Die sowjetischen Uboote während der Kuba-Krise

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von thanepower, 19. November 2015.

  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Das ist einfach nicht korrekt. In einem anderen Zusammenhang hatte ich auf JFK hingewiesen, der Tuchman (August 1914) gelesen hatte und ihm der Mechanismus der Eskalation im Juli 1914 im Zusammenhang mit der Kuba-Krise deutlich wurde.

    Dass er den Mechanismus der Eskalationsspirale in Richtung Krieg verstanden hatte, verdanken wir der Darstellung von Tuchmann, einer Historikerin!

    Damit hat sie als Historikerin einen atomaren Holocaust, beginnend an den Stränden von Kuba, da die sowjetischen Truppen taktische atomare Gefechtsfeldwaffen zur Verfügung hatten, verhindert. Und somit verdanken wir ihr indirekt, dass wir nicht 1961 atomar verglüht sind!

    https://books.google.de/books?id=GDo1CdsGZ8IC&redir_esc=y

    Wem das noch nicht als ausreichende Rechtfertigung für das Lernen aus der Geschichte ausreicht, der mag sich die Entwicklung der "Realistischen Theorie" der Außenpolitik ansehen (vgl. z.B. Morgenthau: Politics among Nations). In ihr wird die Erfahrung mit dem Ausbruch des WW1 seit den dreißiger Jahren (vgl. z.B. E.H. Carr: The Twenty Years Crisis) systematisiert.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Realismus_(Internationale_Beziehungen)

    Diese Theorie war für das Verständnis von Außenpolitik von Leuten wie Kennan, Kissinger oder auch H. Schmidt prägend. Und hat das Verständnis der Kalten Krieges aus der Sicht der Nato maßgeblich beeinflusst.

    Systematischer geht MacMillan das Thema an und zeigt, dass die Politik an vielen Punkten Bezüge zur Geschichte vornimmt.

    https://books.google.de/books?id=H2Fdb04-In4C&printsec=frontcover&dq=the+uses+and+abuses+of+history&hl=de&sa=X&ved=0CCMQ6AEwAGoVChMIoo7y9p2dyQIVaphyCh19Vg3s#v=onepage&q=the%20uses%20and%20abuses%20of%20history&f=false

    Ein besonders "tragischer" Fall der Fehlinterpretation von Geschichte liegt beispielsweise bei Stalin vor, der das Vorbild Bismarck auf das Agieren von Hitler projizierte und annahm, dass Hitler aus den Erfahrungen eines Zweifrontenkrieges gelernt hätte und das politische Augenmass eines Bismarck hätte. Ein fataler Irrtum, der - auch - mit verantwortlich ist für den Tod von vielen Russen nach 1941.

    Es gibt somit eine Vielzahl von Beispielen, die sehr gravierend sind, bei denen aus Geschichte "gelernt" wurde.
     
  2. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Wieso das? Hatte Wassili Archipow das Buch auch gelesen?
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Es ging dabei nicht um einzelne Entscheidungen. Eine Atomwaffe nicht abzufeuern kann auf der Basis individueller Wertmaßstäbe. Und hat somit etwas mit moralischen, ethischen oder sonstigen Wertesystemen zu tun. Und es ist unwahrscheinlich, dass ein operativ tätiger Offizier, diese vor dem Kontext eines anderen historischen Ereignisses interpretieren will.

    In diesem Kontext ging es "nur" um die Frage, was man aus der Geschichte lernen kann und ob es Beispiele gibt.

    Und dieses Beispiel hatte JFK selber angeführt.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. November 2015
  4. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Nicht? Wir verdanken alleine der einzelnen Entscheidung des Herrn Archipow, dass es damals nicht zum Atomkrieg kam.

    Völlig unabhängig davon, was Herr Kennedy gelesen hat, und was nicht.

    Welches Wertesystem Wassili Archipow dabei zu Grunde legte, wissen wir allerdings nicht.
     
  5. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Dass der Kalte Krieg kein heißer wurde, verdanken wir wohl vor allem der simplen Tatsache, dass der Einsatz von Atomwaffen selbst im günstigsten Fall einen Gegenschlag ausgelöst hätte und ein atomarer Krieg für jede Seite mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in letzter Konsequenz einem Suizid gleichkam.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Gut, dann kannst Du offensichtlich die damalige Situation besser einschätzen wie McNamara oder Fidel Castro, die sich 1992 im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz in Havanna getroffen haben, um die Kuba-Krise in der Entstehung, dem Vorlauf und den nicht erkannten Gefahren zu beleuchten. (Das entsprechende Buch, als Tagungsband, "Cuba on the Brink", wurde in #66 zitiert.)

    Und im Rahmen dieser Konferenz wurde von den hochrangingen Teilnehmern die von beiden Seiten falsch eingeschätzte Verfügungsgewalt über taktische A-Waffen bei den sowjetischen Kampfverbänden, die die "Stände" mit sichern sollte, als besonders gravierend und gefahrvoll beurteilt, da es die klassische Eskalationsleiter zum Nuklearkrieg hätte auslösen können.

    Nicht zuletzt, da die Bedrohung durch die sowjetische Mittelstrecken-A-Waffen direkt gegen die US-Küste gerichtet war und somit - neben der taktischen A-Waffen-Bedrohung - die massive Vergeltung durch die USA / Nato hätte automatisch auslösen müssen.

    Das wußte JFK nicht in dieser Detailierung, trotz Aufklärungflüge (U2 etc.) und hatte sich bewußte für die Deeskalation entschieden.

    Und nochmal: Das war ein Lernen aus der Geschichte der Eskalation des WW1 angewendet auf die Kuba-Krise.

    Das viele andere Offiziere durch "vorsichtige" Entscheidungen im Osten und im Westen bei den strategischen Waffeneinheiten richtig funktioniert haben und auch die versehentliche Auslösung des Atomkrieges vermieden haben, hat nichts mit "Lernen aus der Geschichte" zu tun.
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. November 2015
  7. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Und in 2002 änderte McNamara nach einem Moskau-Besuch seine Meinung:

     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @ Stilicho: Interessant, wie einfach doch Grundlagenwerke beseite gewischt werden, da Dir offensichtlich meine These zum Lernen aus Geschichte durch JFK nicht gefällt. Weil ich die These für richtig halte, eine erneute Antwort.

    Es wurden 4 sowjetische dieselelektrische U-Boote nach Kuba geschickt. Neben den konventionellen Torpedos hatte jedes U-Boot einen einzigen atomaren Torpedo an Bord. Diese dienten, so die taktische Auffassung der sowjetischen Marine, zum Angriff auf US-Flugzeugträger-Gruppen bzw. zur Bekämpfung von amphibischen Verbänden.

    Deswegen ist die Darstellung irreführend, weil der Eindruck erzeugt werden soll, dass es sich hier um Angriffs-Uboote gehandelt hätte mit einer atomaren Standardbewaffnung.
    Theguardian: "...who revealed that the subs approaching the blockade were carrying nuclear-tipped torpedoes"

    Vollends dubios ist folgende Darstellung:
    Theguardian: "McNamara has since discovered that when these submarine crews returned to the USSR they were severely criticised and disciplined because they had not launched nuclear weapons"

    Am 22. Oktober hatte Khrushchev entschieden, dass die 30 Schiffe mit Kurs auf Kuba zurückgerufen werden sollten. Nicht alle konnten erreicht werden und somit ließ man u.a. die 4 konventionellen U-Boote weiter auf Kurs mit Kuba.

    Relevant ist, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits einen Rückruf der Marine gab. Warum sollten somit angeblich die Besatzungen nach ihrer Rückkehr kritisiert und diszipliniert worden sein für ein Verhalten, das im Interesse der Strategie von Khrushchev lag?

    https://books.google.de/books/about/One_Hell_of_a_Gamble_Krushchev_Castro_an.html?id=ksYHt-Edc8QC&redir_esc=y

    Und folgender Ausschnitt zeigt, wie problematisch die Befehlslage auf Kuba war, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Einsatzdoktrin von A-Waffen als "normale" Gefechtsfeldwaffen während der Periode 1961.

    Auszug aus der Rezension von "One Hell of a gamble":
    "Perhaps the most controversial issue of the missile crisis remains the deployment of tactical nuclear missiles in Cuba. Did the Soviet military commander, Issa Pliyev, have authorization to use them in the event of an invasion? Apparently, even though Pliyev had not received final instructions from Khrushchev, enough ambiguity existed where they could have been used against invading forces. It was not until the 27th that he received an order that "you are forbidden to apply nuclear warheads ... without authorization from Moscow" (p. 276) Also on the 27th, a Soviet commander disobeyed instructions by firing a SA-2 rocket, thereby destroying a U-2 plane piloted by Captain Rudolf Anderson, an indication that matters were spinning out of control. Fortunately, cooler heads on both sides prevailed. None proved cooler than the American president who rejected military retaliation. He not only persistently pressed for the Soviet withdrawal of the ground-to-ground missiles, but he also pushed for the removal of all offensive weapons, including the Il-28 bombers.

    Quelle: https://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=1779
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. November 2015
  9. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Viel schlimmer finde ich die Behauptung, ausgerechnet Kennedy hätte durch seine "Besonnenheit" eine Weltkatastrophe verhindert und somit bewiesen habe, dass er aus der Geschichte gelernt habe.
    Für mich grenzt das an Geschichtsklitterung.

    Schließlich hatte er die Krise zu einem Großteil selbst heraufbeschworen.

    Kennedy hat die schärfsten seiner Hardliner gebremst. Eine Deeskalation ist dies noch nicht.
    Chruschtschow hat die Schiffe zurückgerufen, Chruschtschow war es, der einlenkte, und seine Offiziere waren es, die in unklarer Befehlslage besonnen handelten.
     
  10. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Richtig und was lesen wir in der Einleitung?

    "Three decades later, however, Soviets, Cubans, and Americans learned how close the world had come to a nuclear conflagration. At a unique conference held in Havana, Cuba, in January 1992—attended by former Kennedy administration members, Soviet participants in the crisis, and a Cuban delegation led by President Fidel Castro—Soviet General Anatoly Gribkov informed participants that, in addition to their intermediate-range ballistic missiles, the Soviets had deployed nine tactical missiles in Cuba to be used against any U.S. invasion force. Even more significant, General Gribkov stated that Soviet field commanders in Cuba had the authority to fire those tactical nuclear weapons without further direction from the Kremlin!(2)"

    Und genau das war der Streitpunkt. Vielen Dank, dass Du meine Darstellung mit diesem Hinweis bestätigst.

    Ansonsten:
    "In reality, as Robert McNamara notes, the decision-making process in Washington, as well as in Moscow and Havana, was characterized by "misinformation, miscalculation, and misjudgment." Despite management efforts, according to Theodore Sorensen, the crisis "came close to spinning out of control before it was ended."

    Und an diesem Punkt herrscht wohl Übereinstimmung.
     
  12. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Wegen der Disziplin? Der Prinz von Homburg hatte auch richtig gehandelt und wurde bestraft.
     
  13. Stilicho

    Stilicho Aktives Mitglied

    Köstlich. Das war also der Streitpunkt? :winke:

    Hab ich ganz anders in Erinnerung.

    Mein Punkt war, dass JFK das Heft des Handelns gar nicht mehr in der Hand hatte und wir den Nichtausbruch des Krieges in erster Linie Archipow zu verdanken haben. Zudem JFK eher für die Eskalation als für die Deeskalation stand.

    Dein Punkt war, dass JFK durch Lesen eines Buches zur Einsicht kam, die Welt retten zu müssen und es dann auch tat.

    Aber sicher wirst du mir mit einem halben Dutzend Links aufzeigen, dass alles ganz anders war.
     
  14. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Die Ereignisse um B-59 und die anderen 3 Foxtrotts sollten ausgegliedert werden.

    The Underwater Cuban Missile Crisis: Soviet Submarines and the Risk of Nuclear War

    Empfehlenswert ist hier insbesondere der Aufsatz im JSS* und Polmar/Moores "Cold War Submarines" zum technischen Kontext.

    *Edit: Savranskaja, New Sources on the Role of Soviet Submarines in the Cuban Missile Crisis.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. November 2015
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ja, das wäre hilfreich. Ich würde gerne in meiner "Geschichtsklitterung" fortfahren.

    Der Beitrag von Savranskaja ist ausgesprochen aufschlussreich. Zumal die Darstellung dort die Sicht in "One Hell of a gamble" noch zusätzlich differenziert, auf die ich mich bisher bezogen hatte.

    Bei Dobbs findet sich ebenfalls eine relativ aktuelle Sicht auf die U-Boot-Thematik.
     
  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zunächst geht es in diesem Thread überhaupt nicht um die Frage der Bewertung der Aktionen der Akteure. Deswegen habe ich auch überhaupt nichts zu dem Thema gesagt. Insofern ist das eine Unterstellung, ich hätte "Geschichtsklitterung" betrieben!

    Ich habe lediglich im Rahmen des Threads ausgeführt, dass JFK als Beispiel in den entsprechenden Büchern zur Außenepolitik genannt wird, dass er sich in der Kuba-Krise an der Eskalation des WW1 orientiert hatte und - im Gegensatz zu den "Hardlinern aus dem Pentagon / JCS - letzlich die Deeskalation politisch mit verhandelt hatte. Das war die These.

    Und dazu habe ich mich auf die Schultern einer Riesin - MacMillan: The Uses an Abuses of History, S. 161 - begeben und fröhne weiterhin der "Geschichtsklitterung".

    Allerdings muss ich meine ursprüngliche These erweitern. Die Beurteilung der Haltung der Sowjets durch JFK erfolgte im Licht von zwei unterschiedlichen historischen Ereignissen, so MacMillan.

    1. Die Härte der Position gegenüber den Sowjets bezog er aus den Erfahrungen des Appeasements in den 30 er Jahren (sein Vater spielte als Botschafter in London m.E. eine "dubiose" Rolle). Aufbauend auf seinen senior theses hatte JFK ein Buch publiziert: Why Englang slept, und erklärt seine Härt und Rolle bei der Eskalation der Krise. So sagt JFK "The 1930 taught us a clear lesson; aggresive conduct, if allowed to go unchecked and unchallenged, ultimately leads to war" (zitiert in: ebd. S. 161-162)

    Ansonsten: Die Kritik von "Stilicho" an dem Krisenmanagement der USA / JFK teile ich durchaus, aber das ist einfach ein anderes Thema.

    2. MacMillan ergänzt diese harte Sicht von JFK auf die Krise, indem sie auf das Buch von B. Tuchman verweist, auf das ich mich auch schon bezogen hatte. Und schreibt zu JFK: "...and he was painfully aware of how a series of mistakes and blunders can produce a major catastrophe." (ebd. S. 162)

    Auf dieses Dilemma der Außenpolitik zwischen einer harten Linie und einem ausgeglichenen Verhalten bezog sich ein paar Jahre später L.B. Johnson, als er die Optionen der USA in Bezug auf das weitere Verhalten in Vietnam beurteilte.

    Vielleicht hatte das Beispiel von JFK Tuchman inspiriert, das Buch "The march of folly/Die Torheiten der Regierenden" zu schreiben, in der Hoffnung, dass weitere Politiker aus den vielfältigen Erfahrungen der Geschichte lernen können.

    Gerade im Bereich der Außenpolitk wird bei den Entscheidungen nach "Konstanten" gesucht, auf die sich Politiker bezeihen können.
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. November 2015
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  18. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Insgesamt ist zu dem Thema zu bemerken, dass viele entscheidende Dokumente aus der Zeit der UdSSR noch unter Verschluss sind. Die Rekonstruktion der Ereignisse aus der sowjetischen Sicht basiert somit im wesentlichen auf mündlichen Darstellungen von Beteiligten, wie beispielsweise die Darstellung von Mozgovoi in der „Pravda“ (27. Juni, 1995) [4, S. 222 ff, FN 53).

    Somit sind die Darstellungen von Zeitzeugen auch immer mit einer gewissen Skepsis zu beurteilen, da die „kollektive Erinnerung“ auch gewissen Schwankungen unterworfen ist.

    Kontext:
    Die Entwicklung der Krise wurde sehr stark durch die strikte Geheimhaltung der Pläne, sowjetische Truppen und Atomwaffen auf Kuba zu stationieren, beeinflußt. Und aus der gegenseitigen Fehlwahrnehmung resultierte dann folgende Situation: „Thus was the world brought to the brink of a nuclear war through an escalating series of steps that appeared fundamental defensive to all parties concerned“. (1, S. 20)

    Diese Situation von Entscheidungen in Unkenntnis der Intentionen der Gegenseite trifft erstaunlicherweise sowohl für JFK und seinen Beraterstab zu, wie auch für die sowjetischen U-Boot-Männer, die im Rahmen der Krise agieren sollten.

    Die unbedingte Geheimhaltung führte im Ablauf der Krise zu einer Reihe von gravierenden Fehlentscheidungen, die sich in der konzeptionellen Planung von "Anadyr" und der operativen Umsetzung gravierend auswirkten.

    In der sowjetischen Planung war ursprünglich die Stationierung von U-Booten der Golf-Klasse geplant, die jedoch Ende September verworfen wurde, da die notwendige Infrastruktur für diese Klasse auf Kuba nicht fertiggestellt werden konnte.

    Stattdessen wurden die konventionellen U-Boote aus den Beständen der Nordmeerflotte geschickt, die nicht für den Einsatz im Atlantik geeignet waren und zudem nicht tropentauglich umgerüstet worden sind. Manche vermuten, das Chruschtschow selber nicht wußte, in welchem Umfang die ursprüngliche Planung reduziert worden ist und lediglich konventionelle U-Boote geschicht worden sind. (5,S. 239). Ein extrem wichtiger Aspekt, auf den noch bei der abschließenden Beurteilung zurück gekommen werden soll.

    Unmittelbare Auftrag/Befehle
    Die unmittelbare Auftragssituation bzw. die Befehle sind ein wenig „dubios“ und vor allem 3. Erscheint plausibel, der deutlich macht, dass der A-Waffen-Einsatz durch Moskau angeordnet werden muss. Dieser Aspekt ist bei Chain of Command noch zu betrachten.

    Die Nutzung von A-Waffen zur Selbstverteidigung entspringt wohl eher dem damaligen Verständnis der sowjetischen Doktrin während der Phase der Herrschaft von Chruschtschow, die auf eine Verringerung der konventionellen Streitkräfte abzielte und dafür die deutlich aktivere Nutzung von taktischen A-Waffen als „normale“ Waffen auf dem Schlachtfeld präferierte. Man hielt aus sowjetischer Sicht, einen atomaren Krieg als offensiven Krieg für möglich. Vor diesem Hintergrund sind die „persönlichen“ Bemerkungen von Vize-Admiral Rassokha wohl zu interprtieren.

    „Ryurik Ketov remembers more specific instructions: The only person who talked to us about those weapons was Vice- Admiral Rassokha. He said, ‘Write down when you should use these. . . . In three cases. First, if you get a hole under the water. A hole in your hull.19 This is the first case. Second, a hole above the water. If you have to come to the surface, and they shoot at you, and you get a hole in your hull. And the third case – when Moscow orders you to use these weapons’. These were our instructions. And then he added, ‘I suggest to you, commanders, that you use the nuclear weapons first, and then you will figure out what to do after that.’20“ (5, S. 240)

    Diese Problematik der Nutzung von A-Waffen thematisiert Savranskaya indem sie schreibt:“ „Conventional weapons could be used on the orders of the Commander- in- Chief of the USSR Naval Forces, and the nuclear weapons could be used only on special orders from the Defense Minister.21 This clearly seemed to contradict the instructions recalled by Ketov. „ Und diese Sicht entspricht auch der Darstellung von Mozgovoi und widerspricht damit überzeugend der Darstellung von Ketov (5, S. 240)

    Equipment und Befehle:
    Die 4 Foxtrots erhielten jeweils einen atomaren Torpedo, der eine Reichweite von ca. 11 Kilometer hatte. „ The four Foxtrot submarines sent to Cuba were among the first – if not the very first – in their class to carry nuclear torpedoes as part of their ammunition. (5,S. 239). Dabei kann man nur spekulieren, warum diese Bewaffnung erfolgte. Bei Nikita ergibt sich jedoch ein Hinweis, dass auch die Il-28 Bomber, die ebenfalls atomare Waffen tragen konnten, für den europäischen Einsatz über feindlichem Gebiet veraltet waren. Dennoch konnten sie, ähnlich wie die Foxtrotts, nahe der eigenen Linien agieren und eines der Ziele der sowjetischen Truppen auf Kuba, die Verhinderung einer US-Invasion, helfen zu vereiteln (6, S. 494).

    Diese Sicht wird m.E. noch dadurch unterstützt, dass es keine direkten Anweisungen für den Einsatz der A-Torpedoes während der Überfahr nach Kuba gab. Dennoch: „Another puzzle regarding the Cuban submarine mission concerns the manner in which the nuclear torpedoes would have been used. According to the commanders, no specific instructions were given about the use of the nuclear torpedoes.“ (5,S. 239).

    Wahrscheinlich sollten sie mit ihrer rudimentären atomaren Bewaffung den Ausfall kompensieren, der durch das Zurückhalten der ursprünglichen Atom-U-Boote entstand.

    Chain of Command
    Der Einsatz der atomaren Torpedos unterlag einer strikten Kontrolle, die eine individuelle Fehlentscheidung erschwerte. Der spezielle für die A-Waffen abgestellte Offizier hätte diese Waffen nur freigegeben, sofern er einen entsprechenden Auftrag durch Moskau erhalten hätte.

    „Each nuclear torpedo had a special officer assigned to it, who stayed with it throughout the journey, and even slept next to it. He was in charge of maintaining the torpedo, and had one set of keys, which were necessary to load it. He was also the one responsible for assembling the torpedo for combat use if such an order had been received from Moscow“ (5,S. 239).

    Insgesamt waren 3 Schlüssel an Bord vorhanden, die alle drei genutzt werden mußten, die A-Waffe scharf zu machen und abzuschießen.

    Ablauf
    Die Überfahrt war für die U-Boote und vor allem für die Besatzungen „extrem“. Es gab viele technische Ausfälle, teilweise herrschten an den „kältesten“ Stellen im Boot ca. 42 Grad und die Besatzung kippte reihenweise um. Durch die unbedingte Geheimhaltung konnte nur selten auf Sehrohrtiefe gegangen werden, um die Batterien aufzuladen und mit Moskau zu kommunizieren.

    Das betrifft dann auch den zentralen Aspekt, der nach der Heimkehr relevant werden sollte. Die U-Boote sollten in völliger Heimlichkeit nach Kuba kommen. Ein Bemerken oder Aufbringen durch die US-ASW wäre aus der Sicht der sowjetischen Marine, eine Verletzung ihrer Befehle gewesen. Denn diese waren, anders wie bei der Nutzung der A-Waffen, an diesem Punkt sehr eindeutig!

    „The worst fear of a submarine captain, according to the testimony of all four captains, was to be discovered and brought to the surface by an enemy ship. Not only was a discovery seen as utter humiliation, but even more importantly, it was a violation of their orders, which could bring severe consequences upon their return to the Soviet Union. The situation was made worse by the fact that Moscow did not inform the captains about the developing situation, only giving them a general outline of the crisis..“(5, S. 242)

    Die entsprechenden Informationen erhielten die U-Bootkommandanten dann auch nicht durch Moskau, sondern durch den amerikanischen Rundfunk. In den Interviews mit den U-Bootkapitänen beteuerten diese, dass sie ohne einen direkten Befehl aus Moskau, die atomaren Torpedoes nicht abgefeuert hätten. (5, S. 244)

    In diesem Kontext kam es zwischen den ca. 180 US-Booten und den 4 Foxtrotts zu gefährlichen Situationen, wobei die US-Navy, nachdem einzelne U-Boote zum auftauchen gezwungen worden sind, diese ausgesprochen aggressiv mit amerikanischen Jazz „bombardierten“ und somit den Russen ersichtlich wurde, dass sie nicht im Krieg mit den USA sind. (5, S. 246)

    Nachträgliche Bewertung
    Für die sowjetischen Besatzungen ergab sich nach ihrer Heimkehr in der Tat ein Nachspiel im Rahmen einer Untersuchung. Vor allem wurde ihnen vorgehalten, dass sie ihren Auftrag der Geheimhaltung verletzt hätte. Die Kommandanten verteidigten sich dahingehend, dass sie durch Materialverschleiß gezwungen waren, aufzutauchen. In diesem Kontext erstaunen die Hinweise, dass die Spitze des Verteidigungsministerium, die involviert waren, die technischen Möglichkeiten der 4 Foxtrotts nicht kannten bzw. nicht verstanden hatten und man ging teilweise von Atom-U-Booten aus, die von den Kommandanten geführt wären.

    Sie wurden aber nicht offiziell wegen der Nicht-Nutzung der A-Waffen kritisiert. Dieses waren wohl eher „informelle“ Stimmen – dummköpfige Hardliner - die den Einsatz von A-Waffen wohl gerne mal ausprobiert hätten. Diese Sicht war aber nicht mehr die offizielle Sicht des PB, die die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation erkannt hatte und diese reduzieren wollte. Allerdings auch weiterhin den Verbündeten schützen wollten (1, S. 22)

    Die reale Krise ging somit weniger durch die A-Waffen als solche aus, sondern dadurch, dass die U-Boote in eine extreme Situation geschickt worden sind, die menschliches Versagen aufgrund von Materialmängelnd möglich macht, wie Schlosser das für die USA – u.a. – gezeigt hat. (7)

    Resümee:
    „One has to ask a counter-factual question: what would have happened if the Soviet captains by intention or accident used their nuclear torpedoes? We have grounds to believe that the US would most likely have made a nuclear counter-response.51“ (5, S. 251)

    Und in diesem Sinne haben sich die sowjetischen Kapitäne durchaus diszipliniert und verantwortungsvoll verhalten.

    1.Blight, James G.; Allyn, Bruce J.; Welch, David A. (Hg.) (2002): Cuba on the brink. Castro, the missile crisis, and the Soviet collapse. Rev. for the fortieth anniversary. Lanham, Md.: Rowman & Littlefield Publishers.
    6. Chruschtschow, Nikita S. (1971): Chruschtschow erinnert sich. Hamburg: Rowohlt.
    4.Fursenko, Aleksandr; Naftali, Timothy J. (2001): "One hell of a gamble". Khrushchev, Castro, and Kennedy, 1958 - 1964. paperback ed. New York [u.a.]: Norton.
    5.Savranskaya, Svetlana V. (2005): New Sources on the Role of Soviet Submarines in the Cuban Missile Crisis. In: Journal of Strategic Studies 28 (2), S. 233–259.
    7.Schlosser, Eric (2013): Command and Control. Die Atomwaffenarsenale der USA und die Illusion der Sicherheit. München: C.H.Beck.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. November 2015
  19. hatl

    hatl Premiummitglied

    Danke Silesia für diese interessante Quelle!

    Es bleibt ja immer eine erhebliche Unklarheit wenn von einer atomaren Bewaffnung die Rede ist. Man kann sich da ja viel vorstellen (von 0,2 kt bis 10 Mt).
    Nachdem es sich um den Sprengkopf eines Torpedos handelte, max Reichweite 22km (bzw. 11km wie Thane bemerkt, hier allerdings B-75) , muss es sich wohl um eine Spaltungsbombe handeln. Leider ist deren Sprengkraft unklar, aber als taktische Atomwaffe im unteren Bereich einer Spaltungsbombe liegen.
    Folgt man den Ausführungen Savranskaja´s, wäre auf das Abfeuern eines solchen nuklear bestückten Torpedos wahrscheinlich eine ebenfalls nukleare Gegenantwort erfolgt. Zunächst dadurch, dass nukleare Unterwasserbomben Anwendung gefunden hätten. (wie das technisch geht ohne sich selbst zu versenken ist mir unklar. Es kann sich sinnvoll auch hier nur um ein atomaren Sprengsatz im unteren Bereich handeln)

    Zwei Umstände finde ich sehr bemerkenswert:
    Die Amerikaner gingen nicht davon aus, dass die als Foxtrot-Class identifizierten U-Boote nuklear bewaffnet sein könnten, da eine solche Ausrüstung ungewöhnlich war.
    Der andere Umstand besteht darin:
    (Hervorhebung durch mich)
    Wie es scheint, erreichte dies wohl nicht die U-Boot-Kommandanten und das "signaling" konnte naheliegend als Angriff verstanden werden.
     
  20. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Zu dem Einsatz, der Interpretation der sowjetischen Absichten und der Navy später mehr. Thane hat dazu bereits sehr ausführlich dargelegt, wie das in der Literatur gesehen wird.

    Wer sich eine plakative Vorstellung von dem sowjetischen RDS-9 als taktischen atomaren warhead im Torpedo T-5 machen will, kann den Unterwasser-Test 1955 auf YT anschauen. Die Testreihen liefen 1955/58.
    dazu: Khalturin et. al., A Review of Nuclear Testing by the Soviet Union at Novaya Zemlya, 1955--1990
    https://www.ldeo.columbia.edu/~richards/my_papers/khalturin_NZ_1-42 .pdf

    In der Navy gab es zu den US-Parallelentwicklungen einen gängigen Spruch: es gibt immer zwei Versenkungen.
     

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