Die sowjetischen Uboote während der Kuba-Krise

Dieses Thema im Forum "Blockbildung und Kalter Krieg" wurde erstellt von thanepower, 19. November 2015.

  1. querdenker SZ

    querdenker SZ Aktives Mitglied


    Bei der US-Navy war das der MK 44 Torpedo ,
    Freifallende , antriebslose , nukleare Wasserbomben wurden nur von U-Jagd Flugzeugen oder Hubschraubern abgeworfen .
     
  2. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der Mark 45 ASTOR mit dem nuklearen W34 warhead (20kT) folgte dem sowjetischen T-5 erst mit Abschluss der Entwicklung 1960, produziert ab 1963, nach der Kuba-Krise. Er hatte eine Reichweite von 15 TYards, drahtgesteuert. Auf ihn bezog sich auch der zynische Spruch von stets mindestens zwei Versenkungen.

    zB https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_45_torpedo
    oder Polmar/Moore, Cold War Submarines, S. 29.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Einige Hinweise zum Kontext der Eskalation:

    Ursprünglich war beabsichtigt, Überwasser-Kriegsschiffe den Transporten beizustellen, die zu deren Schutz und zur Stationierung in Kuba gedacht waren. Dieser Plan wurde explizit wegen der überwältigenden Überlegenheit der US-Navy aufgegeben. Ausdrücklich ebenfalls aufgegeben wurde der Plan, größere Uboot-Gruppen wegen der absehbaren Konfrontation mit der US-Navy auf den Weg zu schicken.

    Sodann war der ursprüngliche Plan, atomare Sprengköpfe (jeweils 2 bis 3) per Uboot nach Kuba zu transportieren. Das wurde wegen der mangelnden Absicherung der Besatzungen gegen Strahlung verworfen, hätte zudem ein Vielfaches an Fahrten erfordert (200 warheads insgesamt, also 70-100 Transporte).

    Die Transporte per Frachter wurden entschieden, weil man diese "im Strom" als getarnt und hinreichend sicher ansah. Ebenso wurde die U-Gruppe reduziert, allerdings (paradoxerweise?) im Gegenzug mit 4 atomaren warheads ausgestattet.

    Die Entscheidung, einen nuklearen Gefechtskopf pro "Foxtrot" beizugeben, ist schon wegen der Anzahl suspekt. Da sich mindestens ein Boot in der Nähe der Transporte aufhielt, ist wegen des Einsatzvorbehaltes auch denkbar (Verteidigungsfälle und Selbstversenkungen ("hole in the hull") mit maximalem Kollateralschaden außen vorgelassen), dass dieser gebundene Befehl für den Fall der Aufbringung und Zerstörung der Frachter gedacht war.

    Ein völliger Fehlgriff der bestimmenden Generalität (nicht Admiralität) war die Auswahl der Diesel-elektrischen Foxtrots. Alle Boote waren bei der einfach vorhersehbaren Entdeckung nicht in der Lage, wegen begrenzter Tauchreichweiten sich den Verfolgungen zu entziehen. Diese nahmen riskante und eskalierende Form an, wie hier ersichtlich:

    "Intensive U.S. search operations reported six Soviet submarines, albeit two of them on the surface and returning to the USSR. The four Foxtrot-class submarines in the Cuban area during the crisis were the B-4, B-36, B-59, and B-130. (Early Soviet plans had proposed major surface and submarine groups to support the missile deployment to Cuba. The latter was to consist of four Project 658/Hotel SSBNs and seven diesel-electric torpedo submarines—all with nuclear weapons.)
    One Foxtrot was forced to the surface after 34 continuous hours of sonar contact and harassment by the U.S. destroyer Charles P. Cecil and maritime patrol aircraft on 30–31 October...

    The Soviet submarines sought to evade detection by short bursts of high speed, radical maneuvering—including backing down and stopping, taking advantage of thermal layers, turning into the wakes of ASW ships, and releasing “slugs” (bubbles) of air and acoustic decoys. But knowing that they probably were safe from attack with lethal weapons, and not being required to carry out attacks against U.S. ships, the Soviet submarine captains were not realistically tested in a conflict situation. Also, the submarines made extensive use of radar, which they might not employ to the same extent in wartime. Extensive snorkeling also occurred with durations of one-half hour to 11 hours being detected by U.S. forces. Undoubtedly in wartime the submarines would have practiced less frequent and shorter-duration snorkel operations."

    Das sind klare Indizien. Wie in dem zitierten Aufsatz resümierend dargestellt, dürfte die größte Gefahr in Havarien und so nicht beabsichtigten Schäden oder Unfällen bestanden haben. Auch wenn zB die Granatenexplosionen in den Verfolgungen als Provokationen mit kleineren Wasserbomben interpretiert wurden, war in dem Nervenkrieg und in Kenntnis der massiven Überlegenheit der Us-Navy gegenüber den einzelnen Booten deutlich, dass die US-Schiffe keinesfalls maximale und "letale" Jagdkapazitäten einsetzten. Die Marschroute, den atomaren warhead nur auf zentrale Weisung einzusetzen, ist daher neben den Zerstörungsfällen die eigentliche Bedeutung zuzuweisen.

    Sinn machte diese Bestückung nur unter zwei Aspekten:

    - die Boote waren zur Stationierung in Kuba gedacht und waren testweise, vorsorglich und langfristig so ausgestattet, mit der möglichen Nachführung weiterer Sprengköpfe.

    - die warheads waren für den äußersten Fall der Zerstörung der Transporter oder der U-Boote gedacht
     
  4. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wirklich sehenswert. Das wären 3,5 kt bei 10 Meter unter der Oberfläche.
     
  5. hatl

    hatl Premiummitglied

    Diese Tatsache selber mag simpel gewesen sein,
    das Bemühen ihr Rechnung zu tragen aber war kompliziert und störanfällig und nicht immer frei von Widersprüchen.
    Gleichzeitig lag mit rasch steigender Zerstörungskraft immer mehr auf dem Spieltisch.
    Also simpel war das nicht, jedoch stets gefährlich.
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

  7. hatl

    hatl Premiummitglied

  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Eine Reihe von psychologischen und managementorientierte Aspekte sind mir beim Lesen in letzter Zeit aufgefallen, im Kontext zur Frage nach dem Fiasko in der Schweinebucht.

    1. Die politischen Entscheidungen sind durch einen extrem hohen "Fog of War" gekennzeichnet gewesen, auf allen Seiten. Allerdings kam auf der US-Seite noch eine gewisse handlungsrelevante ideologische Verblendung - anti-Kommunismus - hinzu, die in "wishfull thinking" sich ausdrückte.

    2. Die Entscheidungsfindung fand in einer "hysterischen" Atmosphäre statt, wie McNamara mehrfach betont. Alternativen wurden unter "realistischen" (damalige dominante außenpolitische Doktrin) Kriterien bewertet, aber die Bedrohung durch die Gegenseite dramatisch überzeichnet.

    3. In dieser Phase der Konfrontation fanden dennoch direkte Kontakte auf höchster Ebene statt (Treffen in Wien) und gleichzeitig gab es über den "Backchannel" eine sehr intensive Kommunikation mit dem Ziel der Deeskalation.

    Die handelnden Politiker haben durchaus versucht, den Konflikt für sich zu entscheiden, dennoch haben sie sich auch um die Kontrollierbarkeit der Entscheidungen über den Einsatz von A-Waffen bemüht.

    Es zeigt aber auch als politikwissenschaftliches Problem, dass es auf höchster Ebene neben der Entscheidungsinstanz zum Einsatz auch eine Instanz geben müßte, deren Aufgabe primär in der Verhinderung liegt. Also eine "Balance of Power" innerhalb der Regierung, um den "irrtümlichen" Einsatz unwahrscheinlicher zu machen, trotz udn gerade wegen der kurzen Vorwarnzeiten.

    Insgesamt war das Jahr 1961 / 1962 deswegen so gefährlich, weil für die Entscheidungen in Moskau und in Washington keine Erfahrungswerte vorlagen , an denen man sich hätte orientieren können.
     
  9. hatl

    hatl Premiummitglied

    [1] und jene Partei der Widersacher, die das weitaus größere messbare Vernichtungspotential hatte, ging näher an den Abgrund und spielte die höhere Karte.

    [2] So ist es.

    [3] Das ist die einmalige Besonderheit der neuesten, und gesamten Geschichte. Der Mensch hat bislang keine Erfahrung des eigenen Untergangs; wie könnte er auch?

    Das hat mich erstaunt. Das Ausmaß ideologischer Wirksamkeiten in den USA im betrachteten Zeitraum.
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ich verstehe den Satz nicht ganz. 2 Interpretationen sind möglich.

    1. Es hat Dich auch erstaunt. oder:

    2. Es hat Dich erstaunt, dass ich das schreibe.
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Es hat mich erstaunt.
    Denn ich dachte zunächst die "Ideologie" als solche, wäre im KK fast monopolartig von sovietischer Seite gepachtet worden.
    Es erstaunt mich wie sehr das sich bei näherer Betrachtung relativiert.
     
  12. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Vermutlich liegt es in der Natur der Sache dass man das eigene System für das "natürliche" hält, den Urzustand, zu dem letzten Endes alles führt wenn es mit rechten Dingen zugeht. Bis man dann kalt erwischt wird, wie die Sowjets. Und in Deinem (meinem auch) Fall identifiziert man sich eben mit dem "westlichen" Modell und denkt, das andere System müsse auf Irrationalität beruht haben (was ja in dem Fall auch gut begründbar ist :D ). Die objektiven Gegebenheiten sind schließlich nur ein Teil der Einflussfaktoren. Wir können uns jetzt bestätigt fühlen weil unser Modell sich durchgesetzt hat, hätte aber vielleicht mit viel Pech auch anders laufen können.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @hatl:
    Zur generellen Einschätzung ein paar Thesen. Im Prinzip erklärt sich der KK als Kampf um das Vermächtnis des 2. WW. Es sind dabei die zwei grundlegenden Konfliktlinien, die sich in Berlin und in der 3. Welt, also konkret Korea und Cuba, lokal manifestiert haben.

    Die USA /FDR sind in den 2. WW eingestiegen, vereinfacht, um ihre Vorstellung einer globalisierten Welt bzw. eines einheitlich organisierten Weltmarkt s zu realisieren. Das entsprechende Modell sollte sich dabei an der spezifischen Verknüpfung von Demokratie und Kapitalismus orientieren. Diesem angloamerikanischen Sendungsbewußtsein stand das Sendungsbewußtsein der UdSSR entgegen.

    Nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich das historische „Momentum“ positiv für die UdSSR, vor allem durch die Zunahme an Konflikten im Rahmen der Dekolonisation in der 3. Welt. Vor diesem Hintergrund fühlten sich die Vertreter einer historisch materialistischen Geschichtsauffassung empirisch bestätigt, dass der Kapitalismus weltweit auf dem Rückzug sei. Und leiteten – unsinnigerweise – aus dem Historischen Materialismus ab, dass der Kapitalismus „absterben würde“.

    Exkurs: Die hochgradige rivalisierende Sicht und das Überlegenheitsbewußsein der UdSSR bzw. das von Chruschtschow übersieht Zizek in seinem "Welt"-Beitrag. Zumal während des Treffens in Wien zwischen Kennedy und Chruschtschow genauso diese Haltung von ihm gegenüber Kennedy gezeigt wurde. Es gibt insgesamt keinen Grund, Chruschtschow`s Narrativ in die andere Sichtweise - als angeblich "ängstlichen" Politiker - pendeln zu lassen. Es würde schon reichen, ihn neutral zu analysieren und nicht zu dämonisieren, wie bereits bei Stephen F Cohen und anderen eigentlich schon die Regel.

    In den siebziger Jahren akzentuierte sich die Diskussion erneut und führte über die Diskussion der „Legitimationsprobleme des Kapitalismus“ in die Diskussion zur „Technokratiethese“ und die damit zusammenhängende Diskussion über die Angleichung bzw. Konversion der Gesellschaftssysteme.

    Diese Sicht der Überlegenheit des Historischen Materialismus vermittelten die diplomatischen Vertreter des Ostblocks auch immer ihren westlichen Kollegen und gingen Leuten wie Kennan mit dieser - fast überheblichen - Attitüde „ schwer auf den Keks“.

    Vor diesem Hintergrund, auch den Korea-Krieg und die McCarthy-Ära im Hinterkopf behaltend, muss man sehen, dass Castro 1959 an die Macht kam und die nächste Jahre im Zeitraffer

    https://de.wikipedia.org/wiki/McCarthy-%C3%84ra

    Die Entwicklung der Spannungen beschreibt Paterson in „Contesting Castro“ umfassend.

    https://books.google.de/books?id=x-lcCAAAQBAJ&printsec=frontcover&dq=contesting+castro&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=contesting%20castro&f=false

    Gerade die Nähe von Cuba zu den USA definiert die besondere Beziehung und gab Cuba einen besonderen Stellenwert im KK. Die besondere Lage führte zu einer symbolischen Übersteigerung der Bedeutung des Konflikts und drückte sich in zentralen unterschiedlichen Paradigmen aus:

    USA-Paradigma: Die USA muss in der Lage sein, sozialistische Freiheitsbewegungen erfolgreich zu bekämpfen. Wenn sie es in direkter Umgebung nicht kann, dann kann sie es nirgendwo. Es war somit einer der zwei „Schlußsteine“ – neben Berlin – in der US-Außenpolitik

    UdSSR-Paradigma: Die UdSSR müssen in der Lage sein, sozialistische Unabhängigkeitsbewegungen zu unterstützen, um die Richtigkeit ihrer historischen Mission zu belegen. Ein Scheitern hätte zum einen die Glaubwürdigkeit im sozialistischen Lager unterminiert und wäre ein empirischer Beleg gewesen gegen die Prognose vom Absterben des Kapitalismus.

    Jede Entscheidung und jede Entwicklung – pro oder contra – berührte nicht nur den lokalen Konflikt, sondern sandte Wellen aus nach Europa, nach Asien, nach Afrika und Lateinamerika und konnte dort das Bedrohungsszenario – aus der Sicht der USA – deutlich verstärken.

    Die Ausstrahlungseffekte von lokalen politischen Ereignissen kondensierte sich in dem „realistischen“ Konstrukt der Theorie der Domino-Steine.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Domino-Theorie

    Die Geschwindigkeit der Übernahme der Macht durch Castro in Cuba und die Nähe erklärt die Intensität der „hysterischen Reaktion“ von Seiten der USA, die sich vor allem in den Ländern der Dritten Welt / Blockfreien etc. in die Defensive gedrängt sahen.

    Und es erklärt auch teilweise, dass die USA nicht sehr wählerisch war, mit welchen Ländern sie kooperieren wollten gegen die Bedrohung durch die UdSSR (vgl. z.B. die Arbeiten von Naomi Klein)

    Dass Cuba dann zu einem außenpolitischen Stolperstein wurde, erklären dann wohl auch die entsprechenden internen CIA-Reports, die mittlerweile deklassifiziert worden sind (im Web leicht zu finden), die Geheimniskrämerei, Hybris, Inkompetenz und politisches Wunschdenken als Gründe für das Scheitern anführen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. Dezember 2016
    hatl und Matze007 gefällt das.
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Vielen Dank Thane.

    (Dazu, wir driften jetzt ein bisserl ab, hab ich ein paar Fragen.. und Thesen)
    War es nicht so, dass die Vorstellung, und das Kalkül, die Kapitalistischen Staaten müssten sich notwendigerweise untereinander zerfleischen, mit Stalin starb?

    Jedenfalls war das erwartete Ereignis ausgeblieben.
    Andererseits findet sich die Sovietunion innerlich erschüttert, nach der halbwegs glücklichen Demontage der schlimmsten Auswüchse des Stalinismus, ohne dass eine erneuerte Legitimität als gesichert gelten kann.
    Auch deshalb, weil man, aus der Einsicht der eigenen Unterlegenheit, eine Kriegswirtschaft weiterhin betreibt, über die der Westen längst hinweg ist.
    Ich denke, das kann man wohl so feststellen.
    .. es bleibt eine spannende Frage, ob sich Chruschtschow dessen bewusst war.?

    Eindeutiger scheint mir dessen Einsicht in das ungünstige Verhältnis des Vernichtungspotenzials,
    .. und die Einsicht in die eigene individuelle Gefährdung.
    Er ist ja immerhin ein glücklicher Überlebender des Stalin-Terrors.

    'Ängstlich' ist vielleicht in dem Zusammenhang tatsächlich der falsche Begriff.
    Angstfreier jedoch war, in der möglichen Rückschau, eher der Kennedy.
     
  15. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bisher war der Kontext schon wichtig für das Verständnis der Situation in Kuba.

    Die Antworten sind in der Tat leicht weg vom Thema.

    Im Prinzip richtig. Es entwickelte sich in der post-WW2 Phase eine relativ dynamische Wirtschaftsentwicklung, die jedoch Anfang der sechziger Jahre nachließ (vgl. H.H. Höhmann: Entwicklungsetappen in: H. Bütow. (Hrsg.) Länderbericht Sowjetunion,S. 273). Aber die Dynamik in der Selbstwahrnehmung zunächst noch nachwirkte.

    Und nach 1973 (Ölpreisschock und krisenhafte Entwicklung der westlichen Volkswirtschaften erneut für eine gewisse Zeit wieder an Bedeutung gewann.

    Mit Chruschtschow wurden eine Reihe von Reformen initiert. Es fällt in diese Phase die Abrüstung der konventionellen Streitkräfte und eine deutlich höhere Betonung der A-Waffen, auch aus ökonomischen Überlegungen.

    Parallel zur Liberalisierung im Rahmen der Entstalinisierung und der Öffnung der stalinistischen Gulags wurde eine Reihe von Wirtschaftsreformen initiert. Ihr Problem war, sie blieben in den "engen Grenzen" der staatlichen Planung und sie waren in ihren Effekten nicht konsistent und hatten deswegen nicht den erhofften Erfolg.

    Es wurde aber auch deutlich stärker auf den Konsum gesetzt, im - wieder - engen Rahmen der stark Schwerindustrie orientierten Industriestruktur. Zu dieser verstärkten Konsumorientierung der staatlichen Wirtschaftsplanung das interessante Buch von Siegelbaum, "Cars for Comrades".

    https://books.google.de/books?id=Dn8cie0kyScC&pg=PA224&dq=cars+for+comrades&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=cars%20for%20comrades&f=false

    Er ist kein "glücklicher" Überlebener. Er gehörte zu Stalin`s Team - wie beispielsweise Molotow - und war ein sehr wichtiger Akteur auch während der Säuberungen (vgl. dazu Fitzpatrick und Arch Getty)

    Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er in die Säuberungen eingebunden gewesen, so mein - aktueller - Kenntnisstand.

    Fitzpatrick, Sheila (2015): On Stalin's Team. The Years of Living Dangerously in Soviet Politics. Princeton: Princeton University Press.
    Getty, J. Arch (2013): Practicing Stalinism. Bolsheviks, boyars, and the persistence of tradition. New Haven: Yale University Press.
     
  16. hatl

    hatl Premiummitglied

    Wenn ich jetzt den" Overy - the Dictators-" richtig erinnere, dann war die von Dir beschriebene Bühnenrolle Chrustchows eine solche mit besonders hohem Risiko, das eigene Leben zu verlieren.
     
  17. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Bei Arch Getty findet sich folgende Gruppe, die er zu dem "Clan" von Stalin zählt. Dieser Begriff ist nicht willkürlich, da Arch Getty, historische Formen der Organisation von Macht in Russland auch für die politische Organisation des Stalinismus erkennt.

    Er schreibt:"His group`s original insiders were Molotov, Kaganovich, Vorshilov, Kirov, and Ordzhonikidze. In the second rank stood Mikoian and Kalinin. Members entering later included Zhadonov, Beria and Khrushchev." (Arch Getty: Practicing Stalinism, S. 168).

    Zwei Merkmale zeichnet diese Gruppe aus:
    - Stalin beschützte diese Personen und sie beschützen ihn.
    - durch Mißerfolg etc. konnte man durchaus aus der Gruppe "herausfallen", auch indem man von Stalin "entfernt" (sprich getötet) wurde.

    Das letzte potentielle Opfer wäre wohl Molotov gewesen, der in den letzten Lebensjahren von Stalin zunehmend ausgegrenzt wurde.

    In diesem Sinne ist ein Urteil über Khrushchev nicht einfach. Er ist sicherlich kein ängstlicher Politiker, er hat sicherlich Beihilfe zum Mord geleistet und gleichzeitig hat er Reformen initiert, die ihn zum liberalen Vorläufer eines Gorbatschow machen.
     
  18. hatl

    hatl Premiummitglied

    Danke Thane für die Darstellung.

    Wie Du sagst, ist die Person Krushchev ( Chrustschow) wohl nicht einfach zu beurteilen.
    Ich hab noch mal den Moshe Lewin (-The Soviet Century-) dazu gelesen.
    Nach seiner Darstellung ist es ihm ein gebliebenes Rätsel wie Krushchev Stalin überleben konnte, bedenkt man wie sehr sich die Charaktere unterschieden und wie gefährlich die Nähe Stalins war.
    Aber auch er stellt Krushchev nicht als ängstlichen Politiker dar, sondern als einen der durchaus bereit war hohe Risiken einzugehen. Dies zu sehen am Beispiel seiner 'Geheimrede' am 20. Parteitag und seinem Agieren während der Kuba-Krise. (S. 238-9)

    Der Schluss, jemand wäre deshalb eher ängstlich weil er es gewohnt war in Angst zu leben, (und 'glücklicher Überlebender'.. das war er ja), ist nicht zulässig, das sehe ich ein.
    Es könnte die Gewöhnung an das Risiko auch ebenso das Gegenteil hervorbringen.
    In jedem Falle aber, so scheint mir, wird das Bewusstsein der eigenen Verletzlichkeit in einem solchen Umfeld geschärft.
    Danke für die Literaturhinweise, ich weiß blos noch nicht welchen der beiden ich nachgehe.

    Eine Anmerkung zum Artikel von Zizek den silesia einstellte.
    Dieser lehnt sich sehr eng an sein Buch „Die Bösen Geister des himmlischen Bereichs - Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert“ an.
    Als Quellenergänzung zum Castro-Chrustschow Briefwechsel gibt er einen Link an:
    Cuba Missile Crisis / Khrushchev / Castro letters - Cuba News / Noticias / Documents - CubaNet News
    Der Briefwechsel findet sich auch hier, The Cuban Missile Crisis, 1962: Documents
    ist aber etwas umständlich zu picken.
    In gleicher Quelle findet sich auch der Briefwechsel zwischen Kennedy und Chrustschow (Khrushchev).
    Etwas einfacher hier: Cuban Missile Crisis | Historical Documents | atomicarchive.com

    Danke allen, es macht wirklich Spass,
    ...sofern man dabei einen haben kann.
     
    Zuletzt bearbeitet: 5. Dezember 2016
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vielleicht eher der Hinweis auf einen inhaltlich sehr breiten und auch positionsmäßig unterschiedliche Perspektiven vertretenden Reader von Davies und Harris. Stalin. A new History.

    https://books.google.de/books?id=LXo-0FUpZccC&printsec=frontcover&dq=stalin+a+new+history&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=stalin%20a%20new%20history&f=false

    Ansonsten ist natürlich Fitzpatrick: In Stalin`s Team zu empfehlen. Das Buch von Arch Getty: Practicing Stalinism beschäftigt sich primär mit der Säuberung in den 30er Jahren und sollte parallel zu Khlevniuk: The history of Gulag gelesen werden. Wenn man denn so engagiert einsteigen möchte, aber man bekommt m.E. hervorragende Historiographie geliefert von Leuten, die die sowjetischen Archive nicht nur von Außen kennen.

    Zu dem angesprochen Dokumentenband. Habe mal die Seiten nachgesehen und sie sind wie folgt:

    1. Castro an Khrushchev 26.10.1962 / S. 189
    2. Khrushchev an Castro 30.10.1962 / S. 243
    3. Castro an Khrushchev 31.10. 1962 / S. 244

    Vielleicht hilft es beim suchen.
     
  20. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Noch mal zur Abfolge der Briefe und zu dem Inhalt.

    Es ist festzuhalten, dass am 28.10. 1962 sich Kennedy und Chrustschow gegenseitig die Einigung bestätigen und somit die Krise diplomatisch beendet war (S. 223 und S. 230).

    Zwei Tage vorher hatte Castro am 26. 10. den Brief geschrieben, in dem er fast beiläufig darauf hinweist, dass ein Angriff auf Kuba auch einen "first nuclear strike" auf die Sovietunion beinhalten könnten und damit die Frage der Preemption stellte.

    Die Motvation von Castro erscheint eindeutig, indem er den Angriff auf Kuba zur Überlebensangelegenheit für die UdSSR macht. Und somit den Beistand erzwingen will, da Kuba auf sich gestellt einem entschiedenen Angriffskrieg durch die USA hätte nicht standhalten können. Nebenbei wäre dieser potentielle Angriff in der Tat wohl völkerrechtswidrig gewesen (wie bereits auch der Angriff in der Schweinebucht) , Monroe-Doktrin hin oder her.

    Neben dieser "rationalen" Sicht mischt sich aber auch - so meine Einschätzung - eine übersteigerte ideologische Sicht in die Bewertung von Castro. Und es ist durchaus vorstellbar, dass er in einem Umfeld sich bewegte, das sich - ebenfalls wie in Washington - durch hysterisch überzeichnete revolutionäre und nationalistischen Attitüden auszeichnete.

    Die kubanische Revolution speiste sich aus einer Mischung aus Nationalismus und revolutionärem sozialistischem Habitus. Aufgrund des Interaktionseffektes dieser beiden Ideologie, die Nationalismus mit dem Anspruch der Weltverbesserung verbunden haben, war das "ideelle Gut" der kubanischen Revolution höher in seiner sakralen "Reinheit" einzuschätzen wie die Gefahr der Vernichtung der restlichen Menschheit.

    In diesem Sinne ist es gut, dass Chrustschow sich seinen "revolutionären" Elan - sofern jemals vorhanden - abgestoßen hatte und die Ziele der sowjetischen Außenpolitik unterhalb der Eskalation im Rahmen eines atomaren Krieges eingeordnet worden sind.

    Wobei als Randbemerkung zu bemerken ist, dass zu dem Zeitpunkt die WP-Truppen in Mitteleuropa in der Doktrin und der Beschaffung von Ausrüstung auf die Führbarkeit eines atomaren Krieges unter Chrustschow zusteuerten.

    Es zeigt einmal mehr wie widersprüchlich viele Entwicklungen sind und die Historiographie sich davor hüten muss, eine "geschönte" - auch unbewußt - Sichtweise auf eine Periode zu erzeugen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 6. Dezember 2016

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