Datierungen mittels DNA

Dieses Thema im Forum "Sonstiges im Mittelalter" wurde erstellt von silesia, 10. August 2017.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Eine neue Publikation sorgt in der Presse durch die Vorabveröffentlichung für Aufsehen:

    es ist wohl gelungen, DNA auf mittelalterlichen Urkunden aufzufunden und zu extrahieren. Diese Technik soll nun benutzt werden, um aufgrund von weiteren Kenntnissen ergänzende Informationen über die Datierung, Entstehungs- und Verbleibensgeschicht ezu erhalten.

    Die Publikation, vorab im freien download:
    The York Gospels: a one thousand year biological palimpsest | bioRxiv

    Abstract:
    Medieval manuscripts, carefully curated and conserved, represent not only an irreplaceable documentary record but also a remarkable reservoir of biological information. Palaeographic and codicological investigation can often locate and date these documents with remarkable precision. The York Gospels (York Minster Ms. Add. 1) is one such codex, one of only a small collection of pre-conquest Gospel books to have survived the Reformation. By extending the non-invasive triboelectric (eraser-based) sampling technique eZooMS, to include the analysis of DNA we report a cost effective and simple-to-use biomolecular sampling technique. We apply this combined methodology to document for the first time a rich palimpsest of biological information contained within the York Gospels, which has accumulated over the 1,000 year lifespan of this cherished object that remains an active participant in the life of York Minster. This biological data provides insights into the decisions made in the selection of materials, the construction of the codex and the use history of the object.


    Presse:
    The DNA on medieval manuscripts might give a new view of history
    https://www.axios.com/the-dna-on-me...ht-give-a-new-view-of-history-2471099314.html

    Deutsche Presse scheint das noch nicht zu interessieren...
     
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    "... es gibt nun zerstörungsfreie Methoden zur Entnahme von DNA und Proteinen: Mit denen hat Matthew Teasdale (Dublin) eruiert, dass das Pergament des York Gospel zum kleineren Teil von Schafen stammte, zum größeren von Kälbern, von weiblichen. Das ist insofern erklärungsbedürftig, als Milchkühe damals wichtiger waren als Ochsen. Es könnte sich dadurch lösen, dass kurz zuvor die Rinderpest wütete und viele Totgeburten brachte, erwägt Teasdale (biorxiv 24. 7.)."

    Worauf wurden Bibeln geschrieben? « DiePresse.com

    DNA-Proben aus alten Pergamenten sind nichts Neues:

    https://www.deutschlandfunknova.de/nachrichten/archäologie-pergamente-dienen-auch-als-dna-quellen (30. März 2015)


    Die nicht-invasive Methode der DNA-Gewinnung ist aber auch nicht so neu:

    "Das Problem dabei: Man kann den Ursprung von Pergamenten zwar per DNA-Analyse bestimmen, doch bisher musste dafür immer ein Teil des wertvollen Pergaments für Proben zerstört werden. Fiddyment und ihre Kollegen haben dafür nun eine genial einfache Lösung gefunden: Sie gewinnen Analysenmaterial in Form von tierischen Proteinen aus den winzigen Pergament-Krümeln, die beim Reinigen der Manuskripte mit speziellen Radiergummis ohnehin anfallen."

    scinexx | Mittelalter: Rätsel des Bibel-Pergaments gelöst : Ultrafeines Pergament entstand nicht aus den Häuten ungeborener Kälber (24.11.2015)
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Vielen Dank für die Ergänzung!

    Der Hinweis auf mangelnde Resonanz bislang sollte (nur) auf diese Publikation bezogen sein (und war mir auffällig, da auch in anderen Ländern, zB NL, darüber offenbar berichtet wird).

    Aber nochmals Dank für die Klarstellung, dass die fortschreitende Methodik bereits natürlich auf Berichterstattungsinteresse gestoßen ist.
     
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Das erste Zitat bezieht sich ja auch auf diese Publikation: "Teasdale (biorxiv 24. 7.)"
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    DiePresse hatte ich beim Beitrag oben nicht gesehen!:winke:
     
  6. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Die Überschrift und die diesbezügliche Beschreibung im Artikel scheinen frei erfunden, denn in der Quelle heißt es u.a. unter Abstract nur:

    These results suggest that ultrafine vellum does not necessarily derive from the use of abortive or newborn animals with ultrathin hides, but could equally well reflect a production process that allowed the skins of maturing animals of several species to be rendered into vellum of equal quality and fineness.

    Außerdem bezweifle ich, dass man per DNA herausfinden kann, ob die für das Pergament verwendete Haut von einem ungeborenen bzw. geborenen Tier stammte.
     
  7. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Die diesbezügliche Beschreibung im Artikel entspricht den Aussagen in der Quelle:

    We have been able to provide the first significant molecular evidence, to our knowledge, to resolve the long-standing question of the origin of uterine vellum.
    ...
    The production of ultrathin parchment was the result of a technological production process using available resources and, as such, would not have demanded unsustainable agricultural practices.
    ... our findings would seem to emphasize dependence on a highly specialized craft technique rather than the supply of a particular raw material. A more likely explanation for the production of fine parchment is the use of relatively young animals and the deployment of specific finishing techniques that enabled the corium to be ground to the desired thickness.


    In der Pressefassung ist das inhaltlich durchaus zutreffend wiedergegeben:

    Dies spricht auch eher dagegen, dass für die Bibeln Tierföten sterben mussten. "Unsere Analysen sprechen dafür, dass das ultrafeine Pergament wahrscheinlich nicht aus den Häuten ungeborener Tiere gemacht wurde", sagt Fiddyment. Stattdessen sorgte wahrscheinlich eine spezielle Verarbeitung der Häute dafür, dass sie zu so dünnem Pergament wurden.

    Die Überschrift verspricht natürlich mehr, als der Artikel dann tatsächlich bieten kann.
    (In die Überschriften wollen wohl die ganzen "to our knowledge", "our results suggest", "more likely", "spricht auch eher", "wahrscheinlich" nicht so recht passen...)



    Das hat so auch niemand behauptet.
     
  8. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Nicht nur in der Überschrift wird mehr behauptet als die Studie tatsächlich gebracht hat, auch in der Zusammenfassung am Anfang des Artikels auf scinexx.de ist das der Fall – Zitat:

    Forscher haben herausgefunden, woraus das ungewöhnlich dünne Pergament der ersten mittelalterlichen "Taschenbibeln" bestand. Demnach mussten für die feinen Tierhaut-Seiten keine ungeborenen Kälber sterben, wie lange angenommen. Stattdessen wurden für die Bibeln die gleichen Tierhäute genutzt wie für andere Pergamente auch. Eine besondere Verarbeitung sorgte wahrscheinlich dafür, dass das Pergament trotzdem so dünn wurde.

    Erst gegen Ende des Artikels wird wahrheitsgemäß berichtet – siehe das Zitat, das Sie gebracht haben. Aber so weit lesen nicht viele, den meisten – darunter auch mir – genügt normalerweise die Zusammenfassung am Anfang eines Artikels, die in diesem Fall eben irreführend ist - siehe besonders die 2 von mir hervorgehobene Sätze.

    PS: Das mit der DNA war eine falsche Annahme von mir.
     
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Genau das steht auch in der Quelle, mit der üblichen Vorsichtsklausel (hier: "...seems to be broadly..."):

    "The pattern of selection of ultrafine parchment for Bible production seems to be broadly in line with the pattern of selection found in other parchment analyzed."
     
  10. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    In der Quelle ja, aber von der üblichen Vorsichtsklausel ist bei den von mir zitierten Sätzen aus scinexx.de nichts mehr zu sehen.

    PS: Damit das Thema nicht unnötig aufgebläht wird, war's das jetzt von meiner Seite.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wegen dieser Möglichkeit halte ich es idR bei Verfügbarkeit so, den Pressemeldungen die Original-Publikation beizufügen bzw. diese zu verlinken.

    Ganz unabhängig vom Fall hier sind das häufig zwei paar Schuhe, was darin steht und was Journalisten daraus machen.
     

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