Armut in GB: Manchester

Dieses Thema im Forum "Westeuropa" wurde erstellt von Ingeborg, 9. Februar 2016.



  1. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Die Stadt hat ja mindestens seit Fritze Engels (Manchesterkapitalismus) keinen sonderlich guten Ruf, auch was den Umgang mit Rechten für die arbeitende Bevölkerung betrifft (siehe zb https://en.wikipedia.org/wiki/Peterloo_Massacre bzw https://de.wikipedia.org/wiki/Peterloo-Massaker ).


    Hier zwei Fotostrecken über Armut in Manchester, die erste zwischen 1968 und 1972 entstanden, die zweite in den 60er Jahren:

    25 pictures that show brutal reality of poverty in 1960s and 1970s Manchester and Salford - Manchester Evening News

    Revealed: Incredible pictures give glimpse into working class life in Salford and Manchester during 1960s - Manchester Evening News

    Ich habe mich Mitte der 70er Jahre in Manchester aufgehalten und auch zu der Zeit noch entsprechende (Wohn)Verhältnisse gesehen.
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Thompson (Making of the english working class, S. 321) schreibt bezogen auf das beginnende 19. Jahrhundert: "It was in the textiles districts, and in the towns most exposed to Irish immigrations - Liverpool, Manchester, Leeds, Preston, Bolton, Bradford - that the most atrocious evidence of deterioration - dese overcrowding, cellar dwellings, unspeakable filth - is to be found."

    In der Summe kann man die Lebensbedingungen als extrem schlecht bezeichnen.

    In diesem Sinne gibt es für diese Region / Stadt eine bereits längere "unrühmliche Tradition" in Bezug auf die - schlechten - sozialen Chancen.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Situation in Manchester hatte sich bereits bis zu den 1950ern deutlich verschlechtert und es standen mehr Fabriken leer als dass sie genutzt wurden [1, S. 44ff].

    Dieser wirtschaftliche Niedergang Manchesters war eingebettet in den allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang von GB und seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit entsprach dem der DDR, gemessen an volkswirtschaftlichen Kennzahlen.

    Verbunden damit waren die harten politischen Polarisierungen und Butler und Stokes schreiben folgendes zu der Situation in den sechziger Jahren: "Our evidence shows that the working class is much more prone than the middle class to see politics in class terms....The difference of outlook between middle and working class accors well with differences of party ideology." [2, S. 122]

    In diesem Umfeld des industriellen Niedergangs in GB und der negativen gesellschaftlichen Erwartung eröffneten sich die Nischen, die alternativen sozialen Entwürfen - Alternativ-Kulturen - vorübergehend Freiräume geboten hatte [vgl. beispielsweise 3]

    In den 80ern veränderte sich ein Teil der Nutzung der leerstehenden Fabriken in Manchester bzw. ihre öffentliche Wahrnehmung veränderte sich, indem "Factory Records" der Punk und post-Punk-Szene eine Rolle spielten.

    Die veränderten politischen Rahmenbedingungen, gekennzeichnet durch den Niedergang der "old" Labour-Party, dem Aufkommen des Thatcherismus und seinen harten wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen verstärkte die politische Polarisierung einerseits, aber führte auch zum Niedergang traditioneller "linker" Politikentwürfe. Eingebettet in die - von konservativer Seite initierte Debatte - über das angebliche "Ende des Sozialstaats".

    Folgt man Anderson dann ist es die "kreative Zerstörung" der Relikte der ersten industriellen Revolution , die aus den Ruinen der Textilfabriken neue Ansätze für eine zweite industrielle Revolution in Manchester erkennbar machen kann und im Rahmen der digitalen Revolution stattfindet. Allerdings ist der Erfolg mehr als unsicher.

    1.Anderson, Chris (2012): Makers. The new industrial revolution. London: Random House Business Books.
    2.Butler, David; Stokes, Donald (1971): Political change in Britain. Forces shaping electoral choice. Harmondsworth: Penguin.
    3.Clarke, John; Honeth, Axel (Hg.) (1979): Jugendkultur als Widerstand. Milieus, Rituale, Provokationen. Frankfurt am Main: Syndikat (Eine Veröffentlichung des Diskussionskreises "Kommunikationsverhältnisse" innerhalb der Autoren- und Verlagsgesellschaft Syndikat).
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. Februar 2016
  4. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Die Schere zwischen arm und reich scheint in Manchester besonders weit aufzugehen. Der Fußball hat hier sicher die Religion abgelöst als "Opium" fürs Volk.

    Manchester City hat einen Wert von 501,75 Mio € und 2015/16 Ausgaben von 203,10 Mio €
    Manchester United hat einen Wert von 411,25 Mio € und 2015/16 Ausgaben von 139,70 Mio €

    Zum Vergleich:
    Bayern München hat einen Wert von 617,10 Mio € und 2015/16 Ausgaben von 88,50 Mio €

    Die beiden Vereine aus Manchester stehen bei den Ausgaben an erster und zweiter Stelle aller Vereine Europas.
     
  5. BZwo

    BZwo Aktives Mitglied

    Bernard Sumner (Joy Division/New Order), der in den 60ern in Salford aufgewachsen ist, hat einmal in einem Interview erzählt, das er erst im Alter von 8 Jahren (so in etwa jedenfalls - ich kann mir ja nicht alles merken) zum ersten Mal einen Baum gesehen hätte.
    Nachdem ich mir nun die Fotos angeschaut habe, bekomme ich langsam eine ungefähre Ahnung davon, was er damit gemeint hat.
     
  6. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Da brauchte jedenfalls kein neues 'Opium' serviert werden - die Rivalität der beiden Vereine datiert schon aus dem mittleren Paläolithikum (oder so), und die Stadien waren früher erheblich größer als die hiesigen.

    Zur Stadiongröße eine für sich sprechende Zahl: im Jahr 1939 sahen im United-Stadion Old Trafford knapp 77.000 Zuschauer das Pokalfinale - https://en.wikipedia.org/wiki/Old_Trafford . Das alte City-Stadion Maine Road (im übrigen in der Moss Side gelegen) faßte noch ein paar Leute mehr, da lag der Rekord bei 84.000undnocheinpaar ( https://en.wikipedia.org/wiki/Maine_Road ).

    Mittlerweile ist die Rivalität neu befeuert worden und die Ausgaben liegen entsprechend höher, weil City sich im oberen Teil der Tabelle festgesetzt hat und dem 19maligen Meister United den Rang ablaufen möchte.

    Beide Vereine gehören allerdings inzwischen Investoren aus dem Ausland (der Besitzer von United ist aus den USA, der von City aus Abu Dhabi).

    Inzwischen sind aber die Eintrittspreise in den Stadien derart hoch, daß sie geradezu prohibitiv wirken - und zwar gerade bei den Fans, die am meisten für 'Stimmung' im Stadion sorgen, weil die sich die Tickets auch mit größeren Klimmzügen kaum mehr leisten können. Der Verkauf der Vereine ins Ausland sorgte für noch größere Kritik. Im Fall von United führte dies zb dazu, daß unzufriedene Anhänger einen neuen Verein gründeten, der den langen, mühsamen Marsch nach oben angetreten hat:
    https://en.wikipedia.org/wiki/F.C._United_of_Manchester
     
  7. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    Respekt! 2005 neun Klassen unter der Premier League begonnen. In den ersten 3 Jahren 5 Trophäen gewonnen. Und weiter geht's nach oben. Sicher eine Freude für alle Fans. Mainz und Darmstadt lassen grüßen!
     
  8. BZwo

    BZwo Aktives Mitglied

    Hab' das Interview (von 2009) sogar noch gefunden:
    Bernard Sumner im Interview: »? und sah mit acht zum ersten Mal einen Baum« - Spex Magazin
    Ab Frage 5 geht's um Manchester.
     
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das Thema noch aus einer anderen Sicht:

    Die Wood Street Mission als Charity-Organisation in Manchester:
    Crosher: Poverty, Charity and Memory in Post-War Manchester: The Work and Operation of the Wood Street Mission, 1945-1990.

    Dissertation Manchester 2014, Verfügbar:
    https://www.escholar.manchester.ac.uk/uk-ac-man-scw:227880

    Und ein Ausschnitt des industriellen Erbes, auch mit Bildmaterial:

    Rosa: Beneath the Arches: Re-appropriating the Spaces of Infrastructure in Manchester
    Dissertation Manchester 2014, verfügbar:
    https://www.escholar.manchester.ac.uk/uk-ac-man-scw:218880
     
    Zuletzt bearbeitet: 26. Februar 2016

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