Das christliche Nubien

Dieses Thema im Forum "Afrika" wurde erstellt von PapaSchlumpf, 24. November 2016.

  1. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied


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    Der Sudan gilt heute als islamisch-fundamentalistischer Staat in dem die Scharia vollkommen etabliert ist. Ein augenscheinlich arabischer Staat, der hart gegen Minderheiten durchgreift, seien es die Fur im weltbekannten Darfur-Konflikt, Christen, oder die Nubier, einer zahlenmäßig schwachen Volksgruppe, die heute auf das Gebiet nördlich des dritten Nilkataraktes und, auf Anordnung des Staates nach dem Bau des Assuan-Dams, im ganzen Land verstreute Gemeinschaften begrenzt ist. Nicht viele wissen, dass der Sudan eine der ältesten Hochkulturen der Welt beherbergt hat, einer eigenständigen afrikanischen Kultur, die vor 4500 Jahren ihren Anfang nahm. Was aber noch viel weniger Leute wissen ist, dass der Großteil des Sudan für beinahe 1000 Jahre christlich war. Kaum jemand weiß, dass die Nubier die ersten waren, die die arabische Invasion sogar gleich zwei mal entscheidenend zurückschlagen konnten, was im womöglich längsten Friedensvertrag der Menschheitsgeschichte, dem Baqt, resultierte. Dass der Sudan eine frühbyzantinisch-koptisch-afrikanische Kultur beherbergte, die von der Konvertierung zum Christentum im 6. Jahrhundert bis zum endgültigen Zerfall im späten 15. Jahrhundert Bestand hatte.
    Dieser Thread erzählt die vergessene Geschichte eines Volkes, dass sich für Jahrhunderte seine eigene Kultur bewahren konnte, aber auch seit Jahrhunderten von akkuter Arabisierung bedroht ist. Die Geschichte, als der Sudan noch christlich war und Nubien hieß.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2016
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das Christentum im Sudan ist nicht erloschen. Im neuen Staat Südsudan bekennen sich etwa 75% der Bevölkerung zu christlichen Konfessionen.

    Zum Überleben des Christentums trug bei, dass im angrenzenden Reich von Aksum und dem späteren Äthiopien ebenfalls das Christentum vorherrschte.

    Durch die Isolation dieser Staaten vom Rest der christlichen Welt haben sich typische Merkmale der frühen Kirche erhalten.
     
  3. steffen04

    steffen04 Gesperrt


    Interessantes Thema, hau rein.

    Bis zur Auflösung der Kolonialreiche beschrieb der Begriff "Sudan" geografisch das Gebiet südlich der Sahara, dass wir heute als Sahel bezeichnen. Nicht mehr Wüste, aber immer noch recht trocken. (Wiki: The history of Sudan includes both the territory that is today part of the Republic of the Sudan as well as a larger region known by the term "Sudan". The term is derived from Arabic: بلاد السودان‎‎ bilād as-sūdān "land of the black peoples",[1][2] and can used more loosely of West and Central Africa in general, especially the Sahel.)

    Erst als die Briten dann einen Staat südlich Ägypten formten und ihn Sudan nannten, wurde der Sahel Sahel genannt. Um Verwechslungen zu vermeiden.

    Der Staat Sudan spaltete sich 2011 in die Republik Sudan und die Republik Südsudan. Erstere ist tatsächlich eine islamische Bundesrepublik. Die Republik Südsudan ist dagegen christlich oder animistisch. Erloschen ist das Christentum da eigentlich nie, oder?

    Willst du den heutigenStaat Sudan, den Südsudan oder den Sahel beschreiben?
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2016
  4. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Erstens war der Südsudan nie Teil der historischen sudanesischen Staaten, zweitens wurde dort das Christentum erst im 19. Jahrhundert eingeführt.

    Den heutigen Staat Sudan.
     
  5. steffen04

    steffen04 Gesperrt

    ist das sinnvoll? Der besteht in seiner heutigen Form gerade mal seit 2011, in der kolonialen Form (mit allenVerwaltungsvorgängern) inklusive dem heutigen Südsudan seit vielleicht hundert Jahren.

    Wäre es nicht sinnvoller, anstatt dem Schicksal der christlichen Gemeinde auf dem Gebiet des heutigen Staat Sudan die Geschichte der Christen in Ostafrika zu beschreiben?
     
  6. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Wenn es nicht um das christliche Nubien ginge, sondern um das Christentum in Ostafrika?
     
  7. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Gerade hier möchte ich doch an die Eigenständigkeit des nubisches Christentums anzweifeln. Zwar existierten eigenständige christliche Königreiche, aber hier Christentum orientierte sich nordwärts. Teilweise waren die Kirchen dem Patriarchat von Alexandria, teilweise Konstantinopel unterstellt. Anders als das christliche Äthiopien war Nubien eben nicht isoliert, sondern mit den bedeutendsten Ostkirchen verknüpft.

    Bei den ostkirchen stellt sich immer die spannende Frage nach der Sprache der Liturgie. Es gibt eine eigenständige nubische Sprache. Die altnubische Sprache wurde im Mittelalter auch noch benutzt. Dies spricht jedenfalls für eine kulturelle Eigenständigkeit des christlichen Nubiens.

    Die Kategorie Sudan im Mittelalter ergibt genauso viel oder wenig Sinn wie die Kategorie Deutschland im Mittelalter. Ich weiß jetzt nicht, wo das Problem sein soll. Die heutigen Staatsgrenzen kann man immer als bekannt voraussetzen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2016
  8. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Naja, der Thread heißt "Das christliche Nubien", und diese nubischen Reiche haben nunmal über den Großteil des Gebietes geherrscht der heute vom Sudan umfasst wird. Und ja, in Fachkreisen spricht man normalerweise vom "Mittelalterlichen Sudan" wenn es um die christliche Epoche geht, auch wenn der Begriff nicht unumstritten ist. Ist aber eigentlich auch alles Haarspalterei. Jedenfalls kommt der erste dickere Post in den nächsten Tagen.
     
  9. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Bevor wir so richtig durchstarten können ist es nötig, uns mit der Geographie des Sudan auseinandersetzen. So beugen wir, die bei der zahlreichen Nennung von Flüssen, Landschaften etc. vorprogrammierten, ratlosen Gesichter vor.
    Hier erstmal eine Karte:
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    Man sieht gleich, dass der Nil, geteilt in den welcher durch den Weißen, den Blauen Nil sowie den Atbara gespeist wird, das Herzland des Sudan darstellt. Der Nil wird durch sechs Katarakte unterbrochen, sprich kleine Wasserfälle, die die Weiterfahrt mit dem Boot verhindern. Die Katarakte sind die wichtigste Orientierungseinheit für uns.
    Die historische Landschaft Nubien umfasst das ganze Gebiet zwischen dem ersten Katarakt und Soba, südlich des sechsten Katarakts. Zwischen dem ersten Katarakt und dem Einflussgebiet des Atbara in den Nil, also südlich des fünften Kataraktes, wird das gesamte Leben ausschließlich durch den Nil bestimmt. Westlich und östlich dieser Zone, fernab der schmalen fruchtbaren Streifen, befindet sich superaride Wüste, welche lediglich von einigen wenigen Nomaden bewohnt wird. Die Wüste, die zwischen dem Nil bei Alt Dongola und dem sechsten Katarakt liegt, wird die Bayyuda-Wüste genannt. Diese spielte historisch gesehen für Handelskarawanen eine wichtige Rolle, da der Nil zwischen dem vierten und fünften Katarakt nur schlecht befahrbar ist.
    Wie bereits erwähnt, bestimmt der Nil das Leben bis zum Atbara, doch dann tut sich eine andere Landschaft auf. Diese Landschaft besteht aus Trockensavanne, auch wenn ein Großteil heute mit Flugsand bedeckt ist oder sogar zum Teil ganz desertifikiert ist. Diese Landschaft wird die Insel von Meroe oder auch Butana genannt und erstreckt sich über das gesamte Gebiet zwischen dem Atbara und dem Haupt- und Blauen Nil.
    Weiter südwestlich sieht man den Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nils, wo sich auch die sudanesische Hauptstadt Khartoum befindet. Südlich von Khartoum erstreckt sich die Gezira, begrenzt durch den Weißen und den Blauen Nil. Wie direkt die Kontrolle der prä-islamischen Reiche über dieses Gebiet war lässt sich immer noch nicht beantworten, doch spielte es landwirtschaftlich gesehen sicher eine gewisse Rolle. Besonders in seiner Südhälfte hat man es bereits mit Feuchtsavanne zu tun. Im Südosten der Gezira, ungefähr dort wo auf der Karte "Blauer Nil" steht, liegt Fazughli. Dieses spielte historisch gesehen eine enorme Rolle als Goldgewinnungsland. Blicken wir auf die Region westlich der Gezira, westlich des Weißen Nils, erblicken wir Kordofan, welches hauptsächlich durch die Nuba-Berge bestimmt wird. Noch weiter westlich liegt Darfur, welches leider auf der Karte nicht mehr abgebildet ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. November 2016
  10. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Ich dachte der Nil heißt ab dem Zusammenfluss von Weiß und Blau einfach Nil,
    wie weit heißt er denn Weißer Nil?
     
  11. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Haste recht. Fixed.
     
  12. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    [FONT=&quot]Aufstieg und Christianisierung[/FONT][FONT=&quot]


    Die Geschichte der Nubier beginnt lange vor ihrer Christianisierung, doch nicht so lange wie einige denken mögen. Denn um eines vorneweg klarzustellen: Die Nubier stimmen nicht mit den Kuschiten überein, sprich den Gründern des Kerma-Reiches (Ca. 2500-1500 v. Chr.) und dem Reich von Napata / Meroe (Ca 900 v. Chr. bis 4. Jahrhundert n. Chr). Es handelt sich tatsächlich um zwei unterschiedliche Völker, auch wenn beide eine nilo-saharanische Sprache sprechen.

    Jedenfalls tauchen die Nubier das erste Mal bei Eratosthenes auf, einem griechischen Gelehrten des dritten Jahrhunderts v. Chr. Laut diesem bevölkerten die Nubier die Gebiete westlich des Nils, beginnend auf der Höhe von Meroe bis hin zur „Biegung des Flusses“, also wahrscheinlich irgendwo in der Bayuda. Sie werden als nicht abhängig vom meroitischen Reich beschrieben und waren anscheinend in mehrere kleine Königreiche organisiert. Diese wurden wohl vom meroitischen Reich (Ca. 270 v. Chr. – 350-400 n. Chr.) möglichst auf Abstand gehalten: Die womöglich westlichsten Außenposten des meroitischen Reiches lagen ca. 100 km westlich des Nils. Es scheint klar, dass die Kuschiten einige Ressourcen aufwendeten um die Nubier, wahrscheinlich größtenteils viehzüchtende Nomaden, vom Eindringen ins Niltal abzuhalten.
    Ab der Zeitenwende finden wir einen ersten handfesten Beweis dafür, dass die Bezwingung der Nubier zum kuschitischen Topos gehörte. Dieser manifestiert sich in einer kleinen Figur, die einen auf den Bauch liegenden, die Hände und Füße aneinander gefesselten Gefangen darstellt, der mit einem Schurz bekleidet ist und eine Feder im Haar trägt. Eine eingeritzte Inschrift beschreibt ihn als den „König der Noba“. Eine andere Darstellung eines Nubiers ist eine Standartenhalterung aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. Steckt man die Standarte in das zugehörige Loch sieht es so aus, als wenn der Nubier durch die Standarte aufgespießt wird. Auch auf Grabsteinen beginnen die Nubier aufzutauchen: Die bestatteten Kuschiten rühmten sich, dutzende Nubier erschlagen zu haben. Die so fern übersetzten Grabsteine stammen aus dem dritten Jahrhundert n. Chr., also aus einer Zeit, als ein funktionierendes meroitisches Abwehrsystem, dass sich in spät-meroitischer Zeit auch durch ein sprunghaftes Entstehen zahlreicher Festungen auszeichnet, in seinen letzten Zügen lag.
    Ab dem vierten Jahrhundert begann dann der unwiderrufliche Niedergang. Allerdings spricht kaum etwas dafür, dass die Nubier erst ab dem vierten Jahrhundert, und dafür dann massenweise, in das Niltal gelangten. Wie die Archäologie zeigt führten die sogenannten post-meroitischen Kulturen die meroitische Kultur ohne nennenswerten Bruch fort. Dementsprechend sind die Nubier wohl schon lange vorher in eher kleinen Mengen ins Niltal eingesickert, haben aber erst ab dem vierten Jahrhundert angefangen die Kontrolle zu übernehmen.
    Der erste Beweis für eine solche Kontrollnahme ist eine äthiopische Inschrift des aksumitischen Königs Ezana, übrigens der erste christlich-aksumitische König. Die Nubier werden als Aggressoren beschrieben, die der aksumitische König mit einer Expedition bestraft. Zu seiner Zeit, also zur Mitte des vierten Jahrhunderts n. Chr., beherrschten die „Schwarzen Noba“ Teile des heutigen Ostsudans, während die „Roten Noba“ das Niltal nördlich der Bayuda unter Kontrolle hatten. Das meroitische Reich war also bereits auf die Butana und vielleicht noch Teile der Gezira reduziert. Die zwei aksumitischen Expeditionen dürften dem Reich den Rest gegeben haben, und bis spätestens 400 n. Chr war es verschwunden.

    Soweit wir sagen können war die aksumitische Präsenz im Niltal nur kurzlebig, so dass die Stunde der Nubier hatte nun endgültig schlagen konnte. Es brach die bereits erwähnte „post-meroitische“ Epoche an, eine Zeit, die sich durch eine generelle Dezentralisierung und den Übergang einer afrikanisch-pharaonisch geprägten Kultur hin zu der gräko-nubischen Kultur des Mittelalters auszeichnete. Für dieses Zeitalter gilt die Faustregel: Je weiter man nach Süden kommt, desto schlechter wird die Quellenlage. Arbeiten wir uns also von Norden nach Süden vor.
    Im Norden Nubiens und sogar bis nach Oberägypten hinein konnten sich ab dem späten vierten Jahrhundert kuschitischsprachige Wüstennomaden, Blemmyer genannt, festsetzen, nachdem sie die Gegend schon lange vorher regelmäßig geplündert haben. Sie kontrollierten ihr Reich für ungefähr 50 Jahre, waren aber während all dieser Zeit nicht nur von den Römern im Norden, sondern auch den Nubiern im Süden bedroht. Letztere werden in den Quellen als Nobaden (Erstmals erwähnt im Kontext des späten dritten Jahrhunderts n. Chr.) bezeichnet und stimmen wohl mit der sogenannten X-Kultur überein, ein erstmals im frühen 20. Jahrhundert benutzter Begriff für eine Kultur, die sich in ihren Höchstzeiten vom ersten bis zum dritten Katarakt erstreckte und diese sich vor allen Dingen durch ihre prächtig ausgestatteten Königsgräber in Qustul und Ballana (Beide wenige Kilometer nördlich von Faras) auszeichnet. Diese Kultur lässt sich archäologisch bereits ab dem späten vierten Jahrhundert fassen, war aber noch auf ein kleineres Gebiet beschränkt. Zu dem Zeitpunkt kontrollierte die X-Kultur, also die Nobaden, das Gebiet südlich von Talmis (Heute Kalabsha), damals die Hauptstadt der Blemmyer, bis hin zum zweiten Katarakt. Bis zur Mitte des fünften Jahrhunderts konnten die Blemmyer jedoch aus Talmis und letztendlich dem gesamten Niltal vertrieben werden, wie die berühmte Inschrift des Nobadenkönigs Silko belegt. Dort bezeichnet sich Silko auch als König der Nobaden und aller „Äthiopier“. Die Inschrift war übrigens bereits auf Griechisch verfasst, damals die Lingua Franca des östlichen Mittelmeerraumes. Meroitisch scheint im Nordnubien des fünften Jahrhunderts außerhalb des sakralen Bereichs keine große Rolle mehr gespielt zu haben, auch wenn die Situation weiter südlich anders ausgesehen haben könnte. Auch spektakuläre Briefe aus Qasr Ibrim, die einen Nachrichtenaustausch zwischen dem nobadischen und den Blemmyer-König attestieren und die von Silko eroberten Gebiete thematisieren, wurden auf Griechisch verfasst.
    Jedenfalls konnte sich Nobadia als eine Macht im Niltal etablieren, auch wenn es dabei höchstwahrscheinlich ein Vasallenverhältnis mit dem Oströmischen Reich eingegangen ist. Bis zum Jahr 500 konnte es sich dann bis zum dritten Katarakt ausdehnen. Um den Zeitraum herum dürfte sich auch Faras als nobadische Hauptstadt etabliert haben.

    Südlich des dritten Katarakts sind wir bis zum sechsten Jahrhundert mit einer quasi nicht existenten schriftlichen Überlieferung konfrontiert, doch kann uns hier die Archäologie weiterhelfen. Es scheint, als läge der Ursprung der nubischen Kultur, die später das Reich von Makuria formen sollte, in der Gegend um den vierten Katarakt herum. Dies war auch die Gegend von Napata, einst ein wichtiges Zentrum des kuschitischen Reiches. Von dort konnte sich die Kultur nordwärst ausbreiten, bis im späten 5. Jahrhundert Dongola gegründet wurde. Die Baukaktivitäten dort lassen vermuten, dass die Stadt seit ihrer Gründung das Zentrum des Reiches bilden sollte. Die Gründung des Reiches von Makuria wird dementsprechend auf das Jahr 500 angesetzt. Es erstreckte sich im Norden bis zum dritten Katarakt, während es im Süden bis nach Al-Abwab reichte, welches in der Gegend zwischen Abu Hamed und dem Zusammenfluss zwischen dem Nil und dem Atbara vermutet wird.

    Südlich von Al-Abwab, im ehemaligen meroitischen Kernland, sollte ein anderes Reich entstehen: Alodia, oft auch als Alwa bezeichnet. Dessen Entstehungsprozess ist allerdings noch mysteriöser als Makurias. Was klar scheint ist, dass die von Ezana erwähnten "Schwarzen Noba" wohl eine staatstragende Rolle gespielt haben, doch ab wann genau sich dieser Staat gebildet hat, und unter welchen Umständen, ist immer noch nicht genau bekannt. Post-meroitische Stätten, anhand derer man einen Entwicklungsprozess nachvollziehen könnte, sind nämlich nur wenige bekannt. Jedenfalls war der Prozess der Staatenbildung bis zum späteren sechsten Jahrhundert n. Chr. abgeschlossen, wie wir dank der doch eher begrenzten Ausgrabungen in Soba, der Hauptstadt Alodias (Große Bauprojekte sind dort erst ab dem erwähnten Zeitraum auszumachen), sowie schriftlicher Quellen wissen. Diese schriftlichen Quellen leiten uns gleich zum nächsten einschneidenden Ereignis der nubischen Geschichte: Der Christianisierung.

    In der Spätantike waren die Römer darauf bedacht, neue Verbündete gegen das sassanidische Reich zu gewinnen. Dabei setzten sie auf Christianisierung, welche ein relativ einfacher Weg war, um ein fremdes Volk in den römisch-mediterranen Kulturkreis zu integrieren. Schon vor der Christianisierung drangen christliche Einflüsse nach Nubien, besonders in Nobadien waren sie spürbar, doch waren diese noch ungesteuert, auch wenn sie im Laufe der Zeit immer stärker geworden sein dürften. Im Laufe des sechsten Jahrhunderts waren die Oströmer, oder Byzantiner, wie man sie in der Regel nach dem Untergang Westroms nennt, darauf bedacht, die Grenze zu Nubien endgültig zu sichern. Zuerst wurde bereits 535 der Isis-Tempel in Philae geschlossen, das letzte verbliebende heidnische Heiligtum in Oberägypten / Unternubien. Die Ereignisse danach wurden von Johannes von Ephesus und seinem Namensvetter Johannes von Biclar überliefert. Laut dem ersten empfahl der aus Alexandria stammende miaphysitische Geistliche Julianus der Kaiserin Theodora (Selber übrigens ebenfalls Miaphysitin) die Missionierung der Nobaden. Diese sandte dann Julianus aus, diese Aufgabe zu übernehmen. Allerdings sandte auch Justinian eine Gesandtschaft aus, die die Missionierung der Nobaden zur Orthodoxie zum Ziel hatte. Theodoras Gesandtschaft war schneller, und so wurde Nobadien im Jahre 543 christlich.
    Gut möglich, dass die Gesandtschaft auch direkt weiter südlich reiste, um den makuritischen Hof zu bekehren, doch scheint dem kein Erfolg gegönnt gewesen zu sein. Tatsächlich berichtet der bereits erwähnte Johannes von Biclar, wie die Makuriten im Jahre 569 ihre[FONT=&quot]n Wunsch äußerten, im christlichen Glauben unterrichtet zu werden[FONT=&quot].[/FONT] Allerdings nicht [FONT=&quot]im[/FONT] miaphysitischen Glauben, sondern [FONT=&quot]in der [/FONT]Orthodoxie. 573 wurde dann eine makuritische Delegation nach Konstantino[FONT=&quot]pel entsendet.
    [/FONT][/FONT] Das letzte nubische R[FONT=&quot]eich, das n[FONT=&quot]och immer den alten Göttern anhing war Alodia, tief im Süden. [FONT=&quot]Allerdings war der alodäische K[FONT=&quot]önig ebenfalls willig, den neun Glauben anzunehmen, und so s[FONT=&quot]chickte er eine[FONT=&quot] Delegation [FONT=&quot]zum[/FONT][/FONT] nobadischen König, welcher [FONT=&quot]übrigens mit ihm verwandt gewesen zu sein schien[FONT=&quot]. De[/FONT][/FONT]r alodäische König bittete darum[FONT=&quot], den Bieschof zu seinem [FONT=&quot]Lande zu entsenden der seinerzeit Nobadien kon[FONT=&quot]vertiert hat. Der Wunsch wurde erfüllt, do[FONT=&quot]ch musste dieser einen Umweg durch die Ostwüste nehmen, da die orthodoxen Makuriten ihnen die Durchreise durch ihr Land verweigert haben. Im Jahre 580 kam dieser dann [FONT=&quot]in Al[FONT=&quot]odia an und der König und der gesamte Adel [FONT=&quot]li[FONT=&quot]e[FONT=&quot]ß[/FONT][/FONT]en sich bereitwillig taufen.

    [FONT=&quot]So geschah es, dass innerhalb von ca. 37 Jahren das gesamte mittlere Niltal de[FONT=&quot]n neuen Glauben annahm und in den gräko-mediterranen Kulturkreis integriert wurde. Dass sogenannte christliche Mittelalter konnte beginnen.[/FONT][/FONT]
    [/FONT][/FONT][/FONT][/FONT][/FONT][/FONT][/FONT][/FONT][/FONT][/FONT][/FONT][/FONT]

    Bilder:

    1) "Der König der Noba":
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    2) Silko, der "König der Nobaden und aller Äthiopier":
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    3) Nobadische Krone aus dem frühen fünften Jahrhundert n. Chr.:
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    4) Pferd mit rekonstruiertem Geschirr:
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    5) Beispiel einer vorchristlichen Tracht:
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    [/FONT]
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Dezember 2016
    2 Person(en) gefällt das.
  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    Sorry,
    mir fehlen zum Genuss der Einlassungen die Quellenangaben.
     
  14. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    - Artur Obluski, 2014: "The Rise of Nobadia. Social Changes in Northern Nubia in late Antiquity"
    - Bogdan Zurawski, 2012: "In broader scope. The formation and ascendancy of the Kingdom of Tungul / Dongola in the sixth to eleventh century" in "St. Raphael Church at Banganarti mid sixth to mid eleventh century. An introduction to the site and epoch"
    - Derek Welbsy, 1991: "Soba. Archaeological Research at a medieval capital on the Blue Nile"
    - Petra Weschenfelder, 2013: "Traditionen und Innovationen - Postmeroitische Netzwerke in Nubien" in "Die Kulturen Nubiens - Ein afrikanisches Vermächtnis"
    - Roland Werner, 2013: "Das Christentum in Nubien. Geschichte und Gestalt einer afrikanischen Kirche"
    - William Adams, 2013: "Qasr Ibrim: The Ballana Phase"
     
  15. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Vielen Dank für die Quellenangaben! Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nichts davon kenne. Nur kurze Blicke hatte ich in einige Werke des Ungarn László Török geworfen [1] und in "Radubis" von Nagib Mahfuz, das 2006 auf den deutschen Markt kam, als der Autor den Literatur-Nobelpreis erhielt. Diese Publikationen beziehen sich freilich auf das "ganz alte" Nubien.

    Der größere Teil Deiner Abhandlung (#12) befasst sich mit der vor-christlichen Geschichte, was zum Verständnis sicher wichtig ist. Für die Fortsetzung wünsche ich mir, dass Du die Fragen ("Knackpunkte"), an denen sich die historische Diskussion entzündet, besonders hervorhebst.


    [1] Herodotus in Nubia (2014); Hellenizing Art in Ancient Nubia 300 B.C. - AD 250 and its Egyptian Models (2013); Between Two Worlds: The Frontier Region Between Ancient Nubia and Egypt, 3700 BC-500 AD (2008); z.T. auch ins Deutsche übersetzt.
     
  16. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Török hat auch ein anderes großes Buch zu dem Thema geschrieben, welches sich "Late antique Nubia" nennt. Da habe ich übrigens auch Bild Nr. 2 her.

    Was für Knackpunkte meinst du? Ich bin bereit, jeden einzelnen geschriebenen Satz zu diskutieren.
     
  17. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Ich glaube er meinte, dass Du auf die Punkte hinweisen sollst, an denen sich die Forschungsdiskussion entzündete, bzw. über die noch diskutiert wird. Das fördert naturgemäß die Diskussion im Forum.
     
  18. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Ja. (Habe das auch per PN erläutert.)

    Bei dieser Gelegenheit noch der Hinweis auf das – offenbar beendete – Heidelberger Projekt:
    Geschichte des christlichen Nubien
     
  19. PapaSchlumpf

    PapaSchlumpf Mitglied

    Ah achso. Sorry dass ich deine Mail übersehen habe.
    Auf immer noch diskutierte Punkte kann ich versuchen etwas mehr einzugehen, aber um da richtig mitreden zu können muss man schon ein gewisses Fachwissen haben. In Post #12 gäbe es zwei relativ kontroverse Fragestellungen:

    1) Wann genau ist Meroe untergegangen? Frühere Schätzungen waren das frühe 4. Jahrhundert, aber mittlerweile scheint es Konsens zu sein, den Untergang zwischen ca. 350 und ca. 370 zu legen. Allerdings gibt es noch eine andere Theorie, die besagt, dass es in der Zeit lediglich zu einem Dynastiewechsel kam. Das Reich von Meroe wäre demnach erst so um das Jahr 400 untergegangen. Diese Theorie stützt sich auf reiche Grabbeigaben aus Hügelgräbern in El-Hobagi, mehrere km südlich von Meroe. Soweit ich weiß beinhaltete ein Grab auch eine Beigabe mit der Aufschrift 'Qore', was meroitisch für 'König' ist.

    2) Waren die Träger der 'X-Kultur' wirklich Nobaden? Wie genau sah die Machtübernahme der Nubier im Niltal nun aus? Die erste Problematik ist, wie bereits angesprochen, die Tatsache, dass die 'X-Kultur' die Traditionen der meroitischen Epoche ohne großen Bruch forführt, auch wenn sie natürlich im Laufe der post-meroitischen Phase einen gewissen Wandel erleben. Ebefalls relativ seltsam ist, dass deren Könige in Qustul & Ballana bestattet wurden, nicht in plausibleren Kandidaten wie Faras (Hauptstadt des nobadischen Eparchats im Mittelalter), Qasr Ibrim oder Gebel Adda (Beides wichtige Zentren Nubiens bis in die frühe Neuzeit). Allerdings scheint ansonsten alles dafür zu sprechen, dass die 'X-Kulturler' mit den Nobaden übereinstimmen. Geht schon damit los dass die eine Krone, die ich gepostet habe (Bild Nr. 3), mit der von Silko (Bild Nr. 2) nahezu identisch ist. Schriftliche Quellen lassen vermuten, dass die Nobaden Föderaten des Oströmischen Reiches waren. Dieses Bild wird durch die zahlreichen römischen Importfunde in Qustul & Ballana bestätigt. Sogar den für Foederaten typischen Klappstuhl hat man entdeckt.

    Auch generell ist die frühnubische Geschichte noch ein heißes Eisen, seitdem der so ziemlich einzige professionelle Linguist der meroitischen Sprache, Claude Rilly, mehrere Grabsteine entziffert hat, die einen meroitischen Abwehrkampf mit den Nubiern zu bezeugen scheinen. Rilly's Theorie ist, dass die Nubier zur Zeit des Niedergangs von Meroe, also während des vierten Jahrhunderts, massenweise in Niltal geströmt sind und dann die Kontrolle übernommen haben. Allerdings widerspricht dieser Theorie die Archäologie. Ein plötzlich auftauchendes, unmeroitisches erscheinendes Kulturgut, wie z.B. eine gänzlich andere Keramikgestaltung, ist zu dem Zeitpunkt nämlich nicht auszumachen. Demenstprechend gehe ich von einer langsamen Einwanderung nubisch-sprechender Nomaden schon lange vor dem Fall Meroes aus.

    Wie dem auch sei, mein Angebot steht noch: Ihr könnt euch ruhig einzelne Stellen rauspicken und irgendwas dazu fragen. Letzteres gilt auch für Themen die ich nicht angesprochen habe.

    Hier eine andere wichtige Online-Ressource:
    http://www.medievalnubia.info/dev/index.php/Giovanni_Vantini's_Oriental_Sources_Concerning_Nubia
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. Dezember 2016

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