Aspern 1809 - Napoleons erste verlorene Schlacht

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von muheijo, 8. Dezember 2016.

  1. Josefa

    Josefa Neues Mitglied


    Nachtrag zur Zwischenfrage

    Ich konnte meinen obigen Beitrag leider schon nicht mehr editieren - es war eine Fußnote im englischen Wikipedia-Eintrag zur Schlacht von Ulm, deretwegen mir Zweifel kamen: https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Ulm#cite_note-1

    Nur zur Erklärung (von allein fällt mir sowas bestimmt nicht auf :scheinheilig:).
     
  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Das mit dem Korpssystem wurde ja erst nötig, als die Armeen größer wurden. Schaut man sich seine Heere 1796 und 1800 in Italien an, dann waren diese an sich nur so stark wie EIN Korps. Zum anderen scheinen die Korps nicht so sonderlich stabil gewesen zu sein. D.h. dass Napoléon durchaus auch einem Korps die Kavallerie nahm und einem anderen gab. Außerdem führten die Kavalleriekorps dazu, dass die anderen Korps oftmals doch wieder nicht so prima auf sich gestellt agieren konnten. Ein großer Fortschritt für die französische Armee war die Einführung der Divisionen. Diese blieben eigentlich immer zusammen. Im 18.Jh. hatte oft noch das reinste Chaos geherrscht, wenn vor der Schlacht flugs bestimmt wurde, welche der anwesenden Generäle die Brigaden kommandieren sollten. In der Hinsicht war Frankreich im Ancien Régime sehr eigen und das ausschließlich zum Nachteil der Armee.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Bevor ich auf Austerlitz und die napoleonische Kriegsführung eingehe, ein paar wichtige Vorbemerkungen zur militärischen Situation und den daraus folgenden strategischen und operativen Überlegungen von N.

    Es stellt sich die Frage, ob dieses Urteil – immanent – angemessen war. So gesehen ist die Frage zu klären, wieso sich die Russen und die Österreicher einen solchen Fehleinschätzung hingegeben haben.

    Im Sommer 1805 bildeten GB, Österreich und Russland die „Dritte Koalition“ gegen Napoleon. Mit der vagen Perspektive des Beitritts von Preußen. Die Möglichkeiten, die sich der Koaltion boten waren beträchtlich und so schreibt Esdaile.: „The allied plans initially seemed threatening indeed.“ (Esdaile, S. 216), da sie kombinierte See-Landbedrohungen von Holland, über Hannover und Nord-Italien umfaßte. Zumal die Truppen der Koalition mit ca. 500.000 in der Summe die französische Armee mit 350.000 übertrafen. (ebd. S. 216)

    In dieser Situation erhielt N. im August 1805 die Information, dass sich starke russische Kräfte im Raum Olmütz versammeln würden, die jedoch noch nicht ausreichend konzentriert waren. Es standen Napoleon 4 Armeen gegenüber, EH Karl, Mack, Kutusow und eine weitere russische Armee. Die Hauptachse des Konflikts verlief durch das Donautal (vgl. zur „knappen“ Darstellung z.B. Montgomery, S. 349ff). Es bestand für Napoleon die Gefahr, das es zu einer Konzentration bei Ulm kam und von dort mit ca. 140.000 Soldaten direkt gegen Frankreich operiert werden würde. Dieser Bedrohung wollte er durch seinen Feldzug zuvorkommen und für beide Seiten ergab sich durchaus die Notwendigkeit, einer „zuvorkommenden“ Kriegsführung, um ihre militärischen Ziele zu erreichen.

    Vor diesem Hintergrund erfolgte die Verlegung seiner ca. 150.000 Mann starken Armee im Spätsommer von der Kanalküste zur Donau. Um seine reale Stärke zu verschleiern, erfolgte ein Marsch in sieben Kolonnen, die sich nördlich des Schwarzwaldes auf einer Breite von ca. 130 km östlich bewegte.

    Auf dem Vormarsch zur Donau kam es zu Begegnungen mit Mack bei Ulm (ca. 58.000) und mit Kutusow (65.000). Am 14. November erreichte N. Wien und von dort konnte N. die Vereinigung von Kutusow mit der zweiten russischen Armee nicht mehr verhindern.

    Relativ isoliert stand N mit seiner Armee relativ weit bei Wien in Feindesland. Und seine Aufklärungsberichte lieferten fogendes Lagebild:

    - Es waren bereits ca. 85.000 Russen bei Ölmütz versammelt
    - Weitere 60.000 Russen waren aus Polen im Anmarsch
    - Potentielle drohten ca. 85000 Österreicher via Alpen anzumarschieren
    - Die Bedrohung durch die preußische Armee war zunehmend gravierend

    In dieser Situation täuschte N. eine schwache Streitmacht um Brünn herum vor. Dabei nutzte er die operative Dislozierung seiner Korps im Rahmen der „bataillon care“ (vgl. Link für grafische Darstellung) Im Kern steht die Idee, durch eine hohe Mobilität die dezentrierte Position einzelner Korps zueinander in eine schnelle Konzentrationsbewegung in die Hauptoperationsrichtung zu verwandeln und den zeitgerechten Aufmarsch auf einem antizipierten Schlachtfeld sicher zu stellen.

    Auf diese Aspekte werde ich im nachfolgenden Beitrag ausführlicher eingehen.

    http://www.napolun.com/mirror/web2.airmail.net/napoleon/Napoleon_tactics.htm#napoleonstrategyfailures

    Kutusow erfuhr im Rahmen seiner Aufklärung, dass ca. 50.000 Franzosen bei Brünn stehen sollten und wurde zum "Opfer" der Täuschungsmaßnahmen. Es waren die Korps von Lannes und Soult. Weitere 20000 Franzosen waren – unerkannt – jedoch in ca. 60 bis 100 km in der Nähe des antizipierten Schlachtfeldes.

    Die Beurteilung durch die Russen ging somit im unmittelbaren Vorfeld der Schlacht von einer 2 zu 1 - also 90.000/287 zu 61.000/139 - Überlegenheit aus.

    Dabei muss man jedoch anmerken, dass N. zu diesem Zeitpunkt mit der Grande Armee, die optimal ausgebildet aus dem Sommerlager in Boulogne kam, wohl über die am besten ausgebildete Armee seiner Zeit verfügen konnte.

    Am 21. November waren die Vorbereitungen beendet und der Aufmarsch- und Schlachtplan weitgehend ausformuliert.

    Auf der anderen Seite hatte der junge Zar Alexander den Oberbefehl übernommen und wurde von seiner Umgebung überzeugt, dass die Franzosen im Nachteil seien.

    Es gab durchaus gute Gründe für die Schlacht aus der Sicht der Verbündeten: 1. Die Österreicher kannten das Gelände gut, da sie umfangreiche Manöver dort abgehalten haben. 2. Man ging davon aus, dass die Franzosen demoralisiert und schlecht versorgt sind. 3 Man war überzeugt, dass man die Schlacht mit einer deutlichen numerischen Überlegenheit hätte führen können. 4. Und letztlich war Zar Alexander gekommen, um eine Schlacht zu schlagen und wollte die Schlacht.

    Nachteilig wirkte sich aus, dass der brillanteste Heerführer, EH Karl, nicht für die Schlacht zur Verfügung stand und so fiel Weyrother die Aufgabe zu, einen Operationsplan zu formulieren.

    Somit kann man festhalten, dass es dem operativen Geschick Napoleon`s gelang, Unterlegenheit vorzutäuschen, einen für ihn günstiges Schlachtfeld auszuwählen und dann durch gezielte Preisgabe des Pratzen, Weyrother ein vergiftetes „Opfer“ anzubieten, dass dieser gerne annahm. So getäuscht durch den vermeintlichen Vorteil formulierte er seinen Schlachtplan, der die Täuschung ein zweites Mal in die Planungen aufnahm.

    Das ist zu einfach in der Argumentation. Es war eher ein historischer Zufall, dass zuerst das I. Korps von Bernadotte die Neutralität des preußischen Ansbach verletzte, vor dem Durchmarsch der Russen durch Schlesien. Der Durchmarsch der Russen war geplant als Machtdemonstration, um die Preußen zum Beitritt zur Koalition zur „überreden“. Die Preußen reagierten jedoch mit dem Mobilisieren ihrer Armee und es hätte auch zu einem – durchaus realistischen - Krieg zwischen Russland und Preußen kommen können in 1805.

    Gates bezieht sich auf Schroeder und schreibt: „…none of this should be sufficient to persuade us that Prussia was genuinely bellicose in intent.“ (Gates, S.222). und führt einen pragmatischen Grund an. „For one thing, they were not ready for war in 1805.“ (Gates, S. 223).

    Es ist somit leicht rückwirkend die damaligen Entscheider zu kritisieren, man sollte ihnen aber zugestehen, dass sie durchaus in der Lage waren, die – subjektive – Situation rational zu betrachten. Auch wenn die Analyse notwendigerweise fehlerhaft war, weil die Informationen falsch oder lückenhaft waren.

    Vor diesem Hintergrund war die Entscheidung von Zar Alexander sich zur Schlacht bei Austerlitz zu stellen, durchaus nicht leichtfertig. Vieles sprach aus seiner Sicht dafür, nicht zuletzt auch sein eigenes "Ego".

    Esdaile, Charles J. (2007): Napoleon's wars. An international history, 1803-1815. Unter Mitarbeit von Simon Prebble. London: Penguin Books.
    Gates, David (2003): The Napoleonic wars 1803-1815. London: Pimlico
    Montgomery of Alamein, Bernard Law Montgomery (1999): Kriegsgeschichte. Weltgeschichte der Schlachten und Kriegszüge. Frechen: Komet.
    Schroeder, Paul W. (1994): The transformation of European politics, 1763 - 1848. 2. print. Oxford: Clarendon Press
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Juni 2017
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  4. Josefa

    Josefa Neues Mitglied

    Napoleon hatte, soweit ich weiß, einen seiner engsten Vertrauten, nämlich Duroc, seit Anfang September in Berlin, wohl genau, um das zu bewirken. Wenn ich das für meine eigenen Aufzeichnungen richtig exzerpiert habe, verlässt Duroc den preußischen Hof erst am 2. November, volle zwei Wochen, nachdem der preußische König seine Indignation wegen der Verletzung des neutralen Ansbach zum Ausdruck gebracht hat.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zu dieser These ein Widerspruch, weil es die reale Veränderung unterschätzt! Und in Anlehnung an Scorpio eine andere Sicht.

    Die entgegengesetzte These zu Brissotin wäre, durch Napoleon wurde eine militärische Revolution ausgelöst (vgl. die generelle Darstellung bei Paret).

    Diese radikale Entwicklung steht in der Tradition eines Marlborough bei Blenheim und setzt sich fort in den Planungen eines Moltkes d.Ä. bei Königgrätz. Im Kern steht ein revolutionäres Verständnis von Raum und Zeit in der Planung einer militärischen Kampagne. Das revolutionäre an Napoleons Verständnis von Krieg (Fuller, S.48ff) hat Fuller in einer Reihe von zentralen Punkten zusammengefaßt: 1.die „bedingungslose“ Offensive bei den Operationen, 2. Radikale Mobility durch Organisation und Geschwindigkeit, 3. Das Herbeiführen der „Überraschung“, 4. Die Konzentration seiner Streitkräft am Gravitationspunkt einer Schlacht und 5. das System der „Absicherung“ seiner Armee durch Aufklärung und Abschirmung.

    Ihre Bedeutung erhalten die einzelnen Punkte allerdings erst durch ein optimales Zusammenwirkungen in konkreten historischen Situationen.

    Mit Howard ist jedoch auch gleich einzuschränken: „But as the war continued and the quality of the conscripts deeriorated, Naploleonic tactics became litte more than slogging matches. The troops raised after 1806 were taught neither to mach nor to manoeuvre, barely even to fire their weapons. …At Aspern-Essling in 1809 Napoleon threw his columns into battel against the Austrians with minimal preparation, and suffered as a result a well-deserved defeat. (Howard, Pos. 1075)

    In diesem Sinne können Aussagen über die Übereinstimmung der Prinzipien mit der realen Kriegsführung der napoleonische Kriegsführung bis 1806 „zutreffender“ sein und Aussagen über seine spätere Kriegsführung aufgrund anderer geostrategischer Bedingungen weniger zutreffen. Und man kann Napoleon mit Napoleon widerlegen, was allerdings nicht seinen – revolutionären - Beitrag zur Entwicklung der militärischen Theorie entwertet.

    Kurze Rekapitulation: Das war das Ausgangsbild, das von Napoleon gekennzeichnet worden ist. Es stand dort kein einziger Satz, der die militärischen Leistungen von ihm gewürdigt hätten. Und daran entzündete sich mein Widerspruch. In einem späteren Beitrag, nach meinem Widerspruch, hat Brissotin dann angemerkt, dass manche der Feldzüge von N. bemerkenswert waren.

    Und wie man an den dann folgenden guten und konstruktiven Beiträgen von Scorpio und Brissotin sehen kann, war der Widerspruch produktiv. Die differenzierte Bewertung ist in den dann folgenden Beiträgen von Scorpio oder auch von Brissotin deutlich besser und zeichnet ein angemesseneres Bild der napoleonischen Kriegsführung. Und ich frage mich, was wohl unser sehr geschätzter „excideuil“ dazu gesagt haben würde.

    Für die Vorbereitung von Austerlitz ist zu erkennen, dass Napoleon eine Reihe von Maßnahmen ergreift, die bemerkenswert sind.

    Mit Sunzi kann man zeigen, dass Napoleon in „meisterlicher“ Anwendung seiner Stratagems agiert hat: Eine wichtige Passage bei Sunzi fasst die zentralen Punkte zusammen, die die napoleonische militärische Revolution und speziell die Kampagne bei Austerlitz auszeichnen.

    Jede Kriegführung gründet auf Täuschung. Wenn wir also fähig sind anzugreifen, müssen wir unfähig erscheinen; wenn wir unsere Streitkräfte einsetzen, müssen wir inaktiv scheinen; wenn wir nahe sind, müssen wir den Feind glauben machen, daß wir weit entfernt sind; wenn wir weit entfernt sind, müssen wir ihn glauben machen, daß wir nahe sind. Lege Köder aus, um den Feind zu verführen. Täusche Unordnung vor und zerschmettere ihn.
    Wenn der Feind in allen Punkten sicher ist, dann sei auf ihn vorbereitet. Gib vor, schwach zu sein, damit er überheblich wird. Wenn er sich sammeln will, dann lasse ihm keine Ruhe.

    Wenn seine Streitkräfte vereint sind, dann zersplittere sie. Greife ihn an, wo er unvorbereitet ist, tauche auf, wo du nicht erwartet wirst. …
    Der General, der eine Schlacht gewinnt, stellt vor dem Kampf im Geiste viele Berechnungen an. Der General, der verliert, stellt vorher kaum Berechnungen an
    .“(Sunzi, S. 24)

    Die Aussagen treffen auf napoleonische Kriegsführung im allgemeinen zu, wie noch anhand von Chandler zu zeigen wäre, und für Austerlitz, als Beispiel für das neue militärische Paradigma der Kriegsführung in der aufkommenden Zeit der National-Heeres.

    Viele dieser bei Sunzi genannten Aspekte sind seit dem WW1, über den WW2 bis in die militärischen Planungen im Rahmen des Kalten Krieg berücksichtigt worden, wie Bailey ausführt, dennoch sind die taktischen Planungen für den Erfolg auf einem modernen „Battlefield“ nicht neu, sondern beziehen sich auf ihre historischen Vorbilder: „It was used by Alexander at Gaugamela in 331 BC, Marlborough in Blenheim in 1704, and Napoleon at Austerlitz in 1805.“ (Bailey, Pos. 1628)

    Eine besonders kritische Sicht auf Napoleon hat Zoki55, indem er schreibt:

    Das Urteil ist so nicht zutreffend, auch wenn seine Gegner Fehler gemacht haben, und geht am Verständnis der militärischen Planungen von Napoleon vorbei. Die Beurteilung einzelner Schlachten von Napoleon sollte einen Schritt vor den eigentlichen Feldzügen beginnen, da an diesem zeitlich vorgelagerten Punkt die Planungen für eine Schlacht bereits beginnen. So schreibt Clausewitz zutreffen: „Das Kleine hängt stets vom Großen ab, das Unwichtige von dem Wichtigen, das Zufällige von dem Wesentlichen“. (S. 582). Unter dieser Sicht ist die Leistung von Napoleon auf dem Schlachtfeld bei Austerlitz, also im Kleinen, auch mit dem Urteil von Wellington über Napoleon als Staatsmann, also im Großen“ zu belegen: „That country was constituted upon a military basis. All its institutions were framed for the purpose of forming and maintaining ist armies with a view to conquest.“(zitiert in Howard, Pos. 1052)

    In dieser Darstellung wird deutlich, warum die napoleonische Kriegsführung als die Geburtsstunde des modernen „Totalen Krieges“ im Zeitalter des Nationalstaates verstanden werden kann. Folgt man Howard, dann gab es aus der Sicht von Napoleon ein hierarchisches System, indem die politischen Ziele die militärischen diktierten „and strategic planning was directed towards discerning the decisive point of the enemy position.“ (Howard, Pos. 1052)

    In Bezug auf das Verständnis von komplexen militärischen Kampagnen stellt Howard Marlborough auf eine Stufe mit Napoleon und spricht ihnen die Fähigkeit zu, „to visualize a campaign“ as a whole instead of as a series of discrete sieges and battles.“ (Howard, Pos. 1052)

    Diesen Aspekt konnte Napoleon durch sein Verständnis von Raum/Zeit, der Molilität und der Konzentration von Kräften von der strategischen Ebene auf die operative bzw. auch taktische Ebene herunterbrechen.

    Und genau an diesem Punkt kann man die abstrakten Kriterien von Sunzi an einen „guten General“ auf die konkrete Situation bei Austerlitz herunterbrechen.

    Sunzi sagt: „Wer also das Geschick besitzt, den Feind in Atem zu halten, baut Täuschungen auf, die den Feind zum Handeln veranlassen.“ (Sunzi, S. 52)

    Folgt man der Darstellung der Austerlitz-Kampagne bei Chandler (Pos 3420 ff) dann beschreibt er, wie die Absicherung des „Theaters“ sehr großräumig erfolgte. Zum einen um die Absichten zu verschleiern, die eigenen Informations- und Versorgungswege zu sichern und gleichzeitig die eigene Aufklärung sicher zu stellen. „Napoleon was Master of deception“ (Chandler, Pos. 3429) und dazu zählte die permanente Reorganisation und Verlagerung der Armee bzw. seiner geographischen Operationsausrichtung.

    Zu diesem Zweck setzte er einen „moving curtain“ seiner Kavallerieeinheiten ein, die seinen eigenen Aufmarsch sicherten (vgl. Karte Chandler, Pos. 3456). Der anrückenden österreichisch-russischen Armee, von Olmütz kommend, war ein französischer Kavallerieschirm vorgelagert und deckte den Versammlungsraum bei Austerlitz. Dieser Schirm deckte den Anmarsch von Bernadotte von Iglau kommend, und deckte den Gewaltmarsch von Davout, aus Wien kommend.(Chandler, Pos. 3456).

    Dieser Gewaltmarsch des III. Korps von Davout erfolgte über eine Distanz von 140 km in ca. 48 Stunden. Im unmittelbaren zeitlichen Vorfeld von Austerlitz erfolgte dann eine deutliche Erhöhung der Geschwindigkeit des Konzentrationsprozesses. Mit der Konsequenz, dass die alliierte Führung von falschen Informationen ausgingen und eine deutliche numerische Überlegenheit bei Austerlitz annahmen.

    So resümiert Chandler die Sicht bei Napoleon, dass „Geschwindigkeit“ „was the element that could transform danger into oportunity, defeat into victory.“ (Chandler, Pos.3470). Und genau diese Beherrschung von Zeit im Verhältnis zum Raum ermöglichte die optimale Versammlung seiner Streitkräfte in Austerlitz. So formulierte Napoleon: „…space we can recover, time never.“ Und fährt fort: „I may lose a battle, but I shall never loose a minute“. (Chandler, Pos. 3474).

    Die hohe Mobilität in der operativen Ausrichtung – die „line of operations“ – war ein weiterer Aspekt, an dem man diese „revolutionäre Veränderung“ erkennen kann. Wichtig war dabei das Konzept der „battaillion carree“ Aufstellung, die die Position von Korps (!!!!) zueinander. (vgl. Grafiken bei Chandler, Pos. 3539) Eine sinnvolle grafische Darstellung findet sich hier: (leicht runterscrollen, gleich am Anfang)

    Napoleon's Strategy and Tactics

    Die neue Art der Organisation und die forcierte Mobilität der napoleonischen Armeen sind ein wichtiger Aspekt zur Entwicklung der Militärtheorie. So resümiert Chandler: „In this way Napoleon fused battle with maneuver, and thus made possible his greatest contribution to the art of war.“ (ebd. Pos. 3556)

    Die Koalition wurde bereits durch vorgetäuschte Truppenstärken bei Brünn / Austerlitz zur Offensive verleitet. Diese Form der Täuschung wurde durch N. konsequent fortgesetzt:
    - Am 29. 11. mußte Soult / IV Krops den Pratzen räumen
    - Nahe bei Austerlitz stehende Trupenteile mußten kurzfristig sich Richtung Brünn zurück ziehen.
    - Maßnahmen wurden ergriffen, vor dem 29.11, dem Tag an dem Prinz Dolgorouky – ein Günstling des Zaren – die – harten - Forderungen des Zaren im Lager von N. direkt – wohl sehr anmaßen - präsentierte

    Und Gates formuliert als Ergebnis des Treffens: „…and this young man …returned full of the notion that the French army was on the eve of ist doom.“ (ebd. Pos. 913)

    Der Ablauf der Schlacht entsprach der von N. antizipierten Entwicklung. Die Koalition hatte den Pratzen besetzt und wollte durch einen eigenen starken linken Flügel, den rechten Flügel von N. schlagen und die Armee von „hinten“ aufrollen. (vgl. Karte mit der Planung bei Duffy, S. 119).

    Dass die von N. so antizipierte Entwicklung dann auch entsprechend eintrat, kommentierte N. dann wie folgt: „It is a shamful movement….They must think me a greenhorn.“ (Segur in Memoires, II, p. 464, zitiert in: Gates, Pos. 932)

    Durch die Verstärkung des linken Flügel der Koalition wurde das Zentrum auf dem Pratzen geschwächt. Das ermöglichte N. den erfolgreichen Vormarsch auf das gegnerische Zentrum und das Zerschlagen der russischen Garde-Regimenter.

    Dass es bereits nach 9.15, spätestens nach 11.00 morgens, mit dem Erscheinen von N auf dem Pratzen kein funktionsfähige zentrale Führung durch den Zar oder andere hohe Offiziere mehr gab, beschleunigte den Zusammenbruch des linken Flügel der Koalition.

    Austerlitz ist sicherlich das „Meisterwerk“ des napoleonischen Verständnisses von Kriegsführung. Und macht deutlich, wie komplex bereits im Jahr 1805 die Kriegsführung war und wie nur das reibungslose und synergetische Ineinandergreifen von makro-politischen und ökonomischen Prozessen bis hin zu operativen bzw. auch taktischen Entscheidungen auf dem Schlachtfeld den finalen Erfolg hat sicher stellen können.

    Dieser Glaube an das Planbare wurde dann im Rahmen der napoleonischen Hybris des Russland-Feldzuges an seine Grenze geführt und letztlich durch die Überforderung aller Ressourcen ad absurdum.

    Bailey, Jonathan B.A. (2001): The First World War and the birth of modern warfare. In: MacGregor Knox und Williamson Murray (Hg.): The dynamics of military revolution, 1300-2050. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press, S. 132–152.
    Chandler, David G. (1995): The campaigns of Napoleon. New York, NY: Scribner (Volume I).
    Clausewitz, Carl von; 1992): Vom Kriege. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
    Duffy, Christopher (1979): Die Schlacht bei Austerlitz. Napoleons größter Sieg. München: Heyne (Heyne-Geschichte, 30).
    Esdaile, Charles J. (2001): The French Wars, 1792-1815. London, New York: Routledge
    Esdaile, Charles J. (2007): Napoleon's wars. An international history, 1803-1815. Unter Mitarbeit von Simon Prebble. London: Penguin Books.
    Fuller, J. F. C. (1992): The conduct of war, 1789-1961. A study of the impact of the French, industrial, and Russian revolutions on war and its conduct. New York: Da Capo Press.
    Gates, David (2003): The Napoleonic wars 1803-1815. London: Pimlico
    Howard, Michael (2009): War in European history. New York, NY: Oxford University Press.
    Paret, Peter (1986): Napoleon and the Revolution in War. In: Peter Paret, Gordon A. Craig und Felix Gilbert (Hg.): Makers of modern strategy. From Machiavelli to the nuclear age. Princeton, N.J.: Princeton University Press, S. 123–142.
    MacGregor Knox (2001): Mass Politics and nationalism as military revolution: The French Revolution and after. In: MacGregor Knox und Williamson Murray (Hg.): The dynamics of military revolution, 1300-2050. Cambridge, UK, New York: Cambridge University Press, S. 57–73.
    Sunzi (1988): Die Kunst des Krieges. Herausgegeben und mit einem Vorwort von James Clavell. München: Droemer Knaur.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Juni 2017
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  7. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Napoleon hatte 1805 parallel eine diplomatische Initiative ergriffen, die auf Bayern, Württemberg und Baden abzielte. Im Gegensatz zur Koalition konnte Napoleon die deutschen Staaten durch Zugewinne auf seine Seite bringen.

    Und dieses Argument wirkte und diese Staaten nahmen auf der Seite von N. an der Austerlitz-Kampagne teil.

    Dieses Argument sollte auch im Fall von Preußen helfen, indem ihm „Hannover“ zur Annektion angeboten wurde. Ein „geschickter“ Schachzug, da „Hannover“ eng mit GB verbunden war. Die Annektion hätte Preußen an Frankreich gebunden.

    Die Koalition konnte und wollte im Gegenzug keine Anreize bieten und somit war es für die deutschen Staaten nicht interessant, sich auf ihre Seite zu stellen.

    Eine gute Darstellung der preußischen Sicht findet sich bei Simms (vgl. Link)
    Preußische Außenpolitik speziell 1805 S. 191 ff

    https://books.google.de/books?id=b3dL_j1Mp7wC&printsec=frontcover&dq=napoleon+foreign+policy&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=napoleon%20foreign%20policy&f=false
     
  8. Josefa

    Josefa Neues Mitglied

    Vielen Dank für den Link!

    Jetzt, wo du es so deutlich schreibst: das ist eigentlich interessant. Wieso gab es vonseiten der Koalition nicht mehr Anstrengungen, vor allem die wankelmütigen süddeutschen Staaten wieder auf Linie zu bringen? Scheinbar war Napoleon ja auch in der Diplomatie viel aktiver und erfolgreicher. Hat man die Gefahr nicht gesehen? Gerade die Badener als direkte Nachbarn Napoleons hatten sich ja sehr früh und sichtbar an Frankreich angenähert. Dass der Franzosenfreund Max Joseph in Bayern ein Wackelkandidat war, auch wenn er lange vermied, sich offen zu Napoleon zu bekennen, war in Wien doch sicher ebenfalls bekannt. Man hätte ja zumindest über Zugeständnisse verhandeln können?

    Tut mir leid, falls das zu weit vom Thema wegführt (aber wir sind ja eh' schon von Aspern nach Austerlitz gesprungen). Ich gebe zu, da ich von militärischen Dingen nichts verstehe, finde ich die Vorgeschichte zu Kriegen meist viel interessanter als ihren Verlauf.
     
  9. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Stimmt, wir sind schon lange weg von Aspern, trotzdem ist der Thread sehr interessant. Vielen Dank an alle für die anregenden Beiträge!

    Das Hauptproblem ist wohl, welche Zugeständnisse hätten das sein können?
    Thane hat es ja schon angesprochen:
    Napoleon konnte aus dem Vollen schöpfen und territoriale Zugeständnisse quasi nach Belieben machen, da es frz. Gebiete überhaupt nicht betraf.
    Das sah bei Österreich gänzlich anders aus. Es konnte freiwillig schlecht eigene Gebiete hergeben...Insofern war die Verhandlungsmasse, die Österreich hatte, sehr beschränkt.
    Sogar beim "fliegenden Wechsel" Bayerns, den die Koalition 1813 so bitter nötig hatte, hat man Bayern die napoleonischen Dreingaben (Tirol, Salzburg, Innviertel) nicht überlassen wollen. Die waren - insbesondere Tirol - wegen der widerspenstigen Bevölkerung zwar nicht mehr so attraktiv - knapp 10 Jahre vorher aber schon.

    Gruss, muheijo
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Juni 2017
  10. Josefa

    Josefa Neues Mitglied

    Österreich und die süddeutschen Fürsten 1805

    Konnte es nicht? Oder wollte es nicht?
    Aus rechtlichen Gründen? Aus moralischen? Aus eigensüchtigen?

    Was hätte denn grundsätzlich dagegen gesprochen, Bayern z.B. das Innviertel anzubieten, wenn Österreich sich - Kriegserfolg vorausgesetzt - im Gegenzug die französischen Gebiete in Italien (wieder) einverleibt hätte? (Ich nehme mal an, das war ein ganz wichtiges Kriegsziel für den deutschen Kaiser?) Wäre das keine gute Investition gewesen?

    Oder was hinderte Franz daran, dasselbe zu versprechen wie Napoleon: Gebiete, die man im Krieg erst »erbeuten« würde? Der bayerische Kurfürst Max Joseph war ja selbst einer, der in den Revolutionskriegen seine linksrheinischen Territorien verloren hatte; hätte man den nicht gewinnen können, wenn man ihm dort etwas in Aussicht stellte? Und ebenso Baden und Württemberg?

    Fanden solche Verhandlungen – oder Überlegungen dazu – je statt? Das würde mich interessieren!

    War denn überhaupt die Aussicht auf ein paar gewonnene Landstriche der ausschlaggebende Punkt, weshalb die süddeutschen Staaten zu Napoleon »überliefen«? Bei Bayern ist klar, dass das zumindest eine anteilige Rolle spielte, weil es einen Allianzvertrag gibt, auch wenn dort anscheinend sehr vage von »angemessenem Gebietszuwachs« Bayerns die Rede ist, für den Napoleon sich einsetzen wolle. Das kann alles und nichts bedeuten. Eine sehr zentrale Rolle spielt aber anscheinend, dass Napoleon bereit war, Bayern seinen Besitzstand von 1803 zu garantieren. Hatte Österreich das denn auch getan?

    Und was ist mit Baden und Württemberg? Gingen die überhaupt einen formalen Vertrag mit Napoleon ein? Ging es dabei um territoriale Zugewinne?

    Ich vermute eher, dass bei diesen Mittelstaaten vor allem Angst eine Rolle spielte. (Eingekeilt zwischen zwei schießwütigen Großmächten, da kann man schon paranoid werden.) In Bayern dazu eine seit einem Jahrhundert schwelende Aversion gegen Habsburg, Misstrauen gegen österreichische Begehrlichkeiten seit den geplanten »Tauschgeschäften« unter Karl Theodor und bei Max Joseph persönlich das Gefühl, im letzten Krieg von den Österreichern vera… worden zu sein. Alles in allem keine gute Basis für ein Bündnis.

    Deswegen wundere ich mich so über dieses … ungeschickte Verhalten vonseiten der Österreicher. Wenn der deutsche Kaiser die Unterstützung seiner süddeutschen Fürsten in diesem Krieg erwartete, warum hat er nicht im Vorfeld schon versucht, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen? Oder, wenn er sich ihre Unterstützung nicht sichern konnte, warum hat er ihnen nicht wenigstens bereits im Vorfeld des Kriegs gestattet, neutral zu bleiben? Mehr hätte man zumindest in Bayern gar nicht gewollt. Stattdessen ist so ziemlich der erste diplomatische Auftritt, dass Schwarzenberg mit einem Trupp Reiter Nymphenburg umstellt und dem bayerischen Kurfürsten ein Ultimatum stellt: Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns.

    Man hat anscheinend die Bundesgenossenschaft erzwingen wollen. Mit mäßigem Erfolg.

    Wobei ich gestern ein bisschen im Internet gestöbert habe. Es war anscheinend nicht so, dass die Österreicher gar nichts anboten. Laut »Alois Schmid: Das neue Bayern«, S.24, vermerkt Montgelas in seinen »Denkwürdigkeiten«, der österreichische Gesandte in Bayern, Graf Buol-Schauenburg, habe sehr wohl bereits im Jahr 1805 Vollmacht gehabt, Bayern die Königskrone anzubieten, falls es sich der Koalition anschließen würde. Mit dem »leeren« Titel konnte und wollte Max Joseph aber nichts anfangen; ihm kam es auf die »plénitude de la souverainité« an, also die volle staatliche Unabhängigkeit, die Voraussetzung war für tiefgreifende innere Reformen in Bayern.
    Ich vermute dann, dass ähnliche Verhandlungen auch mit Baden und Württemberg geführt wurden.

    Auf der anderen Seite spricht sich Friedrich von Gentz im Briefwechsel mit Johannes von Müller zum Teil mit einer Bedenkenlosigkeit dafür aus, die süddeutschen Staaten für österreichische Zwecke bluten zu lassen, die mich ehrlich geschockt hat (Brief vom 23.10.1805: »Die Fürsten von Würtemberg, Baden und Bayern sind Frevler und Vaterlandsverräther […] wenn die Franzosen sie aufgefressen hätten, so leisteten sie uns einen Dienst. Und was liegt an einer vorübergehenden Verwüstung ihrer Länder, wo es darauf ankam, den Kern von Deutschland und von Europa zu decken!«). Da mag natürlich die momentane Wut über Macks Einkesselung in Ulm eine Rolle spielen, aber wenn diese Einstellung signifikant ist für das Verhältnis zwischen Österreichs Hof und den Fürsten, dann kann ich verstehen, weshalb diese Fürsten ihr Glück mal lieber auf der anderen Seite probieren wollten.


    Eigentlich schon, soweit ich weiß. Der Vertrag von Ried sicherte Bayern eine Wahrung seines Besitzstands zu (sonst hätte Montgelas sicher nicht zugestimmt!). Das geriet dann, glaube ich, wie so vieles andere, im Wiener Kongress unter die Räder.

    Ein bisschen kann ich es sogar verstehen :). Die süddeutschen Staaten waren ja nun Sündenböcke, die den bösen Napoleon nach Deutschland geholt hatten, von denen man sich also distanzieren und mit denen man keine schmutzigen Geschäfte machen durfte. Vor allem, wenn man mal »Papa François« und Schwiegervater des Unsäglichen gewesen war. :scheinheilig: (Kaiser Franz hat später zum Ausgleich Max Josephs Tochter Charlotte geheiratet. War seine vierte Frau, glaube ich.)​
     
  11. Teresa C.

    Teresa C. Aktives Mitglied

    Nur eine Frage - wem haben die eroberten Gebiete, mit denen Napoleon I. seine Verbündeten großzügig belohnte, zuvor eigentlich alle gehört? Wem wurden die zuvor weggenommen? Haben die alle zuvor nur dem Kaiser Franz gehört, sodass also nur der Habsburger in diesem Fall sich bzw. seine eigenen Hausmacht als Reichsfürst Schaden zugefügt hätte?

    Bis 1806 gab es noch etwas wie ein Heiliges Römisches Reich, das freilich aus sehr vielen Einzelstaaten bestand.

    Wie war eigentlich die rechtliche Situation? Wäre es in Ordnung gewesen, wenn Franz II. dieses Reich großzügig auf alle verteilt, die drohen zu Napoleon überzulaufen, damit sie es nicht tun.

    Die Kriege mit Frankreich wurden nicht erst seit 1803 geführt, sondern eigentlich seit der Französischen Revolution, also schon seit den 1790er-Jahren.

    Hatte es Napoleon da nicht einfacher, immerhin war er der Eroberer, als solcher befand er sich ohnehin in Unrecht, wenn er Herrschaften bzw. Länder bzw. Teile davon, die ihm gar nicht gehört, einfach seinen Verbündeten überließ?

    Interessant wäre zu wissen, ob Napoleons Verbündete letztlich ursprünglich das Heilige Römische Reich unter seiner Herrschaft erhofft haben (und eben kein Kaiserreich Frankreich)?

    Fakt ist jedenfalls, dass Franz II. den Titel eines Kaisers von Österreich annahm (also sich zum Kaiser über seine Herrschaften und Länder machte) und letztlich den Anspruch auf die Würde eines Kaisers des Heiligen Römischen Reichs aufgab, und am Wiener Kongress offensichtlich eine Herstellung des vorherigen Zustandes vor Napoleon nicht mehr verfolgt hat. (Die Heirat mit Marie Luise erfolgte übrigens erst nach 1809.)

    Wollte Napoleon dieses Kaiserreich eerben oder blieb es letztlich bei der Errichtung seines eigenen französisches Kaiserreichs?

    Fest steht jedenfalls, dass die Herrscher, die mit Napoleon gemeinsame Sache machten, davon profitierten: Königreiche (oder andere Rangerhebungen), Länder- und Territoriengewinne, und als sich abzuzeichnen begann, dass Napoleon sich doch nicht mehr so lange halten würde (oder doch nicht der neue "deutsch-römische" Kaiser bleiben würde), wechselten sie so frühzeitig wieder zu den Gegnern, dass sie im Wesentlichen das Gewonnene behalten konnten (so z. B. das nunmehrige Königreich Württemberg) oder wenigstens dafür mit anderen Gebieten etc. entschädigt wurden (eben unser Königreich Bayern).

    Eigentlich eine Politik, die aus der Sicht des 21. Jahrhunderts vorbildlich ist (heute gilt nur mehr Gewinnen und Siegen, der Weg dorthin ist unwichtig, der Sieger / der Erfolgreiche ist immer der Gute ...), aber nach den Wertvorstellungen im 19. und vor allem noch im 20. Jahrhundert dürfte eine solche Politik jedenfalls moralisch doch fragwürdig eingestuft worden: Opportunismus, Wendehälse, Profiteure ..., das sind doch unschöne Worte. Das macht es sich doch auch für die Nachwelt besser, wenn es da einen oder mehrere Sündenböcke gibt, die unsere "armen" Napoleon-Verbündeten erst zu solch fragwürdiger "Wechsel- und Wende-"Politik gezwungen hatten: böser Kaiser, böser Napoleon ...

    Was Charlotte Auguste (in der Wiener Lokalgeschichte ist sie übrigens Karoline Auguste) betrifft, so war dürfte ihr Leben auch von diesen Verhältnissen geprägt gewesen sein, ihr erster Mann (ein späterer König von Württemberg) soll sie angeblich nur geheiratet haben, damit Napoleon ihn nicht zu einer Ehe mit seiner Familie zwingt und hatte gar nicht die Absicht, mit ihr wirklich eine Ehe zu führen ...
     
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  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    @ TeresaC
    Viele der von Napoléon schon vor 1802 mehr oder minder verschenkten Gebiete gehörten weder ihm noch Franz II.. Es handelte sich um reichsunmittelbare Reichsritter, Reichsstädte, weltliche und geistliche Herrschaften. Diese wurden garnicht gefragt, sondern man scheint angenommen zu haben, dass diese Staaten ihre Selbstständigkeit freiwillig aufgeben. Im Fall der Reichsstadt Schwäbisch Hall, die 1802 also vor dem gern herangezogenen Reichsdeputationshauptschluss, von Württemberg in Besitz genommen wurde, ist mir der Ablauf recht geläufig. Es gab dort keinen Widerstand. Die wenigen Soldaten, welche die Koalitionskriege überlebt hatten, waren m.W. angetreten und erwarteten den Einzug der württembergischen Delegation. Auch wenn man sich diese nicht als eine Armee vorstellen darf, wäre das militärische Potenzial des heillos verschuldeten "Staates" nicht in der Lage gewesen, etwas gegen die Okkupation zu unternehmen. Die meisten der per Federstrich verschacherten Staaten haben offensichtlich ähnlich reagiert und schlichtweg die Entscheidungen (oder oftmals Vorabentscheidungen) akzeptiert. Generell muss man sagen, dass die Reichsstände, die praktisch durch einen permanenten Rechtsbruch verteilt wurden, vom Kaiser im Stich gelassen worden waren. Im Falle der Reichsstädte kam hinzu, dass sie einen extrem höheren Anteil als alle andere Reichsstände am Aufwand für die Reichskriege aufgebracht hatten, was die ruinöse Verfassung erklärt in der sie sich nach den beiden ersten Koalitionskriegen befanden.
     
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  13. Josefa

    Josefa Neues Mitglied

    :rotwerd: Auf die Gefahr hin, als hoffnungslos naiv und altmodisch zu gelten, würde ich mir gern die Freiheit nehmen, dieses Verhalten – bis zu einem gewissen Grad und auf der ethischen Ebene – auch heute noch so einzustufen. Nur fürs Protokoll; dieses Geschacher um »Seelen« unter den Herren Fürsten finde ich ziemlich ekelhaft.
    Andererseits bin ich (das mag mein persönliches Problem sein) so zynisch anzunehmen, dass man in der Politik zu allen Zeiten zwar gern hohe moralische Prinzipien aufgestellt und salbungsvolle Reden darüber geschwungen hat, dass aber die, die auch danach handelten, im Zweifelsfall oft die Gelackmeierten waren. So war es ja auch bei den »napoleonischen« Fürsten und dem Thema Bündnistreue: Bayern, Baden und Württemberg, die Napoleon untreu werden und sich aus purem Eigennutz auf die siegreiche Seite schlagen, die also moralisch verwerflich handeln, behalten auf dem Wiener Kongress ihre Gebiete, während der König von Sachsen, der seinem Bündnis treu bleibt, am Ende froh sein kann, ein paar Krümel seines Reichs zurück zu bekommen. Oder in Italien: Ein König Joachim Murat von Neapel, der seinen Schwager Napoleon verraten hatte, scheint lange Zeit echte Chancen gehabt zu haben, seinen Thron zu behalten. Beim Gedanken, ein Eugène Beauharnais, der sich nicht hatte zum Verrat bewegen lassen, könnte, wie eigentlich im Vertrag von Fontainebleau ausgehandelt, ein eigenständiges Fürstentum bekommen, schrie alles Zeter und Mordio. (Und wieder nur fürs Protokoll, ich bin mir bewusst, dass die Geschichte mit diesen zwei napoleonischen »Italienern« wohl etwas komplizierter ist.)

    Vor allem ändert es ja nichts am konkreten Problem. Natürlich waren die süddeutschen Fürsten aus der Sicht des deutschen Kaisers Opportunisten, Wendehälse und Profiteureaber er wollte was von ihnen. Sobald Österreich sich zum Krieg entschlossen hatte (was, wie ich annehme, spätestens ab Frühjahr 1805 der Fall gewesen sein dürfte, als feststand, dass Napoleon sich zum König von Italien machen wollte), musste es doch versuchen, sich die Unterstützung der Fürsten zu sichern, wenn es sie denn wollte – oder ihnen wenigstens Neutralität zubilligen, um klarzumachen, dass der Feldzug sich nicht gegen sie richtete und sie bei einem österreichischen Sieg nichts zu befürchten hatten. Oder denke ich da jetzt falsch?

    Gute Frage. Von welchem »Zuvor« und welchen eroberten Gebieten sprechen wir? Wenn es um die geht, die 1805 rund um den Frieden von Preßburg verteilt wurden, dann würde ich sagen: ja (ich zähle die Gebiete vom habsburgischen Erzherzog Ferdinand jetzt einfach mal zu denen des österreichischen Gebiets dazu). Es gab noch ein paar Schachereien mit Preußen, glaube ich.
    Wenn es um die Lage vor dem Krieg geht: ich habe nur Wikipedia bemüht und hoffe, jemand kann das ggfs. verbessern. Der letzte gültige Vertrag zwischen Frankreich und Österreich müsste der von Lunéville gewesen sein. Darin trat Franz II./I. alle linksrheinischen Gebiete (der deutschen Fürsten) offiziell an Frankreich ab und erkannte außerdem staatsrechtlich folgende Länder an: Batavische Republik, Helvetische Republik, Ligurische Republik. Ich nehme an, damit verzichtete er auf jegliche Ansprüche in Namen des HRRDN, die vorherigen Besitzer waren hochoffiziell enteignet. Die linksrheinischen Gebiete »gehörten« demnach rechtlich im Jahr 1805 wohl ganz klar Frankreich.
    Was nicht aufscheint in dieser Liste, ist die Cisalpinische Republik, der Vorläufer des Königreichs Italien (also die ehemals habsburgische Lombardei). Inwieweit die damit »fair game« in einer kriegerischen Auseinandersetzung war, weiß ich nicht. Da Österreich aber zur Bedingung gemacht hatte, dass Frankreich und Italien voneinander unabhängig bleiben sollten, Napoleon aber trotzdem in Personalunion Kaiser von Frankreich und König von Italien geworden war (nach Absage seiner Brüder), taugte sie in jedem Fall als Kriegsgrund.
    Die Lage innerhalb des verbliebenen HRR und insbesondere die Frage der Entschädigungen der früheren besitzer für ihre verlorenen Gebiete regelte dann eben das Ding, das ich schon in der Schule nie fehlerfrei schreiben konnte, der Reichsdeputationshauptschluss, den der deutsche Kaiser am 27.04.1803 ratifizierte. Aber davon weiß Brissotin entschieden und sichtbar mehr als ich.

    Wenn ihr schreibt, dass Napoleon 1803 Gebiete »verschenkt«, wie muss man sich das vorstellen? War der Reichsdeputationshauptschluss gewissermaßen ein Diktat Frankreichs, oder inwiefern hatte Napoleon das Sagen darüber, welcher Fürst wie viel Land erhielt? Hätte der deutsche Kaiser seine Unterschrift auch verweigern können, wenn er gewollt hätte?
     
  14. Josefa

    Josefa Neues Mitglied

    Das Folgende ist zwar sehr subjektiv und wohl auch spekulativ, und ich bin jederzeit bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Aber ich wollte doch noch auf diese interessante Frage eingehen:

    Meinem Eindruck nach: weder das eine noch das andere. Wenn A. Schmid, der Autor des oben erwähnten Buchs, recht hat, ging es ihnen letztlich um ihre Souveränität. 1805 wollten sie sich, mMn, schlicht und ergreifend nicht schon wieder in einen Krieg hineinziehen lassen, der sie weit härter treffen würde als die beteiligten Großmächte, die darauf drängten. Welches Interesse hätte Bayern 1805 gehabt, sich einer Koalition mit oder gegen Frankreich anzuschließen? Oder Baden? Oder Württemberg? Sie hatten nichts zu gewinnen und konnten nur verlieren.
    Oder wie Montgelas sich gegenüber dem französischen Gesandten Otto ausdrückte: »Sie riskieren nur eine Armee, wir aber alles, was wir haben.« (Brief Ottos an Talleyrand, 5.Sept. 1805)

    Es ist ja nicht so, als wären die süddeutschen Fürsten Napoleon jauchzend in die Arme gesprungen. Dagegen standen allein schon die verwandtschaftlichen Bindungen: alle drei Höfe hatten enge familiäre Beziehungen zum russischen Zaren. Max Josephs Frau war eine Schwester der Zarin; es gab einen Plan, Kurprinz Ludwig mit einer Schwester Alexanders zu verheiraten. Karl Friedrich von Baden war der Großvater der Zarin, Friedrich von Württemberg der Bruder der Zarin-Mutter.
    Der französische Gesandte Otto bearbeitet den bayerischen Kurfürsten seit Mai 1805, ein Defensiv-Bündnis einzugehen. Es dauert bis Ende August – da sammelt Österreich schon seine Truppen an der Grenze, am achten September wird Mack über den Inn gehen – bis Max Joseph sich endlich bereitfindet. (Wobei er den Vertrag erst unterschreibt, als Bernadotte mit seinem Korps schon in Würzburg steht.) Am zweiten September richten die drei süddeutschen Fürsten noch einen gemeinsamen Bittbrief an Preußen, es solle dafür sorgen, dass sie neutral bleiben dürfen (Friedrich Wilhelm hält sich aber fein raus). Am sechsten September ist Schwarzenberg in Nymphenburg und stellt sein Ultimatum. Max Joseph schreibt einen Brief an Kaiser Franz und bittet darin um – Neutralität. Es gibt natürlich keine. Montgelas und Max Joseph spielen Schwarzenberg zwei Tage Komödie vor und entwischen nach Würzburg. Dort taucht am 21ten September – München ist von österreichischen Truppen besetzt, Bayern und Österreich sind faktisch im Krieg miteinander – seelenruhig und als ob nichts wäre, der österreichische Gesandte Graf Buol auf und fängt nun, da es zu spät ist, an, Bayern alles Mögliche zu versprechen: Berchtesgaden, Salzburg, Königstitel. Otto dreht vor Entsetzen halb durch (sehr lustiger Brief an Talleyrand), Montgelas steht kurz davor, als Minister zurückzutreten, Max Joseph tut, was er immer tut, wenn er eine Entscheidung treffen soll, und legt sich krank ins Bett.
    Dann kommt Gott sei Dank am 27. September Bernadotte samt französischen Soldaten nach Würzburg und klärt die Lage, sonst hätte das wohl noch ewig so gehen können.
    (Sehr salopp zusammengefasst nach Junkelmann,«Napoleon und Bayern«)
    Das stimmt. Charlotte oder Karoline (ich vermeide für mich diesen späteren Namen, um Verwechslungen mit ihrer Stiefmutter Kurfürstin/Königin Karoline zu umgehen) wurde von ihrem Mann in Württemberg in einer Ecke des Palasts abgesetzt und dort so weit wie möglich vergessen. Er hat sie nicht angefasst – und das ist wörtlich gemeint; er hat ihr nicht einmal die Hand gegeben. Karoline (die Stiefmutter) war während der Hochzeit schon empört über sein Benehmen. Bei der Abreise aus München weigerte Wilhelm sich, in derselben Kutsche mit seiner Frau zu sitzen. Charlotte war wohl tatsächlich keine Schönheit (vor allem im Vergleich mit ihrer älteren Schwester) und zudem noch entstellt durch Blatternnarben (wie auch ihr Bruder Ludwig); sie scheint seit ihrer Kindheit schrecklich deswegen gelitten zu haben. Gerade am Hof ihres Vaters hatten Frauen in erster Linie schön zu sein.
    Nach 1814 ließ sich Wilhelm von Württemberg scheiden. Max Joseph hatte plötzlich beide unter Napoleon verheirateten Töchter wieder zu Hause (wobei die andere noch ein Schock Kinder und einen problematischen Ehemann mitbrachte). Auf dem Wiener Kongress herrschte überaus gereizte Stimmung zwischen den Mitgliedern beider Familien; angeblich wäre es zwischen den beiden Kronprinzen Wilhelm und Ludwig beinahe zum Duell gekommen.
    Dass Kaiser Franz sich bereit erklärte, Charlotte zu heiraten und die unwürdige Behandlung, die sie in Württemberg erlebt hatte, auszugleichen, indem er sie zur österreichischen Kaiserin machte, war auch eine sehr effektive Art, sich mit Max Joseph auszusöhnen.

    Ehen, die unter dem Druck oder Einfluss Napoleons zustande kamen, hatten scheinbar überhaupt eine gewisse Tendenz, schiefzugehen (Louis Bonaparte und Hortense Beauharnais, Stephanie und Karl von Baden). Napoleon hatte wohl doch mehr Talent zum Feldherrn als zum Heiratsvermittler. Und da ist der Russland-Feldzug schon eingerechnet. :pfeif:
     
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  15. flavius-sterius

    flavius-sterius Aktives Mitglied

    Die Markgrafschaft Baden war vor Napoleon ein wenig bedeutender "Klein"staat.

    Die Markgrafschaft wurde von Napoleon massiv gefördert. Von badischen Geschichtsinteressierten wurde dies mit der Bewunderung Napoleons für den Markgrafen Karl Friedrich erklärt.
    Außerhalb Badens wird dies eher als Napoleons Plan zur Schaffung eines Vassalenstaates an seiner rechtsrheinischen Grenze gesehen.

    Wo kamen diese Gebiete her um diesen Kunststaat entlang des Oberrheines zu schaffen? Wenig problematisch sind territoriale Zugewinne aus kirchlichen Besitz. Dies betrifft erstmal die rechtsrheinischen Gebiete des Bistums Speyer. Dieses Gebiet ermöglichte eine territoriale Abgeschlossenheit des badischen Gebietes. Zuvor waren speyerische und badische Dörfer "ungeordnet" nebeneinander. Auch Teile des Kraichgaus kamen durch den Reichsdeputatshauptschluss an Baden. Zuvor war die Kraichgauer Ritterschaft noch reichsunmittelbar.

    Ein weiterer Gewinn war das Land des Fürsten von Fürstenberg. Dieses Gebiet war jedoch m. E. nicht von der wichtigen Bedeutung wie die anderen Gebiete.

    Von ganz anderem Kaliber war der Zugewinn der Kurpfalz. Dadurch kamen wichtige Städte (Mannheim und Heidelberg) an Baden. Diese waren zuvor Herrschaftsgebiete der Wittelsbacher. Also wurden diese de facto aus München regiert. Hier haben wir eine Konfliktlinie zwischen bayerischen und badischen Interessen. Napoleon hatte zu Gunsten dieses Sperrstaates Baden die Interessen Bayerns ignoriert.

    Ebenfalls ein bedeutsamer Zugewinn war Vorderösterreich. Dadurch kam Freiburg und Konstanz an Baden.

    Schauen wir uns mal die Wiener Sicht an. Die katholische Kirche war ein wichtiger Verbündeter der Habsburger im HRR gewesen. Trotzdem dürfte man in Wien wenig Interesse daran entwickelt haben, sich für speyerische Interessen stark zu machen. Die Kurpfalz als bayerisches Gebiet hätte man den Bayern versprechen können um diese auf ihre Seite zu ziehen. Gegenüber Baden konnte man hier lediglich den Verbleib bei Baden versprechen. Das war jedoch problematisch, weil man dann die Interessen des rechtmäßigen Eigentümers ignorieren musste.
    Für Vorderösterreich war die Situation noch schwieriger. Konnte Habsburg nach 550 Jahren Herrschaft auf diese Gebiete verzichten und diese dem badischen Herrscherhaus versprechen?
    Was hätte man den Badenern versprechen können?
    Großes badisches Ziel war seit vielen Jahren schon die Herrschaft über Straßburg. Im Vergleich zu den badischen Städten war diese Oberrheinmetropole bedeutsamer. Ebenfalls für die Badener waren weitere Gebiete im Elsass verlockend.
    Zudem begehrte man in der Karlsruher Residenz Basel. Hier gab es wohl alte Ansprüche der badischen Herrscherfamilie. Zudem war Basel - wie auch Straßburg - eine reiche Metropole.
    Jedoch waren rechtsrheinische Zugewinne für Baden viel verlockender als linksrheinische Gebiete. Baden musste bei linksrheinische Gebiete mit den Ansprüchen Frankreichs auf den Rhein als Grenzfluss in Konflikt kommen. Um dann badische linksrheinische Gebiete verteidigen zu können, hätte es eine stabile "deutsche" Koalition bedurft. So etwas war Anfang des 19. Jahrhunderts wohl für die politisch Handelnden jenseits der erwartbaren Realität. Aus badischer Sicht war Napoleon derjenige mit dem weit attraktiveren Angebot.
     
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  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @flavius-sterius: Vielen Dank für die spezielle Sicht auf Baden.

    Für die Jahre 1805/05 zeichnet Schroeder für Europa eine Lage, die destabilisiert ist und in der die Mächte neue Rollen sich erarbeiten müssen. (vgl. S. 231 ff, besonders ab S. 265). Wichtig ist in diesem Zusammenhang an den Friedensvertrag von Luneville zu erinnern, der ein wichtiger Bezugspunkt war für das Staatensystem in dieser Periode.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Friede_von_Lun%C3%A9ville

    Im Prinzip zeichnet Schroeder folgendes Bild und dabei ist zu berücksichtigen, dass in fast allen Hauptstädten rivalisierende Strömungen vorhanden waren, die frankophil, neutralistisch oder frankophob eingestellt waren und die Realpolitik heftigen Diskussionen unterlag und von „zufälligen“ Ereignissen dann entschieden wurde.

    Auffallend ist dennoch im Rahmen der Diplomatiegeschichte, wie egoistisch und selbstsüchtig die meisten Mächte agiert haben. Wie wenig sie einander vertraut haben und Verbündete sich argwöhnisch belauert haben. Eine Sichtweise, die allerdings auch dem impliziten außenpolitischen Paradigma eines Schroeders entsprach.

    1.Die beiden zentralen „Rand-Großmächte“ – GB und Russland - sind tendenziell „bellizistisch“, allerdings eher in dem Sinne, dass sie den Konflikt befördern, allerdings ohne sich in einen „totalen Krieg“ einzulassen, der dann im Fall von Russland noch kommen sollte.

    2.Frankreich / Napoleon drängt auf eine Neuordnung von Europa. Bis 1805 gerichtet auf die Eroberung von GB und die Gewinnung von Italien (Schroeder, S. 266) und erst danach auf die Neuordnung der Reste des HHR konzentriert (Schroeder, S. 266). Zu Frankreich wurde schon einiges gesagt.

    3.Österreich war der eigentlich wichtigste diplomatische Gegenspieler zu Frankreich. Österreich agierte defensiv und versuchte sich tendenziell aufgrund eigener militärischer Schwäche eher mit Frankreich zu einigen. Mit dieser Haltung versucht es seine Rolle als Großmacht zu erhalten.

    In diesem Sinne hält Schroeder fest: „The pattern of Austro-French relations until almost the end was one of constant French menaces, oressure, and faits accomplis, to which Austria regularly responded by avoiding fighting and seeking a bargain.“ (ebd. S. 267)

    Die Reformen, die Österreich seit 1801 unter Erzherzog Karl – im Rahmen des Hofkriegsrates – durchgeführt hatte, verbesserten das militärische Potential, aber Österreich war nicht kriegsbereit. (ebd. S. 269). Unter anderem wurde keine allgemeine Wehrpflicht eingeführt und die Sonderstellung von Ungarn erschwerte eine durchgreifend militärische Reform.

    Ebenso war Karl ein Gegner des Krieges, da er GB für „weak and treacherous (ebd. S. 269) hielt und in Russland den „real mortal enemy“ von Österreich erblickte. (ebd. S. 269). Im Prinzip präferierte sein Beraterkreis eine reine defensive Allianz mit Preußen.

    Vor diesem Hintergrund schloss Österreich am 4. 11. 1804 eine defensive Allianz mit Russland und drängte Russland, seine kriegerische Intention gegenüber Frankreich zu mäßigen.

    Im Frühjahr 1805 wurde Metternich nach Berlin entsandt. Das Ziel war eine duale Hegemonie über Deutschland zwischen Preußen und Österreich, die auf ein politisches Gleichgewicht der Mächte in Europa abzielte. (ebd. S. 270-271). Die Preußen wollten sich auf diese politische Lösung nicht einlassen, nicht zuletzt da sie den russischen Interessen skeptisch gegenüber standen. In diesem Sinne lagen unterschiedliche Vorstellungen vor über die Struktur der Großmächte und der Notwendigkeit für Kontinentaleuropa, die Forderungen von Frankreich in dieses System möglichst sinnvoll zu integrieren.

    Der Mißerfolg der Mission von Metternich war nicht unerwartet für Wien. In diese Phase fiel jedoch – am 11. April 1805 – die Unterzeichnung der britisch-russischen Allianz, die für Wien ein „shocking blow“ war (ebd. 271). Und verstärkten in Wien den Eindruck, dass Österreich durch seine „Verbündeten“ in einen selbstmörderischen Krieg mit völlig überzogenen politischen Ziele hineingezogen werden sollte.

    Die Kritik an Russland versuchte Zar Alexander dadurch zu entkräften, indem er darauf hinwies, dass er – teilweise mit erheblichen politischen und militärischen Druck - dafür sorgen würde, dass eine Reihe von weiteren Staaten der Allianz beitreten werde. Zu diesen Staaten sollten zählten, Preußen (!!!), Dänemark, Hessen, Sachsen, Braunschweig und Schweden, mit dem Ziel, die Gesamtarmee auf eine erhoffte Stärke von ca. 600.000 Soldaten zu bringen, von ursprünglich ca. 400.000.

    EH Karl argumentierte gegen die Allianz, während Cobenzl und Colloredo die Unausweichlichkeit des Krieges betonten. Zusätzlich wiesen sie darauf hin, dass Österreich ohne den Beitritt zum britisch-russischen seine einzige Chance verpassen würde, Preußen, Bayern, Sachsen und Hessen als Verbündete zu bekommen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Ludwig_von_Cobenzl

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_von_Colloredo-Mannsfeld

    4.Preußen agiert stark abwartend. Will durch seine Neutralität seine Position als Großmacht stärken und im Zweifel auf der Seite des potentiellen „Siegers“ in den Konflikt eingreifen.

    5. Die Mittelmächte, Bayern, Sachsen, Baden und Württemberg, sind i Prinzip nicht kriegsbereit und tendenziell eher neutralistisch ausgerichtet (Schroder, S. 274). Ihre Position zwischen den Großmächten Frankreich, Österreich und Preußen läßt aber diese Haltung nicht zu und so müssen sie sich – zwangsläufig – für die Seite entscheiden, die ihren Interessen am stärksten entgegen kommt.

    Im Jahr 1804 traf N. in Manz Dalberg und Montgelas, die ihm den Plan vorlegten, Deutschland staatlich zu reorganisieren. Entweder eine Stärkung des Rheinbundes oder eines SW-deutschen Staates. In beiden Fällen unter französischer Hegemonie bzw. Herrschaft. Zu diesem Zeitpunkt war N. wenig interessiert. (ebd. S. 266)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Theodor_von_Dalberg

    https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_von_Montgelas

    Im Frühjahr 1805 begannen die französischen-bayrischen Verhandlungen, in denen N. militärische Forderungen stellte, aber keinen Einfluss oder Hegemonie. Im Kern verlangte N. eine umfangreiche Teilnahme von Bayern an einer umfassenden Offensive gegen Österreich.

    Zum Zeitpunkt des Abschlusses des britisch-russischen Bündnissen im April 1805 war Bayern durch seine Verhandlungen mit N. an die Seite von Frankreich getreten. In diesem Kontext verfolgte Bayern seine eigenen Interessen und wollte sich mit Unterstützung von N. räumlich erweitern und erreichte in 1806 den Status eines Königreichs. (Schroeder, S. 273, und umfassender Junkelmann, 2014 & 2015). Im August 1805 wurde Bayern aktiver französischer Bündnispartner und Baden und Württemberg folgten im September bzw. Oktober.

    Speziell für Bayern bedeutete diese Ausrichtung an Frankreich einen extremen Modernisierungsschub (vgl. Gates, Pos. 2105) und im Jahr 1808 erhielt Bayern die erste Verfassung in Deutschland und wurde durch Montgelas zu einem modernen zentralistischen Staat ausgebaut.

    In diesem Sinne resümiert Junkelmann „Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, wies das – zwar von Napoleon dominierte – von großen inneren Reformen geprägte europäische Bündnissystem vor 1813 ….mehr in die Zukunft als der nationalistische, antifranzösische Befreiungsrausch nach 1813.“ (Junckelmann, 2014, Kap. Erinnern und Verdrängen)

    Ein wichtiger Aspekt, der deutlichmacht, dass die bayerische Entscheidung für F. eine wichte Entscheidung für die Bildung eines deutschen Nationalstaates war. Und in diesem Sinne ist der Nipperdey`schen „blasphemischen“ Formulierung zuzustimmen:

    Im Anfang war Napoleon“ (vgl. Junkelmann, 2014)


    Gates, David (2003): The Napoleonic wars 1803-1815. London: Pimlico (Pimlico, 568).
    Junkelmann, Marcus (2014): Napoleon und Bayern. Eine Königskrone und ihr Preis. Regensburg: Pustet.
    Junkelmann, Marcus (2015): Montgelas. "Der fähigste Staatsmann der jemals die Geschicke Bayerns geleitet hat". Regensburg: Pustet
    Schroeder, Paul W. (1994): The transformation of European politics, 1763 - 1848. 2. print. Oxford: Clarendon Press (Oxford history of modern Europe).
     
    Zuletzt bearbeitet: 3. Juli 2017
  17. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Ohne jetzt konkret nachzuschlagen, kann ich mich daran entsinnen, dass es meistens in etwa hieß, dass Bonaparte Baden und anderen Staaten Entschädigungen für die verlorenen linksrheinischen Gebiete versprach. Schon auf dem Rastatter Kongress war diese Problematik aufgetaucht, wurde aber durch den Abbruch des Kongresses und erneuten Kriegsausbruch aufgeschoben. Diese Entschädigungen konnten zwangsläufig nur innerhalb des Rest-Reiches stattfinden.

    Prinzipiell war es so, dass auf Friedenskongressen überwiegend nur die Mittelmächte für sich und der Kaiser für das Reich verhandelte. U.u. entwickelten auch die Reichskreise eine eigene Diplomatie, die aber durch die Vielzahl der Kreisstände v.a. in Schwaben z.B. äußerst zäh und schleppend verlief. Mit dem Ausland haben die Kreise auch seltener verhandelt (ausgenommen in Kriegszeiten wegen Marschwegen, Desertion etc.), sondern eher untereinander oder mit dem Kaiser. Wobei der Kaiser die Verhandlungen mit den Kreisen gern umging und sich lieber an die Direktoren der Kreise wendete, bei Doppelspitzen wie in Schwaben (Konstanz und Württemberg) wurden diese oft gegeneinander ausgespielt. Um auf die Friedenskongresse zurückzukommen. Für gewöhnlich verhandelte also z.B. Kursachsen, Brandenburg-Preußen und Kurbayern für sich, die meisten anderen Reichsstände traten hinter der Federführung von Kaiser und Reich zurück. In den Koalitionskriegen ist Frankreich bereits früh gelungen, Württemberg herauszuschälen, da sich Herzog Friedrich Eugen nach kurzem Feldzug 1796 zu Waffenstillstand und dann Friede mit Frankreich gezwungen sah.

    Wenn wir jetzt das insgeheime Einvernehmen zwischen Baden und Württemberg um 1800 mit Frankreich anschauen, müssen wir aber auch berücksichtigen, dass auch zuvor Reichsfürsten ähnliche Sonderwege angestrebt und teilweise realisiert haben. Man denke an Kurbayern und Kurköln im Spanischen Erbfolgekrieg oder aber die Geheimunterhandlungen des ehedem kaisertreuen Württembergers Eberhard Ludwig mit Frankreich 1733 im Vorfeld des Polnischen Thronfolgekrieges.

    Ich hoffe, ich verwirre nicht allzusehr mit den Abschweifungen. :red:

    Nebenbei: vielen Dank für den Hinweis auf die Cisalpinische Republik. In der Tat war der Kaiser ja offiziell Lehnsherr des Herzogs von Savoyen und einiger weiterer norditalienischer Fürstentümer. Mit dem Verzicht auf diese Gebiete gingen dem Kaiser bedeutende Einnahmen verloren.
     
  18. Josefa

    Josefa Neues Mitglied

    Hallo,
    ich wollte mich nur kurz für die späte Antwort entschuldigen - ich hatte letzte Woche leider wenig Zeit fürs Internet. Ganz, ganz herzlichen Dank an alle für die Erklärungen und Literaturangaben!
     

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