Carpophorus

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von -muck-, 5. Februar 2018.

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  1. -muck-

    -muck- Mitglied


    Hallo zusammen!

    Stets hatte ich mir vorgenommen, geschichtliche Ereignisse so emotionslos wie möglich zu betrachten und die Kluft zwischen dem modernen Werteverständnis und dem Weltbild früherer Zeiten zu missachten; alles andere wäre m.E.n. ein falscher Ansatz im Umgang mit der Historie der Menschheit. Zivilisatorische Errungenschaften lassen sich nicht an denen späterer Zivilisationen messen.

    Heute stieß ich aber auf eine angebliche Episode aus dem alten Rom, die sogar mir die Kinnlade ekelbeschwert auf die Tischplatte fallen ließ.

    Nachdem ich (in Sachen römische Geschichte nicht weiter bewandert, als der gymnasiale Lateinunterricht reichte) endlich einmal den Film "Gladiator" gesehen hatte, recherchierte ich voll Interesse ein wenig über Gladiatoren und las dabei von der offenbar geschichtlich verbürgten Person des Carpophorus, ein 'bestiarius', den Martial ob seiner Tapferkeit lobt.

    Nun aber finden sich auch Behauptungen, jener Carpophorus habe Tiere zu dem Zwecke abgerichtet, zu "damnatio ad bestias" verurteilte Menschen zu vergewaltigen – so etwa schreibt die amerikanische Sachbuchautorin Cristin O’Keefe Aptowicz, auf ihrem Blog ("dmdujour") aus einem ihrer Werke zitierend, wobei die Primärquelle m.E.n. ungenannt bleibt. Robert Masters behauptet das Gleiche in "The Prostitute In Society", S. 200f., Mayflower Books, London 1966 und eingehend in "The hidden world of erotica: Forbidden sexual behaviour and morality", S.14 ff., University of Melbourne, ebd. 1973.

    Die besagten Passagen will ich lieber nicht direkt zitieren, aber immerhin deutet Masters einen Zusammenhang mit dem römischen bzw. griechischen Sagenkreis an (z.B. ein Reenactment von Europa und dem Stier). Kann an dieser erschreckend bösartigen Idee aber irgendetwas Wahres sein? Und hätte die in Rom zu Martials Tagen herrschende Moral dergleichen überhaupt erlaubt?

    Ich freue mich über alle Antworten. Masters zumindest scheint vor dem Internet (und dessen Neigung, allerlei kranken Unsinn hervorzubringen) gewirkt zu haben. Ich würde gerne verstehen, ob es sich um Erfindungen handelt, etwa, um die römische Zivilisation zu diskreditieren – solche Kampagnen gegen die verschiedensten Kulturen scheinen mir immer wieder einmal aufzubranden – oder ob es sich um verbürgte Ereignisse handelt, die man im Allgemeinen verschweigt, um nicht am Image einer Hochkultur zu kratzen (auch dies soll schon vorgekommen sein.)
     
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  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Ich finde zwei Carpophori. Der spätere ist ein Christ und Märtyrer, der frühere wird der Gesuchte sein. Über den finde ich nur, dass Martial ihn mit Herkules vergleicht bzw. ihm sogar attestiert, dass er Herkules übertreffe. Tun wir das ruhig als poetische Übertreibung ab und stellen fest, dass der bestiarius Carpophorus mittels Kraft und Geschick in der Lage war, regelmäßig seine tierischen Gegner zu überwinden. Für die ihm bei O’Keefe Aptowicz und Masters unterstellten Behauptungen finde ich nichts. Würde mich nicht wundern, wenn da bei Masters etwas aus dessen LSD-Experimenten (ich denke in Richtung Horror-Trip) hängen geblieben ist.
     
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  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Es gibt von Coleman einen Kommentar zu Martial: Liber Spectaculorum.

    dort de Spectaculis V, ab S. 62 (Hinweise und Erläuterungen von Coleman):
    Iunctam Pasiphaen Dictaeo credite tauro:
    uidimus, accepit fabula prisca fidem.
    Nec se miretur, Caesar, longaeua uetustas:
    quidquid fama canit, praestat harena tibi.

    Offenbar werden deswegen in der Literatur solche „Praktiken“ in der Arena für möglich gehalten.

    Das könnte mit Carpophorus ausgeschmückt worden sein, bzw. die Buchautorin und Bloggerin oben bzw. Masters scheinen über die „Dressur“ nachgedacht zu haben.
     
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  4. -muck-

    -muck- Mitglied

    Und die moralische Seite? Weiß man eigentlich überhaupt von irgendeinem Circus-Spektakel, das den Zuschauern zu weit ging?

    @silesia: Nichts für ungut, ich stehe gerade auf dem Schlauch. Dies ist eine Textstelle aus dem Liber Spectaculorum? Und Coleman hat diese Stelle entsprechend interpretiert?
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Genau. Die Stelle wird so interpretiert. Coleman äussert sich da vorsichtig (Passage ist einsehbar in google.books), ich habe noch eine weitere Darstellung aus einer Publikation zum Colosseum. Suche ich heraus.
     
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  6. -muck-

    -muck- Mitglied

    Danke. Nebenbei, wenn du Letzteres nicht findest, macht das gar nichts. Du hast meinen Horizont bereits erweitert.

    Ich habe Coleman's Kommentar nun gelesen und einige unkommentierte Übersetzungen ins Deutsche und ins Englische dazu. Ja, nicht alle Übersetzer interpretierten die Textstelle gleich, aber das mag (man denke nur an die Diskrepanzen zwischen einzelnen Bibel-Übersetzungen) auch einer gewissen Empfindsamkeit geschuldet sein.

    Immerhin würde eine Art ritueller Zoophilie noch Sinn ergeben, dergleichen kam im Altertum wohl in manchen Weltgegenden vor.

    Vielleicht wollte Masters die Grausamkeit der Alten übertreiben – wobei ich mich schon bei manchen Autoren gefragt habe, was dergleichen soll. Aus römischer Sicht gingen die Spiele im Zirkus wohl in Ordnung, und aus unserer Sicht ist bereits das Konzept moralisch verwerflich. Warum also übertreiben?

    Oder er, der nicht wenig zum Thema Sexualität veröffentlichte, wollte, auf welcher Basis auch immer, eine Art Kontinuität zwischen der Moderne und der Antike konstruieren, um der seinerzeit gängigen Behauptung entgegenzutreten, der Liberalismus befördere sexuelle Abartigkeit.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Da bin ich uneins mit dir. Ein gewisses Maß an Empathie ist eine psychisch gesunden Menschen angehörige Eigenschaft* (und auch daher unheimlich wirksam in der Propaganda). Selbst manche Tiere scheinen empathiefähig zu sein.
    Die goldene Regel - im Kinderreim "Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinen anderen zu" - kannte man schon damals, und so schrieb etwa Seneca d.J., dass man seine Sklaven gut behandeln solle, weil man nie wisse, welches Schicksal sie in ihren Stand geführt habe und was das eigene Schicksal noch mit einem vorhabe und schließt daraus: sic cum inferiore vivas quemadmodum tecum superiorem velis vivere. (Du sollst so mit deinem Untergebenen leben, wie du möchtest, daß ein Höhergestellter mit dir lebt.)


    *Allerdings, so scheint es mir, hat die Psyche Möglichkeiten, die Empathie auszuschalten, wenn Sein und Bewusstsein zu weit auseinanderklaffen.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Irre ich mich, oder gibt es verhaltenswissenschaftliche Studien, dass diese Empathie „in der Gruppe“ herabgesetzt wird, spiegelbildlich zu weiteren Effekten wie steigende Risikobereitschaft bzw. reduzierten „Existenzvorbehalt“ etc.?

    Mglw. waren das zu anderen Zeiten (und kleineren Gruppengrößen) auch Überlebensvorteile.
     
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Je größer die Anonymität, desto größer die Gleichgültigkeit.
     

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