Elsaß-Lothringen 1871-1918

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Gandolf, 26. Mai 2005.

  1. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied


    Beim Thema Festungen sollten auch noch folgende auf "französischer"* Seite erwähnt werden:

    • Toul, das einstige Tullum der Römerzeit, besitzt große von Vaubau angelegte Befestigungsanlagen: Fichier:Toul Vue aerienne.jpg - Wikipédia
    • Verdun besitzt ebenfalls große Befestigungswerke, ebenfalls von Vauban angelegt, wurden diese nach 1870 massiv ausgebaut. Im 1. Weltkrieg wurde die Festung Verdun unter massiven Verlusten gehalten. Ca. 300.000 deutsche und französische Soldaten sind hier gefallen.


    *die Teile Lothringens, die von 1871 bis 1918 nicht dem Reichsland Elsaß-Lothringen angehörten
     
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    nicht so ganz ;)
    die spätbarocken bastionären Befestigungen von Verdun spielten im 19. Jh. keine Rolle mehr (allenfalls als Depots) - der nach dem Krieg 70/71 von Séré de Rivières konzipierte Fortgürtel lagerte die Festungsanlagen weit außerhalb der Stadt an, wie es in dieser Zeit üblich war (Gegenmaßnahmen gegen die gezogenen Geschütze) vergleichbar mit dem äußeren Fortgürtel von Köln oder Warschau; es handelte sich um modifizierte Schemaforts, so genannte "Biehler Forts": der französ. Festungsbau verabschiedete sich vom veralteten Vaubanschen Bastionärsystem (was der dt. Festungsbau schon ab ca. 1830 - Koblenz - getan hatte) Die eigentliche Festung Verdun, ein Gürtel von Forts und Zwischenwerken, wurde in den 70er Jahren des 19. Jh. angelegt. Mit der Brisanzkrise um 1885 musste die Festung erneut erweitert werden und wurde zudem mit Beton/Stahlbeton verstärkt: das waren typische Maßnahmen, die mal allerorts im Festungsbau benötigte. Bis zum Ersten weltkrieg wurde Verdun dann immer weiter verstärkt, indem die äußeren Forts weitere Zwischenwerke und Zwischenbatterien (Ouvrages) erhielten: man näherte sich so den modernsten Festungen wie Metz an.
    Alle diese Veränderungen sind an den heute zugänglichen Festungsanlagen ablesbar, so findet sich in Verdun baugeschichtlich alles vom Schemafort der biehler Ära bis zum Panferfort und (nahezu) der gesplitteten Befestigungsgruppe - - und ja, Verdun war massiv ausgebaut: Fort Douamont hilet dem Beschuß mit dem größten Festungsgeschütz, der dicken Bertha, stand; man kann sagen, dass die ungeschickt belagerte (weil nicht umschlossene) Festung letztlich erfolglos belagert oder berannt wurde. Die große "Materialschlacht" um Verdun - eine Belagerung des massivst befestigten Frontverlaufs.
     
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  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied


    Nachtrag:
    hier eine kleine Übersicht zur Festung Verdun
    verdunforts
    die spätbarocke, dann verstärkte Zitadelle, erhielt unterirdische Verstärkungen im ersten Weltkrieg und wurde als Depot und "Unterstand" genutzt:
    Zitadelle Verdun
     
  4. TimFrancis

    TimFrancis Neues Mitglied

    Alles was hier von Gandolf steht, ist in hohem Maße richtig. Das Deutsche Reich, wo die preussische Politik und Art tongebend waren, verhielt sich auf mannifaltige Weise im Reichsland nicht vernünftig. Dazu aber möchte ich die folgenden Punkte hinzufügen:

    1 Eine erhebliche militäre Präsenz im Reichsland - besonders im neuen Grenzgebiet - war wegen weiterer Versuche auf Seite Frankreichs den Frankfurter Vertrag zu untergraben nötig. Jedoch war vermutlich der Charakter dieser Präsenz viel zu stark und berücksichtigte nicht genug die 'Elsässische Volksseele' (Friedrich Lienhard, Jugendjahre). Edouard Teutsch, Abgeordneter ab 1874 im Reichstag warf dem dt. Reich und implizit Preussen vor 'siegestrunken' zu sein. (Reichstagsprotokolle) Das waren sie auch, denn wer hätte 1870 geglaubt, das die von Preußen geführte Koalition so schnell und definitiv Frankreich niederlegen würde?

    2 Nach der frz. Abtretung Elsass-Lothringens musste das neugegründete Reich eine Verwaltung in EL schnell bilden. Beamte mussten aus den altdt. Bundesstaaten geholt werden, und zeitgenössische Berichte weisen darauf hin, dass man diejenigen schickte, die man eigentlich loswerden wollte und in ihrem eigenen Staat keine Förderungschancen gehabt hätten. Man kann sich leicht vorstellen, wie das zu keiner guten Situation führte (Rittner 1894, Erinnerungen ... , Sachse 1927, Elsass-lothringisches Jahrbuch: Erinnerungen ... )

    3 Den meisten Elsässern - und das waren in großem Maße Bauern, Landleute, Arbeiter - machte es keinen Unterschied, ob sie zu Frankreich oder Deutschland gehörten. Die entscheidende Schicht war die Bourgeoisie, die u.a. sich weigerte Deutsch zu sprechen und sich erhebliche Mühe gab, dass die frz. Kultur weiterleben sollte.

    4 Zu Ende des ersten Weltkrieges wussten die Elsässer, dass der Krieg für Deutschland verloren war und, dass die Franzosen unter den Bedingungen für einen Waffenstillstand oder Friedensvertrag darauf bestehen würden, dass das Elsass und Lothringen wieder zu Frankreich zurückkehrt. Man muss aber schon merken, dass das Frankreich von 1918 nicht das Frankreich von 1870 war, und dass eine kleine aber rege Autonomiebewegung sich fortgesetzt hat und immer noch besteht. Es wäre von ihnen unter diesen Umständen höchst unratsam gewesen jedes Gefühl für Deutschland zu äußern. Doch bei vielen war wohl der Wunsch wieder französisch zu sein ganz echt. Bloß fragt es sich, warum die Franzosen keine Volksabstimmung erlaubten. Aus Angst?

    Etwas provozierend würde ich auch hinzufügen, dass ich in Anbetracht des Wirtschaftswunders der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg, ihrer bis heute relativ stärkeren wirtschaftlichen Leistung und des mindestens halbdeutschen Charakters des Elsass eigentlich nicht verstehen kann, warum die Elsässer Franzosen sein wollen!

    Aus Sicht eines Engländers, der sich sehr für die Geschichte Deutschlands und dieser Region interessiert.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. September 2017
  5. muheijo

    muheijo Aktives Mitglied

    Vor vielleicht 20 Jahren hatte ich mal eine ältere Elsässerin (sie war Gastwirtin und konnte ganz vorzügliche Muscheln und Flammekuchen servieren) gefragt, ob sie/die Elsässer lieber Deutsche oder Franzosen sein wollten, wenn sie die freie Wahl hätten. Sie sagte mir, dass sie schlicht und ergreifend genug von dieser Diskussion haben, und es so belassen wollen, wie es ist. Die Hin- und Her- Schieberei zwischen D und F soll ein Ende haben, und gut ist. Ich habe den Eindruck, dass die Elsässer in erster Linie ganz ausgezeichnete Europäer sind!

    Gruss, muheijo
     
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  6. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Ich glaube, das gilt für die Mehrheit der Elsässer. Vor allem für die, die in nicht zu sorgenvollen sozialen Verhältnissen leben. Die anderen wollen eine Veränderung ohne jetzt genaue Details im Sinn zu haben. Der französische Zentralstaat ist weit weg, Deutschland aber auch.
     
  7. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Damit sollten wir dann aber die Mutmaßungen über das Seelenleben unserer lieben und geschätzten Nachbarn wieder verlassen, und beim Thema 1871/1918 bleiben.:)
     

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