Das Verhältnis der Rheinbundfürsten zu Napoléon

Dieses Thema im Forum "Französische Revolution & Napoleonische Epoche" wurde erstellt von Brissotin, 29. Juli 2015.

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  1. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Auch wenn Napoléon nicht mehr so mein Steckenpferd ist, hat mich in einem Buch über Markgraf Karl Friedrich (auf das ich momentan nicht mehr zugreifen kann) erstaunt wie eng sein Umgang mit dem Kaiser der Franzosen war. Wie schaut das bei den anderen Rheinbundfürsten aus? Wie empfanden sie das später als französische Unterjochung dargestellte Verhältnis zum Kaiser der Franzosen?

    Beispiel Baden: Wenn ich mich recht entsinne, hat Karl Friedrich persönlich einmal Napoléon zur Macht gratuliert. Karl Friedrichs Verhältnis zu Frankreich war aber auch schon immer ein besonderes. Er besuchte mehrfach Frankreich; seine erste Gemahlin (1723-1783) starb auf einer Reise nach Frankreich, die sie ohne den Markgrafen angetreten hatte. Versailles interessierte das Markgrafenpaar im Ancien Régime zu keinem Zeitpunkt. Die Interessen lagen eher auf der französischen Kunst, welche die Markgräfin Caroline Luise sammelte und von der sie stark beeinflusst wurde. Außerdem verkehrte man mit den franz. Geistesgrößen.
    Mit der Revolution brach dieser Kontakt mit Frankreich nur vorrübergehend ab. Karl Friedrichs Enkel, der seit 1801 Erbprinz geworden war, wurde mit Stéphanie, der Adoptivtochter Napoléons vermählt. Der Einfluss Napoléons in Karlsruhe ging nicht nur soweit, dass der anfangs als linientreu eingestufte Prinz Ludwig, wegen kritischer Äußerungen über Napoléon zusehends aus der Regierung entfernt, sondern letztlich sogar 1810 aus Karlsruhe nach Salem verbannt wurde. Kurprinz Karl Ludwig hatte zuvor 1804 noch zusammen mit besagtem Onkel, Prinz Ludwig, der Kaiserkrönung Napoléons in Paris beigewohnt. Baden blieb bis es nicht mehr anders ging unter der Herrschaft des Großherzogs Karl Ludwig, der 1811 auf seinen Großvater gefolgt war, treu an der Seite Napoléons. Diese Treue hätte ihm wohl beinahe die Existenz Badens gekostet. Am Jahresende 1813 wechselte Baden die Seiten und trat somit aus dem Rheinbund aus. Baden muss wohl als eines der treuesten Mitglieder des Rheinbundes betrachtet werden. Allerdings war Baden auch ein Hauptgewinner der rücksichtslosen Einmischung Frankreichs in die deutschen Verhältnisse. Badens territoriale Zugewinne ließen es im Mächtekonzert innerhalb Deutschlands bedeutend aufsteigen.

    Erstaunlich für mich war wie lange Anhalt-Bernburg auf der Seite Napoléons geblieben sein soll. Relativ lange konnte sich der kleine Staat dem Einfluss des Kaisers der Franzosen entziehen. Kurz vor dem Ende des HRR erwirkten die anhaltinischen Fürsten 1806 von Kaiser Franz II. die Standeserhöhung zu Herzögen. Alexius Friedrich Christian von Anhalt-Bernburg hatte in seiner Regierung bereits eine gewisse Vergrößerung seines kleinen Staates erleben dürfen, welche 1809 und 1812 noch erweitert wurde. Die Einziehung der Deutschordenskommende Buro 1809 ist wohl ein recht später Fall von Säkularisierung. Die Truppen des Herzogs kämpften in Tirol, Spanien, Russland und andernorts an der Seite der Franzosen mit. Erst am 1. Dezember 1813 soll A.-Bernburg aus dem Rheinbund ausgetreten und zu den Verbündeten übergelaufen sein https://de.wikipedia.org/wiki/Alexius_Friedrich_Christian_(Anhalt-Bernburg)#Leben . Interessant wäre hier, ob dieses lange Verharren 1813 nicht zu einer temporären militärischen Besetzung des Herzogtums geführt hat? Es lag ja praktisch im Herbst 1813 für die Alliierten am Weg.

    Württemberg fällt durch eine recht widersprüchliche Politik auf. Schon 1796 hatte es einen Seperatfrieden mit Frankreich noch unter Herzog Friedrich Eugen (1732-1797) seinen Verbündeten, Österreich, erzürnt. Der Nachfolger, Herzog Friedrich II., hatte nach seiner Teilnahme an der antifranzösischen Koalition 1800 aus Württemberg fliehen müssen, da sein Herzogtum von den Feinden besetzt wurde. Obwohl er direkt mit Frankreichs Erzrivalen dynastisch durch die Ehe mit der Tochter Georg III. seit 1797 verbunden war, begann er um 1801 mit einer Annäherung an Frankreich. Württemberg profitierte in der Folge enorm vom Reichsdeputationshauptschluss und weiteren von Frankreich beeinflussten Grenzverschiebungen. Obwohl oftmals die Antipathie Friedrichs gegenüber Napoléon betont wird, trat er als eines der wichtigsten Mitglieder dem Rheinbund 1806 bei nachdem er 1805 den Kaiser der Franzosen persönlich begegnet war. Seine einzige Tochter vermählte er mit Napoléons Bruder Jérôme. Somit wurden sowohl Württemberg als auch Baden dynastisch dauerhaft mit Frankreich verbunden. 1813 verharrte Württemberg länger als beispielsweise Bayern im französischen Lager. Württembergische Truppen liefen z.T. eigenmächtig auf die Seite der Verbündeten in der Völkerschlacht über. Trotz des erst so spät erfolgten Seitenwechsels blieb das Territorium Württembergs unangetastet.
     
  2. Geschichteleser

    Geschichteleser Neues Mitglied

    Das Badische Verhältnis zu Frankreich war in der Tat ein besonderes.

    Seit dem dreissigjährigen Krieg der Fußabtreter Frankreichs für Besuche
    im Reich.
    Für die nächsten 100 Jahre und bis zur franz. Revolution immer wieder teils systematisch geplündert und gebrandschatzt.
    Durlach,Pforzheim mit umliegenden Dörfern mehr als einmal in Schutt und Asche gelegt. Die Gegend um Bruchsal danach fast menschenleer.
    Napoleons Komandoaktion in Ettenheim stellt einen weiteren Höhepunkt badischer Ausgeliefertheit zu seinem Nachbarn dar.

    Mehr als einmal mußte Markgraf Karl Friedrich fluchtartig die Koffer packen um den anrückenden Franzosen zu entgehen.
    Ungünstig auch die Nachbarschaft zur Reichsfeste Philippsburg die potentielle Reichsgegner anzog wie die Sch... Fliegen.

    Karl Friedrich selbst ein aufgeklärter Geist und friedliebender Monarch
    agiert entsprechend ängstlich. Als sparsamer Herrrscher verfügte er nach jahrelangem erfolgreichen Wirtschaften über eine gut gefüllte Portokasse als deutschen Potentaten zum Ausgleich für kassierte linksreihnische Gebiete
    entsäkularisierte deutsche rechtsrheinische Gebiete vermutlich über den Umweg von Talleyrands Manteltaschen verramscht wurden.
    Diese Aktionen führte vermutlich der spätere Thronfolger Ludwig durch der mehrmals dafür nach Paris gereist war. Napoleon soll ihn jedoch nicht besonders geschätzt haben.

    Des Nachbarn Wunsch war also Befehl und so wird die Verlobung des Enkels und
    Thronfolgers Carls mit Auguste Amalie Prinzessin von Bayern trotz dessen heftigen Protestes gelöst. Natürlich fügt man sich dem Wunsch des Kaisers nach Versippung.

    Carl dürfte somit den Respekt vor Frankreich in die Wiege gelegt bekommen haben. Vermutlich auch aus Respekt zu seiner Ehefrau kündigt er das Bündnis zu Frankreich erst als die Niederlage des Kaisers sicher scheint.

    Gruss
    Geschichteleser
     
  3. Geschichteleser

    Geschichteleser Neues Mitglied

    entsäkularisierte deutsche rechtsrheinische Gebiete :nono:
    meine natürlich säkularisierte...
     
  4. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Neues Mitglied

    Das Königreich Westphalen gehörte ebenfalls zum Rheinbund. König Jérôme Bonaparte war Napoléons jüngster Bruder. Die beiden scheinen, kein sonderlich brüderlich, harmonisches Verhältnis gehabt zu haben. Jérôme lebte eine Zeit in den USA, lernte dort seine Frau kennen, von der er sich auf Napoléons Drängen später scheiden ließ.

    Wilhelm I., Kurfürst von Hessen, dessen gesamtes Territorium nach dem Frieden von Tilsit 1807 an napoleonische Satellitenstaaten aufgeteilt wurde (hauptsächlich an das neuerschaffene "Königreich Westphalen"), verbrachte die Jahre 1806-13 im Exil. Er hatte sich geweigert, dem Rheinbund beizutreten und sein Land für neutral erklärt.
     
  5. Josefa

    Josefa Neues Mitglied

    Bayern

    (Ich hoffe, es ist okay, wenn ich diesen älteren Thread wiederbelebe.)
    Was den bayerischen Kurfürsten Max Joseph angeht, so pendelte das Verhältnis zu Napoleon wohl immer zwischen Verehrung und Angst, meinem Eindruck nach.

    Max Joseph, in seinen wilden Jugendjahren hochverschuldeter Offizier im Dienste des französischen Königs und Salonlöwe im Dienste der Straßburger Damenwelt, liebt Frankreich von Herzen. Trotzdem legt er sich politisch lange nicht fest. Als er Kurfürst wird, steht er noch auf der Seite der Gegner Frankreichs (und folglich der Verlierer im Zweiten Koalitionskrieg). Er vermeidet eine persönliche Begegnung zu Beginn: zu Napoleons Hoftag im Herbst 1804 fährt er nicht, zur Kaiserkrönung auch nicht. Er entschuldigt sich in unterwürfigstem Ton, Kurfürstin Karoline sei schwanger und könne nicht mehr reisen, und allein lassen könne er sie auch nicht (um das vorweg zu nehmen, Karoline ist wirklich schwanger und Max hängt tatsächlich so sehr an seiner Frau, dass sogar der französische Gesandte die Erklärung anstandslos akzeptiert).

    Im Frühjahr 1805 hätte Kurprinz Ludwig auf väterliche Anweisung wohl immerhin an der Krönung Napoleons zum König von Italien teilnehmen sollen. Tut er aber nicht. Ludwig fährt später, als Napoleon wieder in Paris ist, nach Mailand und schaut sich dort wenigstens den Herrn Vizekönig an, seinen zukünftigen Schwager. Leider gibt es dazu nur einen Brief Eugènes, keine Bemerkung Ludwigs.

    Als Napoleon nach Kriegsausbruch durch München kommt, ist der Kurfürst wieder nicht zu Hause. Die erste Begegnung zwischen Max Joseph und Napoleon findet erst mitten im Krieg statt, am sechsten November 1805 in Linz. Max Joseph hat auch den Kurprinzen dabei und behauptet, dieser sei »fou de Napoléon« von diesem Treffen zurückgekommen (das wird der Franzosenhasser Ludwig I. später vehement bestreiten!). Irgendwann im Laufe der Zusammenkunft muss dann wohl auch die Vereinbarung bezüglich der Verheiratung von Max Josephs Tochter Auguste mit Eugène Beauharnais getroffen worden sein – zumindest nach französischer Ansicht. Um auch Max Joseph davon zu überzeugen, ist noch ein wenig Druck nötig ...

    Napoleon selbst kommt in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember in München an, wo sich seine Kaiserin Josephine schon seit vier Wochen aufhält. Er bleibt bis zum 17. Januar; da ist also viel Zeit für die Ausbildung von persönlichen Beziehungen (diese drei Wochen könnte man vermutlich verfilmen; das zu beobachten muss für einen Unbeteiligten urkomisch gewesen sein). Am Ende kriegt Napoleon die Prinzessin, aber es kostet ihn einiges: er muss Eugène adoptieren, versprechen, ihn zum Erben Italiens zu erklären, und zur Sicherheit muss der Bräutigam auch gleich noch in derselben Woche zur Hochzeit antreten. Diese Heirat scheint Napoleon unheimlich wichtig gewesen zu sein; gegenüber dem protestierenden Murat erklärte er sie für einen ebenso bedeutenden Sieg wie den von Austerlitz. (Demselben Irrtum wird er später, bei seiner eigenen Hochzeit mit Marie-Louise, noch einmal verfallen.)

    Da für Max Joseph die Familie eine große Rolle spielte und er diesen aufgezwungenen Schwiegersohn obendrein schnell schätzen lernte (die beiden waren sich in einigen Wesenszügen wohl sehr ähnlich), war das auf jeden Fall eine neue und sehr enge persönliche Bindung an Napoleon. Wahrscheinlich die wichtigste in Max Josephs Denkungsart, leider wird sie sich als nicht tragfähig erweisen.
    Man merkt zu Beginn auch, dass diese »Neuerwerbung«, eine richtige Fürstenfamilie, mit der man verwandt ist, für Napoleon sehr wichtig ist. Ludwig, jetzt Kronprinz, in München schon mit Napoleons »Säbel von Austerlitz« beschenkt, wird nach Paris eingeladen und nach Mailand zu Schwester und Schwager. Josephine schickt körbeweise Klamotten, Schmuck und Hofdamen zu ihrer Schwiegertochter nach Mailand, Napoleon Bücher und gute Ratschläge. Napoleon schreibt überhaupt sehr fürsorgliche Briefe an Auguste, wenn auch nicht immer so, wie diese sich das wohl erwartet (als Auguste sich offenbar beklagt, sie sehe ihren Mann leider so selten, weil der immer so viel arbeiten müsse, schickt Napoleon nicht etwa kürzere To-Do-Listen an Eugène, sondern erklärt ihm, er müsse seinen Tagesablauf besser organisieren …)

    1806, im Krieg gegen Preußen, gibt es die erste Verstimmung: Kronprinz Ludwig ist auf Reisen, statt sich dem Heer anzuschließen, und Max Joseph schickt seinen widerwilligen Sprössling eilig den Truppen hinterher.

    Im Winter 1807 macht Napoleon eine Reise in sein Königreich Italien (seine letzte). Max Joseph lädt sich, mit Karoline, Kind und Kegel und dem unvermeidlichen Montgelas mehr oder minder selbst dazu ein. Napoleon wird auf Sankt Helena noch Witze darüber reißen, wie man sich ihm aufgedrängt habe. Das Ganze findet aber wohl nicht ohne Hintergedanken statt; Bayern möchte von dem engen Verhältnis zu Italien profitieren und hofft auf Handelsverträge mit Mailand und Venedig – mal ganz abgesehen davon, dass Eugène immer noch nicht König und Auguste folglich auch keine Königin ist, während zwischenzeitlich die kaiserlichen Brüder fast sämtlich gekrönt wurden.

    1809 dann der erste richtige Bruch. Zwar kämpfen die Bayern immer noch auf der Seite der Franzosen, aber Napoleon maßregelt Max Joseph und Montgelas scharf (und wohl nicht völlig zu unrecht) wegen der Art, wie sie mit Tirol umgesprungen sind. Der Tonfall ist jetzt klar der eines Herrn gegenüber seinem Vasallen. Als Ludwig sich in Tirol einmal weigert, eine Anweisung auszuführen, stellt Napoleon angeblich sogar die Frage, was ihn denn eigentlich daran hindere, diesen Prinzen erschießen zu lassen.

    Dazu kommt im Dezember die Auflösung der Ehe Napoleons. Max Joseph und Karoline reisen eigentlich beide zu den Siegesfeiern nach Paris und werden davon völlig überrascht. Damit rückt Eugène vom zweiten ins dritte Glied in der kaiserlichen Familie; die familiäre Bindung zu Napoleon wird schwächer. Napoleon verheiratet sich mit einer Österreicherin; Bayern ist für ihn als politischer Partner unwichtig geworden. Die Chancen Eugènes auf eine Krone sind praktisch gleich Null; Auguste ist verbittert und lässt das bei ihrem einzigen Aufenthalt an Napoleons Hof sehr deutlich merken.

    Ja, und dann kam Russland. Und Max Joseph wechselte, gerade vor der Schlacht von Leipzig, die Seiten; dazu gibt's einen rührenden Briefwechsel mit Tochter und Schwiegersohn.
    Kommentar Napoleons zur Königin von Sachsen, Max' Schwester: »Ihr Bruder ist ein Schuft, Madame.«

    Das mag stimmen, wenn es um politische Loyalität geht. Seinem Schwiegersohn hat er allerdings trotzdem die Freundschaft bewahrt und ihn, als das Empire zusammengebrochen war, in Bayern aufgenommen. Und dazu auch zwei prominente geflüchtete Bonapartisten: Drouet d'Erlon und Lavalette, die beide in Bayern Asyl fanden.
     
    Zoki55, Scorpio und Brissotin gefällt das.

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