Der Germanicus-Horizont: Kalkriese und ein Brand in Köln 13/14 n. Chr.

Dieses Thema im Forum "Das Römische Reich" wurde erstellt von El Quijote, 2. Juni 2014.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Archäologischen Befunden zu Folge hat es in Köln – damals noch ara Ubiorum – um 13/14 n. Chr. einen Brand in einem Wohnviertel gegeben, welches daraufhin einige Zeit lang unbebaut blieb.

    Die Auswertung der Fundmünzen dieses Wohnviertels ergab, dass 1/7 der dort gefundenen Münzen (55 Stück), die bei dem Brand verloren gingen, nach 10 geprägt wurden. Der Auswerter erklärt die relativ hohe Dichte an Münzen, die nach dem Jahre 10 geprägt wurden im Fundgut damit, dass es nach den monetären Verlusten der Varusschlacht einen Bedarf an frischem Geld gab. Ich halte diese Überlegung persönlich für falsch, da ja bei der Varusschlacht nur die Gelder verloren gingen, die auch bei den Varuslegionen im Umlauf waren (und mitgeführt wurden) nicht jedoch die Gelder, welche die Rheinuferbewohner besaßen, es also bei den Rheinuferbewohnern also eigentlich keinen Bedarf an frischem Münzgeld gab („uneigentlich“ mag das auch anders ausgesehen haben).

    Aus diesem zeitlich eingrenzbaren Befund ergibt sich aber wichtiges für Haltern, Kalkriese und Waldgirmes. Nämlich dass die Überlegungen um die Lugdunum II-Serie als Nachweis für den Germanicus-Horizont ganz richtig waren.

    Diese drei Orte haben einen klaren Varushorizont mit ihren Schlussmünzen von 2 n. Chr. und den VARus-Gegenstempeln von 7 – 9 n. Chr., mit den Münzen aus dem Kölner Brandhorizont ist klar nachgewiesen, dass die Truppen des Germanicus einen hohen Anteil (etwa 1/7) an Münzen haben mussten, die außerhalb des Varus-Horizontes lagen.

    Dies ergibt für Kalkriese, dass die Schlacht dort vor 10 als terminus ante quem geschlagen worden sein muss und ist – neben der Wahrscheinlichkeit, dass man die pontes longi nach Tacitus südlich oder westlich der Ems suchen muss, ein weiteres starkes Indiz gegen Caecina, dessen Münzverluste ja dann auch zu ca. 1/7 den postvarianischen Horizont haben müssten, wie ihn der Kölner Brandhorizont zeigt.

    Für Haltern ergibt dieser Befund, dass auch dieser Ort nicht mit dem Lager Aliso identisch sein kann, welches den Quellen zufolge nach der Varusschlacht evtl. bis 16 n. Chr. oder zumindest 15/16 n. Chr. wieder belegt war. Es sei denn, die Münzen aus Haltern wären alle im Zuge der Belagerung nach 9 in den Boden gekommen und keine mehr in den darauffolgenden Jahren, also auch nicht während der Belagerung 16 n. Chr.
    Problematisch hieran ist eben, die aus dem arcchäologischen Befund offenbare Bedeutung Halterns und dass Aliso das einzig namentlich bekannte ostrheinische Römerlager ist.

    Auch für Waldgirmes gilt damit wieder, dass der Ort spätestens 10 geräumt und aufgelassen worden sein muss.


    Heinrichs, Johannes: Neues Vergleichsmaterial zur Datierung des Fundplatzes Kalkriese. Eine spätaugusteische Münzreihe aus dem Kölner Domareal, NNB 58, 2009/9, S. 373 - 76.
    Ausführlicher:
    Heinrichs, Johannes: Münzen einer Zivilsiedlung im Kölner Domareal in ihren Aufschlüssen für das augusteische Köln, die Datierung von Kalkriese und das Problem fehlender nachvarususzeitlicher Befunde östlich des Rheins, in: G.A. Lehmann, R. Wiegels (Hgg.), Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der augusteischen Zeit, Tagung Osnabrück 2004, Göttingen 2007, S. 225 - 320.
    Außerdem: Eck, Werner: Köln in römischer Zeit. Geschichte einer Stadt im Rahmen des Imperium Romanum (Geschichte der Stadt Köln. Band 1). Greven, Köln 2004.
     
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  2. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Aliso wurde bekanntlich im Winter 9 auf 10 aufgegeben. Da auch Haltern schon verlegt wurde, kann auch später ein anderes Lager so genannt worden sein, selbst wenn es schon 10 wieder neu gegründet wurde.

    Und so verlockend der Schluss ist, ist die Frage nach dem Münzumlauf im militärischen Umfeld damit nicht beantwortet. Schließlich wissen wir, dass es da Unterschiede gab. Nur eben nicht, wie groß diese Unterschiede waren.
     
  3. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Es handelt sich ja nicht um zwei voneinander unabhängige Systeme. Und Köln war das Hauptquartier von Germanicus. Es wäre schon sehr verwunderlich, wenn Germanicus, der die meuternden Truppen u.a. mit Geldgeschenken beruhigte, dies nicht mit frischem Geld gemacht hätte. Jedenfalls ist von den über 1600 Münzen in Kalkriese keine jünger, in Köln prä 14 n. Chr. dagegen 1/7 und das bei nur 55 Stück. Selbst wenn die Zusammensetzung der Münzen statistisch eine andere wäre, je höher die Anzahl der Münzen, desto höher auch die Wahrscheinlichkeit eines breiteren Münzbildes.
     
  4. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Dann gab es in Köln also auch Münzen mit Gegenstempel, die Einwohner verwarten ein Teil ihres Geldes zentral und es gab Vorschriften hinsichtlich des Mitführens von Bargeld? Schon diese Unterschiede dürften eine andere Verteilung erwarten lassen: Im Fahnenheiligtum wird man, solange der Wert nicht zu sehr verringert war, eher neue Münzen verwahrt haben und gegengestempelte Münzen hatten ihre Bedeutung wohl eher in der Barschaft als auf der Hohen Kante.

    Die Geldgeschenke des Germanicus bleiben natürlich ein Argument. Hier ist ja auch zu erwarten, dass mit Gegenstempeln gearbeitet wurde.

    Gab es da nicht 2009 eine Publikation, die berechnete, ab wann die Verteilung der Kalkriese-Münzen im Vergleich zu den Militärlagern als signifikant für die Varuszeit zu gelten hat. Fehlten dazu nicht noch Münzen? Inzwischen werden doch Funde hinzu gekommen sein. Ich werde mal nach dem Aufsatz suchen. Dieser Ansatz erscheint mir jedenfalls fruchtbringender, da er auf Vergleichen innerhalb des militärischen Kontexts beruht.
     
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Stochastischer Versuch

    2009 war man in Kalkriese bei +1600 Münzen, davon mindestens 14 mit Varusgegenstempel. In Waldgirmes hatte man 332 Münzen/Münzfragmente, davon 9 bzw. 12 mit Varusgegenstempel (bei dreien war die Gegenstempelung VAR unsicher, siehe Wigg-Wolf). In Haltern weiß ich die Münzmenge nicht, jedenfalls waren hier 15 Münzen mit VAR-Gegenstempel versehen.
    Bis auf Haltern handelt es sich bei den Münzen jeweilis nicht um geschlossene Horte.
    Der Unterschied zwischen Kalkriese und den anderen Orten ist, dass an den anderen Orten jeweils eine dauerhafte römische Siedlungspräsenz (militärisch oder zivil) nachweislich ist während Kalkriese der Überrest eines Schlachtfeldes ist. Die Verteilung der Münzen reicht von Engter und Gut Barenau bis zum Goldacker Niederwedde.

    Je höher das Münzaufkommen, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Münzreihe größer wird.
    Nun haben wir eine Menge von 55 von der 1/7 eindeutig nachvarianisch ist, aber dennoch vor den Feldzügen der Jahre 14, 15 und 16 liegt.
    Sprich + t (Zeit[faktor]), wobei t = 0,x*, 1 oder 2**

    Wenn man nun in Kalkriese Germanicus oder Caecina ansetzen wollte, hätte man, rechnete man die Kölner Münzzusammensetzung aus dem Brandhorizont hoch, {1/7 + t x*** n} Münzen zu erwarten, die postvarianisch wären. Wir haben aber bei über 1600 Münzen keine Münze, die postvarianisch ist.

    Wenn nicht Germanicus, von dem ausdrücklich berichtet wird, dass er den Soldaten Geldgeschenke machte, frische Münzen heranführte, wer dann?

    Nun haben wir es natürlich bei menschlichem Verhalten mit Entscheidungen zu tun, die nicht alleine mit Verhaltensbiologie und Mathematik zu erklären sind. Insofern ist es natürlich nicht fix, dass in Kalkriese tatsächlich {1/7 + t x n} postvarianische Münzen gefunden werden müssten. Es könnten auch weniger oder mehr sein. Aber gar keine?

    Sollten meine Gedankengänge den Natur- und Wirtschaftswissenschaftlern unter uns als fehlerhaft deutlich werden, bitte ich um entsprechende Hinweise, mit Arithmetik hab ich es nicht so. Ich hoffe aber, dass die Statistiker und Stochastiker (als Zusammenführende von Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung) meine Überlegungen wohlwollend zur Kenntnis nehmen können.

    *Branddatierung auf die Jahre 13 oder 14.
    **wobei man den Zeitfaktor eigentlich noch mit der jährlich einfließenden Menge an frischen Münzen n (vielleicht 0,02) verrechnen müsste, aber das ist nun mal eine weitere Unbekannte.
    ***x = mal
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wenn ich 1/7 von 1600 nehme, hätte ich ca. 228 Fundmünzen, die postvarianisch sein müssten (unter der Voraussetzung einer gleichartigen Münzschatzzusammensetzung wie in Köln). Wenn ich nun einen gleichmäßigen jährlichen Zufluss von Frischgeld annehme, die Schlussmünze des Kölner Brandereignisses bei 13 n. Chr. ansetze müsste ich noch ca. 10 Münzen mehr finden, wenn ich jetzt nicht einen totalen Gedankenfehler fabriziert habe (und das scheint mir beinahe so zu sein). Ich käme dann auf ca. 240 Münzen postvarianischer Zeitstellung, die ich in Kalkriese finden müsste, wenn Kalkriese mit Caecina und den pontes longi gleichzusetzen wäre.
    {228 + 3,2 x 3}

    Ich rechne mein Modell heute Abend oder morgen früh noch mal durch.
     
  7. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Vorausgesetzt, dass mit 1/7 postvarianischer Münzen zu rechnen ist, stimme ich Dir ja zu. Ich bezweifele nur, dass die Kölner Fundstatistik für das militärische Umfeld übernommen werden kann.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Und ich sage wiederum, dass es gar nicht 1/7 oder gar {1/7 + t x n} sein muss. Nur haben wir eben keine zwei voneinander abgeschottete Geldkreisläufe und Germanicus' Standort war Köln. Das Geld, welches in Köln umlief muss dasselbe Geld gewesen sein, was in den Rheinprovinzen umlief und muss dasselbe gewesen sein, welches in den Rheinlegionen umlief. Da die Legionen das Geld aber vom "Staat" durch die Hand des Germanicus bekamen ist hier anzunehmen, dass in den Legionen eher mehr als weniger frisches Geld zur Verfügung stand. Wenn in einem eher geringen Niederschlaf an Fundmünzen, wie den 55 Stück aus dem abgebrannten Stadtviertel aus dem späteren Domareal ein Siebtel der Münzen postvarianisch ist, dann ist es geradezu unmöglich, dass +1600 Münzen, die noch 1 - 3 Jahre später verloren gingen, überhaupt keine postvarianischen Münzen aufweisen. Da müsste man schon annehmen, dass es sich um zwei voneinander abgeschlossene Geldkreisläufe handeln würde, was de facto ja nicht so ist.
     
  9. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Wie wurde denn das abgebrannte Stadtviertel datiert?
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nach dem "Leitfossil" der (provinzialrömischen) Archäologie: Scherben.
     
  11. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Inwiefern spiegeln die Funde eigentlich das in Umlauf befindliche Zahlenverhältnis der verschiedenen Münzen zueinander wieder ? Also nur im Verhältnis wertvoll/weniger wertvoll, so wie ein cent leichter verloren geht und weniger wahrscheinlich gefunden und aufgehoben wird, als ein Euro.
    Kann man was darüber mutmaßen, ob es an einem oder mehreren Fundorten eine gewisse Auslese gab ?
     
  12. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Also in Kalkriese hat man z.B. überproportional viel Goldmünzen gefunden, mehr als in der ganzen Germania Magna zusammen: ca. 20 Stück. Besonders viele davon auf einem Flurstück, welches deswegen als "Goldacker" bezeichnet wurde. Das war nicht das Kleingeld der einfachen Soldaten. Das Kleingeld, das waren die Kupfer-, Messing- und Bronzemünzen. 1 Aureus war in der augusteischen Zeit etwas weniger als der Monatslohn eines Legionärs.
     
  13. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich bin ein wenig überrascht, dass man dieses Brandereignis auf zwei Jahre (13/14 n. Chr.) datieren kann. Die Schlußmünzen ergeben natürlich einen terminus post quem, d. h. die neuesten Münzen (10 n. Chr.) zeigen, dass der Brand nach 10 n. Chr. war. Die Datierung auf zwei Jahre zeigt wohl, dass bestimmte Keramiken nur bis zu einem gewissen Zeitraum verbreitet gewesen sind. Möglicherweise sind dann Keramiktypen, die ab 14 n. Chr. verbreitet waren, nicht im Fundkomplex vertreten.

    Ansonsten ist aus meiner Sicht die Argumentation von El Q schon schlüssig: bei der Fundmenge in Kalkriese sollten dann bei einer angenommenen Germanicus-Expedition einiges an neueren Münzen dabei sein, so dass das Münz-Argument wieder für Varus spricht. "Leider" wird - wie El Q schon dargelegt hat - mit der gleichen Argumentation das Lager Haltern als Aliso unwahrscheinlich.
     
  14. Divico

    Divico Aktives Mitglied

    Nur eine kurze Zwischenfrage zum Verständnis: Wenn Germanicus wie überliefert am Varus-Schlachtfeld gewesen ist, sollte man da nicht den einen oder anderen Fund auch aus diesem Zeithorizont machen? Mir scheint der Befund so eher gegen Kalkriese zu sprechen. Oder soll der Rachefeldzug des Germanicus im Delbrück'schen Sinne komplett in Frage gestellt werden?
     
  15. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Germanicus war lt. Tacitus auf dem Schlachtfeld. Die überlieferte Bestattung hat dort dann stattgefunden. Somit sind entsprechende Funde, welche man einem möglichen Germanicus Horizont zuordnen kann zumindest nicht unmöglich. Hier stellt sich dann eher die Frage nach der Wahrscheinlichkeit. Wieviele Legionäre befanden sich auf dem Schlachtfeld? - alle 8 Legionen oder weniger? Und wie lange haben die sich da aufgehalten? Da spielen wohl (zu viele) Unbekannte eine Rolle.

    Grundsätzlich ist dieses Thema aber hochinteressant.
    Was mich ein wenig wundert:
    Die von ELQ genannten Publikationen sind durchweg ja schon einige Jahre alt. Da wundert es mich ein wenig, daß diesem Thema und dien entsprechenden Verbindungen zu Kalkriese, Haltern und Waldgirmes bislang recht wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde.:grübel:
     
  16. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied


    Das ist zwar ein Kernproblem, zeigt aber auch, dass man Kalkriese nie "absolut" erklären wird können. Zwei Argumente hat es aber doch für sich: eindeutig ein großes Schlachtereignis und trotz des oben genannten Problems für mich doch eher "Vor-Germanicus-zeitlich." Es wäre ja einfach möglich, dass seine Truppen diesen Teil des Schlachtfelds gar nicht gekreuzt haben, denn dann hätten sie diese vielen Münzen nicht einfach liegen lassen (abgesehen davon, dass damals sicher noch mehr organisches, Knochen etc. ebenfalls dort herumlagen).
     
  17. salvus

    salvus Aktives Mitglied

    Ein wirklich wichtiger Befund hinsichtlich des Schlachtfeldes in Kalkriese sind aber nunmal die Knochengruben. Diese Knochen sind nachweislich erst im Nachhinein (2-10 Jahre) in die Erde gekommen. Das spricht ziemlich eindeutig dafür, daß diese Gruben für die von Tacitus erwähnte Bestattungsaktion sprechen. Somit hat der Germanicus diesen Teil des Schlachtfeldes offensichtlich wohl gekreutzt.
     
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Dazu müsste man ja Münzen erst einmal verlieren. Die Frage ist doch: Wie viel Geld verlierst du so im Jahresdurchschnitt?
    Das ist aber auch ein witziges Dilemma: Würde man nur eine Münze, die nach 10 geprägt ist, in Kalkriese finden, würden die Germanicus-Caecina-Befürworter aufschreien "wir haben's gewusst, ist nicht Varus", hier nun wird halb im- halb explizit angezweifelt, dass, weil keine Münze nach 10 gefunden wurde, Kalkriese nicht Varus sein könne, weil dann müsse man ja Spuren von der Germanicus-Aktion finden. Die gibt es allerdings! In den Knochengruben. (Ja, ich weiß, die bilden keinen tumulus). Aber das will ich auch gar nicht diskutieren, dies hier soll ganz ausdrücklich keine Neuauflage des Varusschlachthreads werden sondern eine vergleichende Diskussion der Münzzusammensetzungen an verschiedenen Orten vor und nach der Varusschlacht, die dann natürlich wiederum Indizien für oder gegen etwas sind - also etwa für Varus in Kalkriese oder gegen Aliso in Haltern (gerade letzteres ist eine Vorstellung, von der ich mich nur ungern trenne, Haltern war mein Aliso-Favorit).


    Heinrichs stellt den Bezug zu Kalkriese ausdrücklich her.

    Die Münzen muss man natürlich erst einmal finden. Die waren sicher im Rahmen des Verlustes in den Matsch getreten worden, oder vielleicht auch in der Hoffnung, sie eines Tages wiederzuholen (die Hoffnung soll ja angeblich zuletzt sterben), absichtsvoll verborgen, ggf. durch verwehtes Laub überdeckt oder das sprichwörtliche Gras ist über sie gewachsen...

    Es ist interessant - wenn man sich die Fundverteilungskarten von Kalkriese im Band Kalkriese 6 ansieht - dass verschiedene Funde über das ganze Schlachtfeld/Fundareal verstreut zu finden sind (Fibeln, Münzen) anderes aber nur im direkten Wallvorfeld (Helmteile, insbesonder die Pinöppel, aus denen die Pferdehaare herausschauten; Schildrandbeschläge). Man kann das so interpretieren, dass die Germanen möglicherweise eine Art Waffenschau veranstalteten und, wie zumindest diejenigen, die als Hilfstruppen gedient hatten, sicher von den Römern kannten, eine Art tropaeum aufrichteten (man kann dies möglicherweise angedeutet in Tac. ann I, 61, 4 lesen, Arminius spricht von einer Tribüne und verhöhnt die Feldzeichen und Adler). Dieses war dann allerdings nicht sakrosankt, wie bei den Römern, sondern wurde im Nachhinein geplündert (was erklärt, warum das am häufigsten gefundene Helmteil in Kalkriese oben benannter Pinöppel ist, der bei der Verschrottung entfernt wurde und dass man die Schildrandbeschläge auch nur in Wallnähe fand). Das hieße, die Münzen, die - ob nun als Zahlmittel oder Metallrohstoff - für die Germanen ja durchaus interessant waren, sind schon im direkten Anschluss an die Schlacht auf der Erdoberfläche nicht zu erkennen gewesen, was eben erklärt, warum die römischen Legionäre des Germanicus sie sechs Jahre später nicht abräumen konnten.
     
  19. Ostfale

    Ostfale Mitglied

    Hallo zusammen,
    hier stellt sich die Frage, warum Tacitus recht ausführlich von der Errichtung eines Tumulus schreibt, jedoch Knochengruben mit keinem Wort erwähnt.
    Letztlich beweisen die Knochengruben nur, dass hier äußerst wenige Menschen- und Tierreste, die offensichtlich einige Jahre an der Oberfläche lagen, gemeinsam bestattet wurden. Doch wer das genau gemacht hat, und wann das geschehen ist, bleibt ungeklärt. Der Rest sind Vermutungen - keine Beweise!
    Kehne schreibt in einer Rezension zu: Lehmann, Gustav Adolf; Wiegels, Rainer (Hrsg.): Römische Präsenz und Herrschaft im Germanien der augusteischen Zeit. Der Fundplatz von Kalkriese im Kontext neuerer Forschungen und Ausgrabungsbefunde. Göttingen 2007 zu Heinrichs Forschungen in Köln:
    " Da diese Brandschicht jedoch nur numismatisch auf 14/15 n.Chr. datiert wird, münden alle daraus resultierenden Folgerungen in weitere Zirkelschlüsse."
    Jetzt schreibt ElQ von "Scherben", die den Brandhorizont auf 13/14 datieren lassen. Sind das neuere Erkenntnisse oder waren die Scherben schon 2007 bekannt?

    Grüße
    Ostfale
     
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es handelt sich nicht um neue Grabungen, sondern um eine Zusammenschau Heinrichs verschiedener zuvor nicht im Zusammenhang betrachteter Grabungsergebnisse in dem Brandareal. Ist aber schon auffällig, dass Kehne in diesem auffällig aggressiven Beitrag allen anderen, seinem Kölner Historiker-Kollegen, den Osnabrücker Archäologen, den Anthropologen aus Tübingen allen Zirkelschlüsse vorwirft. Sind die alle zu doof und nur Kehne ist schlau genug, das zu erkennen? (Ja, sicher, er nennt Wolters und Wigg-Wolf positiv, was zumindest im Falle von Wolters wohl auch dem Umstand geschuldet ist, dass Wolters in Kalkriese nicht unbedingt die Varusschlacht sieht - (wobei sein Ton ein völlig anderer als der Kehnes ist).)
     
    Zuletzt bearbeitet: 4. Juni 2014

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