Die Probleme der Radikalkritik mit dem römischen Münzumlauf in Judäa

Dieses Thema im Forum "Das Christentum" wurde erstellt von Chan, 15. Juli 2013.

  1. Chan

    Chan Aktives Mitglied


    Meine Meinung über den historischen `Wahrheitsgehalt´ dieser und anderer NT-Stellen ist bekannt. Was die Münzanekdote betrifft, so sollte man bedenken, dass die in Judaea im Umlauf befindlichen römischen Münzen zu jener Zeit gar keinen Kaiserkopf aufwiesen - aus Rücksicht der Römer auf die Empfindlichkeiten der Juden. Es müsste also ein hochgradiger Zufall gewesen sein (ein ´Import´ durch einen ausländischen Juden), wenn ausgerechnet bei der Frage nach einer Steuermünze ein solches Exemplar ´Jesus´ unter die Augen kam. Siehe dazu auf S. 80:

    Weihnachten: Seine Bedeutung für das ganze Jahr - Walter Schmithals - Google Books

    Ich fand einen ähnlichen Hinweis auch an anderer Stelle.

    Als da wäre? :)
     
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2013
  2. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der Link belegt, dass Herodes d. Gr. keine Münzen mit Kopf drauf prägte.

    Auf römische Münzen waren Köpfe zu sehen.

    In der römischen Provinz Iudaea sollen keine üblichen römischen Münzen in Umlauf gewesen sein?

    Für so eine Behauptung muss schon ein richtig guter Beleg her.
     
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  3. Chan

    Chan Aktives Mitglied


    Ja, aber anscheinend nicht in Judaea, wo bildlose Münzen kursierten. Die andere von mir angedeutete Quelle ist hier:

    Drews Christusmythe

    Zitat:

    Nach Rom weist auch die Erzählung vom Zinsgroschen, den sich Jesus zeigen läßt, um an dem der Münze aufgeprägten Kaiserbilde den Grundsatz zu entwickeln, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes sei. Diese Stelle ist eine gefährliche Klippe für die Leben-Jesu-Theologie. Die Kaiser ließen ja, wie Holtzmann in seinem Evangelien-kommentar sagt, „um das auf diesem Gebiete so empfindliche Gewissen der Juden zu schonen, für Palästina Münzen ohne Kopfbild schlagen“. Nun soll, nach Holtzmann, Jesu bei dieser Gelegenheit eine der Kopfmünzen in die Hände gefallen sein, die der Zufluß von auswärtigen Juden um die Osterzeit in Umlauf hätte bringen müssen! Aber die Evangelien rechnen mit der Kopfmünze nicht als mit einer Ausnahme, sondern als mit der selbstverständlichen Regel, ja der ganze Effekt der Erzählung würde illusorisch werden, wenn es lediglich ein Spiel des Zufalls gewesen wäre, der auf die Forderung Christi, ihm den Denar zu zeigen, gerade eine der verhaßten Kopfmünzen zur Stelle geschafft hätte.

    Habe noch etwas gefunden:

    http://gutenberg.spiegel.de/buch/103/13

    Zitat:

    Die örtliche Prägung der Kleinmünze, wie sie früher die Könige geübt hatten, ging jetzt auf den Namen des römischen Herrschers; aber der jüdischen Bilderscheu wegen wurde nicht einmal der Kopf des Kaisers auf die Münzen gesetzt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2013
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Siehe hier:

    Herodian coinage - Wikipedia, the free encyclopedia

    Bei dem sonstigen römischen Münzumlauf im östlichen Mittelmeer (nicht Prägung) müsste mal anhand von Quellen belegt werden, dass Judaea hier angeblich eine Ausnahme darstellen soll, bzw. nur selten durch Einreisen Münzimporte stattfanden.
     
  5. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Da ist ja belegt, dass Herodes Philippus Münzen mit Kopf prägen ließ. (30/31 n. Chr. sogar, also genau zur fraglichen Zeit.)

    Womit Chans Behauptung schon widerlegt ist.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2013
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  6. hjwien

    hjwien Aktives Mitglied

    Man muß bei der römischen Münzprägung unterscheiden zwischen Reichsprägungen und Kommunalprägungen. Gold- und zumeist auch Silbermünzen waren Produkte der kaiserlichen Prägung und mit Portraits versehen und im ganzen Reich im Umlauf. Der Kaiser ließ keine Münzen eigens für Judäa prägen.
    Bronzemünzen lagen oft in der verantwortungen von Städten, die ein Münzrecht hatten, was allerdings auch nicht hieß, daß diese kontinuierlich Münzen schlagen ließen, sondern sie reagierten damit zumeist auf einen plötzlich gestiegenen Bedarf, der oft durch die Armee bewirkt wurde.
    Ich weiß nicht genau, wann die einzelnen Städte Münzrecht bekamen, aber neben Caesarea und Tiberias hatten die Städte der Dekapolis Münzen, und auch Beirut prägte schon in augusteischer Zeit. Aus all diesen Quellen kam das Geld, welches sicherlich unter Tiberius auch in Jerusalem kursierte, und auf diesen Münzen waren überall Köpfe drauf.
     
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  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Eben,

    und abgesehen von der Prägung ist die in den Texten zu findende Argumentation, die sonstigen Importe würden Ausnahmen darstellen, so dass die Münzen nicht geläufig waren und kaum verwendet wurden, unbelegt und unwahrscheinlich.
     
  8. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Nun gut jeder macht sich ein Bild von Jesus die im Gefällt ich habe auch schon jüdische Historiker/Theologen gelesen die ihn in die Nähe der Zeloten und jüdischen Freiheitskämpfer gerückt haben. Auch die Idee des sozialen Kämpfers ist ja nicht eine Erfindung von jamguy sondern hat ja Vorläufer.

    Wir müssen uns mit der Quelle begnügen die wir haben und die lässt sich sehr weit auslegen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Juli 2013
  9. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Judas Iskariot (Judas der Sikarier) war ein Zelot. Allerdings ist es schon auffällig, dass er extra als solcher unter den Jüngern Jesu gekennzeichnet wird. Möglicherweise muss man das aber auch vom Verrat rückwärts lesen, quasi als christliche Spitze gegen die Zeloten oder wenigstens gegen deren 'militanten Arm'.
     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Was im Bargeldverkehr in Judaea zur Zeit Jesu kursierte waren vor allem römische Münzen, die in Rom oder Lugdunum geprägt wurden. Wenn in der Lutherbibel von Silbergroschen oder Silberlingen die Rede ist, sind Denare, bzw Drachmen gemeint. Schekel, mit denen schon Abraham den Grabplatz für Sara von Efron dem Hethiter kaufte, waren eine alte semitische Münzeinheit 1/60 einer Mine und Schekel wurden in Tyros noch im 1. Jahrhundert und während des Bar Kochbar Aufstands geprägt. Für den Geldverkehr in Palästina war diese Währung eigentlich bedeutungslos, die Opfergaben, die Besucher des Tempels in Jerusalem kauften, mussten aber mit rituell reinem Geld bezahlt werden, und dafür wurden die Geldwechsler gebraucht, über die Jesus sich empörte. bei ihnen konnten Tempelbesucher römische Münzen in tyrische Schekel umtauschen, um damit die Tauben oder Lämmer zu bezahlen, die geopfert wurden.
     
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  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Judas ist ja nicht der Einzige, da gibt es unter den Jüngern einen 2. Simon, der Zelot.
     
  12. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Der heißt auch ausdrücklich so: Simon Zelotes. (Lk 12,15).
    Zu dem gibt es aber keine Spitze wegen Verrat oder so.

    Ob "Iskariot" als "Sikarier" zu lesen ist, ist nicht ganz sicher.
     
  13. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Die beiden gelieferten Links taugen als Beleg für diese Aussage nicht.
    Dass König Herodes und seine ihm in der Herrschaft über die jüdischen Reichsteile nachfolgenden Söhne ihre Herrscher-Portraits von den jüdischen Münzen fernhielten ist ganz richtig. Nicht nur Portraits und überhaupt Darstellungen von Menschen, sondern sogar Darstellungen von Tieren wurden stark vermieden, um nicht aufgrund des jüd. Bilderverbots die Bevölkerung gegen sich aufzubringen. Nur auf einem einzigen Münztyp Herodes' d. Gr. ist ein Tier, nämlich ein Adler, abgebildet worden. Auf den Münzen des Archelaos findet sich kein Mensch oder Tier und ebenso wenig auf den Münzen des Herodes Antipas.
    Dass auf den Münzen des Herodes Philippos Herrscher-Portraits zu finden sind, ist nicht verwunderlich. Philippos herrschte als Tetrarch über die Dekapolis, ein Reichsgebiet bestehend aus hellenistischen Städten, in denen heidnische Tempel standen und in denen die Bevölkerung zum überwiegenden Teil heidnisch und nicht jüdisch war. Wäre Philippos Tetrarch über jüdische Reichsteile wie Judäa oder Galiläa gewesen, hätte auch er solche Bildnisse auf seinen Münzprägungen tunlichst vermieden.
    So gesehen ist es zwar richtig, dass die politischen Oberhäupter der Juden kein Tiberius-Portrait auf jüdische Münzen platzierten, aber diese Tatsache berührt die "Steuerzahl-Geschichte" aus Evangelien überhaupt nicht. Ganz wichtig ist nämlich die von hjwien gemachte Unterscheidung:
    Provinzialstädte, Förderationen von Provinzialstädten, römische Provinzen als Ganzes oder eben röm. Klientelfürsten wie die Herodier (alle die ein Münzrecht besaßen) konnten "Prägeherren" der Provinzialprägungen sein. Es ist gut vorstellbar, dass die Münzmotive auf den Provinzialprägungen im Voraus von den röm. Behörden abgesegnet werden mussten (vor allem bei den Prägungen, die für komplette Provinzen gedacht waren), aber deshalb waren diese Provinzialprägungen noch lange keine Reichsprägungen.
    Die Reichsmünzen des Tiberius wurden in Lugdunum/ Lyon und in Rom geprägt. Auf den meisten Münzen des Tiberius prangt sein Portrait. Nur auf wenigen Bronzemünzen fehlt es (dafür sind Gottheiten, ob im Portrait oder in voller Gestalt, abgebildet - also für Juden nicht gerade erträglicher). Dass jene Reichsprägungen, die kein Tiberius-Portrait enthalten, für Judäa geprägt worden sein sollen, habe ich bisher noch nie gehört, und ich denke, dafür gibt es auch nirgends einen Hinweis - falls doch, bin ich gespannt, wo er zu finden ist.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Könnten hierzu vielleicht Literatur- und Quellenangaben ergänzt werden?:winke:
     
  15. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Die Evangelisten verlegen einige Handlungen ins Gebiet des Philippos (Betsaida, Caesarea Philippi). Nur so nebenbei.

    Herodes Agrippa I. (37-44) fand schon nichts mehr dabei, Münzen mit seinem eigenen Porträt prägen zu lassen.

    Diese Münzen werden Herodes Antipas zugschrieben:

    [mod]links entfernt[/mod]

    Stimmt das?

    An die Moderation: Sorry wegen der kommerziellen Links. Bitte ggf. löschen!

    [mod]Wurd' gemacht. [/mod]
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 17. Juli 2013
  16. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    Für die Münzen des Herodes und seiner Söhne schaue ich immer nach in Meshorer, Ya'akov: A Treasury of Jewish Coins,Jerusalem 2001 (darin auch Tafeln mit fotographischen Abbildungen aller Münzen).
    Man kann sich die Münzen aber auch ganz praktisch ansehen unter Home

    Für die Reichsprägungen der röm. Kaiser, in diesem Falle des Tiberius, schlage ich Kampmann, Ursula: Die Münzen der römischen Kaiserzeit, 2. Aufl., 2011 auf.

    Knappe grundlegende Erklärungen zu den Provinzialprägungen findet man z. B. hier: RPC Online: What is Roman provincial coinage?

    Für alles andere, was ich oben sonst noch so geschrieben habe, bilden vor allem die beiden großen Werke des Flavius Iosephus die Grundlage: Antiqutates/ Ältertümer (ant.) u. De bello Iudaico/ Jüdischer Krieg (bell.).
    Wie sensibel die polit. Führung der Juden mit dem Bilderverbot umgehen musste, wollte sie keine Unruhen hervorrufen, ergibt sich z. B. aus Stellen wie Ios.: bell. 33, 2 (649f) (vgl. ant. 17, 6, 3) oder Ios.: ant. 15, 8, 1f (276ff).
    Was das Herrschaftsgebiet des Philippos anbelangt, habe ich mir oben übrigens einen groben Schnitzer erlaubt: Nicht die unabhängige Decapolis südöstlich Galiläas, sondern die Landschaften nordöstlich Galiläas wie Batanäa, Gaulanitis, Trachonitis usw. bildeten die Tetrarchie des Philippos, wie aus Ios: ant. 17, 12, 4 (319) u. bell. II 6, 3 (95) hervorgeht. Die obige Schlussfolgerung bleibt allerdings dieselbe: Diese Territorien sind alle keine traditionell jüdischen, sondern man liest allerorts i. d. Sekundärliteratur, dass der syrische Teil der Mischbevölkerung den jüdischen Teil überwogen hat. Das ergibt sich schon aus der vorangegangenen Geschichte dieser Landschaften. Wenn Du nach Quellenbelegen fragst, fällt mir allerdings nur Ios.: bell. III 3, 5 (57) ein: „Dort leben Juden und Syrer untereinander“. In Panias an den Jordanquellen befand sich eine Pan-Grotte sowie ein von Herodes erbauter Augustus-Tempel – siehe Ios.: ant. 15, 10, 3 (363f) u. bell. I 21, 3 (404f). Übrigens war es Philippos, der Panias zur Stadt erhob und ihr den Namen Caesarea (Philippi) gab, laut Ios.: ant. 18, 2, 1 (28) u. bell. II 9, 1 (168).




    Das ist eine interessante Frage. Der tyrische Schekel war für die Juden m. W. ja als Tempelsteuer-Währung von Bedeutung. Mir ist bisher nur die ganz verwandte Überlegung des oben erwähnten Meshorers bekannt, dass Herodes d. Gr. solche tyrischen Schekel geprägt haben könnte. Ich werde mir das entsprechende Kapitel bei Meshorer mal durchlesen, um zu schauen, wie stark die Argumente dafür tatsächlich sind und worauf diese Zuordnung überhaupt basiert. Im Moment kann ich aber leider noch nichts dazu sagen.
     
  17. buschhons

    buschhons Aktives Mitglied

    @ Moderatoren: Weil ich's angekündigt hatte, erstatte ich hier Bericht. Falls der Beitrag aber im Faden störend wirkt, weil er in Bezug auf's Thread-Thema so Nebensächliches behandelt, bitte ich die Moderation, ihn zu verschieben.

    @ Sepiola
    Von Herodes dem Großen sind ausschließlich Bronzemünzen bekannt; nie wurden Silber-Münzen dieses jüdischen Herrschers und röm. Klientelkönigs gefunden. Das findet der Numismatiker Meshorer angesichts der polit. Größe dieses Herrschers nicht alleine seltsam, sondern auch andere Fachmänner wunderten sich schon darüber. Bisher behalf man sich mit der Erklärung, dass die Römer dem Herodes offenbar von Anfang an und konsequent das Recht, Silbermünzen zu schlagen, verwehrt haben müssen. Meshorer stellt eine neue Hypothese auf – in den Kapiteln „What about Herod's Silver Coins?“, „The Tyrian Shekel“ u. „The Tyrian Shekel Minted in Jerusalem“ aus Meshorer, Ya'akov: A Treasury of Jewish Coins, Jerusalem 2001, S. 72-78: Herodes ließ sehr wohl Silbermünzen in Jerusalem prägen und zwar jene Tyrischen Schekel (im folgenden: TS), die nach 19 v. Chr. geschlagen wurden. Da TS bis 65/66 n. Chr. geprägt wurden, muss man nach Meshorer annehmen, dass auch die Nachfolger des Herodes in der Herrschaft über Judäa die TS in Jerusalem prägen ließen. Ich will dieser Hypothese im Folgenden nachgehen:

    126 v. Chr. erlangte die Stadt Tyros Autonomie. Der Kopf des Seleukiden-Herrschers flog runter; die tyrischen Silber-Schekel wurden seitdem geziert vom Portrait des tyrischen Stadt-Gottes Herakles-Melqart auf der Vorderseite. Der Adler auf der Rückseite blieb; um den Adler herum steht stets die Inschrift ΤΥΡΟΥΙΕΡΑΣ ΚΑΙΑΣΥΛΟΥ („Tyros die Heilige und Unverletzliche“). Auf allen Münzen ist links vom Adler die Datierung zu finden, rechts stehen verschiedene Monogramme (deren Aussagen wir zum größten Teil nicht mehr nachvollziehen können).
    Zur Auflösung der Münz-Datierungen ab 126 v. Chr., die nach der tyrischen Ära gegeben sind, siehe atp-corp.com All Things Possible Corporation: Tyre Shekel Dating -by James Knox - wo allerdings die Überschrift richtig lauten müsste „Tyre Shekel Dating: TYRIAN Era ...“.
    Zum sonstigen Nachweis dieses Beginns der tyrischen Ära aus den Quellen siehe Handbuch der mathematischen und technischen Chronologie; das Zeitrechnungswesen der Völker (S. 45 unten bis S. 46 unten).

    Nun ist es so, dass es zwischen den TS vor und denen nach 19 v. Chr. (Jahr 108 der tyr. Ära) einen Unterschied in der Präge-Qualität gibt, der selbst für den Laien z. B. hier tyrian shekels - NumisWiki, The Collaborative Numismatics Project zwischen Fig. 6 und Fig. 7 gut zu erkennen ist.
    Außerdem weisen alle TS ab dem Jahr 109 der tyr. Ära auf der Rückseite rechts neben dem Adler das Monogramm KAP bzw. KP (griech. Buchstaben Kappa Rho) auf (die KP-Variante sehr viel häufiger). (Auf den TS vor dem „Bruch“ 19 v. Chr. waren an dieser Stelle wechselnde und verschiedene Monogramme zu sehen.) Bestens entzifferbar ist das KP z. B. bei Fig. 14 unter tyrian shekels - NumisWiki, The Collaborative Numismatics Project (Beispiele für frühere Monogramme auf den autonomen TS-Prägungen sind Fig. 3 bis Fig. 6). Andere Monogramme wechseln also auf den TS, während das K(A)P von 19/18 v. Chr. bis 65/66 n. Chr. durch 84 Jahre hindurch konstant auftaucht.

    So, aber was hat der TS überhaupt mit den Juden und im Speziellen mit den Herodiern zu tun?

    Der Jerusalemer Tempel war nicht nur das religiöse Zentrum der Juden, sondern auch eine Art 'Zentralbank'. Der halbe Schekel, den jeder männl. Jude ab einem Alter von 20 Jahren jährlich an den Tempel zu entrichten hatte, war eine wichtige Einnahmequelle der Tempelkasse.
    In dem Mischna-Traktat Shekalim wird die Schekel-Währung, welche allein für die Tempelsteuer akzeptiert worden war, näher definiert: Nach der Rückkehr aus dem Exil habe man die Steuer in Darcis und Selas zu entrichten gehabt, ganz am Schluss (also die letzten Jahrzehnte vor 70 n. Chr.) in röm. Denaren, in der Zeit dazwischen aber in Tebain – ein wohl auch aus phönizischen Inschriften bekannter Name für den TS. Seit der Hasmonäer-Zeit waren die tyrischen Münzen waren auch laut Mischna, Bekhoroth 8, 7 die offizielle Währung des Tempels – wohl vornehmlich deshalb, weil sie so gut wie aus reinem Silber waren.

    Als der Osten zur Zeit des Augustus fest unter römischer Herrschaft stand und die Römer die Münzhoheit innehatten, änderte sich einiges im Osten: So um 30/20 v. Chr. wurden die autonomen Silber-Prägungen mancher Städte eingestellt, stattdessen wurden die Münzen für Syrien u. Phönizien jetzt in Antiochia am Orontes, für Kleinasien z. B. in Caesarea in Kappadokien geprägt. Die letzten Sidonischen Schekel stammen aus dem Jahr 30 v. Chr., „only a few half-shekels were minted up to 42 C.E.“.

    Jetzt grundlegende Argumentations-Stränge Meshorers:
    (Rechtschreibfehler sind von mir)

    Für Meshorers Argumentation ist außerdem von Bedeutung, dass der letzte TS von 65/66 n. Chr. stammt. Dass in oder unmittelbar nach diesem Jahr in Tyros irgendeine Veränderung, irgendein polit. od. wirtschaftl. Umbruch stattgefunden hat, weshalb die TS-Prägung aufgegeben worden sein könnte, ist aus den Quellen nicht bekannt. In Judäa aber rüsteten sich die Juden zum Aufstand gegen die Römer. Tatsächlich haben die Aufständischen ab 66 n. Chr. eigene Silber-Schekel geprägt, mit der Aufschrift „Jerusalem, die Heilige“ und jüd. Inschriften u. Symbolen (ohne Portraits). Aus welchem Grund sollte also die Prägung der TS genau zu dem Zeitpunkt aufgehört haben, als die Juden eigene Silber-Schekel zu prägen anfingen, wenn nicht aus dem Grund, dass die TS-Herstellung längst unter jüdischer und nicht unter tyrischer Kontrolle war?

    Ich fasse also mal zusammen:
    Laut Cassius Dio (54, 7, 6) marschierte Augustus 20 v. Chr. in Tyros ein und versklavte die Bevölkerung. Gut vorstellbar, dass der Stadt in diesem Zuge auch das Recht verloren ging, Silbermünzen zu prägen, und dass keine TS mehr in Tyros geschlagen wurden. Auf der anderen Seite ist es für Meshorer gut vorstellbar, dass König Herodes das Recht, Silbermünzen zu prägen, besaß. Die Währung der Jerusalemer Tempel-Wirtschaft war bisher der TS. Also könnte man in Jerusalem in der Folge die TS geprägt haben, weil man nicht auf diese Währung verzichten wollte. Dazu passt, dass die TS ab 19/18 v. Chr. unverkennbare Unterschiede zu den früheren TS aufweisen. Außerdem prangt ein und dasselbe Monogramm auf allen TS ab 19/18 v. Chr., welches davor nicht auftaucht. Dann ist da die Sache, dass die TS-Produktion in dem Jahr stoppt, in welchem die Produktion der jüd. Aufstands-Schekel einsetzt.

    Man sieht also, dass Meshorers Hypothese, dass unter der Herodes-Dynastie zwischen 19/18 v. und 65/66 n. Chr. zu Jerusalem TS geprägt wurden, einiges für sich hat. Meshorers Hypothese begegnet einem im Netz und in der Literatur auch immer wieder, wird durchaus gerne übernommen.

    Aber könnte das K(A)P auf den TS ab 19/18 v. Chr. nicht auch für für KAICAP = Caesar stehen? Dann wäre es nach dem Erscheinen des Augustus in Tyros 20 v. Chr. auf den Prägestempeln hinzugefügt worden. Und vllt. übernahmen die Produktion der TS von diesem Zeitpunkt an, an welchem die Stadt ihre Freiheit verlor, die römischen Behörden, was auch wieder die Veränderung i. d. Qualität der Prägungen ab diesem Zeitpunkt erklären würde.
    Im „FORVM ANCIENT COINS“ habe ich eine sehr aufschlussreiche Diskussion zum Thema gefunden: Shekels of Tyre minted in Jerusalem
    Dort wird der Wert von Meshorers Hypothese relativiert und einige namhafte Gegner dieser Hypothese erwähnt (z. B. Donald T. Ariel). Ebenso wird die These von Brooks Levy und David Hendin genannt, dass Herodes die Tyrer beauftragt haben könnte, für ihn TS zu prägen. Unter anderem wird verwiesen auf http://www.mcu.es/museos/docs/MC/ActasNumis/Later_Tyrian.pdf Aus diesem Aufsatz von Brooks Levy verstehe ich zu wenig, wenigstens aber das hier:
     
    Zoki55, Scorpio, El Quijote und 2 anderen gefällt das.
  18. Sepiola

    Sepiola Aktives Mitglied

    Vielen Dank für die Recherche und die vielen Informationen.
    Die Zuschreibung an Herodes Antipas erklärt sich also aus Meshorers Theorie.
    Von der bin ich zwar auch nicht restlos überzeugt.

    Auch der vorhergehende Satz ist interessant:
    Die Benutzung des tyrischen Schekels beschränkte sich also immer mehr auf die Bezahlung der Tempelsteuer. Unabhängig davon, wo er geprägt wurde.

    Das passt ja auch dazu:
     
  19. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Mod/ Die Münzdiskussionen mit etliche interessanten Beiträgen (plus Folgefrage) wurden ausgegliedert aus dem Thema „War Jesus ein guter Jude“ (damit sie da nicht drin „verschwinden“). /Mod
     

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