Aufarbeitung der Geschichte 1933 - 45 in den 50ern und 60ern

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von floxx78, 13. Juli 2008.

  1. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied


    Interessant am kollektiven Vergessen ist, dass Siege offenbar schneller vergessen werden als Niederlagen. Erinnert sei z. B. ans Amselfeld o. ä. (ich habe das glaube ich bei den Assmanns o.ä. gelesen - wäre dankbar um Konkretion). Spannend wäre dann, ob das Erinnern der Niederlage in Deutschland eine alternative Form gegenüber den hergebrachten Erinnerungsformen angenommen hat. Sprich: Kann und sollte es so etwas wie eine positive Erinnerung an eine negative Vergangenheit geben? Und wo könnte hier der deutsche Erinnerungsdiskurs verortet werden?
     
  2. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Das halte ich für ein sehr interessantes Thema, das man aber vielleicht ohne den "wächsernen Gast" im Vordergrund fruchtbarer diskutieren könnte. Mach doch mal 95 (oder 5) Thesen dazu.;)
     
  3. Naphae

    Naphae Neues Mitglied


    Ich würde nicht sagen, dass es eine positive Erinnerung an eine negative Vergangenheit geben sollte. Aber eine mahnende Erinnerung sollte es schon geben... Verdrängen ist keine Antwort für Ereignisse - Niederlagen - in der Geschichte. Die Geschichte ist ja schließlich da, um den Nachgeborenen etwas zu lehren. ;-)
     
  4. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    In Deutschland haben die Geschichtsaufarbeitung der Nazizeit die Alliierten getan. Nach Gründung der zwei neuen deutschen Staaten wurde die Aufarbeitung als abgeschlossen betrachtet. Im Westen war Schweigen, im Osten wurden erwünschte ideologische Phrasen gedroschen. Nun sind beide Staaten eins und Wachsköpfe werden geköpft.
     
  5. Balduin

    Balduin Gesperrt

    Historiker betreiben Aufarbeitung, Historiker veröffentlichen noch im 21. Jahrhundert Bücher über die NS-Zeit, warum sollte die Aufarbeitung abgeschloßen sein :confused:
     
  6. Hurvinek

    Hurvinek Gast

    Aufarbeitung hat in der Gesellschaft stattzufinden und nicht nur bei Historikern allein.
     
  7. Tekker

    Tekker Gast

    Oha, solche Phrasen passen wohl besser in einen Staat, den es nicht mehr gibt. Willst du mir sowas vorschreiben, oder irgendwem? :S
     
  8. Naphae

    Naphae Neues Mitglied

    Da stimm ich dir zu, Hurvinek. doch bei einigen Aktionen (wie die letzte zeigte) sieht man, dass noch viel zu tun ist... Und anscheinend wollen es manche einfach nicht verstehen. :hmpf:
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    @Naphae und Hurvi,
    was Ihr beide schreibt, stimmt einfach nicht. Die Alliierten betrieben juristische Aufarbeitung (Nürnberger Prozesse, Einsatzgruppenprozess) plus ein wenig Entnazifizierung. Bis deutsche Historiker sich an die Nazizeit herangetraut haben, hat es etwas gedauert, zunächst haben sich wiederum die Juristen dafür interessiert (Ulmer Einsatzgruppenprozess, Auschwitzprozesse). Seitdem hat sich aber auch die historische Zunft dafür interessiert. Jeder Aspekt des Lebens unter dem Nationalsozialismus wird durchleuchtet und beschrieben und ein Großteil davon auch für den historischen Laien aufbereitet (jeden Tag läuft im Fernsehen etwas über den Nationalsozialismus, Buchläden haben ihre Historienabteilung meist in sechs Teile aufgeteilt: Weltgeschichte - Antike - Mittelalter - Neuzeit - Nationalsozialismus - Aktuelle Diskussionen), in der internationalen Presse wird, wenn wieder mal mangelnde Aufarbeitung (Türkei-Armenier, Japan-Koreaner) von Geschichte virulent ist, vorgeschlagen, diese Länder sollten sich doch mal ein Bsp. an Deutschland nehmen. Inzwischen greifen wiederum Spezialisten anderer Fachrichtungen Ergebnisse historischer Forschung auf, um über den Nationalsozialismus zu schreiben - mein Standardbeispiel: Harald Welzer, Sozialpsychologe.
     
  10. elysian

    elysian Neues Mitglied

    Verwechselst Du da nicht Entnazifizierung und Aufarbeitung der Geschichte?




    (p.s. an die "Offiziellen": die Direktantwort scheint defekt zu sein)
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das erscheint mir viel zu eng. Die Aufarbeitung der deutschen Historiker begann zügig in den 50ern, vielleicht noch nicht mit der vergleichbaren Beachtung/Präsenz in der Gesellschaft. Man wandte sich zunächst den Abläufen im Großen zu, Politik, Weltkrieg, aber es gibt tausende bemerkenswerter Veröffentlichungen, einige Meilensteine, aus der Zeit.

    Heute wird eben der Schwerpunkt auf die Details gelegt, und hier gibt es viele weiße Flecken.
     
  12. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied


    Eigentlich schon in den 40ern: Eugen Kogon ? Wikipedia
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kogon hatte als Opfer vielleicht aber auch ein besonderes Interesse (wobei dem die Sprachlosigkeit der Opfer gegenüber steht).
     
  15. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Dieser optimistischen, wenngleich durch den Nebensatz bereits zur Kenntlichkeit relativierten Hypothese kann ich nicht folgen. Er sei zunächst mit Norbert Frei (Vergangenheitspolitik, 1996, S. 8) daran erinnert, dass "spätestens seit Anfang der achtziger Jahre, vemutlich aber schon eine Weile vorher, [...] in der bundesdeutschen Öffentlichkeit ein breiter Konsens über die Auffassung (bestand), vor allem in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten sei die NS-Vergangenheit weitgehend verdrängt worden." Ein "Ansturm" der Historiker gegen diese Verdrängungstendenz ist mir aus den 50er Jahren nicht erinnerlich.

    Sinnvoll diskutieren lässt sich das - nach erfolgter Klärung, was "Aufarbeitung" und "zügig" ist - wahrscheinlich nur bei thematischer Differenzierung. Ich nenne drei Beispiele:

    • Die Militär-/Kriegsgeschichte wurde zunächst dominiert von der Memoirenliteratur à la Manstein oder Carell. (Da allein kommen schon "Tausende" zusammen, was auch die Einschätzung der Wehrmacht insgesamt und die "Traditionspflege" in der Bundeswehr erheblich beeinflusst hat.)
    • Die Holocaust-Historiographie, von Berg (Der Holocaust und die westdeutschen Historiker, 2003) sehr eingehend beschrieben, ist bis weit in die 60er Jahre hinein defizitär geblieben. Wolfrum (in: Erinnerungskulturen, 2003, S. 193): "Bis Ende der 50er Jahre obwaltete in der Öffentlichkeit eine Art des 'Nicht-genau-wissen-Wollens'. Selbst die Zeitgeschichtsschreibung konzentrierte sich bevorzugt auf andere Bereiche, über die Judenvernichtung gab es nur einzelne Quelleneditionen und kurze Aufsätze."
    • Die Frage der personellen Kontinuitäten schließlich - Wer war was im Dritten Reich und was war derjenige hernach - war in hohem Maße tabuisiert; wer sich damit und mit den dazu vorliegenden Dokumenten beschäftigte, wie etwa Joseph Wulf (zu ihm siehe Berg, S. 323-370), war und blieb Außenseiter.
    Zur Frage der Ambivalenz zwischen zuviel und zu wenig Erinnerung zitiert Berg (S. 7) die erste Bundestagsrede von Theodor Heuss: "Es sei eine 'Gnade des Schicksals' beim Einzelnen wie bei Völkern, daß 'Vergessen' möglich sei, aber es bereite ihm Sorge, 'daß manche Leute in Deutschland mit dieser Gnade Mißbrauch treiben und zu rasch vergessen wollten."
     
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  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Hallo jschmidt,

    Deiner Interpretation folge ich ohne weiteres. Gemeint war der Hinweis so, dass es kein Jahrzehnt des weißen Fleckens (in den 50ern) gab.

    Wobei Du recht hast:
    - gesetzte Schwerpunkte, sachliche Ausgrenzungen
    - Außenpolitik und Militär dominieren
    - Überflutung mit nicht-wissenschaftlichen Publikationen
    - Ressourcenprobleme/Quellenprobleme

    Und natürlich weisen die Anfänge Defizite auf.

    Ad hoc einige Publikationen zur diversen (nicht-militärhistorischen) Themen, die ich als Meilensteine/Grundlegung verstehen würde:

    Hillgruber, Hitler, König Carol und Marschall Antonescu, 1954.
    Denne, Das Danzig-Problem in der Deutschen Außenpolitik, 1956
    Breyer, Das deutsche Reich und Polen 1932-1937, 1955
    Celovsky, Das Münchner Abkommen von 1938, 1958
    Strauch, Sir Neville Henderson, 1959

    Schüddekopf, Das Heer und die Republik, 1955
    Vollmer, Volksopposition und Polizeistaat, 1957
    Lucas, Hindenburg als Reichspräsident, 1959

    Und Arbeiten, die dann in den 60ern herauskamen, haben ihre Anfänge in den 50ern. Bei aller Kritik: irgendwo müssen Anfänge gesetzt werden.
     
  17. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Soviel Zustimmung? Was habe ich falsch gemacht?:devil:

    Wenn man diese Aufzählung pars pro toto nimmt, dann näherten sich die Historiker "unserem" Thema sozusagen auf Umwegen: über das Ausland und ausländische Politiker einerseits, über die Vorgeschichte andererseits. Mit dem "Inneren" der NS-Zeit in Deutschland befasst sich nur Vollmer, und dessen Darstellung konzentriert sich auf 1934-1936.

    Nur vorsorglich: Ich bewerte das gar nicht. Meine subjektive (unbeweisbare) Meinung ist, dass vielen der Historiker, die aufgrund ihrer intellektuellen Kapazität zu einer angemessenen "Verarbeitung" in der Lage gewesen wären, die Scham über das Vorgefallene und dessen grauenhafte Dimensionen zunächst den Mund verschloss; oft mussten sie auch erst selbst mit sich ins Reine kommen. Substantielleres zum Geist der Zeit: Mitscherlich/Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern (1967 - viel zitiert und gekauft, wenig gelesen).
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Dann wäre die Militärhistorie zu ergänzen:

    Jacobsen: Fall Gelb+Dokumente zum Westfeldzug, Klee: Unternehmen Seelöw, Erfurth: Der deutsche Generalstab, Kosthorst: Der militärische Widerstand zwischen Polen- und Frankreichfeldzug, Hubatsch: Weserübung, Meister: Der Seekrieg in den osteuropäischen Gewässern, Görlitz: Der Generalstab + Paulus/Ich stehe hier auf Befehl,
    um einige zu nennen. Dazu bereits beachtliche Zeitschriftenartikel zur Aufarbeitung zB in der WWR.

    Reitlinger: Ein Haus auf Sand gebaut - deutsche Gewaltherrschaft in Rußland + die Endlösung würde ich erwähnen, weil in Deutschland vielbeachtet.
     
  19. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    An Namen wie diesem lässt sich das "Verarbeitungs"-Dilemma gut festmachen.

    Was H. liefert, ist eine detail- und belegreiche, unter dem Aspekt der "reinen" Militärgeschichtsschreibung verdienstvolle Darstellung, worin die politische Dimension weithin fehlt und an der Legende festgehalten wird, man könne Militär und Politik sehr gut trennen, die Generale/Admirale seien Fachleute gewesen, auf die der eine und einzige Böse, nämlich Hitler, nur nicht gehört habe, und der Überfall auf Dänemark und Norwegen sei zwar irgendwie nicht zu billigen, aber irgendwie doch nachvollziehbar...

    Das reicht nahe heran an krasse Apologetik - wahllos herausgegriffene Wertungen aus neuester Zeit: Die deutsche Herrschaft in den ... - Google Buchsuche (S. 142), http://www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2007/091-07.pdf (S. 3). Als H. sein Buch schrieb (1960), erregte das - von meinem Standpunkt: logischerweise - wenig Anstoß (siehe SPIEGEL Wissen :: Artikel - Artikel). Georg Iggers (Deutsche Geschichtswissenschaft, 3/1976, S. 347 ff. [349]) nennt ihn, unter Einbezug weiterer Schriften, direkt einen "blinden Apologeten".

    Zu Recht vielbeachtet, aber kein deutscher Historiker.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2008
  20. elysian

    elysian Neues Mitglied

    Zumindest unter militärischen Gesichtspunkten ist dem ja auch so.
    Warum sollte etwas, das einer verwerflichen Angelegenheit entspringt, denn nicht trotzdem schlüssig sein?
     

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