Bis wann hielt sich die gallische Sprache im römischen Gallien?

Dieses Thema im Forum "Die Kelten" wurde erstellt von Witiko, 3. September 2017.

  1. Witiko

    Witiko Mitglied


    Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Sprachwissenschaftler hier...

    Bei Wikipedia steht, Gallisch sei noch bis etwa AD 500 gesprochen worden (in ländlichen Regionen nehme ich an).

    Weiss da jemand näheres zu dem Thema? Nach der römischen Eroberung haben ja wohl erstmal nur Aristokraten und städtische Eliten sowie Kaufleute Latein gelernt. Im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte wurde dann die keltische Sprache immer weiter aus den urbanen Zentren verdrängt, bzw. mischte sich mit Vulgärlatein zum Vorfahren des Französischen.

    Zum einen würde mich interessieren, wieso die Landbevölkerung überhaupt aufhörte, Gallisch zu reden. Dazu gab es doch keinen Grund oder? Soviele Römer gab es ja nun auch nicht in Gallien.

    Und als die Germanen und Hunnen ins Weströmische Reich einfielen, etwa 100 Jahre vor dem angeblichen Aussterben des Gallischen, hätte ja eigentlich eine Renaissance des Gallischen stattfinden können, da sich ja auch zu diesem Zeitpunkt die lateinischsprachigen Städte beträchtlich entvölkert hatten.

    Zum anderen wüsste ich gern, wo und wie lange man nach 500 n. C. noch Gallisch sprach, als die Römer schon lange fort waren?

    Zeitgleich wanderten auch massiv keltische Britannier aus den Inseln in die spätere Bretagne. Haben sich beide Sprachen irgendwie beeinflusst?
     
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    Keltische Sprachen – Wikipedia
     
  3. Apvar

    Apvar Premiummitglied


    Also, bei Tante Wiki steht. das die gallische Ausprägung der Keltischen Sprachfamilie schon im 3. Jahrhundert nach Christi ausstarb. Soweit so gut.
    Warum soll ich wenn meine Sprache ändern, wenn ein Teil der Verwaltung, in dem Fall wohl auch des Militärs weg zieht? Die große Mehrheit der Bevölkerung sprach einen mehr oder minder ausgeprägten Lateinischen Dialekt. Und Händler und Kaufleute die mit Britannien oder auf der Iberischen Insel Handel treiben wollten, mußten sich ja auch noch mit ihren Handelspartnern verständigen.
    Die keltischen Briten (?) waren ja auch stark über die Jahrhunderte mit der Lateinischen Sprache vertraut. Auch hier wieder die Frage warum zu einer ausgestorbenen Sprache wechseln?
    Als die Franken nach Frankreich kamen, welche Sprache wurde von wem gelernt? Die neuen Herren haben sehr schnell ein auf Vulgärlatein basierendes Französisch gelernt. Das gleiche gilt Jahrhunderte später auch bei den Normannen.
     
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Auch auf dem Land wurde Latein gesprochen.
    Insbesondere von denen, die das Sagen hatten:
    Villa rustica – Wikipedia

    Die Christianisierung dürfte das Aussterben des Gallischen vollends beschleunigt haben.

    Das wird sich nicht beantworten lassen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass nach 500 n. Chr. überhaupt noch Gallisch gesprochen wurde.

    Die letzten gallischen Inschriften stammen aus der Zeit um 300 (Spinnwirteln von Autun). Das ist schon ein Gallisch mit starkem lateinischen Einschlag, z. T. ein gallisch-lateinischer Mischmasch, z. B. "ave vimpi" oder "nata vimpi pota vinum"
    The Celtic Languages in Contact

    Die letzte Nachricht über Gallisch als gesprochene Sprache stammt von Hieronymus, der sie um 367 noch bei den Treverern gehört hat.

    Torsten Meissner ("Das Hieronymuszeugnis und das Aussterben des Gallischen", in: Zeitschrift für celtische Philologie 57, 2010) diskutiert eine Inschrift aus Trier (um 400), die zwar in lateinischer Sprache gehalten ist, aber deren Verfasserin möglicherweise noch zweisprachig war.
     
  5. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Der letzte(?) Hinweis auf die gesprochene keltische Sprache der Gallier findet sich bei dem Kirchenvater Hieronymus, der behauptet, die Sprache der Galater (Kleinasien) sei so ähnlich wie die der Treverer (Trier).
    Hieronymus ist im 4. Jahrhundert weit herumgekommen. Seine Informationen könnten aus erster Hand stammen.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hieronymus behauptet das im Kommentar zum paulinischen Galaterbrief:

    "Galatas excepto sermone Graeco, quo omnis oriens loquitur, propriam linguam eamdem pene habere quam Treviros."
    Ich habe Spanisch studiert und dort gelebt; meine Lebensgefährtin höre ich regelmäßig mit ihren Eltern eine slawische Sprache sprechen; ich kann Portugiesisch sehr gut leseverstehen (also lese anhand meiner Spanischkenntnisse portugiesische Texte einfach runter), aber wenn Portugiesen oder Brasilianer sprechen höre, denke ich häufig, ich würde eine slawische Sprache hören. Will sagen: Es darf bezweifelt werden, ob Hieronymus da wirklich die Kompetenz zu hatte, eine Ähnlichkeit der Sprachen festzustellen. Ich denke eher, es wird sein Wissen von der Herkunft der Galater gewesen sein, die ihn eine Ähnlichkeit zwischen dem gallischen Dialekt im Raum Trier und dem Galatischen hat hören lassen.
     
  7. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Dem größten Philologen seiner Zeit vorzuwerfen, sich nicht genug für die Sprache seiner jahrelangen Nachbarn interessiert zu haben, ist kein vertrauenerweckendes Argument. Umgedreht lässt sich daraus, dass sich die Dialekte von Treverern und Galatern unterschieden haben müssen, schließen, dass es mit seiner Kenntnis dieser Sprachen nicht so weit her war, oder er es nur ganz allgemein gemeint hat. Da er Latein und Griechisch konnte, ist das Zeugnis für die einheimische Sprache jedenfalls sicher.

    (Theoretisch ist zwar möglich, dass er fließend keltisch sprach, aber eher wahrscheinlich ist, dass er vielleicht eine Wortliste notiert hat, ohne sich etwas zu merken oder aus Trier einen Einheimischen mit in den Orient genommen hat oder, oder, oder.)

    (Die Frage, wie keltisch die Treverer und wie gallisch ihre Sprache war, kommt hinzu, da sie behaupteten germanischen Ursprungs zu sein.)

    Abgesehen von Hieronymus habe ich dunkel im Kopf, dass keltische Spuren im Französischen das Hauptargument sind, dass das Gallische erst so spät ausgestorben ist. Oder habe ich mir das falsch gemerkt?
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Insbesondere ist er als junger Mann so um das Jahr 367 nach Trier gekommen, wie ich oben schon schrieb.


    Was heißt hier "jahrelangen Nachbarn"?
    Wie lange hielt er sich in Trier auf?
    In Trier sprach man vor allem Latein.
    Wie oft wird er gehört haben, dass sich Einheimische in einer ihm unverständlichen Sprache unterhielten?


    Das sind zwei verschiedene Fragen. :)

    Ihre Sprache dürfte wohl schon ziemlich gallisch gewesen sein. Da habe ich etwas in einem alten Thread gefunden:
    Treverer = Kelten ?

    Letzteres, befürchte ich...
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    War Hieronymus denn Philologe? Er hat doch hauptsächlich aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt; seine Wendung er habe iuxta hebraeos übersetzt wird zwar häufig so interpretiert, als habe er behauptet, aus dem Hebräischen übersetzt zu haben, aber angesichts moderner philologischer Untersuchungen, die davon ausgehen, dass er eben nicht direkt aus dem Hebräischen übersetzt hat und iuxta hebraeos mit 'gemäß den Juden' zu übersetzen ist, würde ich hier eine Fehlinterpretation annehmen. Als täglich eine slawische Sprache hörender Hispanist - ich wiederhole mich - sage ich dir, dass ich gesprochenes Portugiesisch nur sehr schwer vom gesprochenen Slawisch unterscheiden kann, wohingegen ich Portugiesisch lese, wie Spanisch. Dagegen habe ich schon häufiger, wenn ich Griechisch gehört habe, zunächst gedacht, es handele sich um Spanisch, da sich die Sprachmelodien beider Sprachen sehr ähneln, obwohl sie nur mittelbar miteinander verwandt sind. Insofern habe ich meine Zweifel, dass auch ein Philologe, als den ich Hieronymus nicht wirklich anerkennen mag, allein von der Sprachmelodie in der Lage ist, eine Sprachverwandtschaft zu behaupten.
     
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  10. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Die Sprachlichkeit einer Bevölkerung ist ja kein entweder oder. Wenn im 4. Jhd. noch jemand was auf Gallisch schreibt, dann zeigt dies die Sprachkenntnisse und eine Motivation für diesen Text.
    Es kann aber sehr wohl sein, dass der Schreiber im Alltag überwiegend Vulgärlatein gesprochen hat und eventuell klassisches Latein schreiben konnte.

    Ich stelle mir die Realität wie heute mit Leuten türkischer Herkunft oder Dialekten vor. Mit mir reden sie Deutsch, untereinander aber ihre Sprache oder einen Mischmasch.
     
  11. Witiko

    Witiko Mitglied

    Es gibt wenn ich mich recht entsinne, ein paar hundert Wörter gallischen Ursprungs im Französischen, meist aus dem Bereich der Landwirtschaft. Und ich meine irgendwo gelesen zu haben, Französisch sei Latein mit gallischem Akzent, was unter anderem die ganzen Nasallaute erklären würde, die z. B. im Italienischen fehlen...

    Es muss wohl eine recht lange Übergangsphase gegeben haben, in der die Mehrheit der Bevölkerung das von Sepiola erwähnte Mischmasch sprach, also ein mit gallischen Vokabeln durchsetztes Vulgärlatein. Womöglich hat es entsprechend lange auch zweisprachige Gallier gegeben, die neben Gallolatein auch noch reines Gallisch konnten.
     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Zweifellos gibt es ein keltisches Substrat im Französischen (welches aber teilweise auch in andere romanische und nichtromanische Sprachen eingegangen ist), am leichtesten auf der semantischen/lexikalischen Ebene zu ermitteln (etwa carrus, carro, car, Karren), etwas schwieriger auf der syntatischen. Es gibt die Hypothese, dass das keltische verantwortlich für die Lenisierung des lateinischen p-t-k zu b-d-g (und teilweise gänzlichem Ausfall) verantwortlich ist. Lat. vita > ital. vita, span. vida, frz. vi_e. Allerdings gibt es auch Momente, die gegen das keltische Substrat bei der Lenisierung sprechen. Der französische Nasal ist eher als rezente Entwicklung zu betrachten, die am vorläufigen(!) Ende* einer phonetischen Entwicklung steht. Der Nasal ist wohl am ehesten als Reminiszenz an im Laufe der Jahrtausende ausgefallene Laute und deren Nachwirkung zu erklären.


    *Solange Sprache lebt, entwickelt sie sich freilich fort.
     
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  13. Heine

    Heine Aktives Mitglied

    Nasale gibt es auch im Portugiesischen und im gesprochenen Englisch und Deutsch. Der Anteil des gallischen Substrats im Wortschatz des Französischen ist im Verhältnis zum altfränkischen Superstrat gering.

    Laut englischer Wikipedia weist auch die Aussprache des modernen Französisch eher germanischsprachigen Einfluss auf.
    List of French words of Germanic origin - Wikipedia
     
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  14. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Nasalvokale gibt es auch im Polnischen.

    Und es gab sie im klassischen Latein!

    Mir ist aber nicht bekannt, dass sie sich im Gallischen nachweisen lassen.
     
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  15. Witiko

    Witiko Mitglied

    Auf der französischen Wikipedia lese ich, dass es etwa 400 Wörter altfränkischen Ursprungs im modernen Französischen gibt [1], sowie eine nicht benannte Anzahl Wörter gemischten Ursprungs (also Altfränkisch u. Spätlatein). Demgegenüber schwanken die Einschätzungen, was das gallische Substrat betrifft, zwischen 70 und 200 Wörtern (darunter lateinische Lehnwörter). Allerdings ist unbekannt, in welchem Umfang das Gallische die Syntax und Aussprache beeinflusst hat. Dass aber das Gallische die französische Phonetik beeinflusst hat, gilt als gesichert. [2] Auch das Vigesimalsystem geht ziemlich sicher aufs Gallische zurück.

    Ich würde eigentlich eher von einem gallischen Einfluss auf die Aussprache ausgehen, da Gallolatein die Sprache des Volkes war, Altfränkisch hingegen jene der zahlenmässig weit unterlegenen Aristokratie und militärischen Elite.
    Aber das ist natürlich reinste Spekulation...

    Wie sieht's denn nun mit einem Einfluss auf das Bretonische aus?

    Bei Wiki steht, ein Keltologe namens Léon Fleuriot habe in seinem 1980 erschienenen Werk Les origines de la Bretagne : l'émigration eine gewisse Nähe beider Sprachen festgestellt. Da es sich ja um keltische Sprachen handelt, ist das nicht weiter verwunderlich. Leider geht der Artikel nicht weiter darauf ein, somit wissen wir auch nicht ob Fleuriot besagte Nähe lediglich mit einer aufs Proto-Keltische zurückgehende gemeinsame Abstammung erklärte, oder ob er eventuell auf eine Evolution des Bretonischen unter Einfluss spätgallischer Restelemente anspielte, wie im frz. Wiki-Artikel über Alt-Bretonisch angedeutet. Weiss da jemand mehr?

    [1] Jacques Moeschler, Sandrine Zufferey, Initiation à la linguistique française, Armand Colin, 2010.
    [2] Pierre-Yves Lambert, La langue gauloise, Errance, 1994.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2017
  16. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    "Narbonensis provinicia appelatur pars galliarum, quae Interno mari adluitur...Agrorum culut, virorum morumque dignatione, amplitudine opum nulli provinciarum postferenda breviteque Italia verius quam provincia." (Plinius, n.h. 3,31)

    Zuerst sollten wir in der Diskussion zwischen der Narbonensis und dem übrigen Gallien unterscheiden. In die Narbonensis gab es seit augusteischer Zeit einen breiten Zustrom italischer Siedler, Plinius schildert Südgallien als vorbildliche Provinz Italiens, die in vielem dem Mutterland ähneln würde. Die Narbonensis oder Gallia Transalpina war seit 125 v.Chr. erobert, seit den 80er Jahren v.Chr. erreichte sie den Provinzstatus. Wer heute die römischen Fundstätten und Ausgrabungen von Glanum (St.Remy), Vasio (Vaison la Romaine) anschaut, die Amphittheater von Arausio (Orange) oder Arelate (Arles) besichtigt, bekommt einen schwachen Eindruck von der tiefgreifenden Romanisierung Südgalliens. In Südgallien trafen die römischen Eroberer auf eine multilinguale Bevölkerung, besonders im Rhonedelta war der gallische Schriftgebrauch mit griechischen Alphabet verbreitet. Lateinische Inschriften findet man vor dem Abschluss des gallischen Krieges (50 v.Chr.) jedoch hauptsächlich in römischen Siedlungsschwerpunkten wie Narbo oder Tolosa, gallogriechische Inschriften nehmen kontinuierlich bis zum Wendepunkt Gallischer Krieg zu, Verträge werden von den gallischen Eliten in griechisch abgeschlossen, Strabon berichtet von der Unterrichtung einheimischer Aristokraten in griechischer Sprache und Philosophie durch Massalia veranlasst (Strab.4,1,5). Wie auch Massalia suchte Rom den Weg über die Aristokratie:
    "Daher ließ er, bevor er irgendetwas unternahm, Diviacus zu sich rufen, und nach Entferung der üblichen Dolmetscher besprach er sich mit ihm durch Vermittlung des Gaius Valerius Troucillus, eines Fürsten der Provinz Gallien, eines guten Freundes von ihm, dem er in allen Dingen das höchste Vertrauen schenkte."
    (Gallischer Krieg, 1,19)

    Julius Cäsar verließ sich auf einen Prinzeps aus der Narbonensis, der bereits römischer Bürger war (vielleicht wurde das Bürgerrecht an Lateinkenntnisse gebunden), aber noch einen gallischen Beinamen trägt - er ist ein erster Beleg für einen zweisprachigen gallischen Aristokraten, während der Häduer Diviacus noch nicht über genügend Lateinkenntnisse verfügte.
    Latein setzte sich als Sprache der Verwaltung, des Rechts, des Geschäfts und der Politik über die einheimischen Eliten durch, gallisch blieb am konservativsten erhalten in Toponymen (Berge, Landschaften, Flüsse, Ortsnamen), Namen von Tieren, Pflanzen oder speziellen landwirtschaftlichen Geräten - interessant ist, dass sich die Bezeichnungen für landwirtschaftliche Produkte, die für einen regionalen oder überregionalen Markt produziert wurden, schnell latinisierten (Milch - lac - lait), während häusliche Nebenprodukte ihre gallischen Wurzeln erhielten (Molke - gall. *,mes(i)gus - frz. mègue). Unter Einbziehung französischer Dialekte haben sich ca. 400 Wörter gallischen Ursprungs erhalten, wobei nur 180 davon gängig sind.

    Wie lange hat sich Gallisch neben dem Vulgär-Latein als Sprache des Alltags, im häuslichen, nicht offziellen Bereich auch im offziellen und öffentlichen Bereich erhalten?
    "Non autem exquires a nobis, qui apud Celtas commoramur, et in barbariaum sermonem plerumque avocamur, orationis artem - du wirst nicht von mir, der ich bei den Kelten weile und mich meistens mit der barbarischen Sprache beschäftige, rhetorische Fähgikeiten erwarten..."." (adversus haereses, Proömium,3)
    Irenäus ist der erste Bischof von Lyon, und schrieb im letzten Viertel des 2.Jahrhundert n.Chr., dass er durchaus auch noch auf Gallisch predigen musste, um verstanden zu werden.

    "Verfügungen können in einer beliebigen Sprache hinterlassen werden, nicht nur auf Latein und Griechisch, sondern auch auf Punisch und Gallisch oder (der Sprache) eines anderen Volkes."
    (Ulpian, Digesta 32.11)

    Der römische Rechtsgelehrte und Jurist Domitius Ulpianus (170 - 223 n.Chr.) hält also in seinem Werk fest, dass Gallisch auch rechtsgültige Sprache beim Verfassen von Testamenten ist - dass er gerade Punisch und Gallisch erwähnt, kan darauf hindeuten, dass diese beiden Sprachen neben Latein und Griechisch noch am meisten gesprochen wurden.
    Bis ins 4.Jahrhundert findet man noch kurze Inschriften, z.B. in Trier eine Grabinschrift einer Mutter Artula für ihre Tochter Ursula "Hic quiescit in pace Ursula qui (!) vixit annos XXI Artula cara mater titulum posuit",- Ursula ist die direkte Übersetzung des gallischen Artula (kleine Bärin)
    - oder auf Spinnwirteln aus Autun, die erotische und amoröse Anspielungen (auch wegen des Aussehens von Spindel und Wirtel) im klaren Gallisch trugen - "moni gnatha budduton imon" - "Komm Mädchen nimm meinen budduton", wobei letzteres Wort entweder Penis oder Kuss bedeutet.
    In dieser Zeit scheint das Gallische verschwunden zu sein, ob der Sprachtod im 5.Jahrhundert oder später erfolgte lässt sich wahrscheinlich nicht mehr feststellen.
    Literaturhinweise: Südgallien im 1.Jahrhundert v.Chr., Freyberger, F.Steiner-Verlag, 1999, vergriffen
    Die Kelten, Mythos und Wirklichkeit, Herausg.Stefan Zimmer, dort "Der Tod des Festlandkeltischen" von Torsten Meißner, Theiss-Verlag, 2004
    Wie aus Galliern Römer wurden: Leben im Römischen Reich, Helga Botermann, 2005, Klett-Cotta, vergriffen

     
    Zuletzt bearbeitet: 5. September 2017
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  17. Biturigos

    Biturigos Aktives Mitglied

    Kurz ergänzend: interessant fände ich es, ob das Okzitanische (Languedoc), dass anscheinend die fränkischen Lehnswörter nicht aufgenommen hat, als südgalloromanischer Dialekt, in dieser antiken "Zweiteilung" Galliens seine Wurzeln hat -damit meine ich natürlich auch die sprachlichen Einflüsse des ligurischen, iberischen und griechischen Sprachsubstrats in der mediterranen Zone Südgalliens vor der römischen Provinzialisierung.
     
  18. Witiko

    Witiko Mitglied

    Schön zusammengefasst Biturigos, danke. In Okzitanien dürften ja zur Zeit des gallischen Krieges auch noch ältere Sprachschichten (Substrate) fortgelebt haben, neben den von dir genannten ligurischen und iberischen Elementen waren ja viele südgallischen Völker sprachlich der aquitanischen (baskischen?) Sprachfamilie zuzuordnen
     
  19. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Die hatte ich oben schon erwähnt. Das sind die letzten Inschriften, die noch gallische Sätze enthalten.
    Aber eben auch lateinisch-gallischen Mischmasch bzw. lateinische Sätze mit gallischen Wörtern.

    Daraus kann man folgern, dass Artula wusste, was ihr Name bedeutet.
    Wenn Dir heute eine Ursula sagen kann, was ihr Name bedeutet, heißt das noch nicht unbedingt, dass sie fließend Latein spricht.

    Wenn Artula die Inschrift formuliert hat, dann konnte sie Latein. Es ist gut möglich, dass sie außerdem auch Gallisch konnte, aber beweisbar ist das nicht.
     
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  20. Witiko

    Witiko Mitglied

    Es gibt auch noch eine kleine Stelle bei Grégoire von Tours, die möglicherweise auf vereinzelte spätantike (Grégoire schrieb wohl um das Jahr 560) gallische Sprachinseln hinweist:


    Grégoire von Tours, Historia Francorum, Buch I, 32
     
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