Das Ende der Hexenverfolgung in Europa

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von SpionageHase, 8. August 2008.

  1. SpionageHase

    SpionageHase Neues Mitglied


    Ein liebes Hallo an Alle :winke:

    "Das Ende der Hexenverfolgung in Europa im 18. Jahrhundert durch die neue Denkweise der Menschen zur Zeit der Aufklärung"

    Dieses Thema formulierte ich für die 5. Prüfungskomponente in Form einer schriftlichen Hausarbeit. Abgabethermin ist am 11.12.2008 soweit ich weiß. Bedeutet das ich mich so langsam an die Arbeit machen sollte.

    Vorher aber möchte ich mir eure Meinung anhören. Mein betreuender Lehrer aktzeptierte dieses Thema ohne weitere Veränderungsvorschläge. Und so möchte ich vorgehen:

    Zunächst erläutern:
    -- Was ist Hexerei?
    -- Die Vorstellungen der Menschen im späten Mittelalter/frühen Neuzeit.
    -- der Strafprozess
    -- Wieso zeigte die Renaissance so wenig Wirkung? (Immerhin war dies eine Bewegung dessen Ideen viele Elemente der Hexenverfolgung in Frage stellte)
    -- Was versteht man unter Aufklärung? (fachübergreifender Aspekt (Deutsch): Vertreter, Beispiele, Wirkung und Folgen,)

    So viel zur Einleitung. Wenn das geschafft ist beginnt der eigentliche Teil meiner Arbeit. Ich muss beweisen das es ohne das Zeitalter der Aufklärung kaum möglich gewesen wäre Hexenverfolgungen zunächst einzuschränken und dann ganz abzuschaffen. Mein Beweis heißt Friedrich von Spee und hierzu hab ich mir Folgendes überlegt:

    -- Wie die Aufklärung die Denkweise der Menschen veränderte.
    -- War Friedrich von Spee ein aufgeklärter Schriftsteller?
    -- wie Friedrich von Spee mit seinem Werk "Cautio Criminalis" zum Ende der Hexenverfolgungen in Deutschland beitrug.
    -- Welche aufgeklärten und revolutionären Ideen "Cautio Criminalis" beinhaltet und mit welchen Argumenten Friedrich von Spee gegen die Hexenverfolgung vor geht.
    -- Wie die neue Denkweise der Menschen zur Beendigung der Hexenverfolgung beitrug.


    So schaut meine Gliederung aus. Was haltet ihr davon? Habt ihr Verbesserungsvorschläge, Ideen oder Kritik?
    Immer her damit. Ich schreibe zum ersten Mal in meinem Leben eine so ausführliche Facharbeit und es wär schön vorher ein paar Meinungen zu hören und bis jetzt hab ich von niemanden mehr gehört als " interessante Sache, viel Erfolg"

    Vielen Dank im Voraus =)
     
  2. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Es gibt hier drei durchaus inhaltsreiche Threads, in denen die Hexenverfolgung im Wesentlichen als Ereignis der frühen Neuzeit verstanden wird, und nicht des späten Mittelalters.... Ein Höhepunkt war sicherlich im 30-jährigen Krieg.

    Während der Zeit der Aufklärung findet eine starke naturwissenschaftlich-technische Orientierung der westlichen Welt statt. Inwieweit dies eine Teil der Aufklärung ist, oder was Ursache und was Wirkung ist, ist eine spannende Frage. Ganz sicherlich ist diese Orientierung aber nicht mehr mit Hexen oder Zauberei vereinbar. Die neue Leuteverdummung im 18. Jh. musste "naturwissenschaftliche Tünche" bekommen: Magnetismus, Hypnose, Astralkörper. Dies war aber eben KEIN Teufelswerk mehr...
     
  3. SpionageHase

    SpionageHase Neues Mitglied


    Das ist Richtig. Das späte Mittelalter wollte ich trotzdem in meine Arbeit einbringen. Das Mittelalter ist immerhin die Brutstätte des Aberglaubens auch wenn Hexen hier noch keine große Rolle spielten. Es gab schon im Mittelalter die Angst vor dem Teufel und die Angst vor dem Fegefeuer. Deshalb dachte ich mir es wäre nicht verkehrt mittelalterliche Ängste mit neuzeitliche zu Vergleichen. Sollte meine Arbeit am Ende zu umfangreich werden lass ich das natürlich weg.

    Die fand doch auch schon zur Renaissance statt?! Ich denke da vor allem an die Ablösung des geozentrischen Weltbildes durch das heliozentrische Weltbild und an die Forschungen die nun in medizinischen Bereichen statt fanden. Was ist mit der Erfindung des Buchdrucks?

    Ansonsten kann ich dir nicht ganz folgen... Leuteverdummung im 18 Jh.? :S
     
  4. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Die Exposition des Lehrers ist gut, ich würde davon nicht weit abweichen. Im einzelnen:
    1. Fegefeuer weglassen - führt zu weit in religionsgeschichtliche Details
    2. Angst vor dem Teufel - entstand nicht im Mittelalter, sondern ist mit der christlichen Religion, auch mit anderen, unlösbar verbunden - deshalb nur die "Aktualisierung" dieser Angst ausgangs des Mittelalters beschreiben
    3. Renaissance kurz fassen - man kommt sonst in Gefahr, deren "aufklärerische Potenz" genauer beschreiben zu müssen und daran zu scheitern
    4. Bezüglich der "Tünche" auf deSilvas den-Glauben-an-die-Aufklärung-erschütterndes Material warten...:winke:
     
  5. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Renaissance - Naturwissenschaft und Technik - Aufklärung

    O.k. das berührt die "Hexenthema" nur wenig. Die Frage war aber durchaus, ab wann und weshalb eine Hexenverfolgung absurd wurde. Dass Hexen "Teufelsbuhlen" waren (was genau eigentlich damit gemeint war, haben die Inquisitoren vergeblich versucht, aus den armen Geschöpfen herauszufoltern) ist eine Sache, der juristische Tatbestand war ein ganz anderer: Schadenszauber: Hinrichs Kuh kalbt nicht mehr, Elses Butter wird käsig, Oma Schmitz ist von der Leiter gefallen und kann seither nicht mehr sprechen, und seit vier Wochen hat es nicht mehr geregnet. Da ist doch klar, was die Ursache ist!

    Wenn man jetzt ein bisschen über Lebensmittelchemie weiß, über Tier- und Humanmedizin und über Meteorologie, dann ist eben überhaupt nichts klar.

    Sobald der GLAUBE an naturwissenschaftliche Kausalität, an eine UNPERSÖNLICHE Ursache-Wirkungskette ein gewisses Maß erreicht hat (auch wenn man diese Ketten noch gar nicht besonders gründlich kennt), ist die Hexe aus dem Feuer.

    Dieser Glaube wird durch die sichere Benutzung von Technik gestärkt. Anfang des 15. Jh. schoss eine Kanone mal so und mal so.. Die Geschützmeister haben sicherlich den einen oder anderen Hahn geschlachtet, damit es besser wurde, und vor jedem Schuss dreimal ins Rohr gespuckt. (Wer um 1980 schon einen PC hatte, hat das auch gemacht... ) Auch Kolumbus hat auf dem Atlantik jedes Vertrauen in seinen Kompass verloren: Er "hätte nicht mehr funktioniert". Du liebes bisschen! Wieso soll ein Stück Magneteisen plötzlich nicht mehr funktionieren. Glücklicherweise war gerade keine Hexe zur Hand....

    Aber die Kanonen schossen immer zuverlässiger, die Uhren gingen immer genauer.

    Auf der anderen Seite verlor die aristotelische Physik jede Glaubwürdigkeit. Galileo Galilei hat viel dazu beigetragen. Durch ein einfaches Teleskop sah er Millionen Sterne der Milchstraße, Gebirge auf dem Mond, Sonnenflecken und die großen Jupitermonde. Der Luftdruck hing mit dem Wetter zusammen und leichte und schwere Gegenstände fielen plötzlich gleich schnell.

    Um 1620 schrieb Francis Bacon ein höchst bedeutsames Buch - das "Novum Organum" - das ein neues naturwissenschaftlich-technisches Weltbild enthielt. Er schrieb nur auf, was die meisten "Gelehrten" seiner Zeit schon lange dachten; 1605 oder 1620 ist ein gutes Datum für eine Zeitenwende...

    Nicht mehr einfach nur zu glauben, was in verstaubten Büchern stand, was Autoritäten erklärten, war ein Anliegen der Aufklärung. Empiristen und Rationalisten nahmen kritisch unter die Lupe, was bisher als "Realität" galt.

    Und die Hexen? Ja, ihre angebliche Zauberkraft hielt diesen Untersuchungen eben nicht stand.

    Doch was konnte die neue Naturlehre wirklich fürs tägliche Leben bieten? 1770 schließlich eine gut funktionierende Dampfmaschine, 1780 sogar ein Luftschiff und 1796 die Pockenimpfung. Und auch viel Humbug. Da gab es z.B. einen Grafen Cagliostro. einen Alexander Mesmer und einen Wolfgang von Kempelen... Denn auch der Rationalismus hat seine Grenzen.
     
  6. SpionageHase

    SpionageHase Neues Mitglied

    :heart:-lichen Dank für die Tipps jschmidt

    Ich grusel mich auch schon ein bisschen vor erklären zu müssen warum es der Renaissance nicht gelang den glauben an Hexen aus den Angeln zu heben :huh: denn wenn ich was nicht verstehe an dieser ganzen Geschichte dann das. Die Erklärungen die ich bis jetzt dazu gefunden habe haben mich nicht wirklich vom Hocker gerissen oder ich habe sie nicht richtig verstanden.
     
  7. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Tja, dann war meine Mühe wohl vergebens :-(
     
  8. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Nein, hab alles aufmerksam gelesen!
     
  9. SpionageHase

    SpionageHase Neues Mitglied

    Ich ebenfalls (als ich gestern meine antwort schrieb gab es deinen Beitrag noch nicht)...
    Aber du schweifst ab und es wird schwer den Kern zu finden. So wie ich das verstehe zweifelst du daran ob ich mein Thema richtig gewählt habe. Ob nicht doch der wissenschaftliche Fortschritt Grund für ein Ende waren und das alles weniger mit Aufklärung zutun hat. Wenn ich es falsch verstanden habe, klär mich auf. Schäm ich mich nicht für bei dem zähen Brei. :scheinheilig:

    Ich kann mir nur kaum vorstellen das die Menschen vor 1750 weniger wussten was der Tod ist und das es jeden irgendwann trifft. Über Krankheiten kann man das selbe sagen. Ich denke das man nicht erst ab 1750 wusste das man durch eine unsaubere Umgebung oder undichte Fensterläden im Winter Krank werden kann. Und das es mal 4 Wochen nicht regnet war in den südlicheren Ländern ebenfalls normal. Ich glaube kaum das man einen Gelehrten aus dem 18. Jh. brauchte oder eine tolle Erfindung wie eine Dampfmaschiene um zu begreifen das Oma Schmitz mit ihren alten Knochen eben ein bisschen wackelig auf der Leiter stand.
     
  10. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Ganz sicher bin ich abgeschweift, das habe ich ja offen zugegeben. Und mein Anliegen habe ich doch auch deutlich gemacht: "Was ist Aufklärung?". Kants Antwort ist sicher richtig, aber es geht - meiner Meinung nach - eben auch spezifischer: Ein mechanistisches - andere Kräfte waren damals noch nicht bekannt - Ursache-Wirkungs Denken setzte ein: Die "Seele" wurde isoliert, "Gott" als erster Beweger in die fernste Vergangenheit verbannt. Nur "natürliche" Ursachen galten. Etwas überspitzt gesagt: Alles Konsequenzen der Taschenuhr!

    In so einer Zeit kann ein "verständiger Mensch" einfach nicht mehr an Hexenzauber glauben - er würde sich höchstens lächerlich machen. Eine Hexe war entweder ein armes, verwirrtes Wesen, oder ihr Ankläger eine gewissenloser Schuft!

    Warum war es vorher anders?

    Grundsätzlich ist "Aberglaube" natürlich immer vorhanden. Wenn ich an amerikanische Nachmittagsserien denke, dann sind wir von Dämonen umgeben und durch Gedankenkraft werden Gegenstände bewegt oder Zeitreisen vollbracht.... Im Moment ist dies aber alles noch nicht (?) gerichtsverwertbar....

    Da die Bibel voll mit Geschichten über die gefährlichen Kräfte des Bösen ist, hatte ein Christ früherer Zeit auch keine Probleme damit. Zwar musste auch damals jedem Verständigen klar gewesen sein, dass es so simpel nicht sein konnte. Aber wenn es nun mal keine anderen Erklärungen gab?

    In ganz früher Zeit ließ man es dann auf sich beruhen ("schlafende Hunde"...), doch mit der frühen Neuzeit (um 1400) setzte das konsequente und schonungslose Denken ein, dass letztendlich zur Naturwissenschaft führte: Wenn die Hexen schuld waren, dann kann man das nicht auf sich beruhen lassen, sondern muss einschreiten. Ich denke da immer ein bisschen an die Tiere, die man vor zehn Jahren gnadenlos "keulte", wenn auch nur der leiseste Verdacht auf Rinderwahn aufkam...

    Im 17. Jh. änderte sich das: Es gab zwar auch keine wirklich guten Erklärungen für den Sinn des Daseins und den Bau der Welt, aber es gab sie NOCH NICHT. Jeder einigermaßen intelligente Mensch suchte danach (und schrieb verrückte Bücher darüber; Keplers "Harmonice Mundi" ist so eines..), es wurde entdeckt und erfunden was das Zeug hielt, und wenn es nicht richtig funktionierte (wie 100 Jahre lang die frühen Dampfmaschinen), dann wurde erst recht weitergemacht. "Plus Ultra" war zwar das Motto Karls V, aber es kann genau so über dem 17. und 18. Jh stehen....
     
  11. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Auch nach mehrmaligem Lesen wird mir dieser Passus nicht klarer: konsequentes Denken = Einschreiten gegen Hexen = Entwicklungsstufe zur Naturwissenschaft? Was das stimmte, müsste ich wohl meinen Wissenschaftsbegriff revidieren.:confused:

    Die Analogie zwischen Mensch (Hexen) und Tier (Rinder) gefällt mir hier auch nicht sonderlich besser als bei anderen Themen, etwa wie bei http://www.geschichtsforum.de/f55/wozu-sind-kriege-da-22662/. (Ob Hexerei z. B. als ansteckend galt, ist mir gerade nicht präsent.)
     
  12. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Ja, vieles in einem Satz :)

    (1) Präzises Denken: Findet sich
    - bei Philosophen
    - ihren Nachfolgern, den Naturwissenschaftlern
    - Juristen

    (2) Was aber sind die Konsequenzen eines solchen Denkens? Man kann es nun auf sich beruhen lassen! (Wird sich schon von selbst erledigen... Der himmliche Vater.... Ist ja nicht so schlimm....)
    In der Regel ist dies eine begrenzt vernünftige Einstellung,mit der man gut durchs Leben kommt. Sie hilft aber nicht weiter in der Physik und in der Mathematik...

    (3) Meine These (!) ist nun, dass gegen 1400 eine Denkweise beginnt, die vor keinen Konsequenzen mehr zurückschreckt: Wenn man "beweisen" kann, dass es westwärts nach Indien geht, dann los! Was steht in der Bibel? Dann machen wir es so! Wenn es Anzeichen dafür gibt, dass sich die Erde um die Sonne dreht, dann denken wir da mal weiter! Wenn Hexen schaden, dann Tod den Hexen... Macchiavelli, Savonarola, Calvin, Giordano Bruno..

    (3) Die Analogie zum Rinderwahn kam mir natürlich beim Wort "Wahn", aber auch in der Ähnlichkeit der Reaktion. Es hat m.M. damals an Fanatismus gegrenzt, wie Landräte und Bürgermeister reagiert haben.

    ----

    Edit:

    Damit jetzt nichts durcheinander kommt: Diese Einstellung, die einer Hexenverfolgung (auf Basis falscher (!) Prämissen) Vorschub leistete, ist dann wenige hundert Jahre später - nachdem diese Prämissen durch ein naturwissenschaftliches Weltbild ad absurdum geführt wurden - auch für das Ende des Hexenglaubens verantwortlich.

    Also mal so gesagt;
    (1) Glaube an Hexen (uralt)
    (2) Neue Rationalität führt zur Hexenverfolgung
    (3) Neue Rationalität führt auch zur Naturwissenschaft
    (4) Naturwissenschaft führt zum Ende des Hexenglaubens
    (5) Ende der Hexenverfolgung
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. August 2008
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Du musst dir darüber im Klaren sein, dass der Höhepunkt der Hexenverfolgung eindeutig in der frühen Neuzeit liegt, dass sich die größten Verfolgungen parallel zu den Entdeckungen eines Galileo Galilei, Francis Bacon oder Johann Keppler entwickelten. Als die erste Dampfmaschine schon existierte, ereignete sich 1775 die letzte Hinrichtung in Kempten auf Reichsboden, die letzte europäische Hexe, eine gewisse Anna Göldin, wurde 1782 in Glarus in der Schweiz exekutiert. Noch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts zeigten Studien, dass in Gebieten wie der Lüneburger Heide viele Menschen an Hexerei und Hexen glaubten.

    .
     
  14. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Sicher eine These (!), die eine ausführlichere Diskussion lohnen und möglicherweise, wie oben angedeutet, die Renaissance in anderer Belichtung zeigen würde. Aber nicht jede Analyse von Ursache und Wirkung - das ist mein Einwand - verdient das Etikett "(natur-)wissenschaftlich"! Vorliegend geht es doch darum, dass Glauben bzw. Aberglauben - wie so oft amalgamiert - beim Wort genommen werden und zu den schrecklichsten Folgen ("Konsequenzen"?) führen.

    Eine Quelle war sicherlich die Ableitung vom Schadenzauber, der laut Behringer (1998, S. 36) zuerst den Juden, dann den Hexen angelastet wurde. Aber wie gesagt: mit "Wissenschaft" hat das eher wenig zu tun.

    Bezüglich Savonarola und Bruno: Wenn das Hexenverfolger waren, wie Du nahelegst, dann sind das offenbar Fälle ausgleichender Ungerechtigkeit...

    Bei letzterem hast Du sicher recht. Ich assoziiere dazu Matthäus 8, 30 ff.:
    "Es war aber ferne von ihnen ein große Herde Säue auf der Weide. Da baten ihn die Teufel und sprachen: Willst du uns austreiben, so erlaube uns, in die Herde Säue zu fahren. Und er sprach: Fahret hin! Da fuhren sie aus und in die Herde Säue. Und siehe, die ganze Herde Säue stürzte sich von dem Abhang ins Meer und ersoffen im Wasser."
     
  15. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Wenn's nicht so arg an Politik und Religion gemahnen würde, könnte man an dieser Stelle noch eingehender darauf hinweisen, dass nach wie vor an der beherzten Abwehr von Teufeleien aller Art gearbeitet wird (Video - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten).
     
  16. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    @jschmidt
    Ich habe mich ganz oben IN ERSTER LINE auf Schadenszauber bezogen. Darauf beruht meine ganze Argumentation.

    Im letzten Posting hatte ich noch ein "Edit" hinzugefügt, weil meine Argumentation - über drei Postings verteilt - vielleicht nicht mehr "rund" erscheinen mag.

    Die Wissenschaft hat den "falschen Prämissen" ihre Grundlage entzogen:
    (a) Man kann nicht Zaubern!
    (b) In Wirklichkeit spielt sich Folgendes ab:...... (das dauerte dann etwas)
     
  17. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Danke für die Lesehilfe!:winke:
    Was die zweite Behringersche Komponente der "Hexen"-Ätiologie betrifft, nämlich das Feindbildstereotyp des teufelsanbetenden Ketzers (S. 37), so entwickelt sie sich möglicherweise unabhängig vom Schadenzauber, weshalb die Eingangsfrage ("Warum zeigte die Renaissance so wenig Wirkung?") doppelt berechtigt ist. - Wie gesagt: Ein eigener Strang zu Deinen interessanten Thesen wäre gut.

    Dazu wollte ich auch ein EDIT bringen, es geht auch aber so:
    Am Beispiel der mittelalterlichen Judenverfolgung wird klar, dass von "beruhen lassen" insoweit keine Rede sein kann.
     
  18. deSilva

    deSilva Neues Mitglied

    Vielleicht hätte ich besser sagen sollen: Es stand zur Disposition! Mit echter Nutzenabwägung: Vielleicht konnte man die alte Hexe ja doch noch einmal brauchen?

    Dein Vergleich mit den Judenverfolgungen ist vielleicht sehr treffend. Der Nutzen der Juden war immens und unbestritten (Freiheit der Geldgeschäfte, internationale Verbindungen, überragende Intellektualität,...) Formal waren sie im Mittelalter "Königsmündel". Judenverfolgungen scheinen lokal und kurz gewesen zu sein (Ich weiß aber im Moment nicht, wo ich das nachgucken könnte...)

    Erst in der späten Neuzeit werden Judenverfolgungen - jedenfalls vordergründig - wirtschaftlich (!) begründet. Man hat es nicht "Schadenszauber" genannt, sondern "Geschäftemacherei". Aus diesem Grund konnte natürlich keine "wissenschaftliche" Entlastung greifen...
     
  19. timotheus

    timotheus Neues Mitglied

  20. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Hexenverfolgungen entstanden aus einer sehr vielschichtigen Gemengelage unterschiedlicher Faktoren. Der Glaube an Magie und Schadenzauber ist fast so alt wie die Menschheit, und Schadenzauber wurde in vielen Kulturen als Straftatbestand verfolgt.
    Die administrativen und personellen Voraussetzungen, die überhaupt für eine organisierte Verfolgung notwendig war, bildete sich im späten Mittelalter, und die Hexenverfolgungen standen in der Tradition der Ketzerverfolgungen. Davon waren allerdings mehrheitlich Männer betroffen, während die meisten exekutierten Hexen Frauen waren. Die Vorstellungen einer Hexensekte, Teufelspakt und Schadenzauber, Hexenflug und Wettermachen entstanden im Spätmittelalter und verbreiteten sich durch den Buchdruck. Die Naturwissenschaften hatten zweifellos in der Renaissance erhebliche Fortschritte gemacht, die Mehrzahl der Menschen aber war Naturgewalten und Seuchen wie der Schwarzen Pest, Cholera und Pocken doch recht hilflos ausgeliefert, und für die "kleine Eiszeit", für katastrophale Missernten, Hungersnöte, Teuerung und Agrarkrisen, Schädlingsbefall und Brandkatastrophen hatten die meisten Menschen keine plausible naturwissenschaftliche Erklärung, konnten sie nicht haben.

    In einer durch die Volksfrömmigkeit und den Aberglauben geprägten Gesellschaft suchte man nach religiösen Ursachen und Deutungen. Da gab es Prediger, die- ganz ähnlich wie heute- sagen Ihr handelt falsch, sündig, ihr müsst euch ändern. Sie fanden Zuhörer, aber wie heute folgte ihnen keiner. Die Verwerfungen, die Reformation und Gegenreformation, Frühkapitalismus, Agrarkrisen und Seuchen mit sich brachten, begünstigten Verschwörungstheorien, die in einer Gesellschaft in der es viel soziale Kontrolle gab und durch die buchstäblich beengten Verhältnisse sehr viel Unfrieden. Der Hexenglaube war im 16. Jahrhundert weit verbreitet Luther, Calvin, John Knox und James I. glaubten fest an Hexen und hielten deren Verfolgung für richtig.

    Die Verschwörungstheorie wurde von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert, in zeitgenössischen Pamphleten weniger das Wüten der Obrigkeit bedauert, als deren Laschheit kritisiert.
    Damit Hexenverfolgungen entstehen konnten, musste der Boden dazu bereitet werden, das heißt, es gab Gerüchte, es rumorte, und meistens waren die (ersten) Opfer Frauen, die nicht mehr über genügend familiäre Kontakte verfügten, so dass Schutzmechanismen versagten.

    In vielen Städten kam es im Laufe von zwei bis drei Generationen Verfolgungswellen, und es zeigte sich, dass immer wieder Hexenkommissare oder Rats-Cliquen die Iniative an sich rissen, die sich über gesetzliche Beschränkungen souverän hinweg setzten. Denunziationen und Verleumdungen, die anfangs durchaus bestraft wurden, nahmen überhand und Kritiker oder Schöffen, die Widerstand leisteten, schüchterte man ein, oder beschuldigte sie und ihre Frauen und Verwandten. Schließlich kamen Frauen von Ratsherren und Bürgermeistern dran, zum Schluss diese selbst.

    Eine interessante Quelle ist die Geschichte des Hermann Löher aus Rheinbach, der Jahre später seine Erfahrungen mit offenkundigen Justizmorden in Rheinbach veröffentlichte. Löher war Täter und Opfer zugleich, die ersten Verurteilungen hatte er mitgetragen, bekam aber i9mmer mehr Zweifel. Löher und seine Kollegen waren dem bestellten Hexenkommissar Franz Buirmann nicht gewachsen, der selbstherrlich recht beugte, wie es ihm passte. Als die Witwe Christina Böffgen der Folter erlag, weil Buirmann trotz Einwänden des Henkers, immer weiter foltern ließ, bis sie tot war. Darauf "überzeugte" er die Schöffen, dass der Teufel ihr das Genick gebrochen habe.

    am Ende musste Löher nach Amsterdam fliehen, wo er sich wohl auch sein schlechtes Gewissen von der Seele schrieb. Löhers Werk (ich bin zu faul es zu verlinken) ist nur in zwei Originalausgaben erhalten.

    Die meisten Städte und Gemeinden, die eine, zwei oder drei Verfolgungswellen erlebten, haben diese "Experimente" nicht wiederholt, weil sie teils verheerende Folgen auf das soziale Gefüge und den sozialen Frieden hatten und mit schlechtem Ruf verbunden waren, als sich gegen Ende des 16. Anfang des 18. Jhds die Stimmen der Aufklärer durchsetzten.

    Gemessen am Zeitraum und der Einwohnerzahl gehörte die kleine westfälische Hansestadt Lemgo zu einer mit der höchsten Verfolgungsdichte, was der Stadt den Spitznamen "Lemje das Hexennest" bescherte.

    In Bamberg oder Würzburg wurden innerhalb der ersten Verfolgungswelle über 900 Menschen exekutiert, darunter der zweite Bürgermeister, der noch einen Kassiber an seine Tochter herausbringen konnte.

    In Lemgo wurden in insgesamt vier Verfolgungswellen von 1628-1681 insgesamt 200 Hexen, Frauen und Männer, hingerichtet- in knapp zwei Generationen in einer Stadt von etwa 5000 Einwohnern! Bei einer der ersten Verfolgungen traf es einen Lehrer, dem Teufelsbuhlschaft nachgesagt wurde- vielleicht ein derber Schülerstreich. Das Opfer hatte aber schwache Nerven und denunzierte 17 Komplizen und Komplizinnen. Dass der Rat ein Gutachten bei der Universität Rinteln einholte, das moderat ausfiel, konnte ihnen nicht mehr helfen.
    In der Endphase war es eine kleine Clique von drei Männern, Hermann Cothmann der Bürgermeister, der Ratssiegler Kuckuck und der Ratsschreiber Johann Berner. Sie setzten sich souverän über alle gesetzlichen Beschränkungen hinweg private Rechnungen wurden dabei beglichen. Die einst blühende Hansestadt, die während des Dreißigjährigen Krieges von der "Außenwelt" abgeschnitten war, verödete.

    Schließlich setzten sich aber auch dort die Aufklärer durch.
    Eine Maria Rampendal, die resolute Frau eines Barbiers und Baders wurde mehrfach gefoltert, gestand aber nicht und überlebte die Torturen, als sie des Landes verwiesen wurde, wendete sie sich an das Reichskammergericht. Damit war das Schweigen gebrochen, die Hexenjäger mussten nun mit Kontrolle rechnen und wurden bald darauf aus ihren Ämtern vertrieben. im Rat setzten sich nun Aufklärer durch, die bemerkenswert früh sich mit der Vergangenheitsbewältigung ihrer Stadt auseinandersetzten. Im Jahre 1715 erklärte ein Ratsprotokoll, das "Schwarze Buch oder Hexenbuch" der Vorfahren für "Thorheiten" erklärte und zu dem Schluss kam:

    "Möchte man wünschen, dass dergleichen Buch niemalen gemacht wäre, alsdann diese gute Stadt noch wohl in besserem Flore seyn würde, weil sie guten Theils durch solch fameusen Prozeß ruiniert worden."

    (Zitiert nach Heinz Schilling Aufbruch und Krise- Deutschland 1517-1648 S.390-392)
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juni 2017

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