Aufarbeitung der Geschichte 1933 - 45 in den 50ern und 60ern

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von floxx78, 13. Juli 2008.

  1. Repo

    Repo Neues Mitglied



    Das ist sicher richtig.
    Was die Beurteilung für die Nachgeborenen auch nicht gerade erleichtert.
    Es gibt zur gleichen Zeit in Frankreich ein ähnliche Entwicklung, während dort zuvor ganz fürchterlich abgerechnet wurde.

    Vermutlich geht es tatsächlich nach solchen Regimen nicht anders.
     
  2. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Im Sinne von: "Schlimm (oder: Schwamm drüber), was da passiert ist, aber das Leben muss ja weitergehen!"? Natürlich nicht, denn in unserem Falle steht das vor dem Hintergrund von 50 Millionen Toten.

    Franco hatte 30 Jahre Zeit, diejenigen, die Sühne und Gerechtigkeit von ihm hätten fordern können, zu verfolgen, einzusperren und wegsterben zu sehen - ein bißchen anders war das bei uns schon. Wenn ich die Zeitungen richtig lese, bricht übrigens gerade der "Konsens" in Spanien wieder ein wenig auf, d. h. er wird "verletzt" durch Leute, die fragen, wer ihren Vater, Großvater o. ä. auf dem Gewissen hat. - Ist aber ein anderes Thema.

    Man kann die Hypothese (meine Formulierung!), der Übergang von einer Diktatur zu einer Demokratie gelinge am besten im Falle einer politischen Amnestie (oder einer kollektiven Amnesie?), natürlich ernsthaft diskutieren. - Ist aber auch ein anderes Thema.

    Das nehme ich als Gelegenheit, wieder zum Ausgangspunkt der Diskussion zurückzukehren, nämlich zu Silesias Hypothese von der "zügigen Aufarbeitung" bzw. zu den Historikern. Auch in Bezug auf diese ist die Frage der Parteizugehörigkeit - samt den "fließenden Übergängen"! - vor und nach 1945 ja durchaus interessant. Welche Daten gibt es dazu?
     
  3. floxx78

    floxx78 Aktives Mitglied


    Da verweise ich zum einen auf meinen Beitrag weiter oben. Zum anderen habe ich diesen Tagunsbericht gefunden:
    Von uns selber schweigen wir. Deutsche Historiker und Nationalsozialismus - H-Soz-u-Kult / Tagungsberichte

     
  4. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Prima!:winke: Die Tagung stand offenbar in der Nachfolge des "Showdowns" auf dem Historikertag 1998.

    Ich hake bei dem Passus in der Mitte ein, wo gefragt wird, was denn die Historiker von der Preisgabe an das NS-System hätte abhalten können. "Das immer wieder in der Debatte auftauchende Argument, daß die Wissenschaft nur gut und professionell genug sein muß, um gefeit zu sein, läuft ins Leere, denn [...] Professionalität und die Erfüllung technischer Qualitätsanforderungen sind unfähig, moralische Fragen zu beantworten, moralische Dilemmata aufzulösen."
    Und weiter unten: "Die verstrickten Historiker haben vielleicht - so das Argument - deswegen nach 1945 geschwiegen, weil der von einer stark moralischen Grundhaltung geprägte Diskurs den in die Verbrechen auf verschiedenste Weise Verstrickten nur drei Möglichkeiten ließ: Leugnen, beichten und Buße tun oder eben schweigen."

    Das bringt mich zwangsläufig zu der Frage zurück, was "Aufarbeitung" ist! Ist es das, was Hubatsch tut: Verfassen einer - qualitativ vielleicht sogar hochwertigen - militärhistorischen Abhandlung? Oder ist etwas anderes gemeint, was mit "moralischen Dilemmata" bzw. mit "beichten und Buße tun" konnotiert wird? Oder gibt es noch ganz andere Definitionen?
     
  5. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Alles richtig. Und ich habe da einst so absolut kein Verständnis gehabt.

    Das Problem ist aber auch die schiere Menge, die meist gar keine individuelle Schuld auf sich geladen hatten. Aber unschuldig waren sie eben auch nicht.
    Ich hatte einen Physiklehrer, nebenher noch ein bißchen Hobbyarchäologe, der meinte mal "das Wissen über diese Zeit wird mit meiner Generation ins Grab sinken" dort ist er schon lange, und zumindest mir ist er die Erläuterung seines Satzes schuldig geblieben.
    Ich habe es schon mal erwähnt, in den 60ern konnte man in einem Café einer Stadt des Südwestens den ehemaligen Ortsgruppenleiter mit einem ehem. Kommunisten und KZ-Häftling beim Binokeln (ein südd. Kartenspiel) sehen.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Jein. Gerade am Bsp. der Transición Española lässt sich sehr exemplarisch der Übergang von einer totalitären Diktatur zu einer demokratischen Grundordnung darstellen.
    Zu Amnes(t)ie: Nein, nicht Amnes(t)ie, sondern Vertagung oder andere Strategien (z.B. Versöhnungsgespräche und öffentliche Beichten wie in Rwanda). Das ist natürlich bei den besonders schweren Verbrechen quasi-unmöglich.

    Franco ist ja auch schon über 30 Jahre tot, die Mehrheit der Spanier heute steht hinter der Demokratie, da kann der Pacto de Borrón auch mal aufgegeben werden. Der vor einigen Jahren (2003?) verstorbene Romancier und Historiker Manuel Vázquez Montalbán meinte, die Transición Española sei noch immer nicht abgeschlossen. Vermutlich war der Pacto de Borrón, also der gesellschaftliche Konsens die Vergangenheit ruhen zu lassen, einer seiner Gründe für diese Einschätzung.
     
  7. Barbarossa

    Barbarossa Neues Mitglied

    Ich habe darüber mal nachgedacht und habe dabei einiges, was ich vor kurzem gehört oder gelesen habe, nochmal Revue passieren lassen. So sagte z. B. ein Franzose, der den Krieg noch selbst miterlebt hat im
    Fernsehen, (West-)Deutschland um 1955 herum war eigentlich immer noch Nazi-Deutschland - vom Denken der Normal-Bürger. Heute stand in einer Zeitung ein kurzer Artikel über Malene Dietrich, da hieß es, als sie 1960 zum ersten mal wieder in Deutschland auftrat (im Krieg unterstützte sie ja bekanntlich die Alliierten), wurde sie "angefeindet" (so wörtlich in der Zeitung). Meine Großeltern erzählten noch in 70er Jahren vom Krieg und wie das alles war.
    Ich glaube, das von uns festgestellte "Schweigen" nach dem Krieg und die fehlende Aufarbeitung in der Gesellschaft kam daher, weil sich die meisten (sicher längst nicht alle) Deutschen nicht als Befreite, sonden doch eher als Besiegte fühlten.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Das erinnert mich an den damaligen Bochum-Wattenscheider Vorsitzenden der Falken, der Rudi Dutschke und Johannes Raum 1968 zu einem Gespräch nach Wattenscheid eingeladen hatte. Der erzählte in einer Doku ('68 an Rhein, Ruhr und Weser) genau das: während er Deutschland als von den Allierten/"Amerikanern" befreit sah, sahen die älteren Verwandten sich als Besiegte an. http://www.geschichtsforum.de/f68/besiegt-oder-befreit-1018/
     
  9. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Kann mich gut daran erinnern!;) Das Problem ist ja virulent geblieben, siehe etwa die "Tumulte" um Richard von Weizsäckers Rede 1985 (Deutscher Bundestag: Weizsäcker Rede zum 8.Mai 1985), worin er den 8.5.45 als 'Tag der Befreiung' vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bezeichnete - ein Begriff, der durch seine inflationäre Verwendung in der DDR "belastet" war. Auch Historiker (!!) haben sich in der Diskussion darüber exponiert.
     
  10. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Das war ja auch der Grund, dass die Politik der BRD lange Jahre von der "Opa-Generation" Adenauer, Heuss usw. geprägt wurde, es gab schlicht zuwenige, (die sich politisch engagieren wollten) die nicht auf die irgend eine oder andere Art und Weise belastet waren.

    Ein Grund dafür, dass die BRD noch der 60er eigentlich ziemlich "muffig" war, ich hoffe man versteht was ich meine. In manchen Bereichen klar rückschrittlicher wie Weimar oder wie der Nazi-Staat.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das ist eine interessante These.

    Es könnte natürlich sein, dass sich die "befangenen" Historiker zunächst unproblematischen Themen zugewandt haben. Man greift sich demnach "harmlose" (so ja auch etwa der Spiegel zu "Weserübung") militärische Themen heraus.

    Aber auch dieser Bereich ist doch dem Berg an Themen vergleichbar, vor dem man auf den Trümmern des Dritten Reiches stand. Dabei wäre auch die schrittweise erfolgende Öffnung der Archive beachtenswert (siehe oben die umfangreichen Bemerkungen dazu bei Gemzell), die auch den Fortgang der Aufarbeitung bestimmt hat.

    Nicht nur die Politikgeschichte, auch die Militärgeschichte des Dritten Reiches wurde nur sehr langsam aufgearbeitet; ein sehr interessantes Beispiel dazu ist die Wahrnehmung der Schlacht von Kursk:
    Alfred Zins, Die Operation Zitadelle - die militärgeschichtliche Diskussion und Ihr Niederschlag im öffentlichen Bewusstsein als didaktisches Problem, 1986, Europä. Hochschulschriften III/317

    Zins bringt das auf den Punkt, dass die Bedeutung und Tragweite in den 50ern (in den 40ern sowieso) völlig unbekannt gewesen ist, und über derartige Geschehnisse höchstens in Landser-Heften oder tendenziös in Memoiren wie bei Manstein zu lesen war. Das fehlende Gewicht historischer Aufarbeitung führte eben auch zum Nachhall solcher Thesen wie von Manstein über ein angeblich mögliches "militärisches Patt" 1943 (wenn man ihn nur gelassen hätte :D )
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Mir scheint, ein Zitat beschreibt die bisherige und teilweise noch anhaltende Situation ausreichend.

    "Es gab, schrieb der Historiker Karl-Dietrich Erdmann, Zeiten im Kalten Krieg, da wurde "die Geschichte mit solcher Erbitterung in den ideologischen Kampf hineingezogen, dass ein gemeinsamer Boden für wissenschaftliche Kooperation oder gar Verständigung" nicht vorhanden war".

    Erstaunlich für mich persönlich ist, dass die "Betroffenen" mittlerweile fast alle tot sind und somit eigentlich die "subjektive Empfindlichkeit" von historischen Persönlichkeiten nicht mehr zu berücksichtigen ist.

    Aber offensichtlich ergibt sich ein historisches Bewußtsein, das "vererbt" wird und als ideologische links-rechts- Konfliktlinien weiterhin eine emotionslose und neutrale Bewertung verhindert.

    Das gilt bedauerlicherweise nicht nur für den Bereich des NS-Regimes, sondern ebenfalls für die Zeit der UdSSR.

    Die Ursache liegt m.E. an der "Mächtigkeit" von historisch gewachsenen "Freund-Feindbildern", die im Rahmen des politischen und teilweise auch wissenschaftlichen Diskurses permanent revitalisiert werden. So kann ein Theoretiker oder ein Buch leicht dikreditiert werden mit dem Hinweis, dass er "links" sei und von einer "linken Universität" kommen würde. Es muss dann auch gar nicht mehr erklärt werden, was inhaltlich problematisch sein könnte.

    Und solange diese Mechanismen funktionsfähig und in bestimmten Kontexten "hilfreich" (weil sie simplifizieren) sind, solange ergibt sich m.E. kein universelles gesellschaftliches Interesse an einer neutralen Diagnose von historischen Epochen. Leider!

    Erfreulich ist dagegen, dass es "aufgeklärte Inseln der Erkenntnis" gibt, die wenigstens ihre Subjektivität reflektieren und eine differenzierte, zweiseitige vorurteilsfreie Analyse anstreben.
     
  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kleines Update zu Chile: Angesichts des 44jähriges Jahrestages des Militärputsches in Chile (11. September 1973) will Regierungschefin Bachelet einen Gesetzentwurf ins chilenische Parlament einbringen, nach welchem bereits jetzt (und nicht erst 50 Jahre nach den jeweiligen Ereignissen) Folterprotokolle veröffentlicht werden können. Die Begründung für die 50-Jahrespflicht liegt wahrscheinlich in dem Abkommen zwischen der amtsmüden Putschregierung unter Pinochet und der damaligen exilierten Opposition, welche ein Amnestieabkommen beschlossen, um den Übergang von der Diktatur zur Demokratie (1990, allerdings blieb Pinochet bis 1998 militärischer Oberbefehlshaber und Senator auf Lebenszeit und war damit juristisch wie faktisch unangreifbar, solange bis er in England in Haft genommen wurde) möglich zu machen. Ex-Präsident Lagos begründete 2003 allerdings die Verlängerung der Archivsperre auf 30 Jahre mit den Persönlichkeitsrechten der Folteropfer. Was zunächst zynisch klingt, könnte durchaus einen realen Hintergrund haben. Lagos behauptete damals, dass sich ein weibliches Folteropfer an ihn gewandt habe, die 15jährig gefoltert und mehrfach auf verschiedene Art vergewaltigt wurde. Die Frau wollte nicht, dass ihre Kinder und Enkel von ihren Erlebnissen, insbesondere den Vergewaltigungen erführen.
     

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