Erziehung im 19.Jahrhundert

Dieses Thema im Forum "Kultur- und Philosophiegeschichte" wurde erstellt von Gast399, 9. November 2007.

  1. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter


    Die Geschwister mienes Vaters haben diesem ein Buch über die Geschichte ihres Heimatdorf geschenkt. Darin tauchte dann auch ein Lehrer auf, der in den 20er bis 40er Jahren aktiv war. Als mein Vater zur Schule ging lebte der zwar noch, war aber schon pensioniert. Außerdem hatte er im Nachbardorf als Lehrer gewirkt, trotzdem konnte mein Vater einen Spottvers über ihn singen, so berüchtigt war dieser Lehrer:

    XX mit dem Besenstiel,
    hout de Kinder altöviel
    altöviel is ungesund
    XX is ne Sweinehund!

    Für die Metriker unter uns: Der Name besteht aus zwei Silben.
     
  2. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Ich kann mich an einen schon älteren Thread im Unterforum BRD/DDR erinnern, in dem es um Disziplinarmittel an deutschen Schulen ging, das war aber schon 2007, müsste aber eigentlich noch im Forumarchiv auffindbar sein.
     
  3. KeineAhnung

    KeineAhnung Aktives Mitglied


    Ich glaube ich habe es gefunden, einmal 2009 und einmal 2007! :winke:

    Ganz herzlichen Dank Scorpio :yes:

    LG KeineAhnung
     
  4. Dog Soup

    Dog Soup Neues Mitglied

    Was man vielleicht zu dem Thema noch sagen sollte:

    In der Aufklärung hatte Erziehung zum ersten Mal einen entscheidenden Stellenwert zur Menschwerdung angenommen (wichtig z.B. John Locke's erstaunlich gut lesbare "Some Thoughts Concerning Education"). Entscheidend war hierbei, dass der junge Mensch zu seiner zukünftigen Rolle in der Nation hingeführt werde - Erziehung hatte damit immer von Anfang an auch eine nationale Funktion, und wurde gerade im 19. Jahrhundert immer mehr auch als eine Erziehung zur Freiheit verstanden. So nutzten im 19. Jahrhundert Frauen und/oder Schwarze sehr stark die Bildungsdiskurse der Aufklärung, um sich als rationale Menschen zu positionieren und damit ihren Anspruch zu begründen, gleichberechtigte politische Akteure zu sein.
     
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  5. Diskursant

    Diskursant Mitglied

    schwarze Pädagogik

    Die 'schwarze Pädagogik' des 19. u 20. Jahrh in Dtl
    gibt den Schlüssel zum Verständnis der Hitlerei.
    Repressive Erziehung schafft den 'Autoritären Charakter' (Horkheimer),
    welcher die mentale Grundstruktur des Hitlerismus bezeichnet.
    Erst mit der 68er- Rebellion wurde da ein Umdenken angestoßen.

    D
     
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  6. Diskursant

    Diskursant Mitglied


    zumGruße


    Die Erziehung im Deutschreich
    wurzelte in der Preussischen Tradition des Absolutismus..
    Da galt der Untertan einzig als Dienstbarkeitsfaktor, Ausgehend vom Drill der Armee, wo dieses Prinzip in Reinform geübt wurde, ergriff diese Form der Repression auch die Schule. Strafe und Strenge galt als das geeignete Mittel zur Formung des „seine Pflcht + Schuldigkeit" zu tuenden Untertanen.
    Und in der Konsequenz wirkte dieses Härteprinzip auch weiter in bis die Kinderstuben, wo die selbsterlittene Demütigung der Eltern an die Kinder weitergegeben wurde.
    Immerhin ein höchst erfolgreiches Sozialisierungskonzept, denn Preussen ersstritt sich binnen 150 Jahren vom Kleinstaat ausgehend den Rang einer Großmacht in Europa. Vor Allem dank der stets willfährigen, diszipliniert aufopferungswilligen Dienstbarkeit seiner Bevölkerung.
    So stand die preussische Erziehungstradition fortfolgend im höchsten Ansehen und Gültigkeit und dominierte so die Erziehungspraxis im Preussischen Staate, und dem folgenden Deutschreich in verhängnisvoller Weise..
    Bis hin zur Hitlerei.


    D
     
  7. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    meinst du mit "Deutschreich" zusammengefasst den deutschen Bund, das deutsche Kaiserreich und die Weimarer Republik?

    als Karikatur finden wir für das deutsche Reich ein vergleichbares "Erziehungskonzept" in Heinrich Manns Roman der Untertan dargestellt.

    aber was sagst du zu den Erziehungsmethoden und pädagogischen Idealen im KuK österreichisch-ungarischen Kaiserreich zur selben Zeit, wie sie in Robert Musils Roman die Verwirrungen des Zöglings Törleß dargestellt sind? ...ist das großartig anders?...
     
  8. Diskursant

    Diskursant Mitglied

    zum Gruße
    1
    'Deutschreich' meint natürlich das DR 1871-1945
    und in diesem Zusammenhang den durch 'Preussischen Ethos' geprägten deutschen Kulturraum.

    2
    Dieses Erziehungskonzept wird treffend und holzchnittartig im "Untertan" beschrieben.
    Danke für den Hinweis.

    3
    Im Deutsch-Österreichischen Raum wirkt dieses autoritäre Konzept auf recht ähnliche Weise. Doch denke ich greift der preussisch-protestantische Drill tiefer und schärfer als der katholisch-austrische.

    Der Ansatz zur Erschaffung einer autoritären Charakterstruktur geht in die Unterdrückung des natürlichen Eigenwillens des noch ganz jungen Lebens.
    Je früher dieser Eigenwille gebrochen wird, desto tiefer und irreversibler sitzen die Blockaden zum Eigenleben und desto mehr entäußert sich der junge Mensch zum bloßen Reflex seiner Fremdbestimmtheit.
    Traumatisierung also als Unterwerfungsprinzip zum Zwecke der Staatsbelange.
    Das bezeichnet nämlich Preussentum pur. Die Gewalt tätige Unterdrückung des natürlich angelegten Eigenwillens menschlichen Lebensausdrucks.
    Und eben diese Brechung des Kindswillens in einem frühesten Stadium schafft den Untertanengeist, welcher einen Großteil der Bevölkerung im DR beseelte.


    In Katholisch-Austrien setzte diese Repression ein Stück später ein als das im Protestantisch-Preussen üblich war

    D
     
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  9. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    was du da zum Ausdruck bringst, das geht meiner Ansicht nach eher in Richtung Dressur als in irgendeine Erziehungsrichtung -- aber davon mal abgesehen: ich habe den Eindruck, dass du davon ausgehst, dass diese "Erziehung zum Kadavergehorsam" eine bewußte, theoretisch pädagogisch fundierte und ergo gezielte Maßnahme schon im 19. Jh. gewesen sei - aber du verwendest Begriffe, die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. in der Pädagogik aufkamen. Ist das nicht eine Diskrepanz?
     
  10. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Sofern man den "Prozess der Zivilisation" als "Anpassung" des Menschen im Rahmen des sozialen Wandels interpretieren möchte, ist "Dressur" - im Sinne von "sozialkompatible Verhaltensweisen" - gar nicht so ganz verkehrt.

    Über den Prozeß der Zivilisation ? Wikipedia

    Dieser Prozess der "formalen Erziehung" läuft ja parallel zur Auflösung der neuzeitlichen ländlichen und städtischen Sozialmilieus und den damit zusammenhängenden Werte- und Normensystemen. Nicht zuletzt durch die stadtorientierte Migration im Zusammenhang mit der zunehmenden Industrialisierung.

    Und den damit zusammenhängenden "merkwürdigen" Vorstellungen - für die ländliche Bevölkerung - von regelmäßigen Arbeitszeiten, die durch die "Uhr" definiert werden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 22. Januar 2014
  11. Muspilli

    Muspilli Aktives Mitglied

    Aus pädagogischer Sicht, zumal einer kritischen, kann ich dir dabei nicht so folgen. Die Beurteilung "nicht so ganz verkehrt" erscheint mir verfehlt aufgrund alternativen Anthropologien, die Erziehung auch voraussetzt. Allerdings sehe ich, daß du zahlreiche Worte in Anführungszeichen setzt. Den Teil, den ich nicht zitieren, wirft einen interessante Überlegung auf, über deren inhaltliche Konsequenzen ich nachdenken müßte.

    Die Sache mit der Dressur: Es ist tatsächlich merkwürdig erschreckend, wie sehr sich ein solches Erziehungsmodell in Laufe der Neuzeit tatsächlich durchsetzte - das mußte sogar der Antipädagogik-Kritiker Andreas Flitner ('Konrad, sprach die Frau Mama ...': über Erziehung und Nicht-Erziehung) gegenüber Alice Miller (Am Anfang war Erziehung) zugeben mußte. Die Studie von Miller zur sog. Schwarzen Päd.* liegt in gewisser Weise auch den Argumenten von Diskursant zugrunde; ein Erziehungswissenschaftler, der ebenfalls auf der von Diskursant angesprochenen Linie argumentiert wäre Carl-Heinz Mallett, eventuelle in Untertan Kind. Nachforschungen über Erziehung. - Ob es dieses Buch ist, das ich in diesem Zusammenhang einmal gelesen hatte, bin ich mir aber nicht ganz sicher.

    * Der Begriff wurde von Katharina Rutschky geprägt, die eine Anthologie pädagogischer Ratschläge des 19. Jh. herausgab.
     
  12. Diskursant

    Diskursant Mitglied

    `*´

    Muspilli zum Gruße
    hab Dank für die Literaturhinweise
    und insbesondere Katharina Rutschky .
    (werd mir die Autoren merken. . .)
    Möchte noch einen weiteren hinzusetzen:
    "Massenpsychologie des Faschismus" von W Reich.
    http://https://archive.org/stream/Reich_1933_Massenpsychologie_k#page/n5/mode/2up
    Leier viel zu wenig beachtet, weshalb auch immer. . .
    Ein Thema welches ans Mark geht
    und leicht der Verdrängung anheim fällt.

    D
     
  13. hatl

    hatl Premiummitglied

    Maxim Gorki beschreibt in seinen "Autobiografischen Romanen" seine Kindheiterlebnisse mit dem prügelnden Großvater so eindringlich, dass man heulen möchte, und er stellt es durchaus nicht als ungewönlich dar.
    Über die Erziehung des jungen Churchill, der ab dem 7. Lebensjahr in seiner Schule zwei Jahre lang "wieder und wieder grausam verprügelt" wurde, schreibt Sebastian Haffner in seiner Churchill-Biografie.

    Diskurtant
    Die Vorstellung, eine repressive Erziehung sei ohne weiteres geeignet zu dieser Darstellung zu kommen
    ist verkürzt.
     

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