Deutsche Kolonien- Einfach nur Provokation?

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Crank_15, 19. Mai 2011.

  1. Crank_15

    Crank_15 Neues Mitglied


    Hallo zusammen, mich beschäftigt seit längerem die Frage, inwieweit die Deutschen unter Wilhelm II mit ihrer Kolonialpolitik die anderen Großmächte provozieren wollten. Oder ob der "Erwerb" neuer Gebiete einfach nur die Umsetzung "gerechtfertigter" Ansprüche war???

    Ich denke mal beides, aber die Provokation z.B der Engländer oder der Franzosen zeigte sich doch eher im Wettrüsten(Flottenpolitik) und in den Marokkokrisen.

    Oder gehört das zur Kolonialpolitk?

    Freue mich auf eure Antworten und Vielen Dank schonmal im Vorraus! (ich denke muss darüber bald etwas in einer Klausur schreiben...)
     
  2. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Das Deutsche Reich unter Wilhem II.hat lediglich drei Kolonien erworben. Das war Kiautschou, Samoa und die Karolneninseln. Die Kolonien in Afrika wurden schon zu Zeiten Bismarcks erworben.

    Wilhelm II. ging es bei dem Erwerb der Kolonien nicht darum andere Großmächte zu provzieren, sondern um den Anspruch des Deutschen Reichesauf den Status als Weltmacht zu unterstreichen. Im Zeitalter des Imperialismus gehörten Kolonien unabdingbar für den Status einer Weltmacht unabdingbar dazu.
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Neben dem politischen Aspekt, den Turgot dargestellt hat, waren es natürlich auch ökonomische Zielsetzungen, die mit dem Kolonialismus bzw. Imperialismus verbunden waren.

    Religiöse Motive der Christianiserung als Motiv für die Gewinnung von Kolonien lasse ich mal außen vor, einfach aus Unkenntnis.

    Prämisse ist, dass es zu dieser Zeit lediglich einen eingeschränkten Weltmarkt gabe, da Zollbarrieren die Entwicklung der jeweiligen Nationalökonomien ermöglichen sollten.

    Das Widersprach zwar auf der einen Seite den von Smith behaupteten Vorteilen einer internationalen Arbeitsteilung der Nationalökonomien, ermöglichte aber beispielsweise auch Italien eine Industrie aufzubauen und nicht nur Lieferant für Zitrusfrüchte zu sein

    http://www.tu-braunschweig.de/Medien-DB/isw/derwohlstanddernationen.pdf

    Vor diesem Hintergrund waren Kolonien einerseits notwendiger Lieferant von Rohstoffen (auch von billigen Arbeitskräften), aber auch gleichzeitig ein wichtiger zusätzlicher Absatzmarkt, der mit industrieellen Produkten versorgt werden sollte.

    Und gerade im Fall des Erwerbs der deutschen Kolonie darf man vermutlich nicht den individuellen Anteil übersehen, den einzelnen Geschäftsleute / Abenteurer etc. hatte, Gebiete für das Deutsche Reich zu reklamieren.
     
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  4. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Unter dem Strich waren die Kolonien, Außnahme war Togo, ein Verlustgeschäft.
     
  5. LordNelson

    LordNelson Neues Mitglied

    Aber zweifelsohne hat man doch wohl gehofft, in Deutsch-Südwest-Afrika oder Deutsch-Ostafrika solche "Goldgruben" zu finden wie sie etwa im Belgisch-Kongo
    oder Südafrika gefunden wurden...
    Als die Kolonien in Afrika aufgeteilt wurden wusste man ja wohl eher wenig von den Bodenschätzen, oder?
     
  6. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    genau! Das wird ja auch deutlich in Bülows Ausspruch, vom "Platz an der Sonne" der zum geflügelten Wort wurde. Bismarck war eigentlich ein gegner von Kolonialprojekten, er betrachtete das reich als "saturiert" und hoffte dabei, Frankreichs Revanchegedanken mit Kolonien zu kompensieren, nach dem Motto, je mehr fieberverseuchtes Indochina, je mehr saharasand für die grande Nation, umso besser für Deutschland.

    Als in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts der Wettlauf um Afrika einsetzte, wurde der Erwerb von Kolonien von weiten Teilen des Bürgertums gefordert, es entstanden zahlreiche Kolonialvereine. Kolonien sollten Rohstoffe liefern, als Absatzmärkte für heimische Produkte dienen und zugleich den Auswanderstrom auffangen.
     
  7. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Habe ich etwas anderes behauptet? Meine Information war eine Ergänzung und nicht eine Korrektur.
     
  8. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Aber nur aus finanzieller Sicht und das konnte wohl auch erst in späteren Bilanzen dargestellt werden.

    Aber aus machtpolitischer Sicht war der Kolonialismus auch für das DR wichtig. Im Grunde vergleichbar mit der in direkten Zusammenhang stehenden Flottenpolitik, die ebenfalls aus finanzieller Sicht ein komplettes Verlustgeschäft war, aber unverzichtbar für eine imperiale Großmacht.

    Von daher würde ich die spätere Erkenntnis aus den Erfahrungen und Bilanzen nicht in der geschichtlichen Entwicklung voranstellen.
     
  9. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied


    Das Verlustgeschäft bezog sich auf die wirtschaftliche Rentabilität der Kolonien. irgendwie dachte ich, das dies klar sei.


    Weiter oben habe ich das Folgende geschrieben:


    Das dürfte sich so ziemlich mit deiner Aussage decken.:)
     
  10. Köbis17

    Köbis17 Gesperrt

    Ja Turgot, kein Problem, habe ich auch gelesen, von daher konnte ich den Zusammenhang von eins auf zehn nicht verstehen.:winke:
     
  11. Repo

    Repo Neues Mitglied


    Es handelt sich hier um die 3. Imperialismuswelle. Alles von Wert (Stand 1885) war längst in festen Händen.

    Die Rohstofflieferungen aus den Kolonien waren, bezogen auf die Gesamteinfuhr sehr gering. Die Lieferungen in die Kolonien, bezogen auf den Gesamt-Export, zu vernachlässigen. Einwanderungen aus Deutschland haben die Kolonialverwaltungen soweit irgend möglich verhindert. (die hatten genug Ärger, brauchten keine gescheiterten Existenzen zum betreuen)
    Den Deutschen waren ihre Kolonien herzlich egal.

    Erst mit den Aufständen dort, den Kolonialkriegen wuchsen sie ihnen ans Herz. Baute man eine Beziehung zu ihnen auf.
     
    Zuletzt bearbeitet: 19. Mai 2011
  12. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Das ist nur halb richtig. Zwar wurde unter Bismarck der Grundstein gelegt. In dieser Zeit ging der Plan der deutschen Außenpolitiker dahin, lediglich bestehende Handelsposten zu sichern. Ausnahme war Deutsch-Südwest, dass als Siedlungsland gedacht war, und zunächst die einzige flächenmäßig größere Kolonie darstellte.
    Unter Wilhelm II. änderte sich die Kolonialpolitik, zunächst bedingt durch Dynamiken in den Kolonien selbst. Die Firmen planten recht rücksichtslos die Erweiterung des Wirtschaftsraums und der Wirtschaftsrechte, was in Aufständen seine Antwort fand. Diese zogen dann ein stärkeres militärisches Engagement der Deutschen nach sich, inklusive großer Eroberungszüge. Selbst Südwest wurde unter Wilhelm II. noch erweitert (z.B. um den so genannten Caprivi-Zipfel). Der ursprüngliche Charakter der Kolonien veränderte sich stark; ein besonders heterogenes Gebilde war Kamerun. Aus den einstigen Handelsniederlassungen an der Atlantikküste entwickelte sich ein Territorium, dass schließlich weit nach Zentralafrika hinein bis in die moslemisch besiedelten Gebiete um den Tschadsee reichte.
     
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  13. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nun ja, Bismarck hat ausdrücklich sein Plazet für diese Vorgehensweise gegeben. Großbritannien wurde auch konsultiert, hat es aber erst für nötig gehalten zu reagieren, als es eigentlich viel zu spät war.
     
  14. Arne

    Arne Premiummitglied

    Im Wortsinn von Provokation steckt die Absicht den "Gegner" zu einem Handeln zu reizen. Meist zu einem Handeln, das der andere eigentlich nicht will oder vermeiden möchte.

    Welche Handlung sollte denn hier heraufbeschworen werden? Etwa einen Krieg? Das sehe ich nicht.

    Ansonsten Zustimmung zu Turgot.
     
  15. Crank_15

    Crank_15 Neues Mitglied

    Dem kann ich auch zustimmen, aber hat nicht genau DAS auch die anderen Großmächte provoziert? Vom Wettrüsten bis zur Marokkokrise sind die deutschen doch immer wieder angeeckt und haben sich neue Feinde gemacht (Frankreich hatte noch eine Rechnung offen(1870-1871), England war erbost über das Wettrüsten und Rußland fühlte sich im Balkan betrogen)

    Hat also Wilhelmskolonialpolitk zu weiteren internationalen Spannungen geführt? (Wenn die Marokko-Krise zur Kolonialp. zählt, dann ja auf jeden Fall)

    Danke aber schonmal für die ganzen Antworten :)
     
  16. Repo

    Repo Neues Mitglied

    Wenn Du Marokko außen vor lässt, würde ich dies verneinen.
    Man ist ja sonst eigentlich schon behutsam vorgegangen, Sansibar-Witu-Helgoland zB, auch der Papst-Schiedspruch in der Südsee wurde akzeptiert, bei Samoa hat man sich gütlich geeinigt.
    Die große Klappe beim Burenkrieg ist der Innenpolitik und dem zur Abstimmung vorliegenden Flottengesetz geschuldet.
    Bei der Bagdad-Bahn (das wäre ein Geschäft geworden, mann oh mann) hat man sich verglichen, die Briten mit ins Boot genommen, noch unmittelbar vor Kriegsbeginn.

    Lediglich Marokko, wobei da ja lediglich die Bündnistreue Londons zu Paris getestet werden sollte. Also weniger/keine Kolonialpolitik
     
  17. Turgot

    Turgot Aktives Mitglied

    Nein, die Marokkokrise zählt nicht zur Kolonial- sondern eher zu der ominösen Weltpolitik. Außerdem sollte man der Gerechtgkeit halber auch erwähnen, das es Frankreich war, welches sich nicht an geschlossenen Verträgen hielt. Schau auch einmal hier:

    http://www.geschichtsforum.de/f58/1-und-2-marokkokrise-27238/


    Für die britische Haltung gegenüber dem Deutschen Reich ist nicht nur das Flottenrüsten ausschlaggeben. Lies dir einmal dieses Beiträge durch:

    http://www.geschichtsforum.de/579792-post13.html

    http://www.geschichtsforum.de/579978-post14.html

    http://www.geschichtsforum.de/580003-post15.html

    Eines kann man sicher festhalten. Großbritannien hat nicht nur auf die Aktionen des Deutschen Reiches reagiert, sondern unter der liberalen Regierung eine Außenpolitik gefahren, die von Grey schon vor dessen Amtsübernahme genauso angedacht worden war.
     
  18. Crank_15

    Crank_15 Neues Mitglied

    Alles klar Vielen Dank!!!
     
  19. Crank_15

    Crank_15 Neues Mitglied

    Kannst du das nochmal näher erklären, kann mir darunter gerade nichts vorstellen :rotwerd:

    Thx
     
  20. Otto I.

    Otto I. Neues Mitglied

    Interessanter Punkt. Über die Gründe welche Bismarck letztendlich zu einem Quasi Verfechter der kolonialen Expansion werden liesen kann man nur spekulieren.
    So wird oftmals angeführt, dass Bismarck angesichts des hohen Alters Wilhelm I. mit seinem baldigen ableben rechnete. Friedrich III. war bekanntermaßen ein liberaler Geist und ein "Fan" der englischen Innenpolitik. Es war zu erwarten, dass er innere Reformen anstreben würde. Bismarck beschwor ein Kabinett Gladstone in Deutschland welche seine repressive Politik gegen die Sozialdemokratie ausgehebelt hätte. Durch das herbeiführen einer gespannten Beziehung zu Großbritannien hoffte er eine solche Politik verhindern zu können.

    Es wird auch gemutmaßt ob sich Bismarck über die Kolonien eine Annäherung an Frankreich erhoffte. Zumindest kurzzeitig schien das unter Grévy möglich zu sein. Man erinnere sich an die Faschodakrise nicht viel später. Das Verhältnis zwischen GB und Frankreich war zu diesem Zeitpunkt nicht minder angespannt als zwischen Frankrich und dem Deutschen Reich. Auf der Kongokonferenz zeigte man sich ebenfalls kooperativ.
     

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