Der "böhmische Gefreite"

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Sepiola, 19. Juli 2017.

  1. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied


    Oft kann man lesen, Hindenburg habe Hitler als "böhmischen Gefreiten" bezeichnet. Den frühesten Beleg habe ich bisher in Konrad Heidens Hitler-Biographie (Band 1 "Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit", Zürich 1936, S. 288) gefunden. Da wird der Ausspruch auf Hindenburgs erste Begegnung mit Hitler (10. Oktober 1931) zurückgeführt:

    Otto Meissner, Staatssekretär im Büro des Reichspräsidenten und engster Mitarbeiter Hindenburgs, erinnert sich an die Begegnung wie folgt:

    Otto Meissner: Ebert, Hindenburg, Hitler - Erinnerungen eines Staatssekretärs 1918-1945, Esslingen/München 1991, S. 202 (Erstausgabe 1950 unter dem Titel "Staatssekretär unter Ebert, Hindenburg und Hitler")

    Um eine Ernennung Hitlers zum Reichskanzler kann es bei dieser Gelegenheit nicht gegangen sein.
    Bringt Heiden zwei Episoden durcheinander?

    Es gibt eine (allerdings umstrittene) Notiz des damaligen Chefs der Heeresleitung, Kurt von Hammerstein-Equord, laut der Hindenburg wenige Tage vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler gesagt haben soll:
    "... er dächte gar nicht daran, den österreichischen Gefreiten zum Wehrminister oder Reichskanzler zu machen‘ (wörtlich am 26. Januar 1933 um 11.30 Uhr vormittags vor einem Zeugen)."
    http://slub.qucosa.de/api/qucosa%3A7428/attachment/ATT-0/

    Ein weiteres angebliches Hindenburg-Zitat geistert in der Literatur herum:
    "Reichskanzler will der werden? Höchstens Postminister. Dann kann er mich auf den Briefmarken von hinten lecken."

    Weiß jemand, wann und wem gegenüber des Wort vom "böhmischen Gefreiten" wirklich gefallen ist?
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Juli 2017
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Zur Besprechung vom 10. Oktober 1931 gibt es noch eine zeitnahe Quelle. Magnus von Levetzow teilte am 14. Oktober Guidotto von Donnersmarck die Version mit, die ihm Hitler und Göring erzählt hatten.
    Levetzow fährt dann fort: "Wenn man hieraus den Eindruck gewinnt - und Hitler hat in der Tat diesen Schluß gezogen-, daß dem Alten Hitler und Göring recht gut gefallen haben, so wird dieser Eindruck wieder verwischt durch verbürgte Äußerungen vom Reichspräsidenten, wonach ihm die beiden Männer nicht sonderlich gefallen hätten, Äußerungen, die natürlicherweise über kurz oder lang ihnen zu Ohren kommen werden."
    (Gerhard Granier, Magnus von Levetzow - Seeoffizier, Monarchist und Wegbereiter Hitlers - Lebensweg und ausgewählte Dokumente, Boppard 1982, S. 311)

    Leider erfährt man auch hier nicht, wie die Äußerungen lauteten und durch wen sie verbürgt sein sollen...
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied


    In die Zeit passte auch, dass einfach beschlossen wurde, die fragliche Äußerung zu komplettieren, da man ja gedachte, ihn unter Kontrolle zu halten.

    Aber da es in nicht öffentlischem Gespräch gefallen ist, mag wird es vielleicht nur mündlich weitergegeben worden sein. Dazu passt ja dann auch die Divergenz Böhmisch - Österreichisch. Wirklich direkte Quellen, braucht es dann nicht geben, ohne dass das Zitat anzufechten ist. Griffige Sprüche wurden ja seit der Renaissance wieder gesucht, auch wenn es da in der 2. Hälfte des 21. Jahrhunderts eine Delle gab. Es wurde ja auch in der Schule geübt. Und von der Satzmodie passte böhmisch auch besser. Wenn man es mal philologisch betrachtet. :D

    Das 20. Jahrhundert ist ja nicht mein eigentlicher Bereich, aber ich habe im Kopf, dass es auf mündliche Äußerungen von Ohrenzeugen beruht. Da bleibt dann nur zur schauen, ob es passen kann, und ansonsten entweder alle Aussagen, die gleich schriftlich fixiert oder aufgenommen wurden zu streichen oder es zu akzeptieren. Und das ist eben in allen Zeiten so. Ob nun bei karthagischen Feldherren oder deutschen Reichspräsidenten.
     
  4. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Es ist hier natürlich so, dass die "verbürgten Äußerungen" verschwiegen werden und die unverbürgten Äußerungen ein Eigenleben entwickeln.
    Der "Postminister" taucht erstmals 1936 auf, die "Briefmarken" erstmals 1950:

    Ernst von Weizsäcker, Erinnerungen, München/Leipzig/Freiburg 1950

    Da ist der "böhmische Gefreite" allerdings schon wieder ganz draußen.

    Unsere zeitnächste Quelle spricht vom "österreichischen Gefreiten" (und datiert das Zitat auf 1933, nicht 1931). Falls wir hier dem O-Ton am nächsten sein sollten, wäre das auch abwertend gemeint gewesen, "denn Hindenburg war wegen der Erfahrungen mit der Donaumonarchie am Krieg schlecht auf alles Österreichische zu sprechen" (Wolfram Pyta, Hindenburg - Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007, S. 637)

    Der "Gefreite" gehörte zu Hitlers Selbststilisierung:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Reich...,_Wahlplakat_der_NSDAP_zur_Reichstagswahl.jpg
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das erste Gespräch unter 4 Augen zwischen Hindenburg und Hitler fand am 19. November 1932 statt. Ursprünglich auf 15 Minuten angesetzt, dauerte es 65 Minuten.

    In diesem Gespräch soll Hindenburg gesagt haben: "Helfen Sie mir. Ich erkenne durchaus den großen Gedanken an, der in Ihnen und Ihrer Bewegung lebt und würde es daher begrüßen, Sie und Ihre Bewegung an der Regierung beteiligt zu sehen." (Protokoll in Akten der Reichskanzlei. Bd 2, S. 984ff zitiert in Pyta S. 753)

    "Hindenburg ging bei diesem Treffen einen Schritt weiter auf Hitler zu und schloss dessen Kanzlerschaft nicht mehr kategorisch aus. (Pyta, S. 753)

    Der Hintergrund für diesen Wandel der Sicht von Hindenburg ist ein gleichzeitig erstellten Memorandum aus der Wirtschaft und Landwirtschaft und es befanden sich darunter Personen, die Hindenburg schätzte (wie der Präsident des Reichslandbundes, Graf v. Kalckreuth), die sich für Hitler aussprachen. Gute Timing.

    Und so folgert Pyta aus den Ereignissen:
    "In den Augen Hindenburgs war Hitler im November 1932 mittlerweile durchaus für die Kanzlerschaft befähigt." (ebd. S.756)

    Aus seinem wilhelminischen Weltbild heraus wird die soziale Einordnung von Hitler korrekt sein. Ähnlich wird Hindenburg als "emotionaler Monarchist" charakterisiert, der zwar Monarchist ist, aber dieses nicht auf die politische Agenda gesetzt hatte.

    Das gesellschaftliche Weltbild von Hindenburg speiste sich dabei aus zwei Überlegungen. Zum einen weil Hitler nicht adelig war und zum anderen weil er kein Offizierspatent hatte war er keiner von "Ihnen". Und diese zwei Aspekte definierten die soziale Position im wilhelminischen Deutschland sehr ausgeprägt. Und in diesen Kategorien dachten die post-Wilhelminer noch in der WR.

    Insofern ist das Zitat zumindest sinngemäß für die Periode innerhalb der WR zutreffend und verdeutlicht den preußischen, aristokratischen und militaristischen Standesdünkel. Der aber für die reale Politik von Hindenburg ab Ende 1932 wohl keine praktische Bedeutung hatte.

    Dieses Zitat steht in deutlichem Kontrast zu obigen Deutungen von Pyta und zu den realen Ereignissen.

    Pyta, Wolfram (2007): Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. 1. Aufl. München: Siedler.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. August 2017
  6. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Pyta dazu:

    https://www.welt.de/kultur/article1534449/Der-Reichspraesident-war-nie-eine-Marionette.html


    Aber was sind die realen Ereignisse?


    Dagegen Lars Voßen (Masterarbeit):

    http://slub.qucosa.de/api/qucosa%3A7428/attachment/ATT-0/


    Meissner, S. 257:

    Eine ungehaltene Reaktion Hindenburgs auf Hammerstein überliefert auch Meissner, allerdings für den Abend des 28. Januar in der Folge von Schleichers Rücktritt (S. 259):
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eigentlich ist das ein schönes Beispiel, welche Spannbreite der Interpretation Quellen bieten.

    Unabhängig vom einzelnen Zitat und seiner Auslegung kann man - über alles - Hindenburg in den letzten Jahren der Weimarer Republik als hin- und hergerissen annehmen: der ordinäre, pöbelnde, niedrigrangige Gefreite/Volkstribun Hitler dürfte ihm - aus der höchsten kaiserlichen Generalität - zutiefst zuwider gewesen sein. Auf der anderen Seite wird dieser hölzerne, senile, zum Reich (in seinen Kategorien) grundloyale GFM - "hier stehe ich, aus Pflicht und Berufung, ich kann nicht anders" - völlig verzweifelt und unsicher gewesen sein angesichts der politischen Lage.

    Vermutlich kann man beide Versionen "lesen", und vermutlich wechselten Hindenburgs Einstellungen tageweise, wenn nicht stündlich.

    Natürlich war er Steigbügelhalter, oder diente dazu. Aus welchem Antrieb und mit welchem "Vorsatz" er das abgab, lässt sich wohl nicht festnageln.
     
  8. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der Wortlaut des Protokolls ist online verfügbar. Ich zitiere die Äußerung in einem etwas erweiterten Zusammenhang (Hervorhebungen von mir):

    "Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik" Online * "Nr. 222 Aufzeichnung des Staatssekretärs Meiss..." (1.93:)
     
  9. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Aus den Tagebüchern des DNVP-Politikers Reinhold Quaatz:

    Und vom 29. Januar 1933:
    http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1989_4_8_jones.pdf
     
  10. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Dass Hindenburg senil war, wird von Wolfram Pyta vehement bestritten. Ich bin geneigt, ihm in diesem Punkt zuzustimmen.
    Pyta unterstellt Hindenburg eine politisch konsequente Linie, die schließlich zur Ernennung Hitlers führte:

    Nach Meissners "Erinnerungen" müssen allerdings Franz von Papen, Oskar von Hindenburg und Meissner selbst bei der Entscheidung ziemlich mitgeholfen haben:
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. August 2017
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ist bekannt.

    Wenn Pyta genug Beispiele kennen würde, aus engstem persönlichen Umfeld und in einem gehobenen ökonomischen oder politischen Kontext, würde er das vermutlich nicht so vehement vertreten.
     
  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Gibt es denn belastbare Argumente für die These, dass Hindenburg wirklich senil war?
    Laut Meissner war Hindenburg noch bis ins Frühjahr 1934 geistig und körperlich fit.
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. August 2017
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Ich halte das nicht einmal für eine am Einzelfall diskutable Frage.

    Aber da hat natürlich jeder seine, auch abweichende Meinung bzw. Anschaungen, die aus Erfahrungen resultieren mögen.

    Konkreter - bitte um Nachsicht - möchte ich das nur per PN formulieren, bei Interesse.
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    würde mich auch interessieren.

    Grüße hatl
     

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