Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567 - 822 n. Chr.

Dieses Thema im Forum "Buchempfehlungen" wurde erstellt von Schini, 4. September 2004.



  1. Menelik II

    Menelik II Neues Mitglied

    Danke für den Hinweis auf den Roman Kaff ! Interessant wie das Nibelungenlied auf den Ost-West Konflikt übertragen wird. Burgunder=Amerikaner
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

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    "Buchempfehlungen - Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567 - 822 n. Chr."
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Da Steppenvölker und Reiterkrieger wie Hunnen und Awaren keine Nachrichten über sich hinterließen, kennen wir sie nur aus Berichten ihrer Gegner. Das verzerrt das Bild. Etwas anders sieht das bei den ersten Türkenreichen - den Kök-Türken in Zentralasien - aus, die mit den berühmten Orchon-Runen reichhaltige Nachrichten über sich hinterließen.

    Andererseits darf man nicht übersehen, dass die gesamte Existenz der Steppen- und Nomadenreiche auf Plünderung und Tributzahlungen beruhte. Da die Reiterkrieger selbst nichts produzierten, waren sie auf erzwungene Tribute - Gold in Form von Münzen oder Kunstgegenständen, prunkvolle Gewänder, reichhaltig verzierte Waffen u.a. - angewiesen; ferner auf Lebensmittel, die von unterworfenen Bauern oder Plünderungszügen stammten. Westrom und Ostrom leisteten über die Jahre hinweg millionenschwere Abgaben (u.a. Millionen Goldsolidi), um die barbarischen Khane und ihre Großen zum Wohlverhalten zu bringen und von Beute- und Plünderungszügen abzuhalten.

    Dass ihr Bild aus diesem Grunde von römischen bzw. byzantinischen Geschichtsschreibern nicht gerade schmeichelhaft gezeichnet wird, ist verständlich. Dass einige von ihnen weit über das Ziel hinausschießen, wenn sie die Reiterkrieger als Dämonen und Ausgeburten der Hölle beschreiben, ist ebenfalls klar.

    Bis heute wurden hunderte von Gräbern mit teilweise reichhaltigen Beigaben ausgegraben (u.a. Goldgeräte, vergoldete Sättel, Prunkwaffen, Kompositbögen mit vergoldeten Enden usw.). Hinsichtlich der sozialen Stellung gibt es bei den Gräbern zahlreiiche Abstufungen von besonders prunkvoll bis hin zu armen Gräbern, wo sich höchstens eine Eisensschnalle und Pfeile finden. Kurgangräber waren bei den Awaren nicht üblich und finden sich nur vereinzelt bei den frühen Bulgaren.

    Ob die Kaukasus-Awaren (Neu-Awaren) etwas mit den Donau-Awaren zu tun haben oder es sich nur um eine zufällige Namensgleichheit handelt, ist bis heute ungeklärt und umstritten. Ihre Sprache zählt zur nordostkaukasischen Sprachfamilie und kann demzufolge kaum mit der Sprache der Alt-Awaren verwandt sein, die unseres Wissens aus Zentralasien kamen. Allerdings ist es bis heute nicht gelungen, die Sprache der Donau-Awaren zu identifizieren, da die Sprachreste viel zu dürftig sind. Die Hypothesen reichen von Mongolisch über Türkisch und Ugrisch bis hin zu einem völlig unbekannten Idiom.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. September 2013
  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Inzwischen habe ich das Buch Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567 - 822 n. Chr. von Walter Pohl durchgelesen, das Schini am Anfang dieses Threads empfohlen hatte.

    Entgegen meiner anfänglichen Einschätzung ist es stellenweise doch etwas mühselig zu lesen. Das liegt daran, dass sich Pohl nicht entscheiden konnte, ob er nun ein streng wissenschaftliches Werk oder eher ein populärwissenschaftliches schreiben wollte. Meist herrscht ein ausgesprochen trockener und leseunfreundlicher Ton vor, ganz im Gegensatz z.B. zu Peter Heather, der wie viele angloamerikanische Historiker fähig ist, wissenschaftliche Betrachtungen mit einem lesefreundlichen Stil zu verbinden. Peter J. Heather ? Wikipedia

    Inhaltlich gibt's wenig auszusetzen, denn Pohl geht nahezu jeder Frage nach, analysiert die politische und gesellschaftliche Struktur des Awarenreichs, über die allerdings wenige Quellen vorliegen. Neben gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten wird der politischen Ereignisgeschichte breiter Raum zugemessen, wobei Aktionen und Reaktionen der Staaten, die dem Awarenreich benachbart waren, nicht zu kurz kommen. Das bezieht sich vor allem auf Byzanz, Baiern, das Frankenreich sowie die zur Zeit der Awaren einwandernden Bulgaren und Slawen und die nach Ialien ausweichenden Langobarden. Alle Aussagen werden mit einer Fülle von Primärquellen belegt, es gibt einen riesigen Anmerkungsapparat sowie Verweise zu einer schier unendlichen Flut von Sekundärquellen.

    Zu welchen Resümee kommt Pohl?

    Die Awaren lagen erheblich weniger im Krieg mit ihren Nachbarn als beispielsweise die Hunnen oder Ungarn. Nach ihrem Eintreffen in Pannonien etwa um 560 hatte Byzanz schwer unter Raubzügen der Awaren zu leiden, jedoch war nach der missglückten Belagerung Konstantinopels im Jahr 626 Schluss damit. Die folgenden rund 170 Jahre seines Bestehens verhielten sich die Awaren defensiv und hatten Mühe, sich gegenüber den vordringenden Slawen und später Bulgaren zu behaupten. Die meisten Awaren wurden sesshaft (!), ließen vermutlich unterworfene Bauern für sich arbeiten und wurden dabei bequem und weniger gefährlich.

    Bemerkenswert, dass es am Ende des Reichs zu keiner Schlacht mehr kam. Karl der Große besetzte nahezu widerstandlos den "Ring" der Awaren, die nahezu spurlos von der Bildfläche verschwinden und wenige Jahrzehnte später nicht mehr in den Quellen auftauchen. Bemerkenswert auch, dass die Awaren ganz anders als die Hunnen aus dem Gedächtnis der Völker verschwanden und von allen Awarenkhaganen im Verlauf von 250 Jahren nur der erste - Baian - überhaupt namentlich überliefert ist. Wie die anderen hießen, ist unbekannt.

    Während sich die Ungarn - ebenfalls Steppenreiter - staatlich behaupten konnten, ging das Awarenreich unter. Pohl führt das darauf zurück, dass es den Awaren anders als den Ungarn nicht gelang, sich ins christliche Europa zu integrieren. Sie bauten im entscheidenden Moment keine kirchliche Organisation auf, errichteten keine staatliche Struktur und versäumten es, den Papst und wichtige Mächte Europas von ihrem Willen zu überzeugen, ein friedliches, christliches Land zu werden. Der ungarische Arpadenfürst Stefan ließ sich vom Papst die Krönungsinsignien schicken, was Ungarns Eintritt ins Abendland besiegelte. Diesen Weg gingen die Awaren und ihre Herrscherelite nicht - entweder aus Überzeugung oder aus mangelndem politischen Weitblick. Und so ging das Awarenreich unter.

    Wr sich für die Geschichte dieses Volks interessiert, dem kann ich das Buch empfehlen. Eine leichte Lektüre ist es allerdings nicht. :winke:
     
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  5. enrico

    enrico Neues Mitglied

    Die Awaren haben nicht die großen Schrecken verbreitet, wie die Hunnen es taten.Sie gelten nach wie vor als ein mysteriöses Volk.Nachdem erscheinen der Hunnen und der Bildung eines türkischen Bulkgarenreiches in Südrußland ,erscheinen um 558 die Awaren als Verbündete der Byzantinier und drängen von ihren Wohnsitzen im Kaukasus an die Donau vor.Im Bunde mit den Langobarden vernichten die Awaren die Gepiden." Im Prinizip haben sie sich immer mit irgend wem verbündet.Das zeugt entweder von einer ähnlich gesprochene Sprache oder "von guten Dolmetschern.":devil:
     

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