Das Verhalten der SPD Anfang 1918 bis 1919

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Rotfälscher, 10. November 2014.



  1. Hallo,

    gibt es eine Quelle oder ein Buch oder ähnliches, dass sich explizit mit dem Verhalten der SPD von Beginn der Revolution im Januar 1918 (damals noch in Form diverser Räterepubliken usw., die niedergeschlagen wurden) bis 1919 befassen?

    Welche Antriebsfedern hatte die SPD, einerseits die bestehende Ordung so radikal zu verändern, andererseits aber keine weitere Revolution durchzuführen (wie es angesichts der Tatsache, dass sich Räterepubliken usw. gebildet hatten sicherlich möglich gewesen wäre)?
    Die SPD war zum damaligen Zeitpunkt (und auch noch später) eine sozialistische, ja sogar kommunistische Partei und es gab offene Sympathien für den Marxismus; dies änderte sich meiner Kenntnis nach erst nach dem "Godesberger Programm".
    Wieso war die Armee im April bis Mai noch bereit, die kleinen Räterepubliken zu zerschlagen, aber im November nicht mehr bereit, auf Befehle der staatlichen Obrigkeit zu hören?

    Wie verhielten sich die Westmächte zur deutschen Revolution?
    Was sagten die Russen in der entstehenden Sowjetunion dazu?
     
  2. michaell

    michaell Aktives Mitglied

    Da hast Du was im zeitlichen Ablauf durcheinander gebracht. Die Revolution begann nicht im Januar 1918, sondern im November 1918. Die Bremer und Münchner Räterepubliken bestanden im Januar/Februar 1919 (Bremen) und April/Mai 1919 (München).

    Der Wikipedia-Artikel ist ein brauchbarer Einstieg und enthält auch Links und Literaturhinweise.
     
  3. Ralf.M

    Ralf.M Aktives Mitglied

    In dieser sehr bewegten Zeit würde ich mich nicht an einer Quelle, an einen Buch orientieren.
    Führt leicht zu Halbwissen!
    Um sich da ein Bild zu machen, sollte man schon im Selbststudium sich mit vielen Quellen und Büchern beschäftigen, denn die gibt es zuhauf.
    Mich würde die Frage interessieren wozu Du dies brauchst (Forschungsthema, Studium Uni, Unterricht Gymnasium, Erweiterung Allgemeinwissen etc.).
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. November 2014
  4. Muspilli

    Muspilli Neues Mitglied

    Damit sprichst du ein wichtiges Thema - aus meiner persönlichen Sicht sogar historisches Problem an; nur leider habe ich mich damit noch nicht ausführlich beschäftigt, insonders eben, wieso es überhaupt zur Niederschlagung der Räterepubliken kommen mußte :nono: Die Zusammenarbeit Eberts mit dem Militär zur Aufrechterhaltung der Staatsgewalt dürfte ein wichtiger Faktor sein.
    Insgesamt spielen überhaupt starke Differenzen innerhalb des linken (sozialistischen) Politspektrums eine Rolle, die wohl auch im Ansatz auf dem Reichsrätekongress verhandelt wurden ( Reichsrätekongress ? Wikipedia).

    Ich denke darüber ließe sich vortrefflich streiten. Die SPD nach dem ersten Weltkrieg als sozialistisch zu bezeichnen, dürfte noch angehen, aber kommunistisch erscheint mir ziemlich problematisch, gerade für die von dir angesprochene Zeit.

    Meines Wissens äußerten sich Lenin, aber wohl noch deutlicher Trotzki in kleinen Schriften oder Reden dazu. Mir fehlen leider gerade die Stichworte, um die online verfügbaren Links wieder zu finden. - Edith: Eventuell verwechsel ich das aber auch mit späteren Äußerungen Trotzkis zu Deutschlands Weg in den Faschismus.)
     
    Zuletzt bearbeitet: 10. November 2014
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  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    Eine gute und auch ausführliche Darstellung findet sich bei H. A. Winkler: Weimar 1918 - 1933
    Was die SPD angeht, so kann man hier zwischen der MSPD (Mehrheits-SPD) und den gemäßigten USPD-Vertretern (Unabhängige SPD) auf der einen Seite und der extremen Linken der USPD auf der anderen Seite unterscheiden.

    Erstere hatten vor allem das Ziel:
    - einen blutigen Bürgerkrieg, wie in Russland seit Anfang 1918, zu vermeiden und auch eine damit unvermeidliche militärische Intervention der Siegermächte,
    - die gewaltigen wirtschaftlichen Herausforderungen so zu meistern, dass die Bevölkerung ernährt werden konnte. Es galt u. a. 8 Mio Soldaten die am Kriegsende noch unter Waffen standen, und ca. 3 Mio. Beschäftigte der Rüstungsindustire in eine neue Situation einzugliedern. (Quelle Seite 65). Dies konnte nicht bewerkstelligt werden wenn man gleichzeitig den vorhandenen Verwaltungsapparat durch eigene unerfahrene Leute ersetzt hätte.
    (Dies gilt in einem hochentwickelten Industriestaat noch mehr als in einer überwiegend agrarisch geprägten Gesellschaft mit größerer Selbstversorgungspotenz wie Russland.)

    Wichtig ist auch festzuhalten: Die (M)SPD zu dieser Zeit war zwar marxistisch, sie war aber auch demokratisch (sah darin auch keinen Widerspruch) und daher nicht bereit einer einzelnen Gruppe, und sei es ihr eigenes Klientel, diktatorische Gewalten über die gesamte Gesellschaft zuzubilligen. Es war ja absehbar, dass die Sozialdemokraten keine absolute Mehrheit gewinnen würden.

    Vor dem Hintergrund der vorhandenen Schwierigkeiten haben die Sozialdemokraten in dieser Zeit wesentliche Ziele erreicht, etwa gleiches Wahlrecht, (auch für Frauen!) und was heute kaum bekannt ist: die paritätische Mitbestimmung, die zum wirtschaftlichen Aufstieg der jungen Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg erheblich beitrug.

    Insgesamt kann man sagen, dass die Sozialdemokraten einen verantwortungsbewußten Humanismus für wichtiger erachteten, als eine unmittelbare, und damit notwendigerweise gewaltsame, Umsetzung ihrer politischen Ziele.
    Man kann ihnen vorwerfen, dass es nicht notwendig gewesen wäre, extreme Gegner der jungen Republik in Schlüsselstellungen zu belassen.
    Aber mei, der Job war ja auch sehr schwierig..
     
  6. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Naja, die Vertreter eines Rätesystems waren wohl insgesamt schlicht in der Minderzahl. Über Bayern weiß ich auch nichts näheres, außer, dass die Räterepubolik wohl gewaltsam niedergeschlagen wurde, bevor es überhaupt zu einer wirklichen Konsolidierung oder Willensbildung (außerhalb des Kreises der Initiatoren und Unterstützer) kommen konnte.

    Für das gesamtdeutsche System von Arbeiter- und Soldatenräten gilt halt, was in dem von dir verlinkten Artikel über den Reichsrätekongreß gesagt wird:

    Die Deligierten des Rätesystems stimmten selbst mit einer großen Mehrheit gegen die Räte und für eine parlamentarische Republik, wie sich das ja auch die (M)SPD vorstellte.

    Naja, im deutschen Politikverstäbnis würde ich sagen, war die (M)SPD bzw bald wider die SPD ab dem 1. Wk./der Novemberrevolution va sozialdemokratisch (was aber mehr oder minder dem Sozialismus-Begriff bspw in Frankreich entspricht). Sie hatte eine revolutionären Kurs definitv verworfen. Dies entsprach auch allen Wahlergebenissen nach, sowohl im Kontext der kurzen Räte-"Verfassung" als auch den parlamentarischen Wahlen, dem Mehrheitswillen der Bevölkerung.

    Richtig ist der Hinweis auf erste Versuche, eine "Wirtschaftsdemokratie" zu etablieren. Allerdings war das mWn keine paritätische Mitbestimmung. Die Arbeitervertreter waren nicht gleichermaßen am Aufsichtsrat beteiligt (und erst ab 1922), und ihr Einfluss war auf soziale Belange beschränkt. Wirklichneu war es, überhaupt Betriebsräte per Gesetz festzuschreiben. Erste Versuche, eine paritätische Mitbestimmung zu erreichen, gelangen in Dtld mWn erst nach dem 2. Wk., und wirklich paritätisch war das dann auch nur in der Montanindustrie. Wobei ich nicht sagen kann, ob es überhaupt noch Montanindustrie gibt, für die das gilt... In anderen Unternehmen ist diese Parität nur formal vorhanden, aber nicht faktisch.

    Betriebsrätegesetz ? Wikipedia

    Mitbestimmung ? Wikipedia

    Montan-Mitbestimmungsgesetz ? Wikipedia

    Die Möglichkeit, hier eine weitergehende Mitbestimmung durchzusetzen, wie es USPD, KPD ua forderten, war evtl vorhanden, auch wenn man's natürlich nie genau wissen oder nachweisen kann.
     
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  7. hatl

    hatl Premiummitglied

    Reinecke,

    man kann trefflich darüber streiten ob der Begriff einer "paritätischen Mitbestimmung" frühere, oder auch neuere Zustände, ausreichend beschreibt. :)

    Immerhin aber erhielt im Februar 1920 ein 'wirtschaftliches Mitbestimmungsrecht' der Arbeitnehmer Verfassungsrang im Artikel 165.
    Dieses ging über ein Recht auf Anhörung hinaus, sondern beinhaltete das Recht die Arbeitsordnung mitzubestimmen. Desweiteren mussten ab 1922 per Gesetz Betriebsräte als Aufsichtsräte in den Aufsichtsrat, welcher ja das nicht nur Kontrollgremium eines rechenschaftspflichtigen Vorstands ist, sondern diesen auch personell besetzt, entsand werden.

    Damit wurde eine bis dahin nicht vorstellbare Teilhabe und Einflussnahme der Arbeitnehmerschaft erreicht, und auch eine wesentliche Grundlage einer neuen Definition eines sozialen Friedens geschaffen.

    Dazu vielleicht interessant: Hintergrund: Betriebliche Mitbestimmung
     
  8. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ist ja alles richtig, es war der Beginn der gesetzlich begründeten Mitbestimmung, aber paritätisch (gleichberechtigt) war sie halt nicht. ;)
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    :)
    Ist sie auch heut noch nicht..
    Eine andere Frage wäre die Entwicklung des Streikrechts als Form der gesellschaftlichen Teilhabe einer Einflussnahme aller vorhandenen Bevölkerungsgruppen im fraglichen Zeitraum.
     
  10. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    In der Montanindustrie geht die wie gesagt ziemlich weit, oder ging zumindest, als es noch Monatnindustrie gab...

    Die Tarifpartnerschaft der Gewerkschaften inkl Streikrecht (in tariflichen Fragen) wurde allerdings von Gewerkschaften und Arbeitgebern abseits staatlicher Ordnungsverfahren vereinbart. Da war die politische Kraft SPD wenn überhaupt mittelbar beteiligt. Vgl November- bzw Stinnes-Legien-Abkommen.

    Ebenso wurde der 8-Stunden-Tag aufgrund dieser vertraglicher Abmachungen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften eingeführt, später aber auch gesetzlich festgeklopft.

    Aber wir schweifen ab, glaub ich. ;)
     
  11. Cliomara

    Cliomara Neues Mitglied

    Die Mehrheitssozialdemokratie wollte im Oktober 1918 keine Revolution, sondern die bereits begonnene Parlamentarisierung des Reiches fortführen.

    Ebert und der Vorstand der MSPD waren Republikaner, aber sie wussten auch, dass die meisten Deutschen die Monarchie als Institution beibehalten wollten. Ebert drängte bis Anfang November auf einen Thronverzicht des Kaisers und des Kronprinzen. Eine demokratisch gewählte Nationalversammlung sollte dann über die Staatsform entscheiden.

    Als Ebert am 9. November 1918 das Amt des Reichskanzlers übertragen wurde, hätte er wohl am liebsten eine Koalition mit den Linksliberalen und der USPD gebildet. Das war nicht mehr möglich.

    So entstand der "Rat der Volksbeauftragten" - paritätisch besetzt aus Mehrheitssozialdemokraten und gemäßigten Unabhängigen.

    In der deutschen Geschichtswissenschaft war es in den sechziger und siebziger Jahren in Mode, von einer "verpassten Revolution" zu sprechen. Ebert hätte die Arbeiter- und Soldatenräte nicht genutzt, um durchgreifende Veränderungen voranzutreiben.


    Doch Ebert stand in den Monaten November 1918 bis Januar 1919 vor der Aufgabe, ein innenpolitisches Chaos zu vermeiden. Es gab keine bolschewistische Gefahr, aber linksradikale Kreise, die für Unruhe sorgten. In erster Linie musste die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sichergestellt werden.


    Hinzu kam, dass Ebert in der Gewerkschaftsbewegung geprägt wurde. Er setzte auf Organisationsmacht. Die Forderung des linken Flügels nach einem Generalstreik nannten die meisten sozialdemokratischen Gewerkschafter „Generalunsinn“. Ebert war ein Sozialpolitiker, der schon vor dem Ersten Weltkrieg wenig Interesse an Theoriediskussionen zeigte.


    Sicher wollte Ebert einen demokratischen Sozialismus, aber selbst in der USPD musste deren Wirtschaftstheoretiker Rudolf Hilferding 1918 einräumen, dass man bei der Sozialisierung vorsichtig vorgehen sollte.


    Ebert hat meines Erachtens das geleistet, was 1918/19 möglich war: Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung ermöglicht und den Weg zu einer demokratischen Entwicklung freigemacht. Dass er dabei Fehler machte, dass er den Militärs der OHL vielleicht zu sehr vertraute, will ich nicht abstreiten.


    Ich weiß nicht, ob es zulässig ist, hier auf eigene Aufsätze aufmeksam zu machen: Friedrich Ebert: Ein Sozialdemokrat führt Deutschland zur Demokratie


    Ich bin- wie ihr – Hobbyhistorikerin; meine Homepage verfolgt keine kommerziellen Zwecke. Ich habe Geschichte und Jura (im Nebenfach) studiert und verdiene mein Geld in einer Behörde.


    Falls der Link gegen die „guten Sitten“ verstößt, bitte ich die Moderation, ihn zu löschen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juli 2015
  12. Cliomara

    Cliomara Neues Mitglied

    Es gibt eine Menge Literatur zu dem Thema. Als Beispiel kann ich anführen:

    Peter Brandt/Detlef Lehnert, "Mehr Demokratie wagen". Geschichte der Sozialdemokratie 1830-2010, Berlin 2013

    Die beiden Autoren sind ausgewiesene Kenner der SPD und auch Mitglieder dieser Partei, aber keine Hofberichterstatter.

    Ulrich Kluge, Die deutsche Revolution 1918/19, Frankfurt am Main 1985

    Sebastian Haffner, 1918/19. Eine deutsche Revolution, Hamburg 1981

    Eduard Bernstein, Die deutsche Revolution von 1918/19. Geschichte und Entstehung der ersten Arbeitsperiode der deutschen Republik, Bonn 1998

    Eduard Bernstein, Mitglied der SPD, später der USPD und am Schluss erneut der SPD gibt einen Augenzeugenbericht mit einer relativ objektiven Analyse. Sebastian Haffner, ein bürgerlicher Publizist, kritisiert wortgewaltig Ebert und dessen "Verrat" an der Revolution.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Juli 2015

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