Das Eigentum bei Rousseau

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Chan, 31. Juli 2017.

  1. Chan

    Chan Aktives Mitglied


    Rousseau unterscheidet zwei Arten von Besitz:

    Zunächst den vor-staatlichen Besitz, der entsteht, indem ein Individuum einen Verfügungsanspruch auf ein Stück Land erhebt und bereit ist, diesen Anspruch mit Gewalt durchzusetzen und aufrechtzuerhalten. Das ist die Ursache von sozialer Ungleichheit:

    Den mit dieser Entwicklung einhergehenden Gesellschaftsvertrag zwischen den antagonistischen Klassen Reich und Arm stellt Rousseau ironisch wie folgt dar:

    Rousseaus Alternativvorschlag, der Contrat Social, sieht dagegen vor, dass in einem ersten Schritt das Besitzrecht an Grund und Boden an den Staat übergeht, der diesen Besitz dann in einem zweiten Schritt an die Bürger als deren ´Besitz´ zurückerstattet, die diesen quasi treuhänderisch verwalten.

    So heißt es im ´Gesellschaftsvertrag“, 1. Buch Kap. 9 (´Realeigentum):

    Durch das Ansichnehmen allen Privatbesitzes (possession privée) durch den Staat wird der frühere machtbasierte, also illegitime Besitz zunächst in öffentliches Eigentum (proprieté publique) verwandelt, das in einem zweiten Schritt den Bürgern zur Verwahrung (Disposition) als privates Eigentum (proprieté privée) überlassen wird. Damit ist folgender Wandel vollzogen:

    1) Im 2-Klassen-System verfügt das Individuum über "natürliche Freiheit", d.h. seine Freiheit wird nur durch seine (gewaltbereite) Stärke begrenzt. Besitz (Verfügungsrecht) und Eigentum sind identisch. Es besteht kein alle Individuen einschließendes Recht auf Besitz.

    2) Im Rousseau´schen Staat verfügt das Individuum über "bürgerliche Freiheit", d.h. seine Freiheit wird durch die Regeln des Gemeinwohls begrenzt. Besitz und Eigentum werden formal unterschieden: Besitz ist nur dann legitim, wenn vom Staat als Eigentum übereignet. Jedes Individuum hat ein Recht auf Eigentum, das ihm der Staat als Gesamteigentümer garantiert.

    Rousseau geht davon aus, dass die Einführung der Agrarwirtschaft das individuelle Eigentumsdenken begründete. Das dürfte historisch falsch sein, weil sich dieses Denken vermutlich erst im Kontext der Viehzucht entwickelte.

    Die Pointe von Rousseaus idealisierender Theorie ist, dass der Staat dem Bürger nicht als eine fremde Macht gegenüber steht, sondern den Volonté générale repräsentiert, den ´allgemeinen Willen´ des Volkes, der mehr ist als die Summe seiner Teile. Der ´Volkswille´, dessen gewählte Vertreter die Besitzverteilung regeln und gegen Missbrauch kontrollieren, ist in dieser Idealkonstruktion nichts dem Individuum Fremdes, sondern ein Instrument und Wahrer seiner Interessen.
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Mit dem Rechtshistoriker mag man denken, über das Eigentum form-, frist- und fruchtlos sinnieren zu können. Was dem Ökonomen erscheint, muss dem Soziologen noch lange nicht einleuchten. Vom darüber schwebenden Historiker ganz zu schweigen.

    Wikipedia knochentrocken:
    "Bei der Betrachtung der Eigentumstheorien in der Geschichte sind die wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Zeit von Bedeutung. Die Verfasser hatten ein bestimmtes Weltbild bzw. Gesellschaftsmodell vor Augen und wollten in der Regel nicht nur das Phänomen des Eigentums erklären und begründen, sondern beabsichtigten häufig im Rahmen weiter gespannter politischer Theorien ein Idealbild zu entwerfen und auf die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss zu nehmen."
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Eigentumstheorien#Geschichte

    Vom Fach ein Beispiel, bevor wir wieder bei der neolithischen Revolution, übergewichtigen Göttinnen und der Mutter aller Rinder bei den Kurganhorden landen:
    https://www.uni-bielefeld.de/philos.../Rehm,_Michaela_2005_Rousseau_Privateigentum_[Eckl_+_Ludwig_2005_Was_ist_Eigentum].pdf
     
  3. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Besten Dank :winke:
     
  5. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    Als Jurist wird mir bei Überschrift und erster Zeile schon schwindlig, Eigentum und Besitz sollte man schon unterscheiden können wenn man eine ernsthafte Diskussion starten möchte.
     
  6. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Gerade diese Unterscheidung ist der Sinn des Threads, du hast sie nur nicht wahrgenommen:

    In meinem Text werden beide Begriffe im Rousseau´schen Sinn expliziert: (1) Besitz (possession) ist nicht legitimiert, sondern ein bloßes Faktum (Verfügung über eine Sache ohne rechtliche Grundlage), er impliziert kein ´Recht´, (2) Eigentum (proprieté) ist dagegen das ´Recht´ auf eine Sache auf der Grundlage eines staatlichen abgesicherten Vertragsrechts. Die staatliche Absicherung und Eigentumsgarantie basiert auf dem Modell eines Staates, der sich in einem ersten Schritt allen Privatbesitz aneignet und in öffentliches Eigentum verwandelt (aus possession privée also proprieté publique macht) und in einem zweiten Schritt das öffentliche Eigentum an die Bürger in Form privaten Eigentums (proprieté privée) zurückerstattet, welches ein staatlich garantiertes Verfügungsrecht ist. Kurz: Proprieté publique ist absolutes und proprieté privée relatives Eigentum.

    Dumm nur, dass alle anderen Interpretationen noch unwahrscheinlicher und teilweise lächerlich sind (Spielzeug, Pornofiguren).
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Oktober 2017

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