Die Marokko-Krisen

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von SimGeh, 17. April 2009.

  1. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Kannst Du kurz erläutern, welche Wirkung der anzuwendende Artikel VII (mit seinem gleichlautenden Vorgänger bereits im öu-ital. Separatvertrag von 1887) bei Österreichs Vorgehen in der vorlaufenden bosnischen Annexionskrise hatte, unter Berücksichtigung der innen- und außenpolitischen Lage Italiens und den direkten Auswirkungen auf das italienische Vorgehen in Afrika?

    Die Konfrontation bei Preveza mündete wie richtig dargestellt darin, dass Aehrenthal eine Positiv-Erklärung und Versicherung Italiens verlangte, Artikel VII zu beachten. Darauf folgte vertragsgemäß - nach diesem Scharmützel, dass mit der "Aufrechterhaltung des territorialen Status Quo" substantiell nichts zu tun hatte, und vielmehr überlagert wurde durch Schusswechsel italienischer Einheiten gegen österreichische Dampfschiffe, die sich auf dem Weg ins osmanische Albanien befanden - die italienische Anweisung, Seekämpfe in der Adria auf das Äußerste zu beschränken. Logischerweise konnte man sich in der Adria wegen der eigenen weit überlegenen Marine nicht als bedroht darstellen.
    Bosworth, Italy - the least of the Great Powers
     
  2. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Wie kommst du jetzt auf die Krise von 1908/09 wenn hier 1911/12 mit 1915 verglichen wird?
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Da habe ich lediglich 1 und 1 zusammen gezählt, und die österreichisch-ungarischen Monita zum Verhalten von Italien zum Anlass genommen, nach der Entwicklungsgeschichte von Artikel VII zu fragen. Siehe hier:

    Abgesehen davon, dass das kleine Gefecht von ein paar Torpedobooten kein Widerspruch zu Artikel VII mangels Gefährdung des territorialen Status Quo auf dem Balkan war, stellt sich logischerweise die Frage, wie es ÖU mit der "Kompensation" zuvor gehalten hat, deshalb meine einfache Frage:
    Die Klausel war doch sicherlich ernst gemeint und nicht Füllwerk im Abkommen. Immerhin fragte Aehrenthal am gleichen Tage des Zwischenfalls, ob Italien wirklich an Artikel VII erinnert werden müsste.

    Da muss er doch seine Erinnerung an die Bosnische Annexionskrise noch frisch vor Augen gehabt haben, oder?
     
  4. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Italien hatte in der Adria auch ein paar Inseln bestzt und das war ein Fall für Artiel 7.

    Zur Krise von 1908/09 wurde ein defacto Zustand in ein dejure umgewandelt. Darüber hinaus meine ich mich zu erinnern, dass Wien gemäß der Berliner Schlussakte.dqs Recht zur Annexion hatte. Aber das ist eigentlich nicht das Thema.
     
  5. andreassolar

    andreassolar Mitglied

    Hm, anregende Beiträge wie Diskussion.

    Alle Großmächte hatten zwischen 1887 und 1909 die "Anwartschaft" Italiens auf Tripolitanien anerkannt, auch Ö.-U.. (Afflerbach, Dreibund, 691), wenn auch diese Art der "Durchführung" so nicht erwartet noch gewünscht wurde.

    Der Versuch italienischer Streitkräfte, den eigenen Nachschub durch die Versenkung der türkischen Torpedoboote in den albanischen Häfen zu sichern, gehörte zu den Ausgriffen über das eigentliche Kriegsgebiet hinaus, während die ital. Reg. zuvor bereits den Großmächten versichert hatte, nur am Kriegsschauplatz selber aktiv zu werden.

    Am 10.10.1912, nach dem Protest Aehrentals gegen die ital. Militäraktion gegen die türkischen Torpedoboote, verpflichtete sich die ital. Reg. gegenüber Ö.-U., keine weiteren Kampfhandlungen an der albanischen Küste gegen türkische Streitkräfte durchzuführen. (Afflerbach, Dreibund, S. 702)

    Aehrental hatte noch vor einer möglichen Ausweitung des Kriegsgebietes durch ital. Truppen in Richtung Ägäis im Nov. 1912 gewarnt und eine dadurch mögliche Verletzung des genannten Artikel VII des Dreibundvertrages formuliert. (Afflerbach, S. 702).
    Im Frühjahr 1912, nach Berchtolds Amtsantritt, lenkte die Ö.-U.-Regierung nach diplomatischen Bemühungen des Dt. Reiches in Hinsicht der problematisierten Kriegsgebietausweitung durch die ital. Regierung in Richtung Türkei ein. Zuvor hatte die ital. Regierung die reichsdeutsche um Einwirkung wegen des Themas auf Ö.-U. gebeten. (Afflerbach, S. 704)

    Daher bleibt festzustellen, dass die Frage einer Kompensation durch "Randerscheinungen" des Krieges nie ins Zentrum rücken oder politisch wirksam werden konnten.

    Weitere allgemeine Verwicklungen durch die Kriegsausweitung drohten noch genug, schon im Dezember 1911 wurde Sasonov, der russ. AA-Chef, wg. der möglicherweise drohenden Dardanellen-Sperrung in Folge der sich abzeichnenden Ausweitung des Kriegsgebietes in Richtung Türkei diplomatisch tätig.

    Das alles dürfte euch schon bekannt sein, schätze ich.

    Aehrental war übrigens Anfang 1912 vom Amt zurück getreten.


    Was kann uns das in Hinsicht auf die Marokko-Krise II an historischem Verständnis bringen?

    Das Offenkundigste war - wohl auch, aber nicht nur im Sinne Afflerbachs - die damalige Einsicht, dass die Einbeziehung der anderen Großmächte in Form von Verhandlungen oder Vermittlungsversuchen, Kompensationen und Konferenzen bei der Frage von "Einflußgebieten" oder Kolonien etc. zu langwierigen Prozessen und häufig als unbefriedigend empfundenen Kompromissen und Verträgen führen konnte.

    Die italienische Reg. wollte das von Anfang an vermeiden/umgehen und eine echte, praktisch sofortige wie vollständige Annexion durchführen, was sich deutlich, wenn nicht grundsätzlich von dem Scheibchen-Vorgehen und der langsamen Aushöhlung der bisherigen bisherigen Machtstrukturen in Verbindung mit der formalen Anerkennung des vorhandenen Regimes z.B. in Marokko unterscheidet, soweit ich sehe.

    In Libyen wurden mit der Annexion durch die ital. Reg. sämtliche Vorrechte/Recht anderer Großmächte einseitig anuliert, wenn ich mich recht erinnere, auch die des Dt. Reiches. Das war so nicht mal nach der Marokko-Krise II. eingetreten, wenn ich recht sehe.

    Allgemein betrachtet, war das Vorgehen der ital. Regierung, in Libyen möglichst schnell und ohne Zulassung von Verhandlungen oder Konferenzen durch Militäraktionen/Krieg vollendete Tatsachen zu schaffen, wenngleich mit vorausgehender langjähriger diplomatischer Grundsatzabsicherung, durchaus wohl Vorbild für die Balkanstaaten für den Balkankrieg I.

    Ich finde sogar, man kann von der Marokko-Krise II über das Handeln der ital. Regierung in Fall Libyens eine Linie bis zum Verhalten der Regierung Ö.-U. sowie des Dt. Reiches im Fall der Juli-Krise 1914 ziehen: Nur ja keine (multilateralen) Verhandlungen oder Konferenzen, in Verbindung zumindest mit der Idee eines möglichst schnellen militärischen Vorgehens, welches vollendete Tatsachen schaffen sollte, welche dann hinterher von den anderen Großmächten nur noch anerkannt werden können sollte.
     
  6. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Aehrenthal sein Rücktritt, der aufgrund seiner tödlichen Krankheit mehrfach eingereicht worden war, wurde am 17.02.1912 von Franz-Joseph angenommen. Noch am gleichen Tage ist Aehrenthal gestorben.
     
  7. andreassolar

    andreassolar Mitglied

    Hallo Turgot,

    Aehrenthal hat aufgrund Seiner Erkrankung bereits seit Anfang 1912 nicht mehr gearbeitet. Dass der Rücktritt sozusagen erst nach Wochen angenommen wurde, spielt für diesen Thread keine Rolle, da Aehrenthal seit Jahresanfang nicht mehr arbeitete bzw. die Außenpolitik nicht mehr mitbestimmte.

    Viele Grüße,

    Andreas
     
  8. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Du hast oben selbst das Thema in die Diskussion eingebracht. Und der 17.02.1912 ist zu Beginn des jahres 1912.
     
  9. andreassolar

    andreassolar Mitglied

    Hallo Turgot,

    den 17. Februar würde ich nicht noch als Anfang des Jahres bezeichnen.

    Im Detail schreibt der tschechische Historiker Aleš Skřivan in seinem Aufsatz Aehrenthal - Das Profil ein österreichischen Staatsmannes und Diplomaten alter Schule, in: Prague Papers on the History of International Relations. 2007, Vol. 11, s. 179-194, dass

    - Aehrenthal natürlich bereits im Jahre 1911 aufgrund seiner schweren Erkrankung Leukämie lange Urlaube nehmen musste und von der Krankheit zusehends erheblich geschwächt wurde.

    - Aehrenthal nahm Anfang Januar 1912 bis Mitte 1912 erneut Urlaub, reichte danach, Mitte Januar, erneut ein Rücktrittsgesuch ein. Der Kaiser bat ihn, noch zu bleiben.

    - Aehrenthal war aber bereits stark geschwächt und ab Ende Januar konnte er das Bett nicht mehr verlassen.

    Mir ging und geht es in erster Linie darum, wieweit die Außenpolitik Ö.-U. spätestens ab Anfang 1912 nicht mehr primär die Handschrift Aehrenthals getragen hat bzw. darum, ob der Außenminister noch aktiv-gestaltend die Außenpolitik bestimmte. Das tat er wohl nicht mehr.

    Franz Joseph hat übrigens, folgt man Skřivan, das schwebende Rücktrittsgesuch am 15.2.1912 angenommen.

    Viele Grüße,

    Andreas
     

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