jahren habe ich mir in Buenos Aires einen Vortrag zum Aufstand des Warschauer Ghettos angehört, anlässlich eines Jahrestages. Anwesend war ein Überlebender des Aufstandes so wie ein alter jüdischer Professor, der vor dem Krieg in Polen studiert hatte. Er berichtete in seinem Vortrag ausführlich über den alltäglichen Antisemitismus in der damaligen polnischen Gesellschaft und kam mit der für mich seinerzeit erstaunlichen Aussage an, dass sie damals überrascht waren, dass die Judenverfolgung von den Deutschen ausging. Von den Polen hätten sie so etwas erwarten können, Deutschland hielten sie bis dahin jedoch für das aufgeklärtere und tolerantere Land.
     
  17. Jacobum

    Jacobum Neues Mitglied

  18. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

  19. hatl

    hatl Premiummitglied

    Interessant wäre es zu wissen, ob §5 des Gesetzentwurfs Gesetz wurde.

    "Paragraf 5 besagt: „Wer dem polnischen Volk oder dem polnischen Staat öffentlich Mitverantwortung für Verbrechen zuschreibt, die durch die Nazi-Besatzer begangen wurden“, habe – auch als Ausländer! - bis zu drei Jahre Gefängnis zu gewärtigen. Deshalb will ich wenigstens drei von vielen Tatsachen anführen, deren Nennung mich künftig ins polnische Gefängnis bringen könnte. "
    Götz Aly: Nationalgeschichte auf polnische Art

    Es ist schon befremdlich, dass eine deutlich nationalistische Regierung hier Handlungsbedarf sieht.
    Denn es bleibt die deutsche Tatherrschaft ja unbestritten.
    Ebenso wie auch die Kollaboration in den überfallenen Gebieten (Polen, Ukraine, Weißrussland).
     
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  20. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Jede nationalistische Regierung ist bestrebt, die eigene Nation zu glorifizieren, sonst wäre sie nicht nationalistisch. Dazu gehört auch, die vorhandenen Makel zu beseitigen oder zumindest unsichtbar zu machen. Das beginnt bei Geschichtschreibung in den Schulbüchern und setzt sich fort in Museen, Ausstellungen und Kunst. Die letzte Stufe sind Gesetze, die das Offensichtliche verbieten zu sagen.

    Wir haben ja solche Versuche auch gehabt, obwohl wir nach dem II. Weltkrieg noch keine nationalistische Regierung gehabt haben – siehe Historikerstreit.
     

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