Die Opiumkriege

Dieses Thema im Forum "Die großen Kolonialreiche" wurde erstellt von M.A. Hau-Schild, 9. März 2005.

  1. M.A. Hau-Schild

    M.A. Hau-Schild Premiummitglied


    Gegen Ende des 18. Jahrhunderst kaufte die britische East India Company Porzellan, Seide und Tee, in Massen.
    Da der Bedarf an diesen Gütern (vor allem an Tee) in der Heimat immer größer wurde kaufte East India Company immer größere Mengen von diesen Gütern.
    Als die Mengen welche die Chinesen abgeben wollten den Briten nicht mehr genügte, begannen die Briten verstärkt Opium zu importieren.
    Davon abgesehen das dieser Handel sehr lukrativ war, war der Hauptgrund für den gezielten Import die Absicht die chinesische Bevölkerung abhängig zu machen.
    Somit könnte man gegen Opium die gewünschten Güter erpressen.

    Doch schon bald darauf wurde der Verbot des Opiumimportes in China ausgesprochen und wenn nötig diesen auch gewaltsam unterbunden.
    Daraufhin griffen die Briten zu kriegerischen Maßnahmen und zwangen China den Vertrag von Nanjing (1842) auf, welcher zur Folge hatte, das Xiamen und Shanghai für den internationalen Handel geöffnet werden mussten, und Hongkong an England überging.
    Weitere Kolonialmächte, wie Frankreich, die USA, Russland und Deutschland folgten dem Beispiel Großbritanniens und besetzten Kanton und ein Schutzfort der Städte Peking und Tianjin.
    1858 trat dann der Vertrag von Tianjin in Kraft welche China zur Öffnung weiterer Hafenstädte zwang.
    Zudem erhielten Christliche Missionare sehr viele Freiheiten in ganz China.

    Leider sind meine Informationen recht oberflächlich. All dies habe ich aus meinen Erinnerungen und Notizen zusammengeschrieben, welche ich noch von meinen Besuch des emdener Teemuseums hatte.

    Ganz davon abgesehen das ich um ergänzungen jeglicher Art bitte, hätte ich noch ein par andere Fragen.

    Wo wurde das Opium das die Briten importierten angebaut?
    Haben vielleicht andere Nationen zum erreichen ihrer eigenen Ziele dies unterstützt?
    Wenn ja wer und wieso?
    Und es gab eine Geschichte wie die Briten begannen aus China geschmuggelte Teepflanzen in Indien anzubauen.
    Hat dazu jemand noch genauere Informationen?
     
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  2. collo

    collo Neues Mitglied

    das opium kam so wie heute aus südasien, genauer gesagt dem damals britischen indien. die briten hatten dort ein handelsmonopol errichtet. und weil sie dort den opiumverbrauch nicht weiter ansteigen lassen wollten, aber andererseits auch am verkauf der ware interessiert waren, sind sie auf den größtmöglichen markt gekommen, der auch nicht allzuweit entfernt lag.

    offizieller anlass für den 1. opiumkrieg war übrigens die ermordung zweier britischer matrosen. die briten wollten die täter vor ein britisches gericht in kanton stellen, die chinesen wiesen daraufhin die briten aus.

    es gab noch einen zweiten, weniger bekannten opiumkrieg 1856-60 zwischen china, frankreich und england. die niederlage chinas führte zur öffnung für christliche missionare und der errichtung von botschaften uin der ehemals für westler geschlossenen stadt peking.
     
    Zuletzt bearbeitet: 9. März 2005
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  3. askan

    askan Neues Mitglied


    In China war (und ist heute noch) der Konsum und der HAndel mit Opium mit sehr harten Strafen belegt. In einigen südlichen Provinzen lag die Suchtrate bei 80%, sodas das Wirtschaftleben in diesen Regionen sehr starken Schaden nahm (kein Wunder wenn alle ständig zugedröhnt sind). Das Opium das die Chinesen den Briten dann abkaufen mussten wurde (offiziell) von den chin. Behörden verbrannt.
    Sowiet ich weiß hat der Kaiserhof in Peking der Queen sogar einen Brief geschickt indem der Kaiser nachfragt: Warum den der Opiumkonsum in England bestraft wird, China aber gezwungen wird das Zeug zu kaufen. (inhaltlich in etwa).

    Es wäre in etwa so, als ob die Amis heute in Kolumbien einmarschieren würden und von Kolumbien verlangen, ein bestimmtes Kontingent Kokain abkaufen zu müssen.
     
  4. M.A. Hau-Schild

    M.A. Hau-Schild Premiummitglied

  5. Suryakanta

    Suryakanta Gast

    Also, dass mit dem Brief vom Kaiser an die Queen stimmt so. Zum Vertrag von Nanjing sollte man evtl. noch sagen, dass er auch als ungleicher Vertrag bekannt ist.
     
  6. HernanCortes

    HernanCortes Neues Mitglied

    Zitat von Askan: # 3
    -----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
    "Es wäre in etwa so, als ob die Amis heute in Kolumbien einmarschieren würden und von Kolumbien verlangen, ein bestimmtes Kontingent Kokain abkaufen zu müssen."
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    Ich finde, dieser Vergleich passt nicht so ganz. Meiner Meinung nach müsste es heissen:

    - - - - - Es wäre in etwa so, als ob kolumbianische und / oder mexicanische Kriegsschiffe vor Los Angeles
    und vor New York auftauchen und mit dem Beschuss dieser Städte drohen würden, falls die USA nicht
    umgehend ihren Kampf gegen die lateinamerikanischen Drogenkartelle einstellen würden. - - - - -
     
  7. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In der Kulturgeschichte der Drogen gab es wohl keine Substanz, die nicht irgendwo irgendwann verboten war. Preußen und andere Staaten verboten im 18. Jahrhundert dem "gemeinen Volk" den Kaffeegenuss. In Russland bedrohte Anfang des 17. Jahrhunderts Zar Michail I. den Tabakkonsum bei Todesstrafe. In "milderen Fällen" wurden Ohren oder Nasen abgeschnitten oder es wurde die Prügelstrafe mit der Knute verhängt. Michails Sohn Alexej lockerte das Verbot, und sein Enkel Peter I., der schon früh in der "Deutschen Vorstadt" den Tabak kennen und schätzen lernte, hob das Verbot auf und schloss während der "Großen Gesandtschaft" bei seinem Aufenthalt ein lukratives Geschäft. Lord Carmathen, mit dem Peter so oft in einem Pub einen trinken ging, dass es den Namen The Czar of Russia Inn bekam und andere Tabakhändler erwarben von Peter die Tabakregie und durften die Russen mit Rauchzeug versorgen.
    Anti-Drogen Gesetze wie wir sie kennen, kamen aber erst im 20. Jahrhundert auf. 1914 erließen die Amerikaner die Harrison Act, es waren aber Kokain, Morphin und ein Wundermittel, das Bayer unter dem Namen Heroin verkaufte, bis nach dem 1. Weltkrieg rezeptfrei in Apotheken erhältlich.
    Als der Essayist Thomas de Quincey begann, Laudanum zu konsumieren, war Opium noch recht teuer. Ein Pfund Opium kostete damals eine Guinee, einige Jahre später war Opium billiger, als Schnaps, und de Quincey schrieb, dass Manchester Apotheker Opium granweise (1 grain=ca 60mg) an Arbeiter verkauften. Karl Marx wusste schon, wovon er sprach, als er Religion als Opium für das Volk nannte. Religion war noch billiger, das ideale Sedativum für Leute, die Schnaps nicht vertrugen und sich Opium nicht leisten konnten dafür ist Opium eine bewusstseinserweiternde Droge.
    Antidrogengesetze waren auch damals schon ein probates Mittel, unerwünschte Volksgruppen zu diskreditieren: in den USA Latinos und Chinesen, unter Shah Reza Pahlevi missliebige Intellektuelle und in Europa "Gammler", "Revoluzzer" und das, was man "asoziale Elemente" nicht mehr öffentlich nennen durfte.

    Leider waren die Deutschen so blöd, die Lusitania zu versenken, Heroin und Kokain zu verbieten,war naheliegend, denn der Stoff war made in Germany. Morphin und Kokain kamen von Merck, Heroin von Bayer. Als Deutschland den Krieg verloren hatte, sollten diese Substanzen endlich auch im Herkunftsland illegal werden, 1929 kam daher das Reichsopiumgesetz heraus. 1972 winkte man das neue BtmG unbürokratisch durch und goss es in Paragraphen. Die Höchststrafen wurden von 3 auf 10, später 15 Jahre erhöht. Der heilige Krieg, der Crusade on drugs (Ronald Reagan, Schorsch Dabbelju II. wurde ausgerufen, Ziel war/ist die "drogenfreie Gesellschaft", die dereinst den Rausch ächten solle wie den Kannibalismus" (Helmut Kohl). Mit dem Zweck wurden auch die Mittel geheiligt, ihre tragenden Säulen sind Denunziantentum, Agents provocateurs, Tabuisierung und Verdrängung. Der Boulevard entdeckte das "Drogenproblem",und 1977 schickte der Stern ein kleines Mädchen auf den Horrortrip und das Wohlstandsbürgertum war erschüttert, wie es bei "Sünders vom Bahnhofsklo" zuging.
    Die Reaktion war die immer gleiche: Härte, Repression, mehr Polizei, mehr Gefängnisse mehr Kontrolle, noch mehr "Leidensdruck", Maßregelvollzug, Therapie als Strafe, Abstinenzparadigma als unfehlbares Dogma, Einschüchterung und Terror gegen die wenigen Ärzte, die unter solchen Bedingungen überhaupt Suchtkranke behandelten bis zum Entzug der Approbation,bis zur Vernichtung der sozialen Existenz. Das
    "Drogenproblem" wollte man "in den Griff kriegen". Drogen kann man zwar öffentlichkeitswirksam vernichten, aber nicht vor Gericht stellen und einbuchten. Die man griff, waren immer die Kleinen, mit den Großen schloß man so manchen Deal. Von denen, die vor lauter Verzweiflung sich selbst mit HIV infizierten, nur um dadurch Methadon zu bekommen spricht keiner mehr, weiß keiner mehr, sie sind vergessen, totgeschwiegene Kollateralschäden .

    Doch zurück zum Opiumkrieg und in die Zeit, die der Journalist Hans-Georg Behr einmal die "Flegeljahre der Pharmaindustrie" nannte. Die Ursachen waren nicht die Sorge um die "Volksgesundheit", sondern wirtschaftliche. Seit der Chinahandel im 17. Jahrhundert begann, hatte das "Reich der Mitte" bis Ende des 18. Jahrhunderts immer eine positive Handelsbilanz. Die Europäer entdeckten ihre Vorliebe für Tee und
    Porzellan, es floss Kapital aus Europa ab- der Abfluss von Kapital motivierte ja auch "aufgeklärte Herrscher", kräftig Steuern und Zölle zu erheben und dem gemeinen Volk den Genuss zu verbieten. Die Briten bauten in Bengalen in großem Stil Mohn an, die Holländer in Sumatra. China war ein riesiger, potenzieller Absatzmarkt, obwohl der Chinahandel starken Restriktionen unterworfen war. Mit Opium erzielten auf einmal die Europäer die positive Handelsbilanz. In Meißen konnte man inzwischen qualitativ hochwertigeres Porzellan produzieren, als die Chinesen. Einige Kaiser erließen Gesetze gegen Opiumgebrauch, diese griffen aber wie immer nicht, bzw. nur die Kleinen. Als dann der Kaiser 20.000 Kisten Opium ins Meer werfen ließ und einige Briten gefangen setzte, demonstrierte das Empire dem Kaiser die wahren Machtverhältnisse. Es entwickelte sich in China eine Drogenkultur, die durch das potentere Heroin in Vergessenheit geriet, es stieg aber die Zahl der Abhängigen. Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass zwar gewisse (unerwünschte Nebenwirkungen) bekannt waren, bis Ende des 19. Jhds. aber kaum ein Bewusstsein für das Phänomen Abhängigkeit existierte. Sherlock Holmes konsumiert Morphin und Kokain. Ein Korse erfand ein Tonikum, das aus Wein und Kokain bestand. Queen Victoria und Leo XIII. konsumierten es. Der Papst übergab dem Erfinder sogar ein Dankschreiben. Siegmund Freud ließ sich von Merck Kokain kommen und empfahl sich seiner Verlobten als "wilder Mann, der Kokain im Leib hat" (dazu müsste im Forumarchiv noch ein Thread "Siegmund Freud und das Kokain" existieren. Die Jesuiten verteilten Morphinpillen, die von den Chinesen "Jesusopium" genannt wurden. Damals herrschte in der Medizin die These vor, dass isolierte, potentere Alkaloide das Suchtrisiko minderten. Heroin wurde einst als Hustenmittel angepriesen und aggressiv beworben, das garantiert nicht süchtig machen sollte.

    Literatur: Hans Georg Behr Weltmacht Droge 1980
    derselbe Von Hanf ist die Rede 1986, Neuauflage 1994
    Thomas de Quincey Confessions of an English Opiumeater
    Wolfgang Schmidtbauer/Jürgen vom Scheidt Handbuch der Rauschdrogen1972,
    überarbeitete Neuauflage 1981
    Robert K. Massie Peter the Great 1987 S. 108 ff, S. 193-195.
     
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  8. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    das hör ich aber zum ersten Mal
     
  9. Gangflow

    Gangflow Aktives Mitglied

    balkanese@das hör ich aber zum ersten Mal

    Scorpio@Religion war noch billiger, das ideale Sedativum für Leute, die Schnaps nicht vertrugen und sich Opium nicht leisten konnten dafür ist Opium eine bewusstseinserweiternde Droge.

    Vielleicht hast du nicht richtig verstanden, was Scorpio damit sagen will. Religion allein kann das Bewußtsein kaum erweitern.

    Scorpio schrieb: Die Jesuiten verteilten Morphinpillen, die von den Chinesen "Jesusopium" genannt wurden.

    Die Jesuiten scheinen das begriffen zu haben und benutzten Morphinpillen als Vehikel um ihre Religion auf eine höhere Stufe zu heben.
     
  10. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    aber eher als Opium, das ist doch das klare Gegenteil von Bewusstseinserweiterung

    PS: in gewisser Weise schätz ich ja die Jesuiten, bezweifle aber heftig dass Bewusstseinserweiterung ein Grundanliegen christlicher Strukturen darstellt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Oktober 2017
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @Scorpio: Schöner Beitrag, der den Zusammenhang zwischen Machtpolitik und wirtschaftlichen Interessen richtig benennt.
     
  12. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Solche Behauptungen machen heute, außer dem Volksnahen, kaum wirklich Sinn…
    Zumindest was das ›Bewusstseinserweiternde‹ von harten Drogen anbetrifft:

    Mag ja sein, dass man nach der Einnahme mancher Drogen eine völlig ungewohnte Art von Erlebnissen hat, und auch, dass manche dieser Mittel das Gefühl einer Steigerung der Präsenz verleihen. Auf die Länge jedoch wirken harte Drogen destruktiv; destruktiv auf den Konsumenten und auch auf ihre Umgebung. Ich kenne Leute, deren einzige Beschäftigung jahrzehntelang aus der Beschaffung eines Rausches bestand. Ihr Bewusstsein ist heute stark beeinträchtigt und ihre mentalen Fähigkeiten befinden sich auf dem Niveau eines Kindes. Verantwortung ist per se non-existent. Kommt noch plötzlich die Suche nach einem (bereits vergebenen) Lebenssinn hinzu, wird der berauschte Infantilismus höchst bedrohlich für die Gesellschaft.

    Das Sedativ des ignoranten Egomanen wird mit der Zeit zum Stimulans des verblödeten Egomanen.
     
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  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Nette Wortspiele, die mit dem Problem wenig zu tun haben und zum Verständnis des Problems nichts leisten.

    Zäumt man das Pferd von Hinten auf, dann erkennt man leichter die Dimension des Problems (vgl. als schnellen Einstieg Mishra, S. 37ff).

    Der verheerende Effekt der zynischen und verbrecherischen Außenpolitik des britischen Premierminister Lord Palmerston führte bis ca. 1900 dazu, dass ca. 10 Prozent der chinesischen Bevölkerung Opium rauchten und ca. 30 Prozent davon abhängig waren (vgl. Ebrey, S. 240 zitiert in Mishra, S. 41)

    Der Hintergrund und auch Rechtfertigung für den Krieg war eine aggressive imperialistische Vorstellung von "Freihandel", der einen ähnlichen normativen Gehalt für die Außenpolitik von GB hatte, wie zu späteren Zeiten die Werte der Demokratie Kriege zu ihrer Durchsetzung rechtfertigten (vgl. dazu Mishra ebd.)

    In diesem Sinne war es, so vor allem Chen, einer kleine Gruppe von britischen Kaufleuten gelungen, eine bellizistische Stimmung in GB zu erzeugen, die durch eine unglückliche Verkettung von Ereignissen eskalieren konnte. An der auch der chinesische Hof in seiner imperialen Verblendung nicht unschuldig war.

    Der Kontext für diese selbstbewußte britische Haltung bildete der Erfolg über Napoleon und man wähnte sich auf dem Höhepunkt seiner Machtmittel, die man gedachte auch einzusetzen.

    Auf die einzelne Ereignisse der Eskalation soll zunächst nicht weiter eingegangen werden. Dennoch ist die weitere Entwicklung im Rahmen des 2. Opium Krieges relevant. Als Ergebnis wurde der Mann der späteren chinesischen Kaiserin Dowager Cixi zunächst erneut massiv durch die Briten militärisch gedemütigt und er starb in diesem Zusammenhang (vgl. Chang)

    Dieses Ereignis bildet dann auch den Handlungsrahmen für die Ereignissen, die dann im Zuge der Boxer Rebellion und dann im Boxer-Krieg eine Rolle spielen sollten. Und auch erklären helfen, warum es im Boxer-Krieg zu einer weiteren militärischen Provokation durch die imperialistischen Mächte kam und Cixi bereit war, einen weiteren offiziellen Krieg gegen die imperialistischen Mächte zu riskieren.

    Und so gehört der erste Opium-Krieg zu den historischen Voraussetzungen, die für den Boxer-Krieg auch eine Rolle gespielt haben. Und deutlich machen, wie aggressiv der Westen seine wirtschaftlichen und somit auch politischen Ziele auch in China - Scramble for China bzw. auch als "Great Game" - durchsetzte. Und nicht nur der "kranke Mann" am Bosporus, sondern auch der "kranke Mann" in Asien im Zuge einer hemmungslosen sozialdarwinistischen Außenpolitik den westlichen Vorstellungen von freiem Handel unterworfen werden sollte.

    Und im Ergebnis dieses Handeln ganz wesentlich die politischen und sozialen konfuzianistisch geprägten Fundamente des chinesischen Imperiums destruierte und damit - wohl eher unbewußt - das Fundament für die chinesische Revolutionen nach 1920 legte.

    So wäre der Opium-Krieg aus meiner Sicht historisch halbwegs korrekt lokalisiert und das Ganze ohne bewußseinserweiternde Drogen genommen zu haben.


    Chang, Jung (2014, cop. 2013): Empress Dowager Cixi. The concubine who launched modern China. London: Vintage Books.
    Chen, Song-Chuan (2017): Merchants of war and peace. British knowledge of China in the making of the Opium War. Hong Kong: Hong Kong University Press.
    Ebrey, Patricia Buckley (1996): China. Eine illustrierte Geschichte. Frankfurt am Main: Campus
    Mishra, Pankaj; (2015): Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens. Frankfurt am Main: Fischer
     
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  14. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Ich will hier keine Werbung für Opiate machen. Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass Morphin auch heute noch zu den potentesten Analgetika gehört, und dass Opium und Morphinderrivate nicht nur auf allen Schlachtfeldern seit der Antike millionenfaches Leid gelindert haben. Opium ist eine Rauschdroge, aber auch ein Medikament, das eine erstaunlich breite Spannweite von Beschwerden wirksam bekämpft: Reizhusten, Durchfall und natürlich seine Qualität als Schmerzensbrecher. Als während des Amerikanischen Bürgerkrieges erstmals Morphin in größerem Umfang eingesetzt wurde, gingen die Abgänge in den Lazaretten um mehr als 50 % zurück. Durch die etwa gleichzeitige Erfindung der Injektionsspritze durch einen Edinburger Arzt, konnte das Analgetikum leichter dosiert werden und wirkte sofort. Vorher stand nur Opium oder Opiumtinktur zur Verfügung, das nur oral appliziert werden konnte. Da der Morphingehalt je nach Herkunft stark schwankte, war es schwerer zu dosieren. Entweder war die Dosis zu gering, um die Schmerzen wirksam zu bekämpfen, und im schlimmsten Fall konnte es bei dem Mangel an ausgebildeten Pflegekräften vorkommen, dass ein Patient überdosiert wurde und an Atemdepression starb.

    Andererseits gab es natürlich die Suchtgefahr. Morphin, einige Jahrzehnte später auch Kokain und Heroin waren Bestandteil einer Unmenge an Mittelchen, Tonika, Puder etc.. Eine Kennzeichnungspflicht und eine Mengendosierung war nicht vorgeschrieben. Heroin zum Beispiel wurde sehr aggressiv beworben, es wurden Proben an Ärzte verschickt, und es war Bestandteil von Hustensäften für Kinder. Der Wirkstoffgehalt von "Wundermitteln" wie Angelo Marianis Tonikum oder von Coca Cola waren relativ gering, trotzdem muss aus heutiger Sicht die Verwendung von manchen Mittelchen, die hochpotente Alkaloide kombinierten ohne dass Wirkstoffe und Dosierung angegeben werden mussten, als verantwortungslos bezeichnet werden, Es dauerte bis ein Umdenken erfolgte, in den "Flegeljahren der Pharmaindustrie" glaubte man mit Alkaloiden wie Morphin, Kokain und Heroin den Stein der Weisen gefunden zu haben. Seit der Opiumkonferenz 1910 versuchten verschiedene Staaten, den Opiumhandel zumindest zu kontrollieren. Kennzeichnungspflicht, Apothekenpflichtigkeit und Rezeptpflicht wird man durchaus als vernünftig bezeichnen müssen. Dennoch hatten die Prohibitionsmaßnahmen die kurz vor und nach dem 1. Weltkrieg einsetzten fast alle ein Geschmäckle. Statt sachliche Aufklärung, Prävention und suchtmedizinische Behandlung von Abhängigen zu organisieren, verfiel man von dem Extrem einer fast verantwortungslosen Nachlässigkeit wie Ende des 19. Jahrhunderts in immer brutaler werdende Antidrogengesetze, die auf Tabuisierung, Verdrängung und Stigmatisierung basierten und in der Regel auch mit einer gehörigen Dosis an Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus einhergingen. In den USA wurde gegen Chinesen und Latinos gehetzt, In Deutschland gegen Juden. Angehörige von Pflegeberufen waren unter Morphinisten besonders stark vertreten, und viele praktische Ärzte waren Juden. Morphin galt als eine Droge der Schauspieler, der Ärzte und der Juden. In einem Aufsatz in einer renommierten medizinischen Zeitschrift hieß es, dass Problem des Morphinismus werde erst gelöst werden, wenn die Judenfrage gelöst sei. Die Verwerfungen des 2. Weltkriegs sorgten dafür, dass auf allen Seiten tüchtig gesoffen, gejunkt, gekokst und Pervitin konsumiert wurde.

    Nach dem 2. Weltkrieg hatte man zunächst andere Sorgen, es gab Kriegsinvalide, Ärzte, Krankenschwestern u. a. die Morphinisten waren, es gab natürlich mal den ein oder anderen Apothekeneinbruch. Ansonsten war das alte Reichsopiumgesetz von 1929 noch gültig, die § wurden aber bis 1972 kaum angewendet. Das änderte sich, als die Boulevardpresse nach der 1968er Bewegung das "Drogenproblem" skandalisierte. In den USA wurden Drogengesetze bis zur Absurdität verschärft, wie William Burroughs es eindringlich in "Junkie" beschreibt. in den 1970er Jahren tauchte ein neuer Typus von Morphinisten, die Kinder vom Bahnhof Zoo, von der Taunusanlage, vom Friedrichsplatz auf. Waren die Morphinisten der 1920er bis 1960er Jahre in der Regel zwischen volljährig bei Erstkonsum, oft gut ausgebildet und integriert, bekamen Krankenhäuser immer häufiger Besuch von minderjährigen, ja Kindern, die heroinabhängig geworden waren. Heroin bekam das Image einer "Igittdroge" und wer so etwas nahm, der war kriminell oder geisteskrank, Kriminelle Geisteskranke und geisteskranke Kriminelle". Mit dem neuen Betäubungsmittelgesetz 1972 wurde endgültig ein Drahtverhau von Paragraphen gezogen, der es praktisch unmöglich machte, dass Süchtige sich ihren Stoff vom Arzt verschreiben lassen konnten oder Ärzte sich relativ ungehindert Zugang zu Morphin verschaffen konnten. Opium verschwand fast völlig vom Markt, und halbsynthetische Drogenwie Heroin und Kokain und vollsynthetische Designerdrogen eroberten den Markt. Gegenwärtig ist Cannabis die einzige rein pflanzliche Droge mit nennenswertem Marktanteil.

    Ich kenne auch eine Menge Junkies, vor denen kann man wirklich Angst haben. Der Affe braucht Zucker, und der muss finanziert werden. Prostitution ist nicht ganz ungefährlich, Drogenhandel noch gefährlicher und nervenaufreibender. Der einfachste Weg ist, das Geld für den Zucker oder noch besser den Zucker selbst, vom Artgenossen zu stehlen, zu rauben oder zu erpressen, denn der kann nicht zur Polizei gehen. Manchmal tut´s einer trotzdem, was bei Polizeibeamten für große Erheiterung sorgt.

    Auf die mit dem Finger zu zeigen, sich über asoziale Junkies und Penner zu mokieren, ist aber allzu billig. Es stellt sich die Frage was ist überhaupt eine harte Droge und für wen? Sola Dosis fact venemum, allein die Dosis macht das Gift, wusste schon der alte Paracelsus. Es gibt Tausende von Schmerzpatienten, die mit Hilfe von Morphin jahrelang ein relativ "normales" Leben führen können. Moderne Morphinpräparate, retardiertes Morphin hat auch lange nicht das Abhängigkeitspotenzial wie früher. Seit 2015 ist es auch in der Bundesrepublik zur Substitution zugelassen. Studien berichten, dass Patienten eine Dosis jahrelang konstant halten können und gesünder und zufriedener sind, als Patienten, die mit Methadon substituiert werden.

    Selbst Heroin (Dia-Morphin) könnte in der Palliativmedizin von großem Nutzen sein. Es ist potenter als Morphin und verträglicher. Menschen, die es nicht gewöhnt sind, wird häufig zu Beginn einer Behandlung schlecht, da Morphin das Brechzentrum im Gehirn reizt. Kein vernünftiger Mensch würde "harte Drogen" unkontrolliert auf den Markt bringen wollen. Generell "harte Drogen" und deren Konsumenten als destruktiv zu diskreditieren, sie zu einer Bedrohung der Gesellschaft zu erklären, birgt die Gefahr, einer Anti-Drogen Propaganda auf den Leim zu gehen.

    In den 1980er und 1990er Jahren riskierten Ärzte die Suchtkranke behandelten, die Approbation. In den Ärztekammern herrschten damals noch tiefbraun belastete "Koniferen" und Eugeniker wie Hans Joachim Severing, der es zum Präsidenten der bayrischen, später der Deutschen Ärztekammer brachte.
    Mit ihrem sturen Festhalten am Abstinenzparadigma, und mit dem gnadenlosen Vorgehen gegen Kollegen und Abweichler, die eigentlich wegen ihrer Verdienste auf dem Gebiet der Harm-Reduction und Prävention hätten gefördert werden sollen, haben dadurch Verzweiflungstaten bis zur Selbstinfektion geradezu herausgefordert und letztlich 1000 Mal, als die miesesten Junkies es könnten, die Menschen, die sich nicht wehren können berauben, bestehlen und erpressen. Eine Gesellschaft die nach ihrem Anspruch ein bürgerlicher Rechtsstaat ist, der humanitären Idealen verpflichtet ist, wird sich auch daran messen lassen müssen, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht.

    Reaktionäre Politiker und Medizinalbürokraten wie Severing die überfällige Reformen selbstherrlich blockierten und gnadenlos gegen Kollegen vorgingen, die suchtkranke behandelten, haben der Gesellschaft weitaus mehr Schaden zugefügt, als der Mob es könnte. Ein Münchner Arzt verlor die Approbation, weil er ambulant Entzugsbehandlungen mit Methadon durchgeführt hatte und dabei sogar recht erfolgreich war. Damit haben sie Verzweiflungstaten mit zu verantworten, haben sie geradezu herausgefordert. Leidtragende waren aber nicht nur Suchtkranke, sondern auch "normale" Menschen, die als Schmerzpatienten ein Morphinpräparat benötigt hätten, weil andere Mittel nicht mehr wirkten. Wer nicht gerade Krebs im Endstadium hatte oder Kriegsinvalide war, aber an Schmerzen litt, die nur durch Morphinderivate therapierbar waren, hatte bis vor einigen Jahren praktisch überhaupt keine Chance, ein Schmerzmittel zu bekommen, das ihm/ihr Erleichterung verschaffte.



    Sorry, das hatte nun mit den Opiumkriegen herzlich wenig zu tun. Immerhin ist es lange genug her, um als Kuriosum der Sozial- und Medizingeschichte durchgehen zu können.
     
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  15. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Um den Einsatz von Morphinen im Civil War, Wirkungen und den Zusammenhang mit Sucht und Abhängigkeiten ("army disease" - Armeekrankheit) ranken sich zahlreiche Legenden, die u.a. aus den späteren politischen und medizinischen Kontroversen stammen.

    Flannery: Civil War Pharmacy - A History of Drugs, Drug Supply and Provision, and Therapeutics for the Union and Confederacy. 2004.
    Lewy: The Army Disease: Drug Addiction and the Civil War, WiH 2013, S. 102-119

    Die Verluste und Abgänge an Krankheiten, Infektionen, Seuchen übersteigen diejenigen durch "Schlachtfeld-Verletzungen" bzw, Kriegsverwundungen um ein Vielfaches.

    Die relativ sinkenden Mortalitätsraten werden nicht Opium/Morphinen zugeschrieben, sondern der Versorgung schlechthin, insbesondere Anzahl und gestiegene Geschwindigkeit in der Versorgung Verletzter (Bergung, Transport). Umgekehrt sorgte die steigende Zahl von Überlebenden (wenn auch zuweilen nur kurze Zeit zB wg. Schusswunden) für eine steigende Zahl derjenigen, die das verabreicht bekamen.

    Die Frage der "Armeekrankheit" und der Verbreitung von Drogensucht durch den Civil War ist inzwischen völlig umstritten (und wird auf die politischen und medizinischen Kontroversen zurückgeführt), siehe resümierende Literatur oben.

    Dabei "konsumierte" sozusagen allein die Unionsarmee über 10 Mio. Opiumpillen und 80 Tonnen Opiumpulver und -tinkturen. Nach Antietam Creek vermerkte ein Arzt zugespitzt, die Medikamentierung bestehe einzig aus Morphinen und Brandy. Bei den Konföderierten war der Morphineinsatz ansonsten seltener als bei der Union Army, es läßt sich aber in Einzelfällen durch Quellen nachweisen.
     
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  16. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Die Südstaaten waren durch die Blockade von Opiaten abgeschnitten, Morphin und Chloroform wurden je länger der Krieg dauerte, zur Mangelware, die für die am schlimmsten Verletzten reserviert wurde. Während des Krieges wurde in Louisiana und anderen Südstaaten, die sich für den Anbau eigneten Mohn angebaut, um daraus Opium und Morphin zu gewinnen.
    Die Abgänge hätten sich sicher noch mehr reduzieren lassen, wenn die hygienischen Bedingungen bessere gewesen wären. Die Beobachtungen von Ignaz Semmelweis wurden leider viel zu lange nicht angemessen gewürdigt.

    Es mangelte an gut ausgebildeten Ärzten, und die qualifiziert waren, litten oft an heilloser Überforderung. Die durch Minniégeschosse verursachten Verletzungen und Wundbrandinfektionen ließen häufig keine andere Wahl als die Amputation. Nur wenige Ärzte kochten Instrumente in Essig oder Alkohol ab. Die Qualität eines Chirurgen wurde häufig vor allem daran gemessen, wie schnell und geschickt er Gliedmaßen amputieren konnte. Der Sepsis und dem Blutverlust stand die Medizin noch weitgehend hilflos gegenüber. Die hygienischen Zustände in den Lazaretten spotteten teilweise jeder Beschreibung. Mancher Chirurg trug seine blutbesudelte Schürze mit Stolz, als sei es eine ordensgeschmückte Uniform. Amputationen die ohne Betäubung vorgenommen wurden, bei den Konföderierten wurde schließlich selbst Schnaps zur Mangelware, es fehlte an Leinen, überall musste improvisiert werden. Auf beiden Seiten der Front wurden die Misstände in den Lazaretten satirisch auf Korn genommen. Besonders schlimm muss es bei den Konföderierten gewesen sein, wo es an wirksamen Schmerzmitteln, an Verbandsmaterial, an Injektionsspritzen- eigentlich an allem mangelte. Lazarette waren vor allem bei den Konföderierten gefürchtet. Manche Blessierte fürchteten sich vor Amputationen ohne Betäubung, so dass Verwundete, die sich noch fortbewegen konnten, lieber auf eigene Faust versuchten, sich vom Schlachtfeld wegzuschleppen, als in ein Lazarett eingeliefert zu werden.

    Wenn man sich die Verletzungen durch Minniégeschosse vorstellen kann und aus medizinhistorischen Sammlungen die Instrumente kennt, mit denen Amputationen und Operationen vorgenommen wurden, kann einen heute noch das Grauen überkommen, wenn man sich vorstellt, solche Qualen aushalten zu müssen ohne wirksame Schmerzmittel. Viele Soldaten starben nicht einmal an Verwundungen, sondern an Krankheiten. In Nordamerika hatte es bis dahin niemals so große Armeen gegeben, und es fehlte an Erfahrungen wie Trinkwasser aufbereitet wird, wie man am besten Latrinen anlegt. Rhur und Durchfallerkrankungen lichteten ganze Regimenter. Morphin war natürlich kein Wundermittel, es konnte wirksam Symptome bekämpfen, Schmerzen und Durchfall neutralisieren, aber nicht Ursachen der beseitigen.
    Man mag aus heutiger Sicht die zu großzügigen Gaben und das mangelnde Bewusstsein für das Abhängigkeitspotenzial der Droge kritisieren, es war aber das potenteste Analgetikum, das zur Verfügung stand, und es hat zweifellos Leid und Schmerzen gelindert.

    Thomas Sydenham schrieb im 17. Jahrhundert: "Among the remedies Almighty God has pleased to give to man remedies to relieve sufferings, none is so universal and efficacias as opium. Unter den Mitteln, die es Gott dem Allmächtigen beliebt hat, dem Menschen zur Linderung seiner Leiden zu schenken, ist keines so vielseitig anwendbar und effektiv wie Opium. Diese Einschätzung hat auch heute durchaus noch Gültigkeit, auch wenn Opium selbst heute kaum noch verwendet wird. Eigentlich wird es nur noch bei chronischen Durchfallerkrankungen verwendet. Die Vollsynthese von Morphin ist zwar möglich, aber wenig ergiebig und aufwändig. Morphin und Morphinderivate werden daher heute noch aus Opium gewonnen, das legal für medizinische Zwecke angebaut wird. Einige Analgetika wie Buprenorphin (Subutex, Temgesic, Suboxon) werden allerdings nicht aus Morphin, sondern aus Thebain gewonnen. Das arbeitsintensive ritzen der Kapseln ist dazu nicht mehr nötig. Morphin wird heute aus Mohnstroh gelöst. Die traditionelle Methode wird nur noch für die illegale Produktion von Opium zur Gewinnung von Heroin verwendet.
    Zu den größten Produzenten von Opium für die legale Verarbeitung sind Indien und die Türkei. Die Türkei bekam in den 1950er Jahren einen Milliardenkredit der USA unter der Auflage, den Mohnanbau zu stoppen und zu kontrollieren.
    Die Stadt Afyon in Anatolien Afyon Karahasir=die Stadt am schwarzen Opiumberg) verdankt ihren Namen dem Opium. In der Erntezeit werden die Felder bewacht wie Ford Knox, und ein Bauer, auf dessem Grund geritzte Mohnkapseln gefunden werden, kann großen Ärger bekommen.
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Um noch einmal auf China zurück zu kommen. Die Bedeutung der Opium Kriege für das moderne China kann nicht hoch genug bewertet werden. So argumentiert Lovell, dass sich der Gründungsmythos des modernen China und vor allem in der Gestalt des kommunistischen China an diesem Narrativ der Unterdrückung orientiert.

    Erst wurde China durch die Drogen "geknechtet" und durch die Befreiung durch die KP bzw. Mao aus dieser Knechtschaft herausgeführt. Und der Beginn des Opium Krieges und in der Folge des zweiten etc. sind die einzelnen Meilensteine auf der Entwicklung zu einer modernen chinesischen Gesellschaft.

    Dieses sollte man angesichts der zukünftigen Bedeutung von China schon richtig einordnen und die Geschichte des Landes und seines Selbstverständnisses damit besser einschätzen zu können.

    Lovell, Julia (2011): The Opium War. Drugs, dreams and the making of China. New York, NY: The Overlook Press.
     
  18. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Zunächst mal danke für die umfangreichen Literaturangaben und die Analyse und Zusammenfassung der historischen Ereignisse, die zur "Zeit der ungleichen Verträge" führten, die als Ergebnis China, eine traditionsreiche Hochkultur und "Kulturnation" zu einer de facto halbkolonialen Einflusssphäre der europäischen Großmächte degradierte, die äußerst selbstherrlich agierten und deren Einfluss zu kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen führten, die fatale Auswirkungen auf die chinesische Gesellschaft zur Folge hatten und zur Destabilisierung gewachsener gesellschaftlicher Strukturen führte.

    Der Vergleich mit dem "Scramble for Africa" der schließlich mit der Kongokonferenz seinen Höhepunkt erreichte, ist durchaus zutreffend. Nicht ein einziger Afrikaner wurde dazu eingeladen, der einzige Konferenzteilnehmer, der Afrika bereist hatte, war der Journalist Henry Morton Stanley, der mit äußerst fragwürdigen Methoden den Kongofreistaat, als Privatkolonie aneignete mitsamt allen Rohstoffen, der Fauna und der Arbeitskraft der Menschen.

    Äußerlich war es ein rein philanthropisches Projekt, dass den Afrikanern die Segnungen der "Zivilisation", das Christentum bringen und sie vor der Sklaverei arabischer Sklavenhändler beschützen sollte.
    Es sollte die Kongomündung, der Kongofreistaat und prinzipiell Afrika Freihandelszone werden, was nie geschah.

    Die Opiumkriege waren brachialer, es wurde erst gar nicht der Versuch unternommen, dass Vorgehen philanthropisch zu verbrämen, im Prinzip reichte das Recht des Stärkeren, basierend auf sozialdarwinistischen Vorstellungen und unverhohlen formulierten rassistischen Vorstellungen von der Überlegenheit der "weißen Rasse", von der "gelben Gefahr" aus, das Unternehmen zu rechtfertigen. Die britische Regierung, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts sich durchaus Verdienste in der Bekämpfung der Sklavenhandels erworben hatte, ließ sich von einer Lobby, einem Staat im Staate, für deren wirtschaftliche Interessen einspannen. Das war zweifellos eine zynische Haltung, ein jingoistische Politik, die sich um Völkerrecht wenig scherte.
    Das mag man durchaus als kriminell bezeichnen können, ebenso wie die Kongogräuel nur als kriminell, wenn nicht als schlimmer, nämlich als Völkermord charakterisiert werden können.

    Die im Eingangsbeitrag vertretene These, es habe sich dabei um eine gezielte Aktion gehandelt, dass chinesische Volk "anzufixen" würde ich allerdings mit einem Fragezeichen versehen. Wie schon in einigen Beiträgen erwähnt, war das Bewusstsein für das Abhängigkeitspotenzial von Opium noch kaum entwickelt. Es handelte sich um eine Droge, die legal war, und es wurden Morphinisten im 19. Jahrhundert nicht stigmatisiert, im Gegenteil! Für die Temperenzler-Bewegung seit den 1850ern war Alkohol die "Geißel der Menschheit" und nicht Opium. Opiumpräparate wurden auch nach Europa importiert und es verbreitete sich deren Konsum. Spätestens seit den 1840ern war Opium auch für die ärmere Bevölkerung erschwinglich.

    Thomas de Quincey schreibt in seinen "Confessions", dass "zu seiner (Jugend)Zeit also etwa um 1820-25 ein Pfund ostindischen Opiums 3 Guineas und türkisches sogar 8 Guineen kostete. Zwischen 1840-1850 war dagegen Opium auch für die ärmere Bevölkerung erschwinglich. Opium und Opiumpräparate wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts in großem Stil auch nach Europa importiert. Laudanum (Opiumtinktur) und Paregoric, eine Opium/Kampferlösung, die etwa 10mal schwächer war) waren Bestandteil fast jeder Hausapotheke. Während der Besuch einer Kneipe oder Pubs für "ehrbare Frauen" ein Unding war und vielerorts der Einlass und der Ausschank alkoholischer Getränke Frauen sogar verboten war, wurde der Konsum von Laudanum toleriert. Mary Shelley, die Autorin von Frankenstein, die Abolitionistin Julia Ward, die das Kampflied der Union verfasste und Mary Lincoln die Gattin des Präsidenten konsumierten gelegentlich Laudanum. Ab den 1870er-1880er Jahren eroberten Alkaloide wie Morphin und Kokain den Markt, und es wurden Präparate primär für Frauen auf den Markt gebracht, die gegen allerlei Gebrechen von Depressionen, Frigidität, Melancholie bis zu Menstruationsstörungen helfen sollten.

    Bei dem nach China importierten Opium handelte es sich meist um Chandu, also Rauchopium, das mit einem Schimmelpilz fermentiert wird,. Danach lässt es sich rauchen- eigentlich eher über der Opiumlampe verdampfen und mit einer Opiumpfeife inhalieren. Durch die Lungenbläschen werden Drogen viel schneller resorbiert, als wenn man sie oral konsumiert. Nur eine intravenöse Injektion wirkt noch intensiver. Dafür hält Rauchopium nicht so lange an. Damit stieg natürlich auch das Abhängigkeitspotential der Droge.

    Man wird es dem chinesischen Kaiser nicht verdenken können, wenn er versuchte, dem Einhalt zu gebieten oder wenigstens den Opiumhandel versuchen, zu kontrollieren. Dabei war das Vorgehen gegen Süchtige relativ moderat, verfolgt wurde lediglich der Handel.

    Es mag zynisch klingen, aber der Opiumhandel und -Schmuggel war nicht das wirkliche Problem. Wenn Nachfrage nach einer Ware besteht, wird es nach den Gesetzen des Marktes immer jemanden geben, der für ein entsprechendes Angebot sorgt. Hat sich eine Droge erst einen Markt erobert, lässt sie sich nicht mehr verdrängen. 20.000 Kisten Opium ins Meer zu werfen, war eine Geste, mehr nicht. Trotzdem hätte sich mit etwas Kulanz und gutem Willen ohne weiteres eine Einigung erreichen lassen. Die East India Company wäre auch nach Importbeschränkungen noch auf ihre Kosten gekommen, und man hätte der chinesischen Regierung zugestanden, ihr Gesicht zu wahren. Statt dessen wurde die Geste des Kaisers ein geradezu herbeigesehnter Casus Belli, um mit äußerst brutalen Methoden, unter Bruch des Völkerrechts äußerst aggressive Vorstellungen von Freihandel durchzusetzen. China hatte der Royal Navy nichts entgegenzusetzen. Die Destabilisierung der Gesellschaft und die schrittweise Degradierung einer jahrtausendealten Kulturnation und ihrer Bewohner zu einem halbkolonialen Status war der eigentliche Skandal.
     
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  19. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Man mag von den Jesuiten halten, was man mag, und man muss die Römisch Katholische Kirche nicht mögen. Vieles in der Geschichte und der jüngeren Gegenwart der katholischen Kirche- von mir aus auch in der Geschichte des Christentums- war/ist kritikwürdig, vieles kann, manches muss unbedingt kritisiert werden. Man kann, durchaus mit guten Gründen, die Arbeit von einigen Missionaren für fragwürdig, die von anderen sogar für skandalös halten. Nicht selten hat die Missionierung der Kolonialisierung und dem Imperialismus willentlich und unwillentlich den Weg bereitet und zugearbeitet. Es ist durchaus legitim, grundsätzlich die Missionierung Afrikas, Chinas und Ozeaniens für kritikwürdig zu halten, aber die Arbeit der Jesuiten und anderer Missionare in China generell und pauschal zu diskreditieren geht doch zu weit.

    Nichts auf der Welt ist so einfach, dass es sich mit Vierzeilern erschöpfend erklären, geschweige denn analysieren lässt. Es reut mich daher mein dahingerotzter Kommentar zu Religion,Opium und Bewusstseinserweiterung. Was dem einen Schmerz und Qual erspart, kann einen anderen töten, was manchen Leuten ein "normales" Leben, einen strukturierten Tagesablauf erst ermöglicht, kann andere völlig aus der Bahn werfen und ihnen ein "normales Leben" ruinieren.

    Mein Urgroßvater war noch vor dem Weltkrieg auf der Emden gefahren, hatte das Emdentief im Pazifik gelotet und war in Deutsch-Ostafrika und längere Zeit in Tsingtao. Der war zwar Protestant,hat aber die Kirche(n) oft kritisiert- er sagte immer nur "Die Synagoge"- und es der Familie ausdrücklich verboten, für Missionare und Missionsprojekte (vor allem in Afrika) zu spenden, da er durch seine Erlebnisse in den Kolonien zur Überzeugung gelangt war, dass sie eher gewachsene Traditionen und Bräuche zerstörten, als die Menschen für die "Zivilisation" zu gewinnen, zumal viele die Menschen verachteten oder sich denen zumindest überlegen fühlten.

    Die Missionare, die der Jesuitenorden seit dem 17. Jahrhundert nach China schickte- es hatte der Verfasser der Cautio Criminalis Friedrich Spee von Langenfeld zeitweilig Pläne, nach China als Missionar zu gehen- wurden gut geschult, mussten, ehe sie eingesetzt wurden, die Sprache und Landessitten beherrschen. Sicher spielte der Wunsch, Chinesen für das Christentum zu gewinnen, eine nicht unbedeutende Rolle in der Motivation der Mission. Grundsätzlich aber wird man den Jesuiten, die in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nach China gingen, nicht generell absprechen können, seelsorgerisch Hilfe zu leisten, wo Hilfe gebraucht wurde. Man mag kritisieren, dass sie Morphinpillen verteilten, die Erfahrungen aus der inzwischen fast 30jährigen Geschichte der Substitutionsbehandlung vom Ende des 20. bis in die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts zeigen aber recht deutlich, dass ein unzureichendes Substitutionsmittel immer noch besser war, als gar keines, als zynisch Menschen sich selbst zu überlassen, die aufgrund einer Suchterkrankung Hilfe brauchten. Es war jedenfalls nicht nötig, zum Christentum zu konvertieren, um gratis "Jesusopium" zu erhalten. In vielen Einzelfällen werden die Jesuiten sicher Elend und Leid gelindert haben.
    Apologeten des Abstinenzparadigmas würden die Vergabe von M-Pillen sicher für eine "fragwürdige Ersatzdroge" erklären. Die Jesuiten orientierten sich dabei aber am aktuellen Kenntnisstand der damaligen Medizin und dem, was anerkannte Koryphäen der Medizin in Fachpublikationen vertraten.
    Man mag davon halten, was man will, aber eine Geste des guten Willens wird man den Jesuiten nicht absprechen können, und mehr hätten sie wohl ohnehin nicht ausrichten können.

    Es ging sicher nicht darum, die eigene Religion durch Morphin auf eine höhere Bewusstseinsstufe zu heben, sondern darum, etwas zu tun, um gegen das himmelschreiende Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu demonstrieren. Die europäischen Mächte verstanden sich als "christliches Abendland". Gerade das britische Empire erhob den Anspruch, Vorkämpfer gegen die Sklaverei zu sein und anderen Völkern die Segnungen der Zivilisation zu deren eigenen Nutzen zu bringen. De facto aber ließ sich das Empire von einem Konzern instrumentalisieren, der quasi staatliche Autorität genoss (Münzrecht, eigene Armee u. a.) und sich über Grundlagen des Völkerrechts hinwegsetzte, um unter Verletzung der Souveränität der chinesischen Regierung und völlig von jeder Kontrolle befreit "Freihandel" nach eigenem Gusto betreiben konnte. Das war, wie @thanepower treffend bemerkte, eine äußerst aggressive, bellizistische, jingoistisch-sozialdarwinistische Form von Freihandel, der im Grunde nur das Recht des Stärkeren gelten ließ.
     
  20. balkanese

    balkanese Aktives Mitglied

    So macht das Sinn, aber was der Gangflow da geschrieben hat eher weniger
     

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