Die Mauer - Ausdruck (inter)nationaler Konflikte?

Dieses Thema im Forum "Fragen & Antworten" wurde erstellt von maxmeyer, 5. Juni 2018.

  1. maxmeyer

    maxmeyer Neues Mitglied


    Liebe Community,

    dies ist die Fragestellung zu einer Präsentation die ich halten muss. Kenne mich eigentlich auch ziemlich gut aus mit dem Thema, weiß aber jedoch noch nicht ganz wie ich meine Präsentation aufbauen will. Hatte überlegt mit dem Verlauf des Mauerbaus anzufangen und mich dann mit der Sichtweise auf den Mauerbau zu beschäftigen. Also antifaschistischer Schutzwall oder Machterhaltung der DDR/Sowjetunion. Nun weiß ich jedoch nicht wie ich weiter machen soll. Wäre super wenn ihr mir weitere Ideen geben könntet.

    Gruß Max und schon Mal Danke im Voraus
     
  2. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Ich würde mal mit der Vorgeschichte anfangen z.B Zahlen darüber wie viele Menschen die DDR verlassen haben. Warum es die Wirtschaft der DDR geschadet hat und was für ein Gesichtsverlust es war, dass man die eigenen Leute nicht bei sich behalten konnte.

    Natürlich ist die Mauer nicht zu erklären, ohne den Rückgriff auf den kalten Krieg.
     
  3. hatl

    hatl Premiummitglied


    "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten" - Ulbricht. Eine Lüge mit Berühmtheit.
    "Frieden auf Dauer, schafft nur die Mauer" - Erich (währt am längsten) :D
    ... Na, und der Erich hat das wohl auch dann noch geglaubt als es nicht mehr stimmen konnte.

    Ich würde vermuten, dass die Mauer nicht nur Ausdruck eines internationalen Konflikts zwischen verschieden organisierten Machthemisphären war,
    sondern auch ein Mittel der Abgrenzung zwischen diesen, und damit zur Eindämmung des Konflikts beitrug.

    P.S.:
    Der Begriff "antifaschistischer Schutzwall" entblöst eine grundsätzlich verschiedene Geschichtsinterpretation und verharmlost nicht nur den Faschismus, sondern auch die eigene Art der Machtausübung.
     
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  4. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Der Euphemismus "antifaschistischer Schutzwall" war eine Wortprägung des SED-Politikers Horst Sindermann, der als Kommunist in der NS-Zeit ein ganzes Jahrzehnt in einem Zuchthaus und zwei KZs verbringen musste. Vorausgegangen war dieser Prägung Willy Brandts Kennzeichnung der Mauer als "Schandmauer", zu welcher die SED aus propagandistischen Gründen ein rhetorisches Gegengewicht schaffen musste, also Sindermanns "antifaschistischen Schutzwall". Im Licht dieser sekundären und defensiven Entstehungsgeschichte wirkt dieser Begriff noch fadenscheiniger, als er angesichts der politischen Faktenlage ohnehin schon ist. Bis zum Mauerbau waren mehrere Millionen Menschen aus der DDR in die BRD geflüchtet, was natürlich der einzig entscheidende Grund für den Mauerbau war. Als "faschistisch" konnte die BRD in einem auch nur annähernd relevanten Grade nicht gelten, während die DDR einige, wenn auch nicht alle Kernmerkmale eines faschistischen Staates aufwies.

    Was meinst du mit "international"? "Zwischen" den beiden deutschen "Nationen"? Oder über diese hinaus? Wenn letzteres: Man kann, wenn man sich an dieser Formel festbeißt, den Mauerbau natürlich auch im Kontext eines Konfliktes zwischen den damaligen Weltblöcken sehen. Muss man aber nicht. Der Auslöser war schlichtweg ein nationales Problem der DDR, nämlich die o.g. Massenflucht in die BRD. Einen "internationalen Konflikt" hineinzuinterpretieren, würde mich an die krampfhaften Bemühungen vieler Soziologen und Therapeuten erinnern, simple Erschöpfungs-, Angst- und Depressionszustände, wie es sie schon immer gab, zur imaginären Modekrankheit "Burnout" hochzustilisieren.
     
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  5. Apvar

    Apvar Premiummitglied

    Wobei die Mauer nur Bestandteil des Eisernen Vorhangs war, mit dem sich der Warschauer Pakt vom Westen und Blockfreien Staaten in Europa abgrenzten. Als internationale Einordnung.
    Was die Mauer in unseren Augen besonders macht, ist das sie quasi über Nacht aufgebaut wurde, in mit auch einer besonderen Brutalität. Nicht nur der Todesstreifen, der Schiessbefehl an sich, die Grenztruppen, sondern die Architektonische Ansicht war schon brutal und abschreckend.
     
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  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Nicht erst seit Öffnung sowjetischer Archive, sondern auch zuvor gibt es eigentlich keine historische Analyse der zweiten Berlinkrise mit Mauerbau, die die internationalen Einflüsse (mindestens seit dem Chruschtschow-"Ultimatum") sowohl in den Kausalketten der Entstehung als auch dem Umgang mit der Krise vernachlässigt.

    Einige Depressionen und Angstzustände von Historikern zur Auswahl (gewissermaßen 2 "aus der Mode") :


    Newman: Macmillan, Khrushchev and the Berlin Crisis, 1958–1960, S. 167
    Khrushchev knew that until the German problem was settled, there could be no easing of Cold War tension in Europe. He wanted the West to recognise the sovereignty of the DDR, with a special status for West Berlin, and he rejected the Western model of German reunification based on free elections and the choice to remain in NATO. For Khrushchev, reunification was a long-term goal, based on a confederation of the two German States. In 1960, even a partial resolution of the Berlin problem such as an Interim Agreement for a period of two or three years, would limit Western espionage and propaganda in the City and advance the DDR’s international prestige. The transfer of control of Western access to the DDR would also have been a step towards the main Soviet goal of de facto recognition of the DDR, thus stabilising the regime both politically and economically.

    The Western use of the word ‘ultimatum’ for the Soviet Note was a misnomer, as the Soviet leader was remarkably flexible throughout the crisis, as long as he had the hope of East–West negotiations. When he appreciated the depth of Western opposition and the alarm aroused by his initiative on Berlin, he immediately softened the tone of Soviet policy, clarifying Soviet intentions and inviting Western counter-proposals. He demonstrated his flexibility by withdrawing the deadlines on handing over control of access to the DDR, following Macmillan’s visit to Moscow, and again after Camp David. And even after the break-up of the Paris Summit in 1960, he said he was ready to negotiate with a new US President whom he could trust.

    Berlin was of crucial symbolic and strategic importance to both sides during the Cold War. Against the background of the arms race, Khrushchev feared that if, as in 1953, there was rioting in East Berlin, the Federal Republic might be tempted to intervene. By 1958, with the looming danger of the Federal Republic controlling its own nuclear weapon, Khrushchev saw West Berlin as a powder keg waiting to be lit. Thus, an initiative on Berlin was his solution both to Russia’s security problems and to the mounting economic and political pressures facing the failing DDR.

    Crump: The Warsaw Pact Reconsidered International relations in Eastern Europe, 1955–1969, S. 98
    The German question was both the Warsaw Pact’s raison d’être and its greatest bone of contention. Founded in response to West Germany’s accession to NATO, the WP was an important instrument to boost the status of East Germany. The East German leader, Walter Ulbricht, became increasingly aware of this, and in the first half of the 1960s he began to use the alliance as a platform to force a speedy resolution of the second Berlin Crisis. 2 Most of the literature on the second Berlin Crisis from an Eastern European perspective, however, focuses on the bilateral relation between Ulbricht and Khrushchev, such as Hope Harrison’s iconic work Driving the Soviets up the Wall. 3 After Khrushchev’s six-month ultimatum on a German peace treaty and the demilitarisation of West Berlin in November 1958 had expired with impunity, Ulbricht nevertheless considered the time ripe to move the issue into the WP’s multilateral arena. This implied that other WP members were involved too, such as the Polish leader Gomulka, who also had a considerable stake in the German question.

    Caught in increasing tension between Polish and East German interests, the Kremlin faced the task of positioning itself on such complicated issues as the building of the Berlin Wall in August 1961, a peaceful resolution of the second Berlin Crisis, and NATO’s project of nuclear sharing through Multilateral Nuclear Forces (MLF), which could also affect the nuclearisation of the FRG. In the shadow of the Sino–Soviet split, the Soviet stance on the German question was of particular significance: the Kremlin could ill afford to be checkmated on too many chessboards simultaneously. Nor could the East German and Polish leaderships afford to see their sovereignty and security compromised by Khrushchev’s inclination to grow soft on the FRG and tolerate its nuclearisation, even though Ulbricht and Gomulka also had conflicting interests on this matter. The Soviet leadership could no longer go it alone on the German question, and the Warsaw Pact became the instrument for going it together.


    Auswahl beliebig. Man könnte sich auch 2000 andere wählen.
     
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  7. maxmeyer

    maxmeyer Neues Mitglied

    vielen dank für die zahlreichen antworten jedoch beantworten diese meine frage nicht richtig. würde mich mega über eine antwort zu meiner leitfrage
    Die Mauer - Ausdruck (inter)nationaler Konflikte?
    freuen.
     
  8. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ich bin durchaus erstaunt.
    Denn alle Beiträge haben sich mit dieser Frage beschäftigt.
    Vielleicht ist es nützlich diese zu lesen.
     
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  9. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Mauer und der "Eiserne Vorhang" , um es mal als Axiom auszudrücken war ein Ausdruck der inneren Probleme der DDR, bzw. der SED- Führung, die damit ein für alle Mal verhindern wollte, dass ihr Volk mit den Füßen abstimmte und dem "Paradies der Werktätigen", dem Hort des real existierenden Sozialismus die Rücken kehrte. Die SED- Führung musste ihr Volk einsperren, sonst wäre es ihm davongelaufen. Der Westen hat das Fait Accompli des Mauerbaus akzeptieren müssen, um zu verhindern, dass aus dem Kalten Krieg ein heißer wurde, aber die Mauer war kein Ausdruck internationaler Konflikte oder eine Art Stellvertreterkrieg der beiden Supermächte, sondern einzig und allein die Antwort der SED-Diktatur gegen ihr eigenes Volk, das mit diesem System unzufrieden war- und zwar zu Recht. Die Mauer ließ sich nur aufrechterhalten durch die Unterstützung der Sowjetunion, als die nicht mehr die SED-Diktatur stützte oder stützen konnte, brach die Mauer zusammen wie ein Kartenhaus, sie war nur noch gut, um stückchenweise als Souvenir verkauft zu werden.

    Dass die Mauer kein antifaschistischer Schutzwall war, um Panzerarmeen des Westens abzuhalten, war so offensichtlich, dass es jeder wusste.

    Überhaupt war schon die Behauptung, dass die DDR antifaschistisch sei, eine Unverschämtheit. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur hat es in der DDR nie gegeben. Einige ihrer Bonzen hatten zwar in der Nazizeit im Knast gesessen, was vermutlich das Beste war, was man über Typen wie Erich Mielke oder "Sudelede" von Schnitzler sagen konnte. Die DDR hat sich einfach für antifaschistisch erklärt, und damit hatte es sich. Dass in der Bundesrepublik alte Nazis kaum zur Verantwortung gezogen wurden, ist eine traurige Wahrheit. Aber alte Nazis, die kaum behelligt wurden, und bald wieder in Amt und Würden saßen, gab es auch in der DDR, so wie es auch dort natürlich Neonazis gab. Vergangenheitsbewältigung das war aber immer nur ein zeigen auf den bösen Westen, auf den "Klassenfeind". Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der DDR? Fehlanzeige! Auseinandersetzung mit wachsender Ausländerfeindlichkeit? Fehlanzeige! Die wenigen Gastarbeiter aus Vietnam oder Angola lebten total abgeschottet. Was man im Westen "Kanaken" nannte, das waren im Osten die "Fidschis". Dass es im Westen Rassisten und Antisemiten mit teils mörderischen Gelüsten gab und gibt, war eine Schande, immerhin aber gab es dazu Studien, gab es Kampagnen gegen Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus. Die Synagogen, die haben auch in Ostdeutschland gebrannt, eine wissenschaftliche Aufarbeitung hat aber in der DDR niemals stattgefunden. Studien über Neonazis in der DDR wie die der Soziologin Loni Niederländer wurden unter Verschluss gehalten, weil es nicht in das Selbstbild passte, das die DDR von sich selbst pflegte. Man erklärte die DDR für antifaschistisch, und damit war der Fall erledigt. Wie antifaschistisch dieser Staat wirklich war, dass all die hehren Begriffe von Antifaschismus nur hohle Phrasen waren konnte man hautnah bei den Pogromen von Hoyerswerda und Rostock Lichtenhagen erleben. Da war die DDR zwar schon Geschichte, aber Feuer gelegt haben keine Faschisten aus dem Westen, das haben ehemalige DDR- Bürger alleine fertiggebracht.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Juni 2018
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  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Und da sich "maxmayer" "mega" über eine Antwort auf seine "leitfrage" freut, eine Antwort.

    Ja, der Mauerbau war der Ausdruck eines internationalen Konflikts. Landläufig auch unter dem Begriff "Kalter Krieg" zusammen gefasst.

    Es gibt dabei eine Interaktionswirkung zwischen den Interessen der Führung der DDR und den Interessen der UdSSR als "Siegermacht".

    Leicht zu "googln" und auch bereits mehrmals ausführlich und zielführend im Geschichtsforum diskutiert worden etc.
     
  11. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Die Formulierung "Ausdruck eines (inter)nationalen Konflikts" ist sehr vage und analytisch wenig hilfreich. Was soll das denn heißen - "Ausdruck"? Symptom? Zeichen? Da kann doch jeder hineindeuten, was er will.

    Ich halte es deshalb für sinnvoller, den kausalen Zusammenhang zu betrachten, in dem der Mauerbau stand. Das ist ein klares Kriterium. Dabei spielt der "Kalte Krieg" nur eine sekundäre, aber keine entscheidende Rolle.

    Schon in meinem ersten Beitrag zu diesem Thema nannte ich die massive Massenflucht von DDR-Bürgern in die wohlhabendere BRD als alleinigen Grund für den Mauerbau. Es sollen mindestens 2,5 Mio Menschen gewesen sein, die sich bis 1961 aus politischen und ökonomischen Gründen aus der DDR absetzten. Dabei war der Übergang innerhalb von Berlin der mit Abstand leichteste Weg, weshalb dort die Mauer gebaut wurde. Es ging der DDR dabei um die Selbsterhaltung eines Systems, das ohne repressive Maßnahmen dieser und anderer Art gar nicht überlebensfähig war.

    Es gibt zwar einen Konnex zwischen Mauerbau und internationaler Politik, der aber kein kausaler Konnex ist, d.h. diese Politik hat den Mauerbau nicht unmittelbar verursacht, wiewohl sie ihn hätte verhindern können. Das begann mit dem Chruschtschow-Ultimatum im Jahr 1958 mit der Forderung, Berlin solle von den westlichen Militärs freigegeben und ein von der BRD und DDR unabhängiger Stadtstaat werden.

    Willy Brandt beharrte aber weiterhin auf der Zugehörigheit zur BRD. Hätte er zugestimmt, wäre der Mauerbau möglicherweise verhindert worden. Natürlich kann man deswegen nicht behaupten, Brandt habe mit seiner Weigerung den Mauerbau verursacht, seine Entscheidung hat ihn aber, wobei diese Einschätzung nur hypothetisch sein kann, begünstigt, ohne aber ´ursächlich´ zu sein -- die wahre Ursache war ausschließlich die erwähnte Massenflucht in die BRD.

    Auf Brandts Weigerung reagierte die Sowjetunion mit der Drohung, der DDR Vollmacht zu erteilen, Berlin von der BRD zu isolieren. Die Drohung machte allerdings wenig bis keinen Eindruck auf den Westen, weshalb Moskau besagtes Ultimatum zurücknahm. US-Präsident Kennedy verkündete dann in einer TV-Ansprache 1961, dass die USA auf ihrer Militärpräsenz in Berlin beharrten.

    In dieser Situation entschloss sich die DDR-Führung zum Mauerbau. Der Grund dafür war weder Brandts Weigerung, Berlin von der BRD zu kappen, noch Kennedys Beharren auf US-Soldaten in Berlin, sondern schlicht und ergreifend die anhaltende Massenflucht, welche das DDR-System auszuhöhlen begann. Mit dem "Kalten Krieg" hat das nichts zu tun, jedenfalls nicht direkt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2018
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  12. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die "DDR-Führung" hat sich zu gar nichts entschlossen, weil sie das erste Opfer ihres "eigenmächtigen Mauerbaus" geworden wäre.

    Vielleicht könntest Du Dich ein wenig im Forum umsehen, da dort - literaturgestützt !!!! - die eigentlichen Entscheider und Hintergründe genannt werden.

    Zu ergänzen wären vor allem die neueren Arbeiten von Gerhard Wettig zur Politik von Chruschtschow.

    In diesem Sinne: (vgl. Artikel)
    Als Botschafter Kroll ihn am 9. November 1961 aufforderte, die Grenze in Berlin wieder zu öffnen, bekannte er sich unumwunden zu ihrer Schließung. "Ich leugne das nicht. Natürlich hätte die DDR ohne uns die Grenze nicht geschlossen. Wozu sollen wir uns hier hinter dem Rücken von Gen[ossen] Ulbricht verstecken? Der ist doch in diesem Fall gar nicht so breit. Natürlich, wir haben die Grenze geschlossen, das geschah auf unser Betreiben hin. Technisch hat das die DDR durchgeführt, weil das eine deutsche Frage ist."

    http://www.bpb.de/apuz/33186/chruschtschow-ulbricht-und-die-berliner-mauer?p=all
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2018
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  13. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ich habe den verlinkten Artikel schon vorher gelesen. Ich zitiere daraus eine Passage, die zeigt, dass Ulbricht der Initiator des Mauerbaus war und seinen Plan mit besagter und von mir schon mehrmals erwähnter Massenflucht begründet hat. Chruschtschow war zunächst wenig begeistert davon, erklärte sich aber dann damit einverstanden. Ich sehe also keinen Widerspruch zu meiner Darstellung. Der Mauerbau stand zwar im Kontext internationaler Politik, war aber nicht ihr "Ausdruck". Er war vielmehr Folge eines nationalen Problems der DDR.

    Auf einer internationalen Pressekonferenz am 15. Juni 1961 gab Ulbricht auf die Frage einer westdeutschen Journalistin, ob die Bildung einer Freien Stadt die Errichtung einer "Staatsgrenze am Brandenburger Tor" bedeute, die überraschende Antwort: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!"[3] Das war richtig und falsch zugleich. Eine Sperrung der Sektorengrenze kam zwar nicht in Betracht, weil Chruschtschow sie nicht zuließ, doch hegte der SED-Chef durchaus diese Absicht. Seine Gedanken kreisten darum, und deswegen hatte er die Frage nach den Rechtsfolgen des für West-Berlin vorgesehenen Status als Frage nach einer physischen Abriegelung missverstanden. Vor Kurzem hatte er überdies dem Kreml unter Hinweis auf die anschwellende Massenflucht die Errichtung von Sperren ausdrücklich nahe gelegt. Nur wenn man die Menschen gewaltsam zurückhalte, ließen sich die Versorgungsschwierigkeiten überwinden. Ende Juni dramatisierte er die Lage. Es müsse etwas geschehen; bei offener Grenze sei der Zusammenbruch nicht zu verhindern. Werde nicht bald gehandelt, lehne er jede Verantwortung ab, denn dann könne er die Kontrolle nicht aufrecht erhalten.

    Chruschtschow ignorierte Ulbrichts Appell. Nach wie vor wollte er in Berlin den fatalen Eindruck eines brutalen Grenzregimes vermeiden. Seiner Ansicht nach bauschte Ulbricht die Probleme auf. Erst als Berichte seiner eigenen Leute Anlass zur Sorge gaben, wurde er aufmerksam. Am 20. Juli 1961 meldete der KGB-Vorsitzende Alexander Schelepin, die Lage in der DDR sei bedrohlich, und zog den Schluss, die Massenflucht müsse rasch beendet werden, um ein ökonomisches Ausbluten zu verhindern. Sonst sei ein baldiges Ende des ostdeutschen Staates zu befürchten. Um diese Gefahr zu bannen, müsse sofort etwas getan werden.[4]

    Chruschtschow zog widerwillig den Schluss, eine Schließung der Grenze in Berlin lasse sich nicht vermeiden.
     
  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Natürlich steht der Bau der Berliner Mauer in Zusammenhang mit den in internationalen Verwicklungen des Kalten Krieges seit der Berlinkrise und Blockade seit 1948. Zur Vorgeschichte des Mauerbaus gehören natürlich die Ereignisse, die 1958 zur sogenannten Zweiten Berlin-Krise führten. Nikita Chrustschow richtete sich in einer Note an die 3 westlichen Besatzungsmächte und forderte ultimativ die Umwandlung Westberlins in eine Freie Stadt, und die Besatzungsmächte sollten alle ihre Truppen aus West-Berlin abziehen. im Weigerungsfall kündigte Chrustschow an, dass die Sowjetunion der DDR die Kontrolle über die Verbindungswege übertragen werde, wenn nicht binnen eines halben Jahres alle Truppen abgezogen würden.

    Die DDR war nicht völlig souverän, und es hätte Ulbricht niemals den Mauerbau gegen das ausdrückliche Einverständnis der Sowjetunion durchsetzen können. Es ist aber doch sehr fraglich, ob Chrustschow tatsächlich die Initiative ergriffen hätte, West-Berlin hermetisch abzuschließen und damit zu einer Eskalation des Kalten Krieges beizutragen, denn lange hatte sich die Sowjetunion gegen das Projekt eines Mauerbaus ausgesprochen. Was dann aber den Ausschlag gab, war vor allem auf die innere Krise der DDR. Seit 1952 war die deutsch-deutsche Grenze, der Eiserne Vorhang, wie Churchill sagte, immer stärker befestigt worden mit Zäunen und Alarmvorrichtungen, und der Grenzübertritt war immer gefährlicher und der Sprachgebrauch immer brutaler geworden. In einer "Aktion Ungeziefer" waren Grenzbewohner, die als unsichere Kantonisten galten, zwangsweise aus dem Grenzgebiet umgesiedelt worden. Gerne hätte die SED-Führung schon seit 1952 die deutsch-deutsche Grenze hermetisch abgeriegelt, was aber an der mangelnden Einwilligung der Sowjetunion scheiterte. Der Abzug von qualifizierten Fachkräften in den Westen , die "Abstimmung mit den Füßen" wurde je länger das andauerte zu einem immer größer werdenden Problem der DDR.
    Die SED-Führung hätte, wie gesagt niemals die Initiative zum Mauerbau ergreifen können, ohne die Einwilligung der Sowjetunion. Die Sowjetunion hatte ein Interesse, die "Frontstadt West-Berlin" zu entmilitarisieren, da ihnen die Präsenz von Truppen der Westalliierten ein Dorn im Auge sein musste. Die DDR-Bürger einzusperren, lag vordergründig nicht in ihrem Interesse. Die Sowjetunion bewegten militärische und politische Gründe, die SED-Führung dagegen vor allem wirtschaftliche. Der Abzug von immer mehr gut ausgebildeten Fachkräften in den Westen gefährdete die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit der DDR, der die Bürger wegzulaufen drohten. Eine solche Destabilisierung eines der wichtigsten Verbündeten konnte allerdings die Sowjetunion nicht dulden, nach den Erfahrungen vom 16. Juni 1953, nach den Ereignissen in Ungarn hätten sich zentrifugale Tendenzen im ganzen Ostblock bemerkbar gemacht, und das ganze System zu Fall bringen können, so wie es dann 1989/90 geschah. Eigentlich hatte aber die Sowjetunion kein zwingendes Interesse, schlafende Hunde zu wecken und durch die hermetische Abriegelung West-Berlins zu einer Eskalation des Kalten Krieges beizutragen.

    Internationale und nationale Interessen verwoben sich bei den Ereignissen, die zum Mauerbau führten, was aber schließlich den Ausschlag gab, das waren nationale Interessen der DDR, die durch die Abwanderungsbewegung wirtschaftlich und sozial auszubluten drohte und natürlich auch durch die "Abstimmung mit den Füßen" die massenhafte Republikflucht ihrer Bürger im In- und Ausland enorm an Prestige und selbst im eigenen Lager an Ansehen einbüßte.

    Zu sagen, dass allein nationale Ursachen um Bau der Mauer führten, wäre falsch, und selbst wenn es so gewesen wären, hatte die DDR gar nicht die volle staatliche Souveränität, um eine Entscheidung zu treffen, ohne die Rückendeckung der SU. Ees waren aber doch vor allem innere Probleme und nationale Interessen der DDR, die wirtschaftlich und demographisch durch die Abwanderungsbewegung auszubluten drohte, die schließlich den Ausschlag zum Bau der Berliner Mauer gaben.

    Ich finde, dass Chan die politische Gemengelage durchaus zutreffend auf den Punkt gebracht hat.
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Als ersten Satz in der Einleitung schreibt Wettig, was eigentlich anerkannter Standard ist:

    "Die zweite Berlin-Krise war ein zentrales Ereignis des Kalten Krieges."

    Wettig, Gerhard (2006): Chruschtschows Berlin-Krise 1958 bis 1963. Drohpolitik und Mauerbau. München: Oldenbourg

    Das Problem ist, dass Chan den kausalen Einfluss des Kalten Krieges auf den Exodus von ca 1.2 Mio DDR-Bürgern und den Mauerbau nicht korrekt beschrieben hatte.

    Wobei mir in Deiner Darstellung - @ Scorpio - das Treffen von Chruschtschow und Kennedy in Wien fehlt, dass ein wichtiger Baustein für das Verständnis des gegenseitigen Mißverständnisses von Chruschtschow und Kennedy ist und die Handlungsweise von Chruschtschow in Bezug auf den Mauerbau mit erklärt.

    Es waren die Aktionen von Chruschtschow im Rahmen des Kalten Krieges, die sich psychologisch auf die DDR-Bürger ausgewirkt haben und den Druck zur Migration verstärkt haben. In diesem Sinne schreibt beispielsweise Zubock und Plesakov:

    "In the spring of 1961 the flight of people from the GDR to West Germany via Berlin and the rsulting economic disruption created a situation in which the East German Communist Regime might collapse without a single shot fired from the Western side. Ironically, it was the very same crisis, unleashed by Khrushche, that destroyed the status quo in East Germany and sent a wave of panic through the population of the GDR: many fled, fearing that the gate to the West would eventually close." (S. 248)

    Es zeigt sich in der Darstellung deutlich, wie stark die Rückwirkungen der allgemeinen Vorgänge der Diplomatie des Kalten Krieges auf die Mentalität in der DDR waren.

    Es geht dabei gar nicht um die Darstellung der Ereignisse um den Mauerbau im engern Sinne. Es geht um die Einordnung des Mauerbaus in die Zusammenhänge der Ereignisse im Rahmen des Kalten Krieges. Und es geht um die Frage, welchen Stellenwert einzelne politische Akteure hatten.

    Und an diesem Punkt kam mein Widerspruch, da Chan weder das eine noch das andere korrekt vorgenommen hatte. Und deshalb kam zunächst nur der Verweis auf Wettig, der mit seiner Darstellung Chan widersprach.

    Vor diesem Hintergrund ist Folgendes schlichtweg Unsinn und ich kann nicht verstehen, wie man das als "zutreffend auf den Punkt gebracht bezeichnen" kann.

    Zubok, Vladislav Martinovič; Plešakov, Konstantin V. (1996): Inside the Kremlinʹs Cold War. From Stalin to Khrushchev. London: Harvard Univ. Press.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. Juni 2018
    silesia gefällt das.
  16. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Wenn ich das richtig verstanden habe, dann hat Chruschtschow mit seinen Handlungen und dem Mauerbau die Mmigrationstendenzen nur verstärkt?
     
  17. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Ein wichtiger Aspekt, der bisher nicht erwähnt wurde, war die Weigerung der Bundesrepublik, den anderen deutschen Staat anzuerkennen. Das hatte zur Folge, dass geflüchtete DDR-Bürger umstandslos die bundesrepublikanischen Papiere bekamen und aufgrund der Sprache auch nahtlos in westliche Arbeitsprozesse integriert werden konnten. Aus diesem Grund barg bis zum Mauerbau die Flucht kaum Risiko für die über Berlin Flüchtenden. Das Berlinloch musste also zugemauert werden, anders wäre die DDR schon damals ökonomisch zusammengebrochen.
     
  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @ Lafayette II: Ja. Zusätzlich beschleunigt, quasi als Turbo, durch die "Niemand hat die Absicht Rede" von Ulbricht am 15. Juni 1961. Den folgenden Tag stieg die Zahl der Migranten aus der DDR in West-Berlin weiter an.

    Das ganz vor dem Hintergrund des Ergebnislosen Gipfels in Wien vom 3.und 4. Juni, bei dem Chruschtschow erfolglos versuchte, im Rahmen von Verhandlungen - auch - eine Lösung von Berlin zu finden.

    Folgt man dem Zeitplan bzw. der Strategie von Chruschtschow dann sollten erst alle Varianten einer diplomatischen Lösung probiert werden. Und das erklärt die geringe Bereitschaft von ihm, sich durch Ulbricht unter Zeitdruck stellen zu lassen.

    Interessant ist, dass Gaddis (We now know, S.147) die Vermutung aufstellt, dass Ulbricht durch die Rede vom 15. Juni auf eine Zunahme des Exodus abzielte. In der Hoffnung, dass sich dann Chruschtschow von seiner "Verhandlungslösung" verabschiedet und die Pläne für die Errichtung der Mauer priorisiert.

    Am Rande sei darauf hingewiesen, dass es ursprünglich eine kollektive Absicherung durch die Führer des WP geben sollte, um die kollektive Entschlossenheit zu demonstrieren.
     
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  19. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Wenn ich das richtig verstanden habe, hat Chrustschow die Migrationsbewegungen nicht nur verstärkt, sondern sie auch beschleunigt, nachdem die deutsch-deutsche Grenze seit 1952 immer schwerer und gefährlicher zu überwinden war, blieb nur noch das Schlupfloch Berlin, wo man noch relativ problemlos über West-Berlin in die BRD ausreisen oder ausreißen konnte.

    Viele DDR- Bürger überfiel eine Art Torschlusspanik, da sich die meisten ausrechnen konnten, dass auch dort bald dichtgemacht werden würde, da die massenhafte Flucht in den Westen die DDR langfristig sehr destabilisieren würde, was wiederum die Sowjetunion, die lange gezögert hatte, Berlin dichtzumachen, kaum zulassen konnte, da das zentrifugale Tendenzen auf den ganzen Ostblock hätte zur Folge haben können. Nachdem Chrustschow die Westmächte ultimativ aufgefordert hatte, die "Frontstadt West-Berlin" wie es im Sprachgebrauch des Kalten Krieges hieß" zu räumen und angekündigt hatte, der DDR die Kontrolle über die Zufahrtwege nach Berlin zu überlassen, wäre ein Rückzieher auch mit Prestigeverlust bei der SED-Führung verbunden gewesen.
     
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  20. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

    Danke. Wobei das mir fast eher so klingt, als ob Ulrich es beschleunigt hat, während Chruschtschow durch ihn in Zugzwang gesetzt wurde - und es eigentlich nicht so vorhatte.
     

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