Bevölkerungswachstum in Deutschland 19. Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Die Industrielle Revolution" wurde erstellt von Repo, 16. Mai 2011.

  1. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Im Fragen und Antworten zu 48er Revolution wurde diese These von mir in Zweifel gezogen.

    Ich finde, dass dies ein Extra-Thema wert ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
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  2. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    In einem Vortrag habe ich mal eine zeitgenössische Aussage gehört, die wohl ironisch gemeint war :grübel:, dass die Bauern nun darunter zu leiden hätten, dass sie noch mehr Mäuler zu stopfen hätten, da nicht mehr so viele durch die Pocken dahin gerafft würden. Die Quelle müsste aus der 2. Hälfte des 18.Jh. stammen.
    Ich denke, der Bevölkerungsexplosion ging erstmal eine Erholung von den langzeitigen Folgen der Katastrophe 30-jähriger Krieg für Dtl. voraus.
     
  3. Repo

    Repo Neues Mitglied



    Ich habe bei Tenfelde/Ritter "Der Arbeiter im Deutschen Kaiserreich" nachgeschaut.
    Zwischen 1875 und 1913 hat sich die deutsche Bevölkerung um über 50% von 42 auf 68 Millionen erhöht. Rein durch Geburtenüberschuss, die Wanderungsbilanz des Deutschen Reiches war negativ.

    Die beiden heben auch auf die Wechselwirkung "Industrialisierung - Bevölkerungszuwachs" und umgekehrt ab.

    Das wird meines Wissens auch mehrheitlich so gesehen.
    Zu Denken gibt allerdings, dass diese Wechselwirkung in Frankreich kpl. fehlt.
     
  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    So spektakulär ist dieser Zuwachs nicht, manche Entwicklungsländer sind da heute wesentlich "eifriger" mit jährlichen Wachstumsraten von 3% und mehr. Abzuklären wäre, ob an dem Trend im Reich nicht doch auch Einwanderer besonders aus dem Osten beteiligt waren. Viele jüdische Familien kamen erst im 19. Jahrhundert und auch viele Industriearbeiter rekrutierten sich zu einem Großteil, besonders in Berlin und dem Ruhrgebiet, aus Zugezogenen polnischer Herkunft.

    Vergleich zu heute:
    Population growth rate - Country Comparison - TOP 100
    Tja, wir wissen, wie Gloria das kommentieren würde...
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. Mai 2011
  5. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Die Grenzen waren zu nach Osten!
    Die Polen im Ruhrgebiet usw. waren Preussische Staatsbürger. die preussische Binnenwanderung war immens. Posen, Ost- Westpreussen und Oberschlesien.

    Als Entgegenkommen anläßlich des Flottenbaugesetzes 1900, wovon die Großagrarier ja nichts hatten, im Gegensatz zur Großindustrie, wurde die rigide Einwanderungspolitik etwas gelockert.
    Jedoch nur für Saisonarbeiter.
     
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  6. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Danke, @Repo, dass der Zar seine Leute möglichst nicht wegließ leuchtet mir ein. Aber war man bei k.& k. auch so rigoros? Bestimmt kommte man auch lokale Beamte in Galizien und Ruthenien schmieren, damit sie mal wegsahen, man war ja nicht in Preussen. Auch die vielen oft jüdischen Emigranten nach Amerika stammten doch m.W. meist aus dem Osten, die oft unter Pogromen durch Kosaken litten.
     
  7. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Nix Zar und k+k,
    die Germanskis in Preussisch-Berlin haben dicht gemacht. Sehr zum Leidwesen der Ostelbischen Großagrarier, deren Landarbeiter gen Westen zogen.
    12 Stundentag und Mietskaserne erwiesen sich als gar mächtige Pullfaktoren.:D

    Wie schon geschrieben, ihre Zustimmung zum Flottengesetz haben sich die Großagrarier mit einer Lockerung der Einreisebestimmungen für zumindest Saisonarbeiter abkaufen lassen.
     
  8. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Du meinst doch den Zeitrahmen der Gründerzeit ? Wikipedia für das überproportionale Bevölkerungswachstum in Deutschland. In http://www.geschichtsforum.de/f66/a...litik-auf-niedrige-geburtenraten-heute-22639/ muß es Zahlen zum B.-wachstum geben, allerdings weiß ich nicht mehr, wie weit die Zahlen zurückreichen.
    Das von dir genannte Wachstum von 42 auf 68 Mio erscheint mir so plausibel, dass ich gar nicht weiß, was du genau diskutieren möchtest.
     
  9. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

  10. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Eigentlich recht komplex was ich hier diskutieren will.
    Es geht mir letztlich darum, dass ich mir nicht so sicher bin, dass die Zeitzeugen der 1830-40-50er Jahre überhaupt eine "Soziale Frage" für ihre Zeit bejaht hätten.

    Das Indiz hierfür ist für mich die Bevölkerungsentwicklung, nur möglich durch die gewachsenen Erwerbsmöglichkeiten in der Industriellen Revolution, die wiederum so richtig Fahrt aufnahm durch das Bevölkerungswachstum.
    Genau dies wurde im anderen Thread in Frage gestellt, deshalb der leicht irreführende Thread-Titel.
     
  11. rena8

    rena8 Aktives Mitglied

    Mir ist immer noch nicht klar, was du genau meinst. Im frühen 19. Jhdt befindet sich die Industriealisierung in Deutschland doch noch in den Kinderschuhen, mit einem hohen Anteil an Heimarbeit als Nebenerwerb. Die Generationen, die von 1830-1850 geboren wurden, waren ab Mitte des 19. Jhdt die Arbeitskräfte der Industriealisierung in der Gründerzeit.
    Wenn es in dieser Phase schon zu einem deutlichen B.-wachstum kam, stellt sich mir die Frage, wodurch dieses ermöglicht wurde. Heim- und Kinderarbeit kann doch nur ein Faktor unter anderen gewesen sein. Verbesserte Gesundheitsvorsorge hast du schon erwähnt, kann man dafür die Auswirkung verifizieren.
    Wann wurden die Heiratsbeschränkungen gelockert?

    Für die Gründerzeit habe ich in Wien, Prag: Metropolenforschung - Google Bücher Zahlen für Wien und Prag gefunden, die dürften für deutsche Städte einen ähnlichen Trend zeigen. Interessant sind darin die Aussagen über die Zusammensetzung der Haushalte. Vor der Gründerzeit ist der Anteil der familienfremden Haushaltsmitglieder teilweise bei 50 %, das sind Dienstmädchen, Knechte etc. Diese Personengruppe unterlag starken Heiratsbeschränkungen. In der Gründerzeit wird dieser Anteil kleiner, auch ein Grund warum in dieser Phase in den Städten soviel neu gebaut wurde. Die Schicht der früheren Dienstmädchen, Tagelöhner, Mägde, Knechte fand Erwerbsmöglichkeiten in der neuen Industrie und konnte einen eigenen Haushalt mit Kindern gründen.
     
  12. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Nach genauerem Recherchieren muss ich diese Aussage revidieren.

    Eine "Soziale Frage" hätten die Zeitgenossen der 1830-1850er Jahre bejaht. Kinderarbeit und Frauenarbeit.

    Wobei die Industrialisierung zumindest für die Kinderarbeit recht schnell Verbesserungen brachte, in der Industrie wurde die Kinderarbeit auch früh verboten. Im Handwerk und Gastronomie erst 1903.
    Und in der Landwirtschaft? Nun meine Altersgenossen auf den Dörfern hatten noch Anfangs der 60er lediglich 3 Wochen Sommerferien, den Rest im Herbst "Kartoffel-Ferien" wurden mit der Hacke geerntet die Kartoffeln.

    Auch hier scheinen mir die Fakten anderes auszusagen, als gemeinhin angenommen wird.

    Zur Frauenarbeit bleibt dem Jetztmenschen lediglich zu sagen, dass sie schon damals deutlich schlechter bezahlt wurden, als die Männer.
     
  13. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die Industrialisierung beginnt überhaupt erst mit der Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt 1789, die ein Zeitalter der Maschinen und Fabriken einleitete. Ausgehend von England als führender Industrienation erfasste die Entwicklung um 1830 auch Mitteleuropa und Deutschland. Während in England jedoch die Textilindustrie der Industrialisierung zum Durchbruch verhalf, war in Deutschland der Eisenbahnbau der auslösende Faktor. Staatliche Maßnahmen förderten die Entwicklung aller Industriesparten und bildeten eine wichtige Voraussetzung für Deutschlands industriellen Aufschwung.

    Im Vergleich zu England erfolgte die Industrialisierung in Deutschland zeitlich verzögert. Die Phase der so genannten Frühindustrialisierung dauerte bis Mitte des 19. Jh. Erst ab 1850 erfolgte der umfassende Ausbau der Industrie, um 1900 schließlich war Deutschland eine Industriegesellschaft.

    Die territoriale Zersplitterung Deutschlands erwies sich lange als Hemmnis der industriellen Enzwicklung. Unterschiedliche Rechtssysteme und Zollgrenzen lähmten den Verkehr zwischen den einzelnen Territorien. Zwar gab es in Städten wie Augsburg, Nürnberg oder Solingen Schwerpunkte handwerklicher Fertigung und in einigen Mittelgebirgen Zentren mit Heimarbeitern. Doch blieb die Zahl der dort Beschäftigten gering, denn die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung arbeitete in der Landwirtschaft. In den Städten regelten Zünfte die handwerkliche Produktion, was sich hemmend auswirkte.

    Einen wichtigen Schritt in die Zukunft bildeten Reformen, die Länder wie Preußen oder Bayern einleiteten. Die Bauernbefreiung beendete die jahrhundertelange Erbuntertänigkeit, ermöglichte den Bauern die Selbstständigkeit oder zwang sie zur Lohnarbeit. Weitere Gesetze hoben den Zunftzwang auf und gewährten allen Bewohnern Freizügigkeit und Gewerbefreiheit. So konnte jeder einen Betrieb mit beliebigen Produkten eröffnen. Schließlich trug auch die Handelspolitik entscheidend zum Wandel der deutschen Wirtschaftsstruktur bei. 1818 schaffte Preußen die Zölle zwischen den Provinzen ab, die süddeutschen Staaten reagierten 1828 mit der Gründung eines eigenen Zollvereins und 1834 schuf der auf Anregung Friedrich Lists zu Stande gekommene Deutsche Zollverein allmählich einen einheitlichen deutschen Wirtschaftsraum.

    Nach zögerlichem Beginn vollzog sich zwischen 1850 und 1870 der Durchbruch zur Industriegesellschaft. Diese Periode wird in der Forschung oft als "Take-off-Phase", als Phase des endgültigen "Abhebens" bezeichnet. Die Industrialisierung breitete sich allerdings in regional unterschiedlicher Geschwindigkeit aus, zuerst in Schlesien, Sachsen und im Rheinland, später in Westfalen, Hessen, Baden, Württemberg und Bayern. Neben Industrieregionen gab es immer noch von wirtschaftlichen Neuerungen weitgehend unberührte Gebiete. Während die politischen und sozialen Veränderungen durch das Scheitern der Revolution 1848/49 gehemmt wurden, setzte sich der Prozess der Industrialisierung beschleunigt fort.

    Im Ruhrgebiet setzte die Industrialisierung übrigens verhältnismäßig spät ein. Um die Mitte des 19. Jh. war es noch weitgehend ländlich geprägt und die etwa 300 000 Einwohner verteilten sich auf kleine Landstädte und Dörfer. Erst 1837 wurde der erste Bergwerksschacht eingerichtet und 1847 erreichte die erste Eisenbahnlinie das Ruhrgebiet. Durch seine Kohlevorkommen entwickelte sich die Region allerdings rasch zum industriellen Ballungszentrum. Zwar hatte man hier schon seit dem Mittelalter in Kleinschachtanlagen Kohle gefördert, doch konnte der steigende Brennstoffbedarf der Hochöfen und Dampfmaschinen damit nicht länger gedeckt werden. So kam es zu einer Verkoppelung von Eisenindustrie und Kohlebergbau d.h. von Bergbau und Schwerindustrie.

    Deutlich wird das rasante Wachstum an den Einwohnerzahlen von Städten. So zählte Essen im Jahr 1850 nur 9000 Einwohner, 1880 bereits 57 000 und hatte 1910 eine Einwohnerzahl von 300 000 erreicht.
     
  14. Repo

    Repo Neues Mitglied


    OK
    Aber war die Industrialisierung jetzt ausschlaggebend für das Bevölkerungswachstum, eine Folge davon, oder haben sich die beiden Faktoren maßgeblich beeinflusst?

    Du nennst England.
    Wie ist das aber zB mit Frankreich. Dort hat die Industrialisierung eben zu keinem Bevölkerungswachstum geführt.
    Demnach muss es noch andere wichtige Faktoren gegeben haben.
    Auf alle Fälle ist das starke deutsche Bevölkerungswachstum für die schnelle Id. mit verantwortlich.
     
  15. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Frankreich nahm offenbar eine gewisse Sonderstellung ein.
    Tante Wiki sieht es so:
    Heute rechnet man schon aus, wann Frankreich Deutschland überholt haben wird.
    Demografie: 2045 mehr Franzosen als Deutsche - Ausland - FOCUS Online
    http://tu-dresden.de/die_tu_dresden...ngebote/ringvorlesung/rv0708/Vortrag_Gans.pdf
     
  16. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Kenne ich natürlich.
    Die Franzosen haben ihr Sexualverhalten, da sie recht wohlhabend waren, um 1850 herum umgestellt. sich in der Beziehung "industrialisiert" verhalten. Die Deutschen erst so ca. 1900. Die Indizes bestätigen den franz. "Wohlstand" 1850 nicht so ohne weiteres. Inzwischen haben die Franzosen auch noch einen Krieg verloren, die fälligen Reparationen wären im Verhältnis höher gewesen, als die 1918.
     
  17. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Es wäre (kulturhistorisch) interessant zu wissen, ob die Frauenarbeit tatsächlich nur wg. geringerer Bezahlung als Teil einer "sozialen Frage" angesehen wurde, oder ob die Tatsache selbst, dass Frauen arbeiten gehen "mussten" als sozial frag-würdig galt - und wenn ja, warum.

    Schließlich drängt sich die Parallele zur Kinderarbeit auf : War die Tatsache, dass Kinder arbeiten mussten verpönt, oder nur die geringe Bezahlung ?
     
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  18. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Da hilft ein Blick in die Gegenwart. Mit berufstätigen Frauen und Müttern haben manche Herren noch heute ein Problem.
     
  19. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Du meinst, dass sich die moralischen Ansichten seit 200, 150 oder 100 Jahren nicht geändert haben?
    Wenn ich mir anschaue, was im späten 19.Jh. von der Frau eines Arbeiters erwartet wurde, siehe "Das häusliche Glück"(1882), frage ich mich wie sie da noch hätte daneben arbeiten sollen.
    Ich bin damit immer vorsichtig, ob ein Blick in die Gegenwart so hilfreich sein soll.
     
  20. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Die Bezahlung hat bei der Argumentation gegen die Frauenarbeit mW keine rolle gespielt.
    Insbesondere die Kirchen sind Sturm gegen die Frauenarbeit gelaufen. Mit den bekannten Argumenten. Hausfrau und Mutter usw. kennt man ja.
    Eine Argumentation die heute als überholt gilt.

    Bis auf die Tatsache, dass auch damals die Bezahlung der Frau bei gleicher Arbeit deutlich niedriger war.


    Die Kinderarbeit galt als schädlich für die körperliche und moralische! Entwicklung des Kindes.
    Insbesondere wenn der Schulbesuch darunter litt, gab es kein Verständnis mehr bei der Gewerbeaufsicht. (Fabrik-Inspektion)

    Aber in beiden Fällen, Kinderarbeit und Frauenarbeit nahm die Landwirtschaft eine Ausnahmestellung ein. Bei den kleinen Hofgrößen bis 2 Hektar waren Frau und Kinder verm. die einzigen "Arbeiter" während der Familienvater einer anderen bezahlten Tätigkeit nachging.
    Und bei den noch häufigeren bis 5 Hektar wird es so anders auch nicht gewesen sein.
    Die Frau Bauer/Bäuerin in einer Person, die Kinder die Knecht und Mägde.
     

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