Die Indianer vor dem Eintreffen der Weissen

Dieses Thema im Forum "USA | Kanada" wurde erstellt von S.K. Relssek, 7. Januar 2014.



  1. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Die Sagas reden von mehreren gescheiterten Siedlungsversuchen. 2 oder 3 Siedlungen sollen sogar gleichzeitig bestanden haben.

    Eine davon soll auf einer Insel vor der Mündung eines großen Stromes gelegen haben. Die Beschreibung trifft auf L'Anse aux Meadows zu. Diese Siedlung bestand aus 11 Häusern und einer Schmiede.

    Wenn ich mich korrekt erinnere, soll es noch eine kleinere Siedlung, vielleicht ein Stützpunkt zum Holzfällen, welches ja auf Grönland Mangelware war, weiter nördlich gegeben haben. Da die Angaben der Sagas bezüglich der Siedlung auf Neufundland nachgeprüft werden konnten, sollte man auch diese Angaben nicht vorschnell verwerfen. In Bezug auf die Gleichzeitigkeit dieser Siedlung mit den beiden anderen bin ich mir nicht ganz sicher.

    Dann wird noch von einer weiter südlich gelegenen Siedlung berichtet. Diese soll gleichzeitig mit der Siedlung vor dem großen Strom bestanden haben. Wie gesagt, können wir die Angaben zu den Siedlungen aus den Sagas nicht einfach abtun. Zur Lage wird angegeben, dass das Vieh im Winter nicht aufgestallt werden musste und zwischen der Siedlung und der eigentlichen Küste ein See oder eine Lagune lag. Da das Klima damals etwas wärmer war, passt die Gegend von Washington gut zur Beschreibung. (Heute geht die sog. Null-Grad-Linie durch die Amerikanischen Hauptstadt. Um Rinder auf der Weide lassen zu können, muss es wärmer sein.) Allerdings soll diese Siedlung nur kurz bestanden haben. Daher können die Wikinger auch einfach einen warmen Winter erwischt haben.
    Zu dieser Siedlung gehört auch die Schilderung vom Fund der wilden Weintrauben. Diese wachsen bereits ein ganzes Stück weiter nördlich von Washington. Mit Cranberries, wie oft behauptet, werden die Siedler sie aber nicht verwechselt haben, da diese auch in Nordeuropa vorkommen. Die amerikanischen Beeren werden nur etwas größer. Da sie auch in Deutschland wild wachsen, kann sogar eine deutsche Bezeichnung genannt werden: Kraanbeeren. Laut den Sagas soll auch kein Grönländer die Trauben entdeckt haben, sondern 'Thirk der Sachse'. Und in Niedersachsen und Westfalen sind Weintrauben altbekannt und wurden im Mittelalter auch zu Wein verarbeitet.
    Somit existieren keine wirklich brauchbaren Hinweise zur Lokalisierung dieser Siedlung und wir müssen weiter auf einen Zufallsfund hoffen.

    Langer Rede kurzer Sinn:

    Wenn wir davon ausgehen, dass die Siedlungen etwa gleich groß waren, die nördliche vielleicht etwas kleiner, die südliche vielleicht etwas größer, kommen wir auf ca. 30 Haushalte, in denen durchaus 250 Siedler Platz finden können.

    Zur Entstehung des Konflikts mit den Eingeborenen finde ich persönlich die Version interessant, dass die Wikinger den Indianern Milch gaben, die diese gar nicht verdauen wollten, so dass sie dachten die Einwanderer hätten ihnen Gift gegeben. Ob dies nun stimmen kann oder nicht, hätte die erste Begegnung Europa-Amerika dann wenigstens friedlich begonnen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Januar 2014
  2. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Dabei kann es sich um eine Laktoseintoleranz handeln, was auch heute auf viele Populationen zutrifft.
     
  3. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Genau das wäre ja ein Indiz dafür, dass hier wiederum etwas korrekt Überliefert ist. Schließlich wussten die Wikinger nichts von solchen Dingen. Dummerweise habe ich im Hinterkopf, dass dies nicht so in den Sagas steht, sondern dazu ziemlich viel hineininterpretiert wurde. Und das Buch, in dem ich nachschlagen könnte, habe ich verliehen.
     
  4. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    Nun ja, so einfach wie in den Sagas dargestellt waren die Beziehungen der Grönländer zu den indigenen Völkern Nordamerikas wohl nicht. neuester Forschungsstand ist,daß wohl entlang der kanadischen Ostküste ein reger Tauschhandel (Webbänder !)zwischen Grönländern und Resten der Dorsetkultur stattfand.
    Mit den in diesen Bereich vordringenden Thule scheint es hingegen keine Handelsbeziehungen sondern eher Konfrontation gegeben zu haben ,ebenso mit den Algonkin ,die von Süden her in die Region kamen.
    Die Anzahl grönlänischer Amerikasiedler ist nicht bekannt, da wir nur eine feste Siedlung bei L Ánse aux Meadows kennen, wobei nicht klar ist,ob diese wirklich dauerhaft oder nur temporär benutzt wurde. Geht man davon aus,daß das Volk der Grönländer maximal 5000 Köpfe gezählt haben kann, so dürfte die Anzahl der "Amerikaner" aber ein- zweihundert nicht überstiegen haben.
    Von überlegener Bewaffnung der Grönländer kann auch nicht die Rede sein.Auf Grund des Mangels an Holz und Eisen verkümmerten Schiffbau und Schmiedetechnik- die Klingen werden im Laufe der Zeit immer kleiner und qualitativ immer schlechter. Da war die Gegenseite mit Harpunen, Atlatl, Steinschleudern und Obsidianklingen auch nicht schlechter dran.
     
    Zuletzt bearbeitet: 8. Januar 2014
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  5. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Wenn man Grönland, geographisch korrekt, als Insel des amerikanischen Kontinents betrachtet, wurde Amerika ab dem Jahr 986 von Europäern besiedelt. In dieser Zeit gab es auch Kontakte mit Innuit-"Indianern".

    Diese blieben offenbar weitgehend wirkungslos, weil die Siedler, bis auf ein paar Ausflüge ins südlichere Vinland, ortsfest waren. Die Grönland-Siedler haben - mit mäßigem Erfolg - versucht, eine Rinderzucht nach Europäischen Vorbild aufzubauen, sie haben jedoch nicht versucht, sich von der heimischen Fauna (Flora war nicht viel) zu ernähren wie die Inuit. Hierin liegt offenbar der Hauptunterschied zu der späteren Besiedlung nach Kolumbus, dass letztere in Breiten stattfand, in der die Europäische Landwirtschaft funktionierte und eine solide Existenzgrundlage schuf.
     
  6. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Grönland ist zwar eine beachtlich große Insel, aber in Relation zum Doppelkontinent gesetzt ist die Aussage an Großzügigkeit dennoch kaum zu übertreffen. Vergleichbar mit: die Erde gehört zum Sonnensystem, den Homo gibt es seit übern Daumen 200.000 Jahren, also haben Menschen vor 200.000 Jahren angefangen, das Sonnensystem zu besiedeln.

    Das ist in der Form ebenfalls nicht richtig und basiert mehr auf 'Unsere kleine Farm' als auf den Realitäten. Die Wirtschaft der Kolonien und auch noch in der nachkolonialen Ära war viel mehr auf Export ausgerichtet - zb Pelze und Leder, Holz, Fisch. Die eingerichteten Siedlungen in Nordamerika blieben lange Zeit von Lieferungen aus dem Mutterland abhängig und ökonomisch auf die jeweiligen Mutterländer bezogen; sie lieferten Produkte bzw Rohstoffe zu. Ausschlaggebend war dabei weniger das vorhandene Angebot, sondern mehr die Nachfrage in Europa - siehe zb die Mode mit den Biberpelzhüten, oder zb die Ausfuhr von Hirschleder aus Georgia, das die Kolonisten von verschiedenen indianischen Ethnien einhandelten. Das Hirschleder war natürlich ein bereits bearbeitetes Produkt; die diesbezügliche Arbeit überließen die Kolonisten jedoch den Indianern.

    Im Süden der USA, in der Karibik sowie in Lateinamerika war die Plantagenwirtschaft vorherrschend und dies auch weitgehend mit Produkten, die es präkolumbisch in Europa gar nicht bzw so nicht gegeben hatte: Tabak, Baumwolle (die ägyptische Baumwolle war bekannt, die amerikanische ist aber langfaseriger und besser zu verarbeiten), Zuckerrohr, Reis.

    Zusätzlich wurde dieser Anbau mit Sklaven betrieben - auch dies eine Form, die sich nicht als "europäische Landwirtschaft" bezeichnen läßt.

    Die französischen, englischen und spanischen Kolonien in Amerika betrieben außerdem eine völlig übliche Kolonialwirtschaft, indem vor allem Rohstoffe nach Europa geliefert wurden, die erst dort weiterverarbeitet wurden - so zb Baumwolle aus den Südstaaten der USA nach England, wo sie ua in den textile mills in Manchester verwebt wurde. Die Stoffe wurden zb nach Indien verbracht, wo die Kolonialmacht damit die einheimische Textilherstellung unterminierte.
     
  7. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Klaus' Bemerkung gilt der Plattentektonik. Plattentektonisch liegt Grönland tatsächlich auf der Nordamerikanischen Kontinentalplatte.

    Wobei Zuckerrohr und Reis von den Europäern eingeführt wurde. Beides war vorher auf dem amerikanischen Kontinent/in der Karibik nicht bekannt. Was sich bzgl. dieser beiden änderte war v.a. die Anbauquantität.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. Januar 2014
  8. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    nun so wenig erfolgreich waren die Grönländer nun auch nicht,obwohl die Kolonie letztlich wohl auf rund eines dramatischen Klimawechsels (kleine Eiszeit )scheiterte.Die Siedlungen von insgesamt ca 300 Höfen 16 Kirchen und 2 Klöstern mit einer Bevölkerungszahl von insgesamt 5.000 bis 6.000 Personen.bestanden immerhin rund 500 Jahre lang, also ungefähr so lange wie die USA und ihre Gründerkolonien bis heute. und das grössten Teils auf einem mit dem damaligen Mitteleuropa vergleichbaren zivilisatorischen Niveau.
    Und wie neuere Forschungen ergeben haben, haben sich die Grönländer durchaus auf die Klimaverschlechterung eingestellt Gegen Ende der Siedlungsperiode finden sich Ziegen und Schafe statt Rindern und der Anteil von Robbenfleisch machte bis zu 80 % ihrer Ernährung aus. Man hatte also vom Viehzüchter und Ackerbauern zum Robbenjäger umgesattelt.
     
  9. Ingeborg

    Ingeborg Premiummitglied

    Das war mir schon klar. Ein Teil von Island liegt übrigens auch auf der nordamerikanischen Platte...., die Besiedlung Amerikas durch Europäer darf nochmals vorverlegt werden.

    Ebenfalls klar. Nur trifft sowohl auf einheimische amerikanische wie auch auf für den Plantagenanbau importierte Produkte gleichermaßen zu, daß diese mit der europäischen Landwirtschaft wohl nicht viel zu tun haben. Neben der Anbauquantität änderte sich auch noch das 'Personal'; insbesondere in der Karibik wurde mit Sklaven gearbeitet; zunächst vielfach indianische Sklaven, dann Afrikaner.

    Wobei der Sklavenhandel ein weiterer Erwerbszweig der Kolonisten war - so exportierte zb die Kolonie Georgia, deren Hafen Charleston einer der größten Sklavenumschlägplätze war, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mehr Sklaven als es importierte. Exportiert wurden indianische Sklaven vor allem in die Karibik, importiert wurden Afrikaner. Der Erlös der Sklavenexporte wurde vornehmlich für den Landerwerb aufgewendet (Gary B. Nash: Red, Black & White. The Peoples of Early North America).
     
  10. Klaus

    Klaus Neues Mitglied

    Die Plattentektonik spielt für die Geschichte keine Rolle, eher ein Blick auf die Landkarte, die zeigt, dass Grönland eher dem (nord-)amerikanischen Kontinent vorgelagert ist als dem Europäischen. Deshalb haben die Innuit wohl Grönland überhaupt besiedelt - weil es zu ihrem Kontinent gehörte - wegen der Nähe, nicht wegen der Platten.

    Meine Bemerkung bezieht sich insbesondere auf das Thread-Thema "Die Indianer vor dem Eintreffen der Weissen". Die Inuit (= Amerikaner wie die Dorset-Leute, nicht Europäer) zur Zeit der Wikingersiedlungen befanden sich bereits nicht mehr in dieser Phase.
     
  11. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Am Rande:

    Schon länger hat man nach Nachweisen für präkolumbisch-nichteuropäische Handelskontakte gesucht.

    Nun sollen es dieser Angelhaken aus Kupfer mit Bleikonponenten und weitere 5 Teile bringen, gefertigt in Asien, erbringen, deren Alter auf 700-900 Jahre geschätzt wird, und der von seiner "Produktionsstätte" Alaska erreicht hat:

    Evidence of Eurasian metal alloys on the Alaskan coast in prehistory

    Aus der Meldung:
    "A bronze buckle and a cylindrical metal bead found in Alaska are the first hard evidence of trade between Asia and the indigenous peoples of the North American Arctic, centuries before contact with Europeans, archaeologists say.

    An analysis of the artifacts has shown that they were smelted in East Asia out of lead, copper, and tin, before finding their way to an indigenous village some 700 years ago."
    Asian Metal Found in Alaska Reveals Trade Centuries Before European Contact | Western Digs
     
  12. zaphodB.

    zaphodB. Premiummitglied

    nun ja, so lange es sich um solitäre Funde handelt wäre ich mit der These von Handelsbeziehungen vorsichtig, die können auf diversen wegen nach Amerika gekommen sein, als Teil von Treibgut oder bei den Angelhaken auch durch Fische, die zwar der Angel entkommen aber den Haken nicht mehr losgeworden sind.
    Anders sieht die Sache bei Depotfunden aus. Und wer sagt,dass die Metallgegenstände nicht in Amerika selbst entstanden sein können ?
    Wir haben ja das Thema präkolumbische Metallverarbeitung bereits mehrmals diskutiert
    http://www.geschichtsforum.de/f15/pr-kolumbische-metallbearbeitung-aber-keine-hochkultur-46872/
     
  13. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eine neue Publikation in der nature: Kimawandel mit Dürre, Instabilitäten und Konfrontationen in den 2 Jahrhunderten vor Eintreffen der Europäer?

    Midcontinental Native American population dynamics and late Holocene hydroclimate extremes : Scientific Reports

    Abstract:

    "Climate’s influence on late Pre-Columbian (pre-1492 CE), maize-dependent Native American populations in the midcontinental United States (US) is poorly understood as regional paleoclimate records are sparse and/or provide conflicting perspectives. Here, we reconstruct regional changes in precipitation source and seasonality and local changes in warm-season duration and rainstorm events related to the Pacific North American pattern (PNA) using a 2100-year-long multi-proxy lake-sediment record from the midcontinental US. Wet midcontinental climate reflecting negative PNA-like conditions occurred during the Medieval Climate Anomaly (950–1250 CE) as Native American populations adopted intensive maize agriculture, facilitating population aggregation and the development of urban centers between 1000–1200 CE.

    Intensifying midcontinental socio-political instability and warfare between 1250–1350 CE corresponded with drier positive PNA-like conditions, culminating in the staggered abandonment of many major Native American river valley settlements and large urban centers between 1350–1450 CE during an especially severe warm-season drought.

    We hypothesize that this sustained drought interval rendered it difficult to support dense populations and large urban centers in the midcontinental US by destabilizing regional agricultural systems, thereby contributing to the host of socio-political factors that led to population reorganization and migration in the midcontinent and neighboring regions shortly before European contact."
     

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