Ebnete die Appeasement-Politik den Weg in den 2. Weltkrieg?

Dieses Thema im Forum "Die Zeit zwischen den Weltkriegen" wurde erstellt von Mik1994, 16. Juni 2013.



  1. Mik1994

    Mik1994 Gast

    Hey,

    ich bin Abiturientin in Baden-Württemberg. Das Thema für meine Präsentationsprüfung in Geschichte (10 min Vortrag, 10 min Kolloquium) ist folgende Frage: Ebnete die Appeasement-Politik den Weg in den 2. Weltkrieg?

    Meiner Ansicht nach nein, da schon in "Mein Kampf" sowie 1936 in der Denkschrift zum Vierjahresplan und 1937 in der Hoßbach-Niederschrift vom Krieg die Rede ist. Hitler wollte Krieg um jeden Preis, sodass er es wohl auch ohne das Entgegenkommen Großbritanniens geschafft hätte.

    Aber ich wollte eure Meinung hören, vielleicht könnt ihr mir noch ein paar Ideen/Impulse geben.

    Meine Gliederung sieht so aus:
    1. Definition des Begriffs „Appeasement-Politik“
    2. Stationen der Appeasement-Politik
    2.1 Akzeptanz der Revision des Versailler Vertrags
    2.2 Höhepunkt der Appeasement-Politik
    3. Motive Großbritanniens
    3.1 Politisch
    3.2 Gesellschaftlich
    3.3 Wirtschaftlich
    4. Fazit

    Da ich die Präsentation schon am Donnerstag (20.06.) halten muss und für meinen Schnitt mind. 11 Punkte schaffen möchte, eilt es.

    Vielen lieben Dank für eure Rückmeldung!
     
  2. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Die Motive Großbritanniens sind schon mal sehr wichtig. Aber du solltest die Motive Hitlers und Görings nicht vergessen. Auch nicht die Motive der anderen Staaten, die an den Verhandlungen, z.B. der Münchener Konferenz teilnahmen. Italien ist da auch nicht ganz unwichtig.
     
  3. Mik1994

    Mik1994 Gast

    Dankeschön.

    Aber Italien war doch Bündnispartner (span. Bürgerkrieg, Stahlpakt).
    Der Hauptakteur der Appeasement-Politik war doch GB ...

    Oder hab ich das falsch verstanden?
     
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    "Ebnen" würde ich als "den Weg freimachen" verstehen.

    Dann könnte man nach einer Präzisierung fragen, was hier eigentlich "freizumachen" war.
     
  5. Mik1994

    Mik1994 Gast

    Ja, als freimachen würde ich das auch verstehen.

    Und dem könnte man ja entgegensetzen, dass Hitler sich selbst den Weg freigemacht hat und die Appeasement-Politik unter anderen Umständen auch funktioniert hätte.
     
  6. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Nein, du hast da nichts falsch verstanden. Aber genau deshalb ist die italienische Rolle ja so interessant. Und Achtung, der "Stahlpakt" ist erst nach Abschluss des Spanischen Bürgerkrieges geschlossen worden. Erwähne wenn lieber den AntiKomIntern-Pakt.
     
  7. BoxfreshSuede

    BoxfreshSuede Neues Mitglied

    Hätte da ein paar Fragen, die wahrscheinlich auch im Interesse von Mik1994 sind und sich auf Appeasement beziehen. Mache am Donenrstag ebenfalls mein Abitur über des selbe Thema, nur mit anderer Leitfrage( resultierte Appeasement aus Schwäche?)

    1. Wer appeast denn genau und warum? (wenn man das so verallgemeinern kann, auch auf Appeaser nach 3. Reich bezogen)

    2. Welche Alternative zu Appeasement gab es 1938 ? ( außer einem Präventivkrieg ?!)

    3.Wie reagierten andere Länder auf die Appeasement-Politik von GB und inwiefern waren sie in dieser involviert? (va. bezogen auf die Großmächte)

    4. Warum galt die Politik von GB eigentlich als Inbegriff von Appeasement und warum lässt man Frankreich da so außen vor? Bzw. : Warum handelte nur GB damals (richtig) ?

    5. Die Rolle der USA Und SU für Appeasement-Politik?

    6. Was waren denn Motive anderer Staaten bei solchen Verhandlungen?


    Habe wirklich schon viel gelesen über das Thema, aber zu diesen Fragen will die Literatur und auch diverse Internetseiten nicht Antwort geben.

    Wäre für Antworten echt sehr dankbar!
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    zu 1. Man wird auch den "humanistischen" Hintergrund von Chamberlain sehen müssen, der durch eine eigene Hochrüstung, als Antwort auf die Herausforderung durch Hitler, nicht die Grundlagen der britischen Gesellschaft gefährden wollte, den sozialen Konsens. Er befürchtete durch eine Hochrüstung das zu zerstören, was er durch die Rüstung schützen wollte. Eine für mich persönlich sehr staatsmännische und weise Sichtweise (und so ganz anders wie manche "Sicherheitsexperten" heute Probleme lösen).

    zu 2. Keine. Ein Präventivkrieg stand nicht zur Debatte, da Belgien neutral war. Vor allem bedeutete sie Zeitgewinn, da das Empire sich neu strukturierte und ebenfalls die RN. Man darf auf keinen Fall den fernen Osten in diesem Kontext übersehen und den Versuch von GB, sich gegen den Verlust seiner Rolle als Weltmacht zu stemmen.

    Zudem wird man den WW1 als Kontext heranziehen müssen, den die westliche Welt nicht wiederholen wollte, da sie die destabilisierenden Effekte der unmenschlichen Kriegsführung fürchtete.

    Und natürlich die extrem hohen Kosten, die ein zukünftiger Krieg verschlingen würde.

    zu 3. Von FDR gab es tendenziell Zustimmung zu Politik von GB, wenngleich diese Beziehung auch durch die Frage der Kriegsschulden von GB in den USA nicht unproblematisch war.

    Wie gesagt. Wichtig in dieser Situation ist die Rolle von Australien, das die Bedrohung durch Japan sah, die von Südafrika und von Kanada. Tendenziell wurde das Zentrum (London) durch die Peripherie (ex-Kolonien) eher zum Appeasment in Europa gedräng.

    zu 4. Im Prinzip muss man F mit einbeziehen, da es keine isolierte militärische oder politische Lösung gegenüber Hitler anstrebte.

    5. Man sollte das Problem "UdSSR" nicht übersehen. Sie wurde in München ausgegrenzt und somit tendenziell 1938 eine Lösung "zusammen" mit Hitler gefunden, die den konservativen Kreisen in GB sympathischer war, wie eine Lösung im Zusammenspiel mit der UdSSR. Dieser "ideologische" Strang der Begründung der Außenpolitik von Chamberlain sollte auch betrachtet werden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. Juni 2013
  9. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Thanepower hat schon die Stichworte gegeben. schau Dir vielleicht mal dieses vertiefend zu den Akteuren (auch den USA) an:

    Schröder: Economic Appeasement. Zur britischen und amerikanischen Deutschlandpolitik vor dem Zweiten Weltkrieg, VfZ 1982, 82-97.

    Download: Heft 1/1982:
    Institut für Zeitgeschichte: VfZ-Download (1953-2006)
     
  10. BoxfreshSuede

    BoxfreshSuede Neues Mitglied

    Vielen Lieben Dank für die schnelle Antwort!! Hat mir wirklich sehr geholfen @thanepower

    Auch @silesia dankeschön! Werde mich damit befassen.

    Wenn noch jemand etwas zu den Motiven von Italien bei der Münchener Konferenz 1938 weiß, wäre ich nicht abgeneigt diese zu erfahren. ;-)

    Trotzdem schonmal Dankeschön!

    Lg
     
  11. Mik1994

    Mik1994 Gast

    Wow, mein Thema fand ja enorme Resonanz. :) Danke für die tollen Beiträge, dank euch ist mein Vortrag so gut wie fertig.

    Zu der Alternative zur Appeasement-Politik: Ich stimme thanepower zu, ein Präventivkrieg stand von Anfang an nicht zur Debatte (allein wegen der Kriegsmüdigkeit!).
     
  12. hatl

    hatl Premiummitglied

    Churchill sah das anders.
    Im Vorwort (März 1948) zu seinem Buch "Der Zweite Weltkrieg" schreibt er:
    "Eines Tages sagte mir Präsident Roosevelt, daß er die Öffentlichkeit um eine Anregung ersuche, wie der Krieg benannt werden solle. Ich erwiderte sofort << Der unnötige Krieg.>> Niemals hätte sich ein Krieg leichter verhindern lassen als dieser, der eben alles vernichtet hat, was von der Welt nach dem vorangegegangen Kampf noch übrig geblieben war."

    Nach Churchill ist ein falsch verstandener Pazifismus eine Grundvoraussetzung für Hitlers Erfolg.
    Aus seiner Sicht war es ein tragisches Versäumnis, Hitler erst dann in die Schranken zu weisen als schon so spät war, dass ein Überlebenskampf der zivilisierten Welt unausweichlich war,
    während es z.B. bei der Rheinlandbesetzung 1936 noch ohne weiteres möglich gewesen sei.
     
  13. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    @hatl: Churchill ist Partei im Rahmen der "Guilty Men" - These. Insofern ist er absolut keine objektive Quelle.

    Guilty Men - Wikipedia, the free encyclopedia

    Auch militärisch ist das nicht korrekt, da GB begann aufzurüsten und den temporären Rüstungsvorsprung des 3. Reichs zu kompensieren.

    Wenngleich die Rüstungsprogramme unterschiedlich strukturiert waren, die Budgets waren ca. 39 in einer vergleichbaren Höhe.
     
  14. hatl

    hatl Premiummitglied

    Da hast wohl recht.
    Churchill ist subjektiv.

    Andererseits war er aber immer mal wieder sehr weitsichtig und brachte in seiner Rede in der BBC Nov. 1934 rückblickend die richtige Analyse.
    http://archive.org/download/Winston...ston_Churchill_The_Threat_Of_Nazi_Germany.mp3

    Immerhin wird der Vermutung der Threaderöffnung
    durch einen geschichtlichen Hauptakteur bereits vor dem ganz großen Drama widersprochen.
    Hierzu auch eine Churchill-Rede knapp ein Jahr vor dem Überfall auf Polen.

    Das ist zwar nicht die Objektivität eines Historikers, sondern die Subjektivität eines parteiischen Politikers,
    jedoch sollte der Appeasement-Gegner Churchill recht behalten.

    hatl

    Inwiefern Churchill Miturheber oder Protagonist des Guilty Men - Wikipedia, the free encyclopedia war, ist Deiner Quelle nicht zu entnehmen.
    Ich würde auch vermuten, dass das nicht seinem Stil entsprach.
    Jedenfalls beurteilt er in seinen biografischen Erinnerungen Chamberlain mit großem Respekt.

    Danke für den Link und das Stichwort "Guilty Men", welches ich noch garnicht kannte.
     
  15. Mik1994

    Mik1994 Gast

    Lieber hatl,

    danke für dein Engagement. Natürlich vertritt Churchill als größter Gegner der Appeasement-Politik eine andere These. Im Nachhinein ist man immer schlauer.

    Aber ich versuche aus Sicht der Appeaser zu argumentieren. Ich sage auch nicht, dass Churchill Unrecht hätte oder Chamberlain Recht. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Geschichte versucht ja nicht, eine Meinung absolut zu setzen, sondern verschiedene Blickwinkel aufzuzeigen.

    Insofern ist dein Einwand zwar berechtigt, widerlegt aber nicht meine Argumentation. Vielen Dank dafür, vielleicht kann ich ihn für mein Kolloquium brauchen.
     
  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Über Stil kann man streiten und auch über den Opportunismus der politischen Sichten von Churchill.

    Als Finanzminister war er am Ende der "Ten-Year-Rule" bis 1928 entschieden dafür, das Militärbudget zu beschränken.

    Danach nahm er zunächst in den dreißiger Jahren kein Regierungsamt mehr wahr. Und Churchill war politisch ein durchaus flexibler Zeitgenosse, wie u.a. seine Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Parteien auch erahnen läßt.

    Diese Periode der politsichen Neuausrichtung fiel zusammen mit den gravierenden Auswirkungen der Welt-Wirtschaftskrise und bereits 1936 wollte die Regierung den Verteidigungsetat deutlich erhöhen. Nicht zuletzt aufgrund der Krise 1932 in der Mandschurei, die einen "Startschuss" für Rüstungsprogramme in Europa gab.

    Neben Churchill und anderen war es vor allem auch Vansittart, der ein deutlicher Kritiker des Appeasements war.

    Robert Vansittart, 1st Baron Vansittart - Wikipedia, the free encyclopedia

    Und auch in diesem Fall widersprach der Finanzminister, obwohl er nicht Churchill hieß (vgl. Neville, S. 122ff).

    Hitler And Appeasement: The British Attempt To Prevent The Second World War - Peter Neville - Google Books
     
    Zuletzt bearbeitet: 18. Juni 2013
  17. Mik1994

    Mik1994 Gast

    Morgen ist meine Prüfung und ich wollte mich bei euch bedanken, dass ihr mir so viele Denkanstöße gegeben habt.

    LG Mik
     
  18. hatl

    hatl Premiummitglied

    klasse Link, sehr lesenswert.
    Daraus:
    Es ist ja wohl durchaus so, dasss die, heute Appeasement-Politik genannte Haltung, das war, was man gemeinhin als "Realpolitik" bezeichnet.
    Diese Haltung war rational begründet und nicht etwa der Ausdruck ängstlicher Feigheit im Sinne des später gebrauchten Begriffs des "Appeasement" als aussenpolitisches Schlagwort.

    Dass diese Realpolitik aussenpolitisch einen rational handelnden Widerpart voraussetzt scheint mir naheliegend anzunehmen.
    Hier sind grundlegende Unterschiede zwischen den damaligen Einschätzungen zu sehen.
    Insgesamt aber weist der Link auch darauf hin, dass die vorherrschende Ansicht der Geschehnisse auf eine entsprechende Rationalität des Hitlerregimes baute.

    Thanepower,
    Deinen Link zu Peter Neville ich angelesen.
    (Dazu OT: leider kann ich Google-Books nicht auf meinen Tablet lesen, sondern nur am PC. Ich les halt gerne im Liegen....
    Liegt das an einer fehlenden App oder geht das nicht mit Android?)
    Ich hab mir überlegt ob ich das Buch kaufen soll und würde gerne wissen, ob Du das Buch empfiehlst.

    hatl
     
  19. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

  20. Mik1994

    Mik1994 Gast

    Danke noch einmal!

    Ihr habt mir wirklich riesig geholfen!

    Ich hab es geschafft und noch eine viel bessere Note als ich erwartet hätte *freu*

    Ich danke im Besonderen thanepower, der noch weitere Links und Anstöße geben konnte, die mir auch im Kolloquium geholfen haben.
     

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