Beziehung Nomaden-Sesshafte

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Altertum" wurde erstellt von decebal, 29. Dezember 2009.

Schlagworte:
  1. decebal

    decebal Neues Mitglied


    wie wirkte sich der kontakt zwischen nomaden und sesshaften im detail auf die jeweiligen gesellschaften in der antike aus?
    wie nahmen die nomaden ihre lebensweise im vergleich zur sesshaftigkeit wahr?
    gab es fälle von nomadischen völkern, die einen wandel zur sesshaftigkeit ohne aüßere einflüsse vollzogen?
    wie war der kontakt zwischen nomaden verschiedener ausprägung(Fernwandernder Nomadismus/Nahwandernder Nomadismus)?
    gab es fälle von sesshaften völkern die zum nomadismus übergingen?
    (ich hoffe ihr verzeiht meine faulheit die groß-und kleinschreibung zu vernachlässigen)
     
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  2. Traklson

    Traklson Neues Mitglied

    Hallo,
    ich beschäftige mich im Moment schwerpunktmäßig mit der altvorderasiatischen Geschichte. Vielleicht kann ich Dir aus dem Bereich ein paar Anregungen geben, die Du dann weiterverfolgen kannst. Gibt es denn einen bestimmten Hintergrund für Deine Frage oder entspringt sie nur natürlicher Neugierde?

    1. Das erste was mir in den Sinn kommt, ist der Wandel vom Nomadentum zum sesshaften Leben in der Jungsteinzeit, wofür der (umstrittene) Begriff der „Neolithischen Revolution“ von Vere Gordon Childe 1936 in seinem Werk „Man Makes Himself“ geprägt wurde. Je nachdem, was Du unter „äußere Umstände“ verstehst, könnte dies Dein gesuchtes Beispiel sein. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist der Begriff „Revolution“ umstritten, der in Anlehnung an die „industrielle Revolution“ einen vom Menschen beabsichtigten Wechsel impliziert. Laut Christian Strahm (Welt- und Kulturgeschichte Bd.1, S. 124) sei der Mensch aber durch klimatische Veränderungen und viele Zufälle in diese Entwicklung „hineingerutscht“. Der Übergang zur „food-producing-stage“ sei keineswegs eine Erleichterung gewesen. Diese Entwicklung fand dort statt, wo die späteren Kulturpflanzen (bes. Emmer=Getreide) bereits in Wildform vorhanden waren. und die Niederschlagsmenge über 200mm lag. Der Mensch wurde also nicht durch „äußere Umstände“ wie Nahrungsknappheit zum sesshaften Leben gezwungen. Wenn Du Dich weiter informieren willst, Catal-Hüyük im heutigen Anatolien ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung.
    2. Eine wirklich gute Sache war der Anbau von Getreide und die ssshafte Lebensweise dann in Südmesopotamien in Verbindung mit künstlicher Bewässerung. Unter diesen neuen Bedingungen mutierte etwa die 2-zeilige Gerste zur sechszeiligen Form. Es konnten Überschüsse produziert werden, die Babylonien zur „Wiege der Zivilisation“ machten.
    Fortan wurde die Geschichte Mesopotamiens von der Begegnung der Sesshaften in den bewässerten Gebieten und den Nomaden in den Randzonen geprägt. Man versuchte die Nomaden durch Landzuweisungen sesshaft zu machen. Das spiegelt sich auch in der sumerischen Mythologie wieder (Der Streit zwischen Dumuzi und Enkimdu). In dieser Geschichte wird der Hirte (Nomade) Dumuzi im Wettstreit mit dem Bauern Enkimdu als derjenige dargestellt, der in den Lebensraum des Bauern mutwillig eindringt. Enkimdu jedoch erwidert diese Provokation nicht, sondern lässt die Schafe Dumuzis aus seinem Kanal(!) trinken. Er integriert den Hirten in seine Lebensweise. Auch der Kampf zwischen Gilgamesch und Enkidu endet damit, dass Enkidu vom Brot und Bier, das er nicht kannte, kostet, mit Gilgamesch Freundschaft schließt und in der Stadt Uruk verbleibt.
    Wenn es mehr um große Einwanderungswellen geht:
    Ein Beispiel für die Einwanderung und allmähliche Ansiedelung und Assimilation sind die nomadischen Amurriter in dieser Region.
    Inwieweit die semitischen Akkader Nomaden waren, ist umstritten. Ihre Kultur vermischte sich allmählich mit der sumerischen, was zu einer Blüte der Bildkunst (besonders Glyptik) führte.
    Wenn Du nach Details fragst, kenne ich hier ein paar schöne Beispiele. So wurden akkadische Lehnwörter in sumerische übernommen (kaufen, Sklave) und sumerische Lehnwörter ins akkadische (Pflug, Getreide, Bewässerungsbeamter). Die Akkader vermischten sich mit den Sumerern, übernahmen viele ihre Gewohnheiten und stiegen bald in hohe Positionen auf. Sargon I. schließlich gilt als Begründer des Reiches von Akkad, das Südmesopotamien (Sumer) und Nordmesopotamien umfasste. Damit einher ging die Einführung des monarchischen Prinzips, Vergöttlichung des Herrschers (Naramsin), erste Hinweise auf Landkäufe und Privateigentum. Der Herrscher löste den Tempel als „größter Kapitalist des Landes“ ab. Diese Entwicklung ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass nach sumerischer Auffassung das gesamte Stadtgebiet und alle Einwohner Eigentum des jeweiligen Stadtgottes waren (Stichwort „religiöser Staatssozialismus“).
    (Ich habe mich hier überwiegend auf die Fischer Weltgeschichte Bd.2 gestützt. Der Mythos von Dumuzi und Enkimdu ist dem Buch „Das Tor der Götter“ von Walter Beltz entnommen.)

    3. Was das Selbstverständnis der Nomaden angeht, kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich würde da nach Mythen, Geschichten und Liedern suchen, die von Sesshaften aufgezeichnet wurden. Mir fällt da so kein Beispiel ein. Die Entstehung der Schrift hängt ja mit den Erfordernissen einer Verwaltung zusammen. Bei Nomaden gehe ich eher von mündlicher Überlieferung aus. Also müsste man nach Quellen suchen, die die mündliche Überlieferung von Nomaden schriftlich festgehalten haben.
    „…, wie seinerseits der Nomade mit begehrlichem Auge wohl auf die Güter, nie aber auf die Lebensform der Sesshaften geschaut hat.“ (Fischer Weltgeschichte Bd.2, S. 67)
    Was die Nomaden an der Lebensweise der Sesshaften wohl nicht beneidet haben, war, dass mit der Entstehung größerer staatlicher Gebilde die Freiheit des Einzelnen zunehmend eingeschränkt wurde.
     
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  3. Traklson

    Traklson Neues Mitglied


    Ich habe gerade auf in diesem Forum nach einen Hinweis gefunden:


    Geschichtsforum.de - Forum für Geschichte > Altertum > Hochkulturen Mesopotamiens
    Aus dem Beitrag von "Babylonia" : Mesopotamische Wirtschaft und Gesellschaft

    "Die babylonische Stadt war „Sitz im Leben“ und die städtischen Quellen tendieren stark zu einer Marginalisierung nichtstädtischen Lebens. Für die urbanen Babylonier bedeutete allein Stadtleben zivilisiertes Leben, der Nomade wurde als Barbar bezeichnet und verachtet. Umgekehrt existieren im Stadtarchiv von Mari (Stadt am mittleren Eüphrat, an der Grenze zu Syrien) Selbstzeugnisse von Amurritern, die sich stolz zu ihrem nomadischen Ethos bekennen: „Wenn ich auch nur einen Tag in einem Haus bleibe, bin ich betrübt, bis ich hinauskomme und (wieder) frei atmen kann“. Ökonomisch verkehrten die Städter mit den Nomaden dann, wenn Nomaden mit der Betreuung der Herden beauftragt wurden, die den Städtern oder urbanen Institutionen gehörten."

    In den Tontafeln aus Mari sind also Selbstzeugnisse von Nomaden zu finden.
     
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  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Bekanntlich findet sich die Bezeichnung "Nomaden" - d.h. Hirtenvölker bzw. Wanderhirten, die mit ihren Herden umherziehen - als terminus technicus bereits bei antiken Autoren wie Herodot oder Polybios. Der Nomadismus ist eine sehr komplexe Lebens- und Wirtschaftsform, zu dessen Merkmalen Herdenviehzucht ohne Stallhaltung und jahreszeitlich bedingte Wanderzyklen zwischen Sommer- und Winterweiden zählen. Herdentiere sind - je nach Klima- und Vegetationszone - Schaf, Ziege, Rind, Kamel oder Yak.

    Seit undenklichen Zeiten gibt es einen Antagonismus zwischen Bauern und Nomaden, zwischen friedlichen Ackerbestellern und kriegerischen oder räuberisch umherziehenden Menschengruppen. Denn wenn die Nomaden nicht selbst ausreichend Bodenbau betrieben, um sich mit pflanzlicher Zusatzkost zu versorgen, so suchten sie ihren Bedarf durch Tauschhandel, erzwungene Tributleistungen unterworfener Bevölkerungsgruppen und gegebenenfalld durch Raubzüge zu decken. Außerdem tauschten sie Vieh und tierische Produkte gegen Handwerkserzeugnisse, Waffen und Luxusartikel, die sie selbst nicht herstellten.

    Die Frage nach der Entstehung des Reiternomadentums konnte von der Forschung bisher nicht zufriedenstellend beantwortet werden, sodass man sich mit Hypothesen behelfen muss. Weder die Dreistufenlehre des Evolutionismus - Wildbeuter-Hirten-Bauern - noch die These, nach der die reiterische Nutzung des Pferdes auf die Zucht und Haltung des Rentieres zurückzuführen sei, stieß in der Forschung auf einheitliche Zustimmung. Sicher scheint nur, dass die Ausbreitung des Nomadismus in den Steppen Eurasiens eng mit der beginnenden Nutzung des Pferdes als Reittier verbunden war, während es sich beim Kamel- und Rentiernomadismus um spätere Erscheinungsformen handelt.

    Ferner ist die Auffassung verbreitet, dass sich die Anfänge des Reiternomadismus aus einem frühen Steppenbauerntum auf Getreidegrundlage und mit Kleinviehhaltung herleiten. Erst die reiterische Nutzung von Pferden und Kamelen versetzte die Träger dieser Kulturen in die Lage, Steppen- und Wüstenzonen weiträumig zu durchstreifen.

    Zu den ersten (bekannten) Reitern, die seit dem 8. Jh. v. Chr. in die Steppen vordrangen, zählen v.a. iranische Völker wie Saken und Skythen, die auf ihren Wanderungen bis in das Gebiet der heutigen Mongolei gelangten, wo sie auf autochthone protomongolische und alttürkische Ethnien stießen, die seit dem 5. Jh. v. Chr. ebenfalls zum Nomadentum übergingen.

    Das harte Leben in der Steppe und die ständigen Auseinandersetzungen um Weideplätze und Herden stellten zusammen mit dem Verlangen nach Beute hohe Anforderungen an die Kampfbereitschaft der Reiternomaden. Begünstigt wurde die damit verbundene Expansion der Reiter durch eine überlegene Bewaffnung und Kriegführung, denen die sesshaften Völker und Ackerbauern meist nicht gewachsen waren. Entsprechend widersprüchlich gestaltete daher das Verhältnis der Reiter zu ihren sesshaften Nachbarn. Längere Friedensperioden wurden von Beutezügen unterbrochen, in denen die Reiternomaden nicht mehr durch Handel und Tribute in den Besitz der begehrten Kulturgüter und Agrarerzeugnisse gelangten, sondern zur kriegerischen Expansion übergingen.

    Das Auftreten der Nomaden löste in allen Hochkulturen ein großes Echo aus und führte zur Entstehung eines relativ einheitlichen Bildes in chinesischen, vorderasiatischen, byzantinischen und abendländischen Quellen. Reiterinvasionen wurden oft von muslimischen, christlichen oder jüdischen Autoren als grausame aber gerechte Strafe Gottres für Sünden der heimgesuchten Völker empfunden.

    Zu betonen wäre noch, dass die Reiternomaden die Ausbeutung sesshafter Völker keineswegs als Unrecht oder Makel empfanden, sondern ganz im Gegenteil einen reichen Beutezug als besonderen Gunsterweis der Götter betrachteten und die Bedeutung des Einzelnen um so höher schätzten, je mehr Beute er heimbrachte. Das Wertesystem und der Moralkodex waren somit von dem sesshafter Völker fundamental verschieden.
     
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  5. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ich weiß nicht, ob es den Hinweis in diesem Thread schon gab: Ähnliches lässt sich in Nordamerika sehr viel später beobachten. Erst die (Wieder-) Einführung des Pferdes durch die Europäer ermöglichte die Entwicklung der nomadischen Kulturen der Indianer der Greast Plains. Bevor diese Völker Tiere hatten, die beim Transport der lebensnotwendigen Güter halfen, war der "echte" Nomadismus nicht möglich.

    Hier ist wohl auch zu bedenken, dass die Einhegung "ihres" Weidelandes durch Ackerbauern auf viehhaltende Nomaden ebenso ein aggressiver Akt darstellte wie die Zerstörung der Felder bzw Überfälle auf Dörfer durch eben diese.
     
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  6. tejason

    tejason Neues Mitglied

    Kontext Völkerwanderung:

    Wirklich sehr schöner Beitrag von Dieter! Kann ich nur unterstreichen.
    Generell sollte man auch unterscheiden von der Art des Nomadismus. Es können auch wandernde Hirten mit ihren Schafen sein, doch was man normalerweise unter Nomaden versteht, ist ohne (teils zusätzliche) Reit-/Zugtiere nicht möglich. Das klassische Tier dafür ist das Pferd, durch welches die Nomaden in der Regel erst ihre ausgedehnten Wanderungen durchführen können und um Weidegebiete zu nutzen, die sonst nicht wirtschaftlich zu erreichen sind (Saisonweiden). In der Tundra spielt das Pferd keine Rolle und es sind Rentiere, die gleichermaßen den Reichtum der Herden bilden, als auch Transportmittel bilden. Auf weitere Tiere mag ich nicht eingehen, denn die klassisch- antiken Nomaden sind nun einmal die Steppennomaden als Reiter!

    Wenn der Bauer sein Land bestellt und dadurch seinen Lebensunterhalt erwirtschaftet, entwickelten sich rasch Städte und Reiche. Sie alle basierten letztlich auf der Tätigkeit des Bauern. Landbesitz war die Grundlage des Reichtums, noch vor Handwerk oder Handel. Egal ob altorientalisch/ägyptische „Tempelstadt“, antike Polis, römische Republik oder mittelalterliches Feudalsystem: Sie alle basieren auf Landbesitz und Verfügungsgewalt darüber. Erinnert sei nur daran, dass es für einen römischen Senator nicht als Standesgemäß galt, seinen Lebensunterhalt durch für ihn arbeitende Handwerker oder Händler zu bestreiten (und Senator zu werden hing unter Anderem von persönlichem Reichtum ab!); die einzige Art „anständig“ Geld zu verdienen war über Landbesitz! So gab es sogar Vorschriften wie viel Land ein solcher Senator in Italien zu bewirtschaften hatte…

    Das ist der vollkommenste, denkbare Gegensatz zum Reiternomaden! Ihm bedeutet Land nur so lange etwas, wie er es beweidet, es wird erst durch seine Tiere wertvoll und diese hegt, pflegt und zählt er ständig. Schon in der Bibel zählen die Patriarchen gerne ihre Tiere, obwohl sie (wohl) Hirtennomaden waren und keine Reiternomaden. Die „reisende“ Lebensweise macht Nomaden zu natürlichen Händlern, zumal sie selbst oft genug auf Produkte von Sesshaften angewiesen sind – oder besser Bedarf danach haben! Neben dem Besitz von Tieren ist die Beherrschung von Menschen für die Clanführer der Reiternomaden sehr wichtig, denn sie sind ebenso wie die Weiden aus ihrer Sicht „Produktionskapital“, durch welche sich ihr Tierreichtum und ihr Ansehen mehren lassen lässt. Daher ist der ständig in der Literatur anzutreffende „Menschenraub“ der Nomaden (sprich Versklavung) zu erklären. Dabei sind aber nur Menschen wertvoll, die Produktiv sein können. Bei den bereits von Dieter angesprochenen Überfällen auf Sesshafte, können etwa Städte, deren Bewohner sie nicht alle mit sich schleppen können, eine grausige Behandlung erfahren haben. Dergleichen ist daher nicht zuletzt etwa im Kontext mit dem Hunnensturm der Völkerwanderungszeit zu finden.

    Hierbei finden sich auch Beispiele von Völkern, die (wieder) sesshaft werden. Das passt sehr gut in manche Diskussion die im Bereich Völkerwanderung hier anzutreffen sind. Es gibt verschiedene Abstufungen des Nomadismus. Die Hunnen kamen aus der Steppenwelt des Ostens und lebten von ihrem Vieh, waren berüchtigte Reiter, kämpften vor allem mit dem Bogen (und erst dann mit dem Schwert), kannten keinen Landbesitz und strebten ihn Anfangs in Europa wohl auch kaum an. Sie gingen unter, als sie sich nicht erfolgreich in die europäische Völkerwelt integrieren konnten.

    Ein anderes Beispiel sind die Ostgermanen, früher teils auch als „gotische Völker“ bezeichnet. Zu ihnen gehören vor allem West- & Ostgoten, Vandalen und Gepiden. Als die Hunnen kamen waren Teile von ihnen (etwa Terwingen, oder „Westgoten“) noch eindeutig Bauernkulturen, während weiter östlich lebende Gruppen (etwa Greutungen, oder „Ostgoten“) schon zu großen Teilen verreitert waren. Diese Verreiterung ging aber nicht so weit wie bei den Hunnen, sondern kannte wohl auch eher sesshaftes Leben, wenn wir auch keine Details kennen. Die verreiterten Ostgermanen kannten weiterhin Landbesitz (strebten ihn etwa im Kontext mit dem Römischen Reich zumindest ständig an!!), waren ebenfalls berüchtigte Reiter, kämpften aber vor allem mit Reiterlanze und Schwert. Diese Lebensform nahmen zeitweilig alle „wandernden Ostgermanenvölker“ an.

    Die Vandalen etwa marschierten zuerst nach Spanien, als sie Gallien verheert hatten und ließen sich dort auch als Bauern nieder, denn sie verkauften den nach der Plünderung Roms nach Südfrankreich im Konflikt mit Rom abgezogenen Westgoten zu überteuerten Preisen Getreide! Nachdem sie sich Nordafrikas bemächtigt hatten, nahmen sie sich wieder Landbesitz als Grundlage ihres Lebens. Obwohl sie in militärischem Sinne (wie die genannten Goten) verreitert waren, ja allein in Afrika eine jahrzehntelange Wanderung hinter sich hatten, basierte ihr Leben auf den Abgaben des Landes. Bei Ost- und Westgoten war es vergleichbar, nur das diese ihre Ländereien meist als Gegenleistung für ihren Militärdienst zur Nutzung überlassen bekamen. Wenn sie allerdings wollten, zahlten sie den eigentlichen, römischen Eigentümern ungefragt eine festgelegte Ablösesumme und damit hatten sie das Land auch als rechtliche Eigentümer übernommen.

    Während also Ostgermanen anscheinend nur wenige Probleme dabei hatten zuerst zu „Nomaden“ zu werden und anschließend wieder sesshaft zu werden, scheiterten „echte“ Nomaden wie die Hunnen dabei sich umzustellen. Die nach den Hunnen eintreffenden Awaren machten kompromisse und passten ihre Lebensweise teilweise an, gingen dann aber politisch unter, da es ihnen an bestimmten, im damaligen Europa wohl notwendigen Anpassungen ihrer politischen Struktur fehlte. Erst bei der nächsten Reiterwelle: Den Ungarn gelang dies erfolgreich, indem sie eine sesshafte Lebensweise annahmen, sich christianisieren ließen und ein Feudalsystem ausbildeten.

    Und hier sind wir schon nahe am Kriegerideal der Völkerwanderungszeit. Dieses Kriegertum wurde von vielen kriegerischen Völkern mit einem entsprechenden Ehrbegriff geteilt, auch ohne „echte Nomaden“ zu sein. Das ermöglichte sowohl eine ethnische, als auch eine gewisse soziale Mobilität in solchen Gesellschaften. „Völkische“ Abstammung war für gewöhnliche Volksangehörige/Krieger kein Hinderungsgrund für die Aufnahme in wandernde Stämme. Sowohl in die Reihen der Goten, Hunnen als auch anderer Völker wurden fremde Ethnien aufgenommen: Als Einzelperson ebenso wie als Teilgruppen. Ethnische Barrieren scheinen sich in Bauerngesellschaften und auch bei sesshafter Lebensweise deutlich stärker auszuwirken als bei „frei ziehenden Nomaden“…

    @Reinecke:
    Ist zwar richtig, aber eingehegte Ackerflächen in großem Umfang kannte die Antike nicht. Dazu musste erst der "Stacheldrahtzaun" erfunden werden. Vorher gab es vielleicht Gebiete, die nicht leicht durchzogen werden konnten, aber keeine großflächige Abgrenzung. Natürlich sind Oasen/Wasserlöcher oder wichtige Raststationen ihrer saisonalen Wanderungen durch Bauernbesiedlung eine praktisch gleichbedeutende Einengung ihrer Lebensgewohnheiten. Sie werden aber in der Lage gewesen sein ihre Ansprüche kurzerhand durchzusetzen...
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Januar 2010
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  7. Turandokht

    Turandokht Neues Mitglied

    "Nomaden" heißt aber trotzdem nicht automatisch "Reiternomaden". Schafnomaden sind nicht etwa keine "richtigen" Nomaden, bloß weil sie keine Reittiere benutzen. Man darf nicht davon ausgehen, daß alle Nomaden riesige Entfernungen zurücklegen. In vielen Gegenden gibt es einen sehr kleinteiligen Nomadismus, z.B. vertikalen Nomadismus, wo die Gruppen mit ihren Herden zwischen Berg- und Talweiden wechseln. Dafür braucht man nicht zwingend Reittiere.
     
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  8. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Wobei mE fraglich ist, ab wann es Sinn macht, von Nomaden zu sprechen.

    Bei Berg- und Talweide denk ich bspw an die klassische Hochgebirgs-Viehhaltung, wie sie teilweise noch heute in der Schweiz praktiziert wird; das ist keine nomadische Lebensweise, bzw ich habe den begriff in diesem Kontext noch nicht rezipiert.
     
  9. Turandokht

    Turandokht Neues Mitglied

    Da kannst Du gern dran denken (diese Form heißt dann Transhumanz/Almwirtschaft), aber es gibt trotzdem vertikalen Nomadismus, wo eben die gesamte Gruppe mobil ist. Genau das ist nämlich der Knackpunkt. Bei der Almwirtschaft sind ja immer nur weniger Mitglieder einer Gruppe unterwegs. Ich beziehe mich hier übrigens auf die wissenschaftliche Definition von Nomadismus. ;)
     
  10. decebal

    decebal Neues Mitglied

    danke

    ich habe inzwischen ausreichende antworten auf meine fragen erhalten/gefunden.außerdem habe ich versucht mich über die ringwallanlage von bilsk (ukraine),die mit dem gelonos identifiziert wird ,zu informieren.leider gibt es keine fachliteratur über diese fundstätte in deutscher oder englischer sprache.:motz:
     
  11. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Owen Lattimore hat über die Veränderung nomadisch lebender Menschen in Kontakt mit Sesshaften, insbesondere dann, wenn die Nomaden die Herrschaft über die Sesshaften erringen geschrieben:

    “It is the poor nomad, who is the pure nomad”.
    Er hatte damit nur bzw. allenfalls teilweise Recht.
     

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