Boxeraufstand in China: ein Völkermord Kaiser Wilhelm II.?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von meisterwinter, 23. Februar 2006.

  1. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied


    Es ist übrigens mitunter schwer, Euch zu folgen, wenn Ihr die Zitate nicht kenntlich macht.

    Kamen diese 'Urteile' standrechtlich zustande, also mit rudimentärem Prozess, oder wurden sie nur von irgendeinem Offizier befohlen?
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wie erklärst du diesen Widerspruch? Wie erklärst du, dass der Soldat sich in seinem Brief an seine Familie explizit auf die Rede des Kaisers bezog, daraus sogar zitierte und die Rechtmäßigkeit seines Handelns ableitete?
     
  3. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied


    Der Soldat zitiert hier nur einen sehr kleinen Teil der Kaiserrede, und den auch noch vollkommen aus dem Zusammenhang heraus.
    Wie gesagt, der Kaiser sagte AUCH: " schont die friedliche Bevölkerung"
    Wenn ein einzelner derartig zusammenhanglos argumentiert, dann ist es klar erkennbar, dass hier jemand nur einen Vorwand suchte. Und wenn man den Sucht, so wird man früher oder später immer fündig. Dies liegt dann jedoch nicht in der Verantwortung der Person, die für diesen Vorwand herhalten musste.
     
  4. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nein, nicht ein Soldat. Viele Soldaten. Die beschrieben sogar Züge mit der Parole "Pardon wird nicht gegeben". Zeitungen (haben die anwesenden Journalisten der untereinandern konkurrierenden Zeitungen sich etwa alle verhört und zwar so, dass ihre Versionen einander mehr gleichen, als die später von Bülow herausgegebenen?), Offiziere, Reichstagsabgeordnete - alle waren sich ziemlich einig was der zwote Willy sagte und wie er es meinte.

    Das finde ich nicht einmal bei der pro-wilhelminischen Seite "Deutsche Schutzgebiete", welche für sich in Anspruch nimmt, die tatsächliche Hunnerede abzudrucken. Aber auch in der vergleichenden Variante auf zum.de nicht.
    (GES,M) Kaiser Wilhelm II: Der Text der "Hunnenrede" - Eine Gegenberstellung der beiden Versionen
    Der erste Hinweis auf ein "Schonen Sie die friedliche Bevölkerung" befindet sich in einem Erinnerungsprotokoll das eine Woche nach der Rede verfasst, also nicht unmittelbar zur Rede ist.
    Da finde ich aber rassistische Warnungen, wie "vergessen sie nicht, dass Sie es mit einem verschlagenen Gegner zu thun haben, der geschont, an anderer Stelle mit Hinterlist Ihnen wieder begegnen würde" oder "Der Chinese ist ein Teufel" und "dass der sonst so feige Chinese sich diesmal so fest und widerstandsfähig zeigt, ist ja ein Rätsel, auch für Chinakenner" einschließlich eines: Die sehen ja alle gleich aus. Und wenn die doch alle gleich aussehen, hinterlistig und feige sind und Schonung nicht danken... was kann dann nur die Konsequent sein?!

    Ein richtiges Demento ist nie gegeben worden, nur gleich zwei Wogen glätten wollende Versionen von von Bülow, der ähnliche publizistische Katastrophen mit Willy schon erlebt hatte. Was wiederum den um Willy getriebenen Personenkult so unverständlich macht: Wenn er die Rede tatsächlich nicht so gemeint hat und ihm solcherlei wiederholt passiert ist, dann war er offenbar unfähig!
    Die Soldaten und Offiziere aber haben sich ganz offenbar in ihrem Verhalten durch den Kaiser und seine Rede bestätigt gefühlt.
     
  5. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied

    Wie im Rahmen dieser Diskussion aufgefallen ist, gibt es viele unterschiedliche Meinungen zur Hunnenrede. Wenn einige Soldaten die Rede tatsächlich so aufgefasst haben sollten, dass sie selbst kein Pardon geben sollten, dann lässt sich daraus wie gesagt KEIN aufruf zum Mord an unschuldigen herauslesen, sondern nur gegenüber mordednen Boxern. Dies mordeten teils wirklich brutal, schnitten ihren Opfern den Kopf ab, um nur ein Beispiel zu nennen. Bis zu 30.000 Menschen vielen ihnen zum Opfer. NUR gegen sie richtete sich das " Pardon wird nicht gegeben", wenn man es denn als Aufruf an die Soldaten sehen möchte. Niemals, wurde seitens des Kaisers gefordert, die Soldaten sollen Zivilisten, oder chinesische Soldaten ermorden, die sich keines Vergehens schuldig gemacht hatten. Und auch im Umgang mit den Boxern, handelte es sich nicht um willkürliche Morde, sondern um die Vollstreckung der rechtlich einwandfreien Todesstrafe.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Januar 2016
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nicht "einige Soldaten". Ganze Züge. Die Presse in Dtld. Der Reichstag. Du kannst nicht einfach Passagen ausblenden, wie "vergessen sie nicht, dass Sie es mit einem verschlagenen Gegner zu thun haben, der geschont, an anderer Stelle mit Hinterlist Ihnen wieder begegnen würde" oder "Der Chinese ist ein Teufel" und "dass der sonst so feige Chinese sich diesmal so fest und widerstandsfähig zeigt, ist ja ein Rätsel, auch für Chinakenner". Kombiniert mit "Die Leute sehen sich für unser Auge sehr ähnlich, es können immer neue gekommen sein u. man hat geglaubt, es seien dieselben" sind das klare Anweisungen, die der Kaiser auch an anderen Stellen wiederholte. Es wear also nicht nur der "Ausrutscher" "Hunnenrede".

    Nein, eben nicht. Es richtete sich gegen alle Chinesen: Der Kaiser selbst hat die Weisung ausgegeben, dass man den einen Chinesen vom anderen kaum unterscheiden könne und dass "der" Chinese feige und hinterlistig sei, also war für die Soldaten auch jeder Chinese ein potentieller Boxer.

    Wirklich? Aus einem zeitgenössischen Bericht:
    "In dieser Nacht wurden 2 Kompanien Infanterie abgeschickt, um 2 Boxerdörfer zu umzingeln, alles niederzumachen und das Dorf niederzubrennen. Unglücklicherweise trafen die Kompanien auf zwei verkehrte Dörfer, zerstörten sie von Grund auf, nachdem sie zuvor alle Einwohner mit Bajonetten niedergestochen hatten. Am nächsten Tage wurden wir abgeschickt, machten 60 Gefangene, tötten 30 Mann und steckten die Dörfer in Brand. Bei der größten Finsternis ging's fort von diesen kamen auf dem Nachtmarsch nicht weniger als 40 um."
    Tagebuch H. Haslinde, 12.11.1900
    Auch andere Berichte zeugen davon, dass man nicht zwischen Boxern und Bauern unterschied:
    Solche Unternehmungen ... sind hier so die Abwechslung; vereinzelt auch mal die Bestrafung eines Dorfes, was gewöhnlich in Plündern, etwas Einschießen u. evtl. Erschießen des Mandarinen besteht."
    Brief von A. Feldt, 3.11.1900
    Oder:
    Die Dörfer ... sind alle in Grund u. Boden geschossen weil sich lauter Boxer drin aufhalten, lauter Ungeziefer. Die müssen von der Welt. Sind schwer auszurotten, weil man die Bande nicht kennt.
    Brief von H. Warnow, 27.2.1901 ​
     
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  7. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Darf ich fragen, wo diese Briefe und Tagebuchaufzeichnungen zitiert worden sind?
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nein, es gibt zwei Sichten. Deine Sicht und die durch Fakten unterlegte Sicht der Anderen.

    Ansonsten: Wäre zur Kontextualisierung wenigestens folgendes Buch zu empfehlen:

    https://books.google.de/books?id=VYOHaIa-9Z8C&printsec=frontcover&dq=kolonialkrieg+in+china&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=kolonialkrieg%20in%20china&f=false

    wahlweise auch die Darstellung von T. Klein: Geschichte Chinas, bzw. in der Liste wichtiger Studien sind noch zu nennen: das von Lanxing Xiang,

    https://books.google.de/books/about/The_Origins_of_the_Boxer_War.html?id=lAxresT12ogC&redir_esc=y

    oder das von Paul A. Allen

    https://books.google.de/books?id=8hiGU_tJEocC&dq=history+in+three+keys&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwidqtWGsrbKAhXK_3IKHaGRBqgQ6AEILDAA

    Ansonsten die Sicht von Herr v. Bülow, der anwesend war in Wilhelmshafen in seinen "Denkwürdigkeiten" (Bd. 1, S. 359): "In der Rede befand ....sich der Satz: "Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht"

    Und genau diese Sicht spiegelt die Darstellung in der umfangreichen Literatur zu "Atrocities" wider. Der Rest, den "KW1859" hier betreibt ist Geschichtsfälschung und damit Leugnung von Kriegsverbrechen.

    Ansonsten, und das sollte deutlich vermerkt werden, die Deutschen waren absolut nicht die einzigen, die sich der Kriegsverbrechen in China schuldig gemacht haben!

    So hatte beispielsweise Tolstoi, nachdem er von den Ausschreitungen der Soldaten der Großmächte gehört hatte, sowohl den Zaren und auch KW II kritisiert.

    Zu erwähnen wäre, dass ebenfalls die Soldaten der anderen beteiligten Nationen sich an Kriegsverbrechen beteiligt haben.

    Insgesamt hatte der Imperialismus sich von der "häßlichsten" Seite gezeigt und die aktuelle chinesische - revisionistische - Interpretation der "Boxer" sieht sie als "Patrioten", die den chinesischen Nationalismus, in Anlehnung an den Befreiungskampf der Philippinos gegen die USA, in China vorangetrieben haben.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Januar 2016
  9. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Waldersee gab in einem Brief vom 22.Dezember 1900 an Wilhelm II. Aufschluß über seine Art der Kriegführung.

    "Meine militärische Tätigkeit hat sich daher (die Politik hat sich von vornherein der Kriegführung hemmend in den Weg gestellt) auf die Säuberung des weitaus größten Teils de Provinz Tschili von chinesischen Truppen, die stets schleunigen Rückzug antraten, und auf die Beruhigung des Okkupationsgebietes beschränken müssen. Daß es nicht zu ernsten Gefechten gekommen ist, bedauert niemand mehr als das Deutsche Expeditionskorps vom General bis zum Musketier herab, wo Teile desselben mit Chinesen zusammengestoßen sind, sei es Soldaten oder Boxer. An schärfsten Anfassen hat es nicht gefehlt, was hier sicherlich lang in Erinnerung bleiben wird. Die Zahl der dabei ums Leben gekommenen Chinesen ist eine sehr erhebliche."

    Eine eindeutige Auskunft!

    Quelle:
    Susannne Kuß und Bernd Martin: Das Deutsche Reich und der Boxeraufstand

    Hervorhebung durch mich.

    Bemerkenswert ist eigentlich auch, dass das deutsche Militärstrafrecht ganz eindeutig Ausschreitungen wie China, vor allem gegen die Zivilbevölkerung verbot. Das geht aus dem deutsche Militärstrafgesetzbuch von 1872 und der Militärstrafrechtsverordnung von 1898 hervor. Das Militärstrafgesetzbuch sah Strafen bei Plünderungen, Körperverletzungen und Verbrechen oder Vergehen wider die Sittlichkeit vor. Diese Straftaten in China wurden samt und sonders nicht geahndet.
     
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  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Hauptsächlich aus Wünsche, Dietlind: Feldpostbriefe aus China. Wahrnehmungs- und Deutungsmuster deutscher Soldaten zur Zeit des Boxeraufstandes 1900/1901. Berlin 2008.
     
  11. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Falls Du Dich auf das Zitat von Andreas Toppe beziehst: Hier geht es um einen etwas größeren Rahmen, nämlich die Rechtsnorm, Fachdiskurs und Kriegspraxis in Deutschland 1899-1940.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 20. Januar 2016
  12. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied

    Zitat :" Ansonsten die Sicht von Herr v. Bülow, der anwesend war in Wilhelmshafen in seinen "Denkwürdigkeiten" (Bd. 1, S. 359): "In der Rede befand ....sich der Satz: "Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht"

    Die " Denkwürdigkeiten" von Bülow können nicht als sachliche und neutrale Quelle dienen, war er doch von Neid und Missgunst zerfressen, als er sie verfasste.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Januar 2016
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    KW1859, Du solltest Dich vielleicht erst einmal damit befassen, wie Quellenkritik zu betreiben ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Januar 2016
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  14. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ach tatsächlich? Kanntest Du ihn? Hat er Dir das selber gesagt oder woher weist Du das? Oder ist das Deine persönliche Meinung?

    Ansonsten ist der Einwand aus meiner Sicht schlichtweg abwegig und nicht ernst zu nehmen. So hat v. Bülow, als ehemaliger Reichskanzler des Deutschen Reichs, sicherlich in seinen "Denkwürdigkeiten", seine Sicht der Dinge formuliert, aber bei einer derartigen singulären Tatsachenbehauptung, für die es zusätzliche Zeitzeugen bei Erscheinung seiner Darstellung gab, wird er sich an die "Fakten" gehalten haben.

    Zumal, aber das weist Du ja sicherlich, ähnliche Reden mit ähnlicher inhaltlicher Ausrichtung in dem zeitlichen Kontext von KW II gehalten worden sind, wie Röhl in seiner Sicht auf den Kaiser es darstellt. Aber vielleicht war ja Röhl auch von "Neid und Mißgunst zerfressen". Wer weiss? :rofl:
     
  15. KW1859

    KW1859 Neues Mitglied

    Die Behauptung, Bülows " Denkwürdigkeiten" seien vor allem als Rundumschlag gegen politische Gegner und Weggfefährten zu werten, ist unter anderem in dem Buch " War alles falsch?" von Joachim von Kürenberg zu lesen.
     
  16. hatl

    hatl Premiummitglied

    Hunnenrede...

    Am 27. Juli hält der Kaiser eine Rede, die zu den besterforschten Reden desselben zählt.
    Am nächsten Tag berichtet das Berliner Tageblatt über „Die Ausfahrt der Freiwilligen“:
    „ … „P a r d o n w i r d n i c h t g e g e b e n, G e f a n g e n e w e r d e n n i c h t g e m a c h t,“ soll der Kaiser gesagt haben. Was kann das heißen? ...“ Linke Spalte unten.

    Nach dieser Quelle gibt es zwei Fassungen.
    Eine dieser ist demnach die entschärfte Ausgabe des AA. Deren Wortlaut findet sich etwas weiter oben im Berliner Tageblatt des Tags nach der Rede.

    Die inoffizielle, aber korrekte Version der entscheidenden Textpassage lautete wie folgt: "Kommt Ihr vor den Feind, so wird derselbe geschlagen! Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in Überlieferung und Märchen gewaltig erscheinen läßt, so möge der Name Deutscher in China auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bestätigt werden, daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!"

    Ich persönlich würde vermuten, dass sich der Willi wieder mal am Glückserlebnis seiner ersehnten Großartigkeit berauschte. Was hat der nicht alles für einen Mist erzählt, wenn ihn grad der Hafer stach.
    Blöderweise ist er aber der Kaiser.
    Und als solcher weist er nicht nur eine Richtung, sondern spiegelt auch den Verein wieder, dem er vorsteht.
    Der Kaiser entblöst sich ja nicht zum einzigen Mal.


    (Wäre er ein kleiner Bürger gewesen, er wäre womöglich als Exhibitionist durch schummrige Parkanlagen gelaufen. Ja weiß mans denn?
    Mei, es ist halt auch nicht einfach als der Allergrößte, Vorzüglichste und Hervorragendste von Gottes Gnaden dazustehen,
    wenn man dafür mental nicht ausgestattet ist und durch ein Verfahren von zweifelhaftem Nutzen einfach zum Häuptling bestimmt wurde.
    Dass indes der Ausdruck „Armer Willy“ den Kaiser selbst meint, ist wahrscheinlich übertrieben. :D )
     
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  17. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Sie sind als Quelle nicht nötig, denn es gibt genügend Zeugnisse dafür, dass diese Worte gefallen sind - und auch, wie sie von allen Zuhörern verstanden wurden.

    Schon allein dass von Bülow die Parolen nicht dementiert hat, als er noch jeden Grund hatte, die Parolen zu dementieren, reicht als Beweis aus.




    "Alles, was uns in den Weg kam, ob Mann, Frau oder Kind, alles wurde abgeschlachtet. Nun, wie da die Weiber schrieen! Aber des Kaisers Befehl lautet: keinen Pardon geben! -; und wir haben Treue und Gehorsam geschworen und das halten wir auch."

    Die Frage, was dieses Zitat besagt, beantwortest Du nicht.

    Das Zitat gibt darüber Auskunft, wie der Soldat seinen Kaiser verstanden hat. Nicht mehr und nicht weniger.

    Der Soldat war davon überzeugt, mit seinem Handeln nicht im Widerspruch, sondern im Gehorsam zu den kaiserlichen Äußerungen zu stehen.

    Aus einem Einzelfall lassen sich natürlich keine Rückschlüsse auf das Verhalten der Allgemeinheit ziehen.

    Der zitierte Brief ist allerdings kein Einzelfall. Aus Feldpostbriefen, Tagebüchern, Kriegsberichten, ist vielfach zu ersehen, dass die Parole "Kein Pardon" allgemein geläufig war und auch in die Tat umgesetzt wurde.

    'Pardon wird nicht gegeben, wer Euch in die Hände fällt, ist verloren', ein Wort, das uns allen aus der Seele gesprochen war.
    (Dr. Georg Hillebrecht 27.7.1990)

    In Port Said trafen für das Schiff 2 Bilder von Kaiser ein; 'Niemand zu Lieb, Niemand zu Leid' u. 'Völker Europas wahrtet Eure heiligsten Güter' und der Unterschrift des Kaisers 'Es wird kein Pardon gegeben'.

    (Willy Triebig 24. 8. 1900)

    Es dauerte nicht lange bis Majestät erschien. Er hielt eine zündene Ansprache an uns, von der ich mir aber nur folgende Worte gemerkt habe: 'Gefangene werden nicht gemacht, Pardon wird keinem Chinesen gegeben, der Euch in die Hände fällt.'
    (Heinrich Haslinde, undatierter Tagebucheintrag)

    Diejenigen Verwundeten, welche auf dem Schlachtfeld verblieben waren, wurden nach dem herrschenden Brauch in diesem Kriege in Erinnerung an das kaiserliche Wort 'Pardon wird nicht gegeben' niedergemacht
    (Leopold von Troschke 28.2.1901)

    Aber zu der Überzeugung bin ich gekommen, daß die Devise 'Kein Pardon' hier die einzig richtige ist, ja die einzig mögliche ist, und auf Grund meiner eigenen Erfahrung bekenne ich mich rückhaltlos zu diesem Standpunkt.
    (Rudolf Zabel 1902)

    Zitate nach Wünsche, S. 197-201
     
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  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Was ja auch ganz allgemein nicht falsch ist, allerdings nichts mit der Fragestellung zu tun hat, ob Bülows Detailsangaben zutreffend Ereignisse wiedergeben oder nicht.

    Ob da etwas zutrifft oder nicht, konnte Kürenberg wegen des antiquirten Forschungsstandes auch überhaupt nicht beurteilen. Wenn Du Dich in aktuelle Forschungsstände einlesen willst, weil Dich das Thema ernsthaft interessiert, findest Du hier und in anderen Themen gute Vorschläge.

    Sepiola hat Dir den oben angeführten Unterschied ansonsten schön erklärt. Vielleicht steigst Du doch mal in die Einführungen zur Quellenkritik ein.
     
  19. lukdill02

    lukdill02 Neues Mitglied

    Nein

    Hi,

    würde sagen der Boxeraufstand wurde wegen der Hunnen Rede von Wilhelm II. sehr brutal von den Deutschen (auch anderen europäischen) niedergeschlagen. Daher wurden viele Aufständige von den Deutschen umgebracht, aber von Völkermord kann hier nicht die Rede sein.
     
  20. -muck-

    -muck- Mitglied

    Völkermord impliziert den Versuch (auch den untauglichen), eine irgendwie individualisierbare Vielzahl von Personen (alle Juden, alle Tutsi, alle moderaten Hutu, alle Intellektuellen Chinas usw.) zu vernichten.
    Die schulische Fragestellung, die zu diesem Themenstrang führte, ist unsinnig, da die Fakten die Vermutung des Genozids überhaupt nicht nahelegen.
    Die Deutung der Ausschreitungen der internationalen Streitkräfte in China während des Boxeraufstandes als Beispiel eines Genozids des Westens und vor allem der Deutschen, wie er auch in der Literatur immer wieder auftaucht, stellt den Versuch dar, dem Nationalsozialismus und seinen Gräueltaten zu mehr Kontinuität in der deutschen Geschichte zu verhelfen und die These zu untermauern, Wilhelm II. sei Hitlers Hebamme gewesen. Die Häufigkeit von genozidalen Verbrechen selbst durch "zivilisierte" Nationen bis in das erste Drittel des 20. Jahrhundert hinein spricht gegen eine solche Deutung.

    So hässlich diese Vorstellung ist: Was wir heute durchweg als empörend empfinden, konnte vor hundertsechzehn Jahren als gerecht oder vernünftig angesehen werden.

    Nicht zuletzt ist der Völkermord an den Herero und Nama, der vier Jahre nach dem Boxeraufstand stattfand, in diesem Zusammenhang unbeachtlich und kann nicht als Beleg einer 1900/1904 zum Ausdruck gekommenen Genozidpolitik des Kaiserreiches gewertet werden. Die Ereignisse, die zu den zweitgenannten Verbrechen führten, waren zu Zeiten des Boxeraufstandes weder abseh- noch einplanbar; außerdem ist es keinesfalls belanglos, dass die Verbrechen gegen die Herero und Nama erst spät von den UN als Völkermord anerkannt wurden, nämlich nach einer neueren Lehre der Geschichts- und Rechtswissenschaften mit erweitertem Tatbestand. Es ist erwiesen, dass von Trotha befahl, Frauen und Kinder der Herero zu verschonen (wenn auch nicht aus humanitären Erwägungen heraus)

    [ Zitat: Ich nehme mit Bestimmtheit an, dass dieser Erlass dazu führen wird keine männlichen Gefangenen zu machen, aber nicht zu Grausamkeit gegen Weiber und Kinder ausartet. Diese werden schon fortlaufen, wenn zweimal über sie hinweggeschossen wird. Die Truppe wird sich des guten Rufes des Deutschen Soldaten bewusst bleiben. ]

    und den Tod von Zivilisten "lediglich" (hier ein scheußliches Wort) in Kauf nahm; viele spätere Rechtfertigungsversuche seiner Verbrechen beruhten denn auch darauf, dass die Herero die Wüste, in die das Marinexpeditionskorps sie verjagt hatte, in andere Richtungen hätten verlassen können, was realiter Unsinn war; trotzdem fallen die Diskrepanzen auf sowohl zu den "typischen" Völkermorden des 20. Jahrhunderts, als auch zu den Verbrechen, die während des Boxeraufstands bzw. nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen begangen wurden. Bedenkt man, wie die sie befürwortenden Teile der Reichsregierung die Handlungsweise von Trothas bewerteten, tritt das Motiv hervor, Rache zu nehmen für den Tod ausländischer Zivilisten und für die "ungebührliche" Auflehnung gegen die deutsche Oberhoheit.
    Damit ist dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte eher in das lange Kompendium der kolonialen Grausamkeit des "weißen Mannes" einzureihen; hingegen hatte der Konflikt von 1900/1901 einen ganz anderen Charakter. Besonders die kaiserlich-chinesischen Soldaten wurden mehrheitlich als anerkennenswerter Feind angesehen und der rassistische Subtext war nicht sonderlich ausgeprägt — jedenfalls nicht jenseits des in jener Zeit üblichen Salonrassismus —, womöglich auch deshalb, weil das Interventionskorps selbst multiethnischer Zusammensetzung war.

    Wilhelm hat 1900 mit seiner berühmten Rede die Soldaten aufgestachelt, sich in dem Koalitionsheer als kriegerisch hervorzutun und keine Gefangenen zu machen. Gewiss kann man darin einen Auslöser mancher Kriegsverbrechen gegen chinesische Kombattanten sehen — "mancher", da gegenteilige Handlungen durchaus vorkamen, die Rede also nicht als zwingender Befehl interpretiert wurde, oder es zumindest fallweise opportun erschien, anders zu handeln.
    Der Kaiser verlangte jedoch auch, keine Übergriffe auf die Zivilbevölkerung zu unternehmen.
    In Anbetracht der Tatsache, dass Wilhelm die Chinaexpedition als Profilierungsmöglichkeit betrachtete und besonders auf das Ansehen in England bedacht war, wäre es töricht gewesen, im Zeitalter eines Roger Casement u.a. einen Genozid anzuordnen, oder auch nur zu dulden; dies umso mehr, als dass einerseits zwar das Wort von der "gelben Gefahr" die Runde machte, zum andern die Chinesen trotzdem als Kulturvolk galten, anders als die "Neger".
    Und auch der Reichtagsabgeordnete Richter, der Wilhelm sehr kritisierte, räumte ein, dass alle Kontingente der Expeditionsstreitmacht Verbrechen begangen hätten, und diese auch apolitisch zu erklären seien.

    Alle Kriege bringen nämlich Verbrechen mit sich. Das Kriegsgeschehen kann Gesetzen, deren Durchsetzung der Friedensordnung bedürfte, nicht komplett unterworfen werden.
    Stress und Traumata, Allmachtsgefühle, Hass (oft genug entsteht dieser Hass erst durch die Kampfhandlungen) sowie die charakterlichen Mängel mancher Involvierter führen Gewaltausbrüche herbei. Die Zivilbevölkerung kann davon ganz besonders betroffen sein, da sie den Kombattanten schutzlos ausgeliefert ist; erschwerend hinzu kommt ein mögliches Sympathisieren mit den feindlichen Kombattanten; und der vielleicht kräftigste Katalysator von Ausschreitungen ist die Bezugnahme des Feindes auf seine Zivilbevölkerung, für die er kämpfe, wodurch ebendiese Zivilbevölkerung in den Augen der Gegenseite für alle Übel verantwortlich wird.
    Das bloße Auftreten von Kriegsverbrechen impliziert noch nicht deren Duldung oder gar Anordnung, man könnte sie gar als zwangsläufigen Nebeneffekt von Kriegen bezeichnen.
    Auch eine mangelhafte oder ausbleibende strafrechtliche Würdigung von Kriegsverbrechen, wie nach dem Boxeraufstand durchaus gegeben, tut das nicht, wiewohl sich die Legende des Gegenteils bis heute hält, z.B. um Israel zu dämonisieren.
    Eine zivile Führung, die über Kriegsverbrechen ihrer Truppen hinwegsieht, scheut in der Regel nur den politischen Konflikt und will ihre Stellung erhalten; die militärische Führung handelt meist aus falschem Korpsgeist, um Kameraden vor Strafe und das Ansehen ihrer Verbände zu bewahren. Gerade im Reich galt die Ehre der Streitkräfte als unantastbar; über ihre Verfehlungen müsse man hinwegsehen, alles andere sei "Verrat" an den Beschützern Deutschlands etc.pp.

    Ein unterschätzter Aspekt des Konflikts ist freilich, dass die Boxer angsteinflößende Praktiken betrieben, etwa sich im Besitz magischer Kräfte oder von Geistern besessen wähnend selbstmörderisch kämpften, und spektakuläre Hinrichtungsmethoden praktizierten und, nicht zuletzt, gegen Ausländer wie gegen ihre Landsleute selber äußerst brutal Krieg führten — wohingegen Europa sich an der Illusion weidete, der Krieg sei ein ritterliches, geordnetes Geschäft. Dementsprechend geschockt waren viele Soldaten, wie aus den "Hunnenbriefen" hervorgeht, über einen derartigen Gegner.
    Denn nach Rummels "Chinas blutiges Jahrhundert" ermordeten die Boxer rund 100000 Menschen, darunter alleine 32000 chinesische Christen, in konzertierten Aktionen. Demgegenüber fielen den ausländischen Truppen rund 5000 Chinesen zum Opfer, durch Verbrechen, die auf wenig bis gar keine Organisation hinweisen, sondern auf spontane Gewaltausbrüche in den Kriegswirren und danach.

    Höchstens könnte noch manchen kaiserlichen Offizier der Ärger beeinflusst haben, dass das deutsche Kontingent größtenteils zu spät gekommen war, um noch ruhmreiche Schlachten zu erleben und es in aufreibender, aber wenig beachteter Weise mit den letzten Zuckungen der Rebellion zu tun bekam.

    Die berechtigte Kritik an Kolonialismus und Kanonenbootpolitik überschattet eine vernünftige historische Bewertung des Boxeraufstandes. Wenn sich hier die Frage nach einem Genozid stellt, dann kann dieser nur von den Boxern, von Chinesen an Chinesen verübt worden sein.
    Diese Diskrepanz ist zweifellos politisch-geschichtlich bedingt. Persönlich sehe ich darin zudem eine Art von umgekehrtem Rassismus bzw. Kulturalismus. Gräbt man nämlich tiefer, warum die 5000 von Ausländern getöteten Chinesen für unsere Wahrnehmung wichtiger sind als die zwanzigmal mehr Opfer, welche die Boxer auf dem Kerbholz haben, läuft die Argumentation mancher Diskutanten in der öffentlichen Meinung leider darauf hinaus, dass "wir" "besser" sein müssten als "die".
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. April 2016
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