Der Stalinkult - was trieb die Menschen dazu?

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von Niffy, 28. April 2010.

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  1. Niffy

    Niffy Neues Mitglied


    Hey, ich setze mich zur Zeit ein wenig mit der Person Stalins auseinander
    und frage mich, wieso-weshalb-warum Stalin zu seiner Zeit vom Volk so verehrt wurde?
    Millionen starben in der Herrschaftszeit Stalins, es gab Zwangsarbeiterlager,Schauprozesse,Verfolgungen, Ausschaltung alles Opositionen, Säubern von Minderheiten und Politiker.
    Waren die Menschen damals durch den Wunsch nach einer starken Führungsperson verblindet?
    Natürlich war er derjenige, der den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland ermöglichte und Russland industrialisiert hat.
    Aber anderseits denke ich auch dabei nur: "back to the roots": Er machte Gebrauch von der Geheimpolizei und schien ein autokratischer Herrscher zu sein.

    Welche Gründe gibt es in der Mentalität und Kulter der Menschen für solch eine Verherrlichung? Wie konnte der Personenkult entstehen?
    Wieso sprach genau Stalin ihre Herzen an?

    Freu mich schon riesig auf Antworten und ein paar Hilfsquellen!:winke:
     
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  2. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Es ist leichter zu sagen, wann der Stalinkult endete. Das geschah quasi per allerhöchstem Erlass durch seinen Nachfolger Chruschtschow 1956.

    Selbst bei einer vorsichtigen Analyse (ich bin da auch kein Experte) würde ich sagen, der Personenkult wurde einerseits gezielt betrieben, andererseits fand er seinen Widerhall auch im Volk.

    Was das erstere betrifft, so begann das wohl in etwa schon nach dem Tod Lenins. Hier finden wir die ersten Umbenennungen von Städten nach kommunistischen Führern. Stalin förderte das rasch, und mit Stalingrad und Stalino wurden zwei Orte schon wenige Jahre nach seinem Aufstieg zur Macht nach ihm benannt. Der Kult betraf nicht ihn allein, sondern auch andere prominente, tote oder lebende Kommunisten. Die Stadt Jelisawetgrad wurde z.B. zuerst 1924 Sinowjewsk genannt, und, nachdem dieser in Ungnade fiel, erhielt sie 1934 den Namen des ermordeten Politbüro-Mitglieds Kirow.

    Die Verehrung nahm allerdings erst ihren Höhepunkt, als Stalin tatsächlich auch zum Volksidol wurde. Dies hing eng mit der erfolgreichen Verteidigung der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zusammen. Beim Tod Stalins bestand der Leichenzug aus tausenden von Personen; auch weltweit gab es viele Trauerbekundungen.
    In der Nachkriegszeit gelang es Stalin, die Verehrung auch in andere Ostblockstaaten zu tragen. Ich denke, dass dies möglich war, weil die neuen kommunistischen Führungszirkel - von denen viele während des Krieges im Exil im Moskau waren - bereits "gesäubert" waren und deren Führer wie Ulbricht ganz auf Stalinscher Linie standen.
     
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  3. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    @Niffy

    Deine Fragestellung ist hochkomplex, und zwar: "Welche Gründe gibt es in der Mentalität und Kulter der Menschen für solch eine Verherrlichung? Wie konnte der Personenkult entstehen?
    Wieso sprach genau Stalin ihre Herzen an?"

    Was Stalin anbelangt, gebe ich Dir ersteinmal einen Buchtip, das Buch ist wirklich gut und beschreibt den "Hofmechanismus" bei Stalin.

    Stalin: Am Hof des roten Zaren: Amazon.de: Simon Sebag Montefiore, Hans Günter Holl: Bücher

    Wenn Du Dich dem Phänomen des "Personenkultes" annähren möchtest, empfehle ich Dir die Arbeiten von:

    Pierre Bourdieu ? Wikipedia

    In diesem Artikel sind auch die anderen Wissenschaftler die sich mit dem Problem "Herrschaft" beschäftigten (Weber etc.) gleich mit verlinkt und auch die Hauptwerke.

    Damit ist Deine Frage selbstverständlich nicht einmal ansatzweise beantwortet. Sie führt uns, so meine ich, in die Argumentationskette:

    Herrschaftsmechanismus => charismatische Herrschaft => "Personenkult" und dann weiter in die konkreten nationalen und historischen Ausprägungen, in Deiner Fragestellung eben zu Stalin.

    Vllt. versuchst Du Deine Fragestellung in Teilfragen aufzulösen, bei denen sich man einfacher einer Antwort annähern könnte.

    M.
     
  4. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Der Personenkult hat doch eine lange Geschichte, die bis in den Alten Orient und nach Byzanz reicht. Das orthodoxe Russland hatte zuvor niemals demokratische Traditionen gehabt, sondern war bis in unsere Zeit eine schnöde Despotie. Der Georgier Stalin musste sich also nicht einmal groß verrenken, um seine persönliche Apotheose zu inzenieren. Seine Satrapen im Ostblock versuchten Ähnliches, kamen damit jedoch nicht mal ansatzweise im Volk an.
    Die Trauer bei seinem Tod war wohl echt, die östliche Mentalität "verlangt" offenbar nach einer übermächtigen Vaterfigur, die alles irgendwie richtet. Böswillig arrogante Stammtische würden sagen: "Der Russe braucht die Knute."
    Deshalb ist Putin auch populär und am Kremlmausoleum mit Lenins Mumie stehen die Leute immer noch an, was kaum jemand im Westen versteht. Opposition und persönliche Geschichtsaufarbeitung gibt es auch heute, wie schon beim Zaren, fast nur aus dem Bildungsbürgertum.
     
  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine etwas unkonventionelle Antwort.

    Dem Personenkult konnte auch deswegen so gehuldigt werden, weil ein grosser Teil der Personen, vermeintliche oder auch reale Rivalen, im Zuge der Säuberungen, der Schauprozesse und im Rahmen des Systems "GULAG" zum "Schweigen" gebracht worden sind.

    Ende der dreißiger Jahre sah es noch teilweise anders aus in Bezug auf den Personenkult. Auf einem ZK Plenum 1937 der KP (hoffe ich liege gerade richtig) mußte Stalin herbe Abstimmungsniederlagen hin nehmen.

    Chronik der Moskauer Schauprozesse ... - Google Bücher


    Er revanchierte sich auf seine "unnachahmliche" Weise und ein Großteil der Delegierten war wenige Jahre später tot.

    Ein sehr interessantes Buch, neben den sehr guten Buchempfehlungen von melchior, ist "Krivitski: Ich war Stalins Spion". In diesem Buch wird von einem Top-Insider beschrieben, wie das System der Gleichschaltung durch den NKWD erfolgte. Sehr lesenswert!

    Walter Krivitsky - Wikipedia, the free encyclopedia

    Ich persönlich stimme der Einschätzung von ashigaru zu und halte den "Großen Vaterländischen Krieg" für einen Glücksfall für Stalin (ich bin mir der zynischen Implikationen dieser Aussage bewußt). Er konnte das patriotische Gefühl der Russen für "Mütterchen Russland" an die Aufgabe der KPdSU binden und sich persönlich stilisieren.

    So wurde er unter patriotischen Gesichtspunkten !!!! der Retter Russlands und dafür verehrte man ihn und vermutlich erst in zweiter Linie als Parteivorsitender.

    Dieses patriotische Element sollte man nicht übersehen. Es ist zum Beispiel auch der Schlüssel für das Verständnis der Loyalität von ehemaligen zaristischen Offizieren für das kommunistische System bzw. die Rote Armee.

    ganz wichtig natürlich auch:
    http://www.amazon.de/Die-Fl%C3%BCsterer-Leben-Stalins-Russland/dp/3827007453
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. April 2010
  6. balticbirdy

    balticbirdy Ehemaliges Mitglied

    Personenkult gab es in Russland eigentlich immer. Nicht umsonst nannte man Stalin den "Roten Zaren". Was ich ausdrücken will - er lag ganz in der russischen Tradition. Anstatt der Ikone mit dem Heiligenbild hing fortan Lenin oder Stalin an den Wänden. Die kommunistische Weltanschauung als Ersatzreligion...
     
  7. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Aber die letzten Zaren waren in Rußland wie in den anderen Teilen Europas äußerst unpopulär.
    Und der Personenkult strahlte durchaus auch in andere Länder, sogar in die westliche Welt ab - auch wenn die Blockregierungen selbst oft sehr unbeliebt waren. Das politische Profil einer der westdeutschen K-Gruppen und zu welchen anderen Gruppen sie sich abgrenzte, hing auch davon ab, welche der "Klassiker" - zu denen auch Stalin zählen konnte - anerkannt wurden oder nicht.
    Ich würde das also nicht als rein russisches Phänomen betrachten. Man bedenke ja auch, dass sich zur gleichen Zeit der Personenkult in den faschistischen Ländern um Mussolini oder Hitler entwickelte.
    Im Falle Stalins finde ich die Unterschiede zu den beiden anderen großen Diktatoren Europas interessant. Stalin soll ja keine besonders charismatische Persönlichkeit gewesen sein. Er war auch kein großer Redner und suchte auch nicht das Bad in der Menge. Er begann seine Karriere ja als eine Art Terrorist und wurde dann mehr innerhalb des Führungszirkels um Lenin groß als durch den politischen Kampf.
    Es steht also zu vermuten, dass er den Personenkult um sich aus Kalkül betrieb. Ich möchte auch nochmals darauf hinweisen, dass der Personenkult in der Stalinschen Phase die gesamte Führungsriege der KPdSU zumindest in einem gewissen Grad einschloss.
     
  8. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    Eine Traditionslinie von den orientalischen Despotien via Byzanz sowie dem russischen Zarentum, hin zu Stalin zu ziehen, ist mit Verlaub, Weltgeschichte im "Zoom".

    Der Threadersteller bezog auf das Phänomen "Personenkult". Ashigaru hat schon angemerkt, daß es auch in westlichen Ländern dieses Phänomen in totalitären Staaten gab (Hitler, Mussolini) tw. auch in autoritären Staaten wie in Spanien (Franco); links erspare ich mir.

    Ich möchte mich auch nur auf die 1. Hälfte des 20.Jh. beziehen, ansonsten wird. m.E. das Thema ausufernd.

    Offensichtlich ist der Personenkult ein Phänomen, das im Untersuchungszeitraum nur in totalitären bzw. autokratischen Staaten auftrat. Damit ist vermutlich eine totalitäre resp. autoritäre Staatsstruktur die conditio sine qua non für das Entwicklung eines politischen "Personenkultes" im vorstehenden Zeitraum. In totalitären Staaten waren sie im Uz Partei- und Staatschefs (Regierungschefs) in autoritären Staaten, Staats- und oder Regierungschefs.

    Ab jetzt wird es thesenhaft und ich bitte um Korrektur, Kritik usw.

    Jede bürokratische Herrschaftsform, insbesondere in totalitärer bzw. autoritärer Ausprägung benötigt einen Legitimationshintergrund. Das kann die Nation, die Revolution, der Staat, die Partei, die "nationale Rettung" in einem Krieg sein etc. Diese Legitimation muß projeziert werden. Als Projektionsflächen bieten sich da "charismatische" Persönlichkeiten an. (@Ashigaru, Charisma entfaltet man auch durch Absentierung aus der Öffentlichkeit bei gleichzeitiger Machtpräsenz, wie bei Stalin*). Gefördert wird diese Legitimationsprojektion natürlich in Zeiten, bzw. Situationen, die nach einem Legitimationsbruch folgen (verlorene Kriege, wirtschaftliche Notsituationen, Revolutionen usw.). Sehr vereinfacht bei Stalin so:

    verlorener Krieg => Revolution (mit allen bekannten Folgen) => Aufbau eines totalitären Systems (Vormacht der Partei, Gewaltausübung durch die Geheimpolizei usw.) => Kollektivierung der Landwirtschaft und damit vollständige Zerstörung gewachsener sozialer Strukturen ("Homo sowjeticus") => Industriealisierung Rußlands (fest gemacht an gigantomanischen Projekten) => Projektion des Erfolges resp. vermeintlichen Erfolges auf die Figur des "Woschd" = Stalin

    M.


    * In "1984" wird der Personenkult auf die Spitze getrieben, niemand weiß, ob der "Big Brother" lebt, wer er ist. Es ist die literarische Darstellung des Legitimationsprinzipes eines totalitären Staates, die Projektion richtet sich auf einen Begriff, es ist eine vollkommene Sinnentleerung. Ich finde, jeneits aller wissenschaftlichen Literatur, "1984" die beste Darstellung von Totalitarismus.
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. April 2010
  9. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Zumindest Stalin selbst zog Parallelen zwischen seiner Herrschaft und der russischer Zaren (insbesondere Iwan) und persischer Herrscher.
    Dies kann seine Popularität im Westen, die Stalin im 20. Jahrhundert in gewissen Kreisen tatsächlich hatte, natürlich nicht erklären.

    Auffällig ist, dass Stalin sich selbst durchaus als eine Art Marke inszenierte. Her ist dazu einer schönes zu Stalins Kleidungsstil.
    Er hat schon etwas unverwechselbares, dieser Mann mit dem Schnauzbart, der Pfeife, der Schirmmütze, dem Kasack, dem abgetragenen Mantel und natürlich auch den Pockennarben. Seinen Look war von Anfang an unverwechselbar und hat sich über Jahrzehnte nicht verändert. Quasi, ein einzgartiges Idol, jenseits aller Moden.
     
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  10. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich habe mal alle habhaften Bilder von Stalin nebeneinander gestellt. Ich muss zugeben, der Mann hat, rein äußerlich, etwas. Man könnte sagen, das sei der Propaganda geschuldet, aber so viel können Fotografen auch nicht. Vieles liegt auch in seiner persönlichen Ausstrahlung. Als erstes fällt mir ein, man darf, um beim Volk eine Ikone zu werden, nicht intellektuell sein. Leute wie, Sinowjew, Bucharin und letztlich Trotzki sind da eher vom äußeren Erscheinungsbild unsympathisch.
    Bucharin schreibt aus seiner Haft an Stalin: "...ich fühle Euch allen gegenüber, der Partei und der Sache, nichts als eine große, grenzenlose Liebe." Er rechnete mit seinem Tod, wird auch verurteil und erschossen.
    In der Sowjetunion gab es den Spruch: "Wenn das der Genosse Stalin wüsste." Na ja, ähnlich wie in Nazideutschland: "Wenn das der Führer wüsste."

    Andererseits hatten die Leute auch einfach nur Angst. In den Jahren 1937/38 drohte durch den Terror das System zusammenzubrechen. In den Fabriken trauten sich die Chefs keine Anweisungen mehr zu geben, weil sie fürchteten, sie könnten ihnen volksfeindlich oder gar als Sabotage ausgelegt werden.
    Ich glaube, dass Angst nicht nur Hass oder Ablehnung produziert.
     
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  11. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Der Thread geht von einer falschen Prämisse aus, insofern unterstellt wird, Personenkult sei etwas, das die Bevölkerung aus eigenem Antrieb praktiziere. Tatsächlich ist er stets eine Inszenierung der "Kultobjekte".
    Das gilt für Mussolini, Hitler, Franco, die Kims (Il Sung und Jongg Il) etc..
    Mit welchen Mechanismen das funktioniert, davon hat uns Rurik aus eigenem Erleben ein kleines Beispiel geliefert. Stalin hatte ein pockennarbiges, unansehnliches Gesicht und war ziemlich klein. Sämtliche Bilder mussten retuschiert und das Gesicht geglättet werden.
     
  12. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Zu Stalins körperlichen Defiziten wäre noch sein gelähmter Arm zu nennen. Ich glaube es geht da auch nicht darum schön auszusehen, sondern darum sich in Szene zu setzen. Darin war Stalin wohl ein Meister. Besondere körperliche Vorzüge des Diktators sehe ich nicht.
    Zu Retuschierung: Fotografien gab es ja schon in Schwarz-Weiß. Der sowjetische Schick sind jedoch bunt colorierte Stalin-Porträts, realistisch wohl eher im Sinne des sozialistischen Realismus.
    Im neuen Medium Film trat er auch nicht unbedingt selbst auf sondern verteten durch Schauspieler, frei von den bekannten Makeln. Der sowjetische Regisseur Micheil Tschiaureli produzierte mehr als ein dutzend Stalin-Spielfilme, natürich Propagandastreifen. In denen wurden fiktive und tatsächliche Heldentäten des Woschd in Szene gesetzt und vermischt. Film und Realität vermischten sich immer weiter. Wenn wurde im Personenkult wirklich verehrt, der reale Dikator Stalin oder der Spielfilmheld Stalin? Der Gipfel der Vermischung findet sich in dem Film "Der Schwur". Hier wurde ein Schwur Stalins an Lenin Grab in Szene gesetzt. Auf der realen Beerdigung Lenin, die noch von Stalin selbst und nicht von Drehbuchautoren geplant wurde, gab es jedoch den Schwur Stalins am Grabe Lenins. Trotzdem berief sich der echte Stalin in späteren Reden und Schriften, auf jenen Schwur am Grabe Lenins, der er (in Wahrheit nur im Film) geschworen habe.

    Dein Eindruck ist falsch. Zuerst schuf Stalin einen Personenkult um den verstorbenen Lenin, der ja leicht als Intellektueller durchgeht, quasi als Vorstufe zum Stalin-Kult. DIe Sache mit der Einbalsamierung und dem pompösen Mausoleum war auch seine Idee, die er gegen Lenins Angehörige durchsetzte. Stalin schuf zuerst einen Lenin-Kult, dann darauf aufbauend den Kult um die eigene Person. (Die Filmprojekte überwachte er übrigens persönlich.)
    Ansonsten würde ich Stalins intellektuelle Fähigkeiten keineswegs unterschätzen. Der Mann war äußerst belesen und schrieb selbst Bücher. (Die gesammelten Werke umfassen 15 Bände!) Nicht nur die sozialistischen Klassiker, er übersetzte auch georgische Gedichte ins Russische. Gut, ein abgeschlossenes Studium hatte, er nicht und konnte nur als eine Karriere als Berufsrevolutionär zurückblicken.
    Auffällig ist, dass Stalin in den Säuberungen fast alle führenden Bolschewiki, die zumindest ein wenig gebildet waren, entfernte. Stattdessen umgab er sich mit ungebildeten Grobianen, die wenigstens hatten mehr als einen Grundschulbesuch vorzuweisen. Keiner von ihnen (höchstens Schdanow) war ihm intellektuell gewachsen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Mai 2010
  13. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Dass Stalin nicht so unintellektuell war, hat Maglor schon dargelegt. Aber außer den Werken, die tatsächlich von ihm stammten, wurden ihm im Rahmen der Kultinszenierung eine Reihe weiterer Werke zugeschrieben, um ihn auch als intellektuellen "Titanen" erscheinen zu lassen.
     
  14. Melchior

    Melchior Neues Mitglied

    @Liborius

    D'accord. Natürlich war der Kult um Stalin und die anderen von Dir benannten "Kultobjekte" inszeniert. Der Threaderstelle hat aber schon recht, so meine ich, daß eine Inszenierung, um im Beispiel "Inszenierung" zu bleiben, offensichtlich auch den Nerv der Zeit und der Menschen (Publikum) getroffen hat. Offensichtlich wurde ein Bedürfnis getroffen mit dieser Inszenierung, und zwar ein Projektionsbedürfnis. Rurik benannte das auch: "Wenn das Stalin wüßte". Auch die Verwendung des Diminutiv "Väterchen" usw. ist m.E. das Ergebnis eines Projektionsbedürfnisses. Maglor benannte die Filme, welche die Realität und die Propaganda vermischen und die hohe Symbolik des "Schwurs". Ebenso wie den "Leninkult" der dann sukzessive sich in den Stalinkult verwandelte, Stalin gleichsam als Folie von Lenin.

    O.T. Die anderen "Kultobjekte" Hitler, Mussolini, Franco etc. waren auch nicht gerade klassische Schönlinge.

    M.
     
  15. Liborius

    Liborius Aktives Mitglied

    Ich gebe dir völlig recht, dass zur erfolgreichen Inszenierung gehört, der Bevölkerung eine Projektionsfläche zu bieten - ganz unabhängig von den realen Leistungen oder Fähigkeiten des Kultobjekts. Dazu gehört auch die Abschottung von alternativer Information und die Nichtüberprüfbarkeit der Propanganda. (Gerade läuft auf arte eine Reportage über Nordkorea und den Kim-Kult.) Am Beispiel Hitler ist das offenbar in diesem Buch untersucht (das ich nicht gelesen habe) Hitlers Charisma: Die Erfindung eines deutschen Messias. Ohne diese Projektionen wirken die in propqagandistischer Absicht produzierten Filmaufnahmen Hitlers heute auf mich eher lächerlich (Chaplin ist da der bessere "Führer"-Darsteller).

    Auch was die Schönheit der 3 Faschisten angeht, stimme ich dir zu. Wobei sich Mussolini gern mit nacktem Oberkörper als zupackenden Athleten präsentierte.

    Falls sich jemand daran stört, dass Stalin so wenig vorkommt - ich halte den Personenkult nicht für ein speziell stalinistisches Phänomen.
     
  16. EBlack

    EBlack Neues Mitglied

    Schwierige Frage. Ich werfe mal was in den Raum, was meiner Meinung nach dazubeigeholfen hat, dass Stalin so ein "Kult" war:

    1. Vor der russ.Revolution war ein großer Bevölkerungsteil unzufrieden mit dem Zaren, die Lebensverhältnisse und Umstände waren denkbar schlecht.
    Nachdem dann Lenin an der Macht war, und der Kommunismus die Rettung der nationalen Probleme sein sollte, glaubte das Volk daran.
    Stalin als Nachfolger war vllt. nicht der gewünschte Nachfolger von Lenin, doch das Volk empfand ihn als gut und klug. Und er näherte sich dem Volk durch die Anrede "Brüder und Schwestern " an.

    2.Der Erfolg im "Großen Vaterländischen Krieg" ist ja, das Beste was ihm passieren konnte. Er gilt als kluger Befehlshaber, und sein Befehl 227 ist immer noch in Russland ein gefeierter Befehl.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Kannst Du das etwas erläutern, bzgl. Stalingrad (227) und der Wahrnehmung in Rußland nach dem Krieg?
     
  18. EBlack

    EBlack Neues Mitglied

    Stalins Befehl lautet kurz und knapp gesagt "Keinen Schritt zurück". Die Lage zu dem Zeitpunkt war angespannt, Russland verlor an Land, und Stalin warnte davor, dass jeder dachte: unser Land ist groß genug, wir haben noch genug Nahrung und Lebensraum.
    Er gab den Befehl, dass kein Soldat mehr zurückweichen sollte und alles dafür tun soll um sein geliebtes Vaterland zu verteidigen.
    Wer diesem Befehl sich entgegensetzt und nicht ausführt wird von allen Ämtern enthoben etc. und wird vor das Kriegsgericht gestellt.
    Im Zuge dessen wurden meines Wissens nach 10000 Menschen erschossen.
    Dieser Befehl kam im Winter 42, und dieser Befehl war der Grund, weswegen die Russen Stalingrad so eisern verteidigt haben und im Endeffekt dort gewonnen haben. Dieser Befehlt gilt als Anstoß für den Sieg bei Stalingrad und für den weiteren Verlauf des Kriegs.

    //Edit: Ich hoffe ich konnte halbwegs auf deine Frage eingehen, oder hab ich was falsch verstanden?
     
  19. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich glaube, hier wird intellektuell mit intelligent verwechselt. Stalin war ein gerissener Hund, ein ausgefuchster Krimineller, der durch seine Schläue alle aufs Kreuz legte. Lenin war intellektuell, dadurch wurde er jedoch nicht populär. Stalin installierte ihn als Gottvater, um selber ein Gott zu werden. Trotzki war intellektuell, Bucharin und Sinowjew. Die brachte Stalin wie ein Mafiaboss alle um die Ecke. Er wusste ganz genau, die konnten ihm Paroli bieten, also, die mussten weg.
    Ein Intellektueller ist starr in seiner Überzeugung. Stalin war in höchster Perfektion elastisch. Er passte sich an, wenn es nötig war, und wenn er den Zeitpunkt für gekommen sah, schlug er zu. Wenn er zuschlug, dann wuchs allerdings kein Gras mehr.
    Seine militärischen Fähigkeiten waren eher mittelmäßig. Das sah er während des Großen Vaterländischen Krieges auch ein und zog sich in militärischen Entscheidungen zurück. Das zeigt, dass er genau wusste oder vielleicht auch nur fühlte, was wirklich wichtig war.
    Intelligent, intellektuell und schlau müssen nicht zusammenpassen oder, ich würde sogar sagen, können sich gegeneinander ausschließen.
     
  20. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Kann sein, kann aber auch nicht sein.

    Seltsame Definition von Intellektualität. Geistige Starre ist an und für sich das Gegenteil von Intellektualität.

    Meine Kenntnisse zu Stalins Biographie sind marginal. Aber war es nicht so, dass er ein Theologiestudium begonnen hatte und sehr belesen war? Das macht ihn zwar noch nicht grundsätzlich zu einem Intellektuellen, aber er wäre zumindest auf dem Weg dorthin gewesen.

    Das müsstest du vielleicht näher begründen, denn du scheinst hier sehr private Definitionen der Begriffe zu haben, die sich vom allgemeinen Gebrauch dieser Begriffe unterscheiden.
     
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