Ethnogenese der Slawen

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von Gast/beorna, 12. November 2004.

  1. Kiprian

    Kiprian Neues Mitglied


    Bartek, Das ist nicht der Punkt. Mit der Publikation von Herrn Hodjaiov wollte ich zeigen, und das hast Du auch anerkannt, dass nur aufgrund einer künstlichen Schädeldeformation kann man nicht behaupten – Dieser Grab ist Hunnisch. Dieser Beweis hat keinen Wert in diesem Falle.
    Ob sie als “Hunnen-Einlussen” erklärt werden, weiß ich nicht. Wichtiger ist – solche Behauptung stimmt nicht. Sieh Herrn Hodjaiov.

    Soll ich verstehen, dass nur Hunnen, Tataren und Mongolen Steppen Völker sind? Wenn ja – Dann was hat der von Dir gegebener Link (http://studentorgs.utexas.edu/husa/origins/sarmatianhist/sarmata.pendant.html) mit den Hunnen zu tun? Wenn nein – Ist es richtig die Sarmatische Kultur, zum Beispiel, mit der Hunnischen gleichzusetzen? Was sollen wir eigentlich unter dem Begriff “Steppen Völker” verstehen?

    Danke.

     
  2. beorna

    beorna Neues Mitglied

    Das Gebiet typisch balto-slawischer Gewässernamen liegt in etwa zwischen dem nördlichen Bug und dem Don. Hier existieren die Ober-Oka-, die Juhnov-, die Strichkeramik- und die Dnjepr-Dwina-Kultur. Nach Norden und Süden begrenzen der Übergang zur Taiga bzw. zur Steppe diesen Bereich. Im 3./2. Jhd. v. Chr.erfahren diese Gebiete eine Zuzug aus der Glockenbecher-Kultur. Dieser Zustrom erfolgt hauptsächlich ins Pripjet-Gebiet, an den Mittel-Dnjepr und reicht bis zum Donez. Die Glockenbecher wurde meist mit den Bastarnen in Verbindung gebracht. Doch sind letztere wohl nur ein Teil dieser Kultur. Die ethnische Zuordnung der Bewohner der Glockenbecher-Kultur ist auch schwierig. Zwar zählt man die Bastarnen mehr oder weniger zu den Germanen, doch bleibt diese Zuordnung problematisch. Ich denke, daß die Reste der Lausitzer Kultur hier nicht vergessen werden dürfen, so daß ich dazu tendiere, diese kurz als Veneter zu betrachten. Der Anstoß der Glockenbecher-K scheint erheblich zur Entstehung der Zarubinsky-Kultur zwischen Pripjet und Dnjepr um 200 v. beigetragen zu haben, wobei gerade die Polesien- und die Mittel-Dnjepr-Gruppe unter besonders unter diesem zu stehen scheinen. Etwa zur gleichen Zeit entsteht weiter südlich die Poienesti-Lukasevka-Kultur, die i.A. den Bastarnen zugeordnet wird. Sie bildet dann die Speerspitze der Südost-Bewegung der Glockenbecher. In der Zeit zwischen dem 1. Jhd. vor und nach Chr. gerät die Zarubinsky-K. unter gehörigen Druck aus dem Norden, durch die Strichband-Kultur, aus dem Süden durch die seit dem 3./2. Jhd. nach Westen gegen die Skythen vordringenden Sarmaten und aus dem Westen und Südwesten durch die Przeworsk-Kultur und Daker. Dabei scheint der westliche Einfluß besonders stark auf die Ober-Dnjepr und die Polesien-Gruppe zu wirken, wobei die Mittel-Dnjepr-Gruppe unter sarmatischen Einfluß gerät. In diese Zeit fällt aber auch die erste Ausweitung der Zarubinsky-Kultur hin zum südlichen Bug und zum Dnjestr. Möglicherweise wurden diese Gruppen mit den Skythen fortgerissen oder sind zumindest durch diese Abwanderungen angestachelt.
    In der 2. Hälfte des 1. Jhds kommt es zu einem Zusammenbruch der Zarubinsky-K. im Pripjet-Gebiet. Im Osten hingegen kommt es zu einer Ausweitung bis über den Donez hinaus, wobei die Polesien-Gruppe hieran Anteil hat. Erstmals gibt es auch eine Ausbreitung ins Desna-Tal.Am oberen Dnjestr entsteht die Zubra-Kultur. Ihre ethnische Zuordnung ist unklar. Doch ist hier ein gehöriger Anteil der Polesien-Kultur zu finden. Man müßte sie im Ursprung wohl als germanisch-dakisch-venetische?-Mischkultur betrachten. Der Grund für den Zusammenbruch der Zarubinsky-Kultur im Westen ist unklar. Zum Teil werden höher gelegene Gebiete aufgesucht. Dies könnte somit klimatische Gründe haben, ist aber nicht ganz klar.
    Ab 180 kommt es erst zum Vordringen der Wielbark-Kultur in diese westlichen Gebiete, Das Eintreffen der Wielbark-Leute hat vielleicht auch die Auswanderung der südlichen Bug-Gruppe der Zarubinsky-Kultur in die Budschak-Steppe ausgelöst. Dies ist aber unklar. In diese Zeit fällt auch die Nennung der Stauanoi. Ich stand diesem Namen erst skeptisch gegenüber. Es scheint aber durchaus möglich, daß es sich hierbei um Slavanoi handeln kann, also um die erste Nennung der Slawen. Genau verorten kann man die Slavanoi aber nicht. Ich würde sie nicht zur Wolga setzen, sondern eher in die oder zumindest einen Teil der Zarubinsky-Kultur. Im Süden, in der Zubra-Kultur, ging der dakische Einfluß mit der Zeit immer weiter zurück. Bezeichnender Weise scheint es gerade in der jüngsten Zubra-K, auch die ältesten Cernjachov-Funde zu geben, so daß man annehmen muß, daß sich die Cernjachov in diesem Bereich gebildet hat.
    Ab dem 3. Jhd geht die Zarubinsky-Kultur in die Kiewer-Kultur über. Dabei wird diese gerade aus dem Süden und Südwesten von der Cernjachov-Kultur bedrängt und zum Teil verdrängt. Die Kiewer-K scheint unter diesem Druck nach Norden zuweichen und besiedelt erstmals mit der Desna-Gruppe die Gebiete Berezina und Donez/Seim.
    Mit dem Hunneneinfall um 375 beginnt der rasche Zerfall der Cernjachov-Kultur. Dies nutzen die Menschen der Kiewer-Kultur zu einem Vorstoß ins Dnjestr-Pruth-Sereth-Gebiet.
    Spätestens mit dem Niedergang der Hunnen Mitte des 5. Jahrhunderts beginnt der Aufstieg der Kiewer-Kultur. Zwischen Sereth und Mittel-Dnjepr entsteht aus der späten Kiewer-Kultur die Prager Kultur zwischen Dnjestr und Pruth im frühen 6. Jhd. Im Seim-Desna-Berezina-Gebiet entsteht zeitnah die Kolocin-Kultur und schon ab dem späten 5. Jhd breitet sich die Penkovka-Kultur vom mittleren Dnjepr zum Sereth aus.
    Penkovka und besonders die Prager-Kultur sind die ersten beiden Kulturen, die man mit den Slawen verbindert, wobei die Kolocin-Kultur wohl den späteren Ostslawen zuzuweisen ist.

    Die balto-slawische Kontinuitat im Dnjepr-Raum deutet daraufhin, daß die Slawen hier entstanden und nur hier. Mit großer Sicherheit kann man die Kiewer-Kultur schon slawisch nennen, bei der Zarubinsky-Kultur müßte man schon vorsichtiger sein, wobei die späte Zarubinsky-Kultur durchaus schon den Slawen zuzuordnen ist. Somit scheint es zwecklos, die Slawen mit den Venetern der Lausitzer Kultur gleichzusetzen. Teile der Veneter trugen lediglich zur Genese der Slawen bei, genauso wie Sarmaten, Balten und Germanen.
     
  3. beorna

    beorna Neues Mitglied


    BERICHTIGUNG:
    Der Geist hat mich zu einem anderen Thema darauf aufmerksam gemacht, das ich irriger Weise mehrfach von der Glockenbecherkultur sprach. Ich bitte bei meinen Ausführungen diese Bezeichnung zu streichen und mir meine geistige (und hoffentlich temporäre) Umnachtung zu verzeihen. Gemeint war jedes Mal die Gesichtsurnenkultur.
     
  4. Es dreht sich hier um die These, wonach die Slawen aus den Ventern heraus entstanden sein sollen (die These Matej Bors, leider konnte ich den passenden Link dazu trotz Suchfunktion nicht finden).

    Ich bin gespannt, was ihr dazu sagt

    Grüße

    SK
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 30. Juli 2011
  5. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Schwachsinn:
    http://www.geschichtsforum.de/f35/fremdbezeichnung-wenden-winden-f-r-slawen-10958/?

    Youtube ist der z.Zt. einer der größten Verbreitungsweg für spinnerte Thesen!
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Juli 2011
  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Der Name "Wenden" – z.B. überliefert im Landschaftsnamen "Wendland" als ehemaliges Siedlungsgebiet der Dravänopolaben an der unteren Elbe und zahlreichen Ortsnamen wie Wendhausen, Windsassen und bis heute Eigenbezeichnung der Sorben in der Lausitz – geht auf den Namen der antiken Veneter zurück. Sie werden z.B. bei Tacitus als Nachbarn der Germanen genannt.

    Ortsnamen wie Wendheim, Windheim usw. entstanden daher auch in Gegenden, wo Slawen niemals vorkamen, wie im Elsass, in Bayern und Westfalen. Als Zeugnis für slawische Aussiedler im Rahmen fränkischer Grundherrschaft gibt es aber solche Orts- und Personennamen bis weit nach Westen. Mit den Venetern zusammenhängende "Wenden" gab es, wie Quellen des 13./14. Jh. und die Ortsnamen bezeugen, auch östlich der Weichsel, in Semgallen und in Livland.

    Bereits Jordanes gebrauchte Mitte des 6. Jh. "Wenden" als Synonym für die Slawen. Der fränkische Chronist Fredegar bezeichnete diese im Zusammenhang mit den Ereignissen um Samo als "Sclavos coinomento Winedos". Andere überlieferte Namensformen, dabei stets auf Slawen bezogen, sind Hwinidi, Guinidi, Winidones, Winethen, Wendene sowie auch Wandali. Konkrete und dauernde Anwendung auf eine slawische Bevölkerung fand das Ethonym zuerst in der Windischen Mark im Zusammenhang mit den Slowenen und bei den Main- und Regnitzwenden, deren Siedeltätigkeit im nordöstlichen Bayern sich in einer großen Zahl von Ortsnamen vom Typ "-winden, Windisch" widerspiegelt.

    Dagegen ist die Anfügung "Wendisch-" – oft parallel mit "Deutsch-" ein Ergebnis der Zuwanderung deutscher Siedler östlich von Elbe und Saale im Verlauf des hochmittelalterlichen Landesausbaus.
     
  7. Vercingetorix

    Vercingetorix Neues Mitglied

    :autsch:
    Ohh weh - und ich dachte der Panslawismus wäre mit Matej Bor verstorben. Es scheint immer noch Jünger dieser These zu geben. Vielleicht beschäftigst Du dich mal ein wenig mehr archäologisch, weniger sprachlich z.B. mit der Este-Kultur oder der Polesien-Gruppe der Zarubincy-Kultur, interessant auch die Zubra-Kultur.
    Hier wirst Du also sehr schnell feststellen, das sich zwar all diese Kulturen mit dem Veneternamen vebinden lassen, diese Kulturen aber vollständig unterschiedlich sind und aufgrund regionaler Wechselwirkungen entstanden sind.
    Die französische Anthropologie hat zwar anhand der Gräberarchäologie "bewiesen", das die aremoricanischen Venetii zwar vollständig anderer Herkunft sind als ihre gallischen Nachbarn, sie in ihrer Sprache und materiellen Kultur aber vollständig von Lateneelementen assimiliert wurden.

    Du hast zwar die Uenetoi der Ilias in "Paphlagonien" gezeigt, aber keine weiteren Ausführungen dazu besprochen. !? Da hat wohl Matej Bor auch nicht so viel geschrieben in seinem Veneter-Phantasie-Buch.

    Fang an Dich mit realer Wissenschaft zu beschäftigen, das bringt dich weiter !
    Lies mal Mačinskij und Tihanova, Godlovsky, Bierbrauer oder Amei Lang !
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 30. Juli 2011
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  8. Phillipm02

    Phillipm02 Neues Mitglied

    Es gibt eine verbreitete, aber spekulative Theorie, dass die Slawen Mischlinge aus einfallenden Hunnen, Ostgoten und den in ihrer Südrussischen Heimat verbleibenden Indogermanen sind. Somit wären die "Urslawen" mit den Hunnen mitgekommen und hätten sich so Weichselregion ansiedeln können. Das dürfte erklären, warum einige ethnische Gesichtsmerkmale (etwa Mandelförmige Augen) auf Slawen und Ostasiaten zutreffen. Mich interessiert dieses Thema besonders, da ich von Elbslawen und Polen abstamme.
     
  9. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    eine andere, übrigens altehrwürdige (!) Theorie definiert die Hunnen als das Produkt aus der Kreuzung böser Geister mit gotischen Hexen (haliurunnae) ;)
     
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