Dr. Konrad Morgen

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von Gast, 20. Mai 2009.

  1. Netschajew

    Netschajew Gesperrt


    @ Plautus

    hier haben die kritischsten aller Kritiker in Bezug auf die Nazi- und Kriegsverbrecher ein "Urteil" gesprochen.

    Buchenwald aus Tätersicht

    Net
     
  2. jschmidt

    jschmidt Neues Mitglied

    Raphael Gross: Anständig geblieben - Nationalsozialistische Moral (bpb 2010) geht im 7. Kapitel ("Die Ethik eines wahrheitssuchenden Richters", S. 143-170) ausführlicher auf Konrad Morgen ein.
     
  3. Melchior

    Melchior Neues Mitglied


    Ich habe, den Thread aufgreifend, den mein Mitdiskutant gestern reaktivierte, etwas recherchiert und fand zu Dr. Konrad Morgen noch nachstehende Rezension zu der Buchempfehlung die ich im Januar des vergangenen Jahres hier geschrieben habe. Schon bemerkenswert, daß ein historischer Roman von einem wissenschaftlichen Institut rezensiert wurde.

    M.

    "Fiktive Memoiren einer
    zweifelhaften Karriere
    Volker Harry Altwasser


    Letzte Haut.
    Roman
    Berlin: Verlag Matthes & Seitz, 2009,
    476 S., € 22,80
    Der Stoff von Volker Harry Altwassers
    historischem Roman

    Letzte Haut ist zweifellos
    aufsehenerregend. Ein SS-Richter ermittelt,
    ausgestattet mit einem Geleitbrief Heinrich Himmlers, ab
    1943 in Buchenwald und anderen Konzentrationslagern gegen der
    Korruption verdächtige Angehörige der SS. Erzählt wird aus der
    Perspektive des Rückblicks, den Kurt Schmelz, wie Altwasser seinen
    nach dem historischen Vorbild Konrad Morgen (1909–1982) gestalteten
    Protagonisten nennt, auf seine Ermittlungen als SS-Richter
    wirft. Im Zentrum dieser Erinnerungen steht die Vorbereitung eines
    Verfahrens gegen den ehemaligen Lagerkommandanten von Buchenwald,
    Karl Koch, der nicht nur der im großen Stil betriebenen Veruntreuung
    von »Reichsgütern« – gemeint sind den Häftlingen geraubte
    Wertgegenstände –, sondern auch des nicht befohlenen Mordes an
    Häftlingen sowie vor allem an Mitgliedern des Wachpersonals verdächtigt
    wird. Tatsächlich wurde Koch noch vor der deutschen
    Kapitulation aufgrund der von Morgen und seinen Mitarbeitern
    vorbereiteten Anklage von einem SS-Gericht verurteilt und hingerichtet.
    Diese historische Randnotiz zum Holocaust erscheint so
    spektakulär wie unheimlich, wird hier doch die Frage nach dem
    Rechtsverständnis eines SS-Richters aufgeworfen, der gegen seine
    eigene Organisation ermittelt, ohne jedoch deren eigentliche Verbrechen
    zu verfolgen.
    Die Literaturkritik in Deutschland hat auf Altwassers von seinem
    Gegenstand her monströsen Text zwiespältig reagiert, darin
    vergleichbar der Debatte um Jonathan Littells Roman

    Die Wohlgesinnten
    (dt. 2008). So wurde dem 1969 in Greifswald geborenen
    späteren Absolventen des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig
    attestiert, sowohl eine geschmacklose Parodie auf den Holocaust
    geschrieben zu haben als auch ein mutiges Buch. Beide Werturteile
    beziehen sich auf Kategorien, die nicht primär von der Ästhetik
    des Textes ausgehen, sondern auf das vermeintliche Skandalon
    reagieren, dass hier eine Täterperspektive konstruiert wird. Freilich
    bringt die literarische Darstellung einer vergangenen Wirklichkeit,
    insbesondere einer erinnerungspolitisch aufgeladenen, immer ein
    zusätzliches Kriterium der Beurteilung mit ins Spiel, das nicht ausschließlich
    ästhetisch geklärt werden kann und mit dem Begriff der
    »Angemessenheit« nur unzureichend erfasst ist. Pointiert gefragt:
    Wird in Altwassers Roman durch die eingenommene Perspektive
    die SS verharmlost oder der Holocaust relativiert?
    In dieser Hinsicht ist dem Roman nichts vorzuwerfen. Altwasser
    hat seinen Protagonisten Kurt Schmelz als überaus zwiespältige
    Gestalt angelegt, und die Darstellung einiger Verbrechen an
    Häftlingen gehört sicher zu den überzeugendsten Passagen des Romans.
    Strafversetzt an die Ostfront, mutiert Schmelz zur Tötungsmaschine,
    und seine Motivation für die späteren Ermittlungen beruht
    nicht auf dem Wunsch einer Verbesserung der Haftbedingungen für
    die Häftlinge, sondern auf Karrierehoffnungen auf eine Position im
    Justizministerium. Für dieses Ziel geht der idealistische Ankläger
    und vaterlos-autoritätshörige Protagonist über Leichen.
    Die
    fiktive Rahmenhandlung zeigt Schmelz Jahrzehnte später



    an der Hautkrankheit Morbus Behcet leidend, die er selbst allerdings
    als Folge einer Schuld interpretiert, die er während des Nationalsozialismus
    auf sich geladen hatte. In seiner Wohnung liegend,
    von seiner Frau verlassen, reißt er sich die Haut vom Leib. Der Dramaturgie
    eines Kriminalromans folgend, wird erst im letzten Drittel
    des Romans schließlich offenbart, worin die Schuld des Richters
    bestand. Um Kochs wichtigsten Mittäter, den Lagerarzt und
    SS-Hauptsturmführer Waldemar Hoven (1903–1948), zu überführen,
    hatte Schmelz/Morgen angeordnet, vier sowjetischen Kriegsgefangenen
    das von Hoven benutzte Gift zu injizieren und so dessen
    Morde durch weitere Morde zu beweisen. Tatsächlich ließ der
    historische Konrad Morgen vier Häftlinge töten, worüber sich auch
    ein Hinweis in Eugen Kogons

    Der SS-Staat (1946) findet. Morgen
    trat später sowohl bei den Nürnberger Prozessen als auch im Frankfurter
    Auschwitz-Prozess als Zeuge auf, ohne selbst jemals angeklagt
    zu werden.
    In seiner 1936 publizierten Dissertation

    Kriegspropaganda und
    Kriegsverhütung

    hatte Morgen nicht nur den Zusammenhang zwischen
    Macht und Rechtsprechung thematisiert, sondern auch eine
    Apologie des nationalsozialistischen Völkerrechts verfasst. Der anfangs
    vom Nationalsozialismus öffentlichkeitswirksam propagierte
    Verzicht auf Kriegshandlungen gilt ihm als »weltanschaulich begründet
    « und damit als zeitlos gültig. Der Nationalsozialismus habe
    seinen »Heroismus der Aufopferung nach innen getragen«, und
    obwohl dieser angeblich niemanden bedrohe, entwirft Morgen die
    Vorstellung einer Kraft, durch die das deutsche Volk in der Lage
    sei, eine »Welt von Feinden in den Staub« zu werfen – und damit
    nichts anderes als das bekannte Muster vom Krieg aus Notwehr.
    Auf den wenigen Seiten, mit denen Altwasser aus der Sicht eines
    von Schmelz imaginierten Enkels – einer forcierten Verwässerung
    der Erzählperspektive – auf die Dissertation eingeht, wird sie dagegen
    als ein vehementes Plädoyer für die Trennung von politischer
    Führung und Justiz gedeutet. Das Beispiel lässt sich als Illustration heranziehen für das geringe Interesse Altwassers an einer Rekonstruktion
    der ideologischen Vorstellungen Konrad Morgens. Am
    wenigsten aber zu überzeugen vermag die Entscheidung, im Kapitel
    über Schmelz’ Erfahrungen an der Ostfront lauter Landser nach
    deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts zu benennen – wie den Rottenführer
    Grass, den Schützen Walser oder den Kanonier Köppen.
    Das Verdienst des Romans besteht gleichwohl in der eindrücklichen
    Darstellung einer außergewöhnlichen Täterbiogra

    fi e, die Ambivalenzen
    zulässt, letztlich aber dem aus der aktuellen Täterforschung
    bekannten Muster von Idealismus und Karrierestreben folgt.

    Hans-Joachim Hahn
    Leipzig"

    http://www.fritz-bauer-institut.de/fileadmin/user_upload/uploadsFBI/einsicht/Einsicht-02.pdf


     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Mai 2011
  4. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

Diese Seite empfehlen