Ethnogenese der Türken

Dieses Thema im Forum "Das Osmanische Reich" wurde erstellt von Dieter, 11. Mai 2007.

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  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    Wir sprachen hier von "Zwangsislamisierungen" und die hat es im Osmanischen Reich so gut wie nicht gegeben. Anders als z.B. im christlichen Spanien, wo Juden und Muslime vor die Wahl gestellt wurden, entweder Spanien zu verlassen oder sich taufen zu lassen.

    Ein sozialer Druck zur Konversion zum Islam war nicht überall ausgeprägt. Das zeigen z.B. die Balkanvölker, die nahezu 500 Jahre unter osmanischer Herrschaft standen, aber dennoch ganz überwiegend beim angestammten Christentum blieben. Die Lage in Kleinasien war insofern anders, als es das Kerngebiet sowohl der turkstämmigen Muslime als auch des Osmanischen Reichs bildete und Muslime hier in weitaus größerer Dichte als auf dem Balkan siedelten. Entsprechend größer war der Druck auf die christliche Bevölkerung Kleinasiens.

    Das habe ich oben mehrfach erläutert.
    "Toleranz" muss man natürlich aus den Vorstellungen der damaligen Zeit heraus beurteilen und darf dafür nicht den Maßstab unserer Zeit anlegen.

    Die Zwangsrekrutierung und -bekehrung, bei der christliche Jugendliche aus ihren Familien verschleppt und islamisiert wurden, ist unbestreitbar ein dunkles Kapitel. Sie endete im frühen 18. Jh.
     
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  2. Phalangit

    Phalangit Mitglied


    Ok dann nennen wir es "indirekter Islamisierunsdrang".
    Diese ganzen "Toleranzvergleichungen" sind sinnlos. Was interresierte einen Griechen, Serben oder Bulgaren, wie es die Muslime in Spanien früher mal ging, oder umgekehrt, wie sehr interressierte es einen Muslim in Andalusien wie es einen Christen irgendwo irgendwann anders ergehen sollte? Fakt ist dass das Leben eines normalen Christen unter dem Osmanischen Reich offiziell von Religionsfreiheit gekennzeichnet war, sozial aber man weniger Wert als ein Tier war und Islamisierungen nach Aufständen und Rebellionen nicht selten passierten..
     
  3. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    Es ist abwegig zu behaupten, Christen seien im Osmanischen Reich wie "Tiere" behandelt worden. Christen waren eine akzeptierte Minderheit - auf dem Balkan sogar eine Mehrheit -, die respektvoll behandelt wurde. [FONT=trebuchet ms,arial,helvetica]Als "Leute des Buchs" hatten Christen nach dem Koran ebenfalls die göttliche Offenbarung in Form einer Schrift durch einen Gesandten Gottes erhalten, diese Botschaft aber verzerrt.

    [/FONT]Die "Leute des Buchs" galten als Gruppe mit besonderen Rechten innerhalb des islamischen Staates. Während sich alle Muslime dem islamischen Recht - d.h. der Scharia - unterordnen mussten, durften die "Leute des Buchs" im Rahmen des Personenstandsrechts wie z.B. Ehe, Heirat, Scheidung, Erbe usw. die Regeln ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft umsetzen. Sie galten im islamischen Staat als Schutzbefohlene (dhimmi), mussten im Gegensatz zu den muslimischen Bürgern nicht zur Verteidigung des Staates beitragen und nicht in der Armee dienen. Steuerliche Abgaben wurden ersetzt durch die Schutzsteuer, die dschizya. Das oben bereits erwähnte Millet-System sorgte für religiöse Autonomie.

    Nahezu alle Balkanvölker blieben christlich, was deutlich zeigt, dass es zu keinen nennenswerten Zwangsislamisierungen kam und kaum ein gesellschaftlicher oder ökonomischer Druck zur Konversion bestand. Weitgehend islamisiert wurde lediglich die Bevölkerung Kleinasiens. Aber auch dort gab es über die Jahrhunderte hinweg eine dichte griechische Siedlungszone entlang der Ägäis- und Schwarzmeerlüste - ganz abgesehen von den christlichen Armeniern in Ostanatolien.

    Dieses weitgehend friedliche Zusammenleben änderte sich erst im 19. Jh. mit dem Erwachen des Nationalismus. Da kam es dann zu Aufständen, Rebellionen und Freiheitskriegen, die mit der Souveränität der Balkanstaaten endeten.
     
  4. Zoki55

    Zoki55 Aktives Mitglied

    Nun Nationalismus war ein Grund, der andere war, dass das Osmanische Reich am Ende im Chaos versank. Warlords die machten was sie wollten, immer größere Abgabenlast für die Christen, wirtschaftliche und gesellschaftliche Rückständigkeit.

    Serbien zum Beispiel begann seine Unabhängigkeitskrieg gegen Janitscharenführer die sowieso auf die Porta nicht hörten. https://en.wikipedia.org/wiki/Dahije
     
  5. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Die wachsende wirtschaftliche und gesellschaftliche Rückständigkeit der Balkanvölker im Osmanischen Reich ist eine Hypothek, die noch heute fortwirkt.

    Während in Westeuropa die Industrialisierung voranschritt und die Gesellschaften sich modernisierten und emanzipierten, verharrte das Osmanische Reich auf dem Balkan in teilweise mittelalterlichen Strukturen. Da es keinen der abendländischen Aufklärung vergleichbaren Prozess gab, fehlten Schritte zur Mitsprache der Bevölkerung in Form von Parlamenten oder Ständevertretungen, es kam zu keiner staatstragenden bürgerlichen Mittelschicht, der Einfluss des Islam mit oft rückständigen bzw. nicht neu interpretierten Geboten blieb im Vergleich zu den westlichen Kirchen gewaltig.

    Im 19. Jh. versuchte die osmanische Regierung diese Defizite auszugleichen und strebte in der Periode des Tanzimat Reformen an. So wurden Nichtmuslime im Reich mit den Muslimen gleichgestellt, Verwaltung, Militärwesen und das Steuersystem sollten modernisiert werden, neue Handelsgesetze die Wirtschaft beleben.

    Der Niedergang des Osmanischen Reichs ließ sich jedoch durch die Tanzimet-Reformen nicht aufhalten. Vieles davon kam zu spät, um noch volle Wirksamkeit zu entfalten, die absolutistische Monarchie bestand fort, die Völker des Reichs waren im Zeichen des Nationalismus auf Unabhängigkeit bedacht.
     
  6. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Bei all der Toleranz verwundert es mich aber ,dass im osmanischen Reich vollkommen legal war, Christen aus anderen Ländern zu versklaven, Muslime, anderer Staaten dagegen nicht. Es scheint überhaupt kein Problem darin bestanden zu haben, dass die Barbaresken, die immerhin Untertanen der Hohen Pforte waren und auch die Tataren, die auch teilweise zum osmanischen Reich gehörten ,regelrechte Jagd auf Christen machten und diese in die Sklaverei verschleppten und im Reich verkaufen konnten. Für viele der Entführten war der einzige Weg zur Freiheit, dass sie zum Islam konvertierten.
    Die bekanntesten Korsarenkapitäne bekleideten auch hohe Ämter am Hof des Sultans. Z.B. waren Dragut, Chaireddin Viezekönige von Tunis und Algier und letzterer und Uluch Ali hatten das Amt des Kapudan Pascha, B.z.W. Kaptan i Derya des Marineministers inne.

    Michael Heberer schildert in seiner "Aegyptiaca Servitus" wie sein Patron, der Bey von Alexandria, gemeinsam mit Uluch Ali (Ochiali), der damals bereits als Admiral am Hof des Sultans tätig war , einen privaten Raubzug gegen drusische und maronitische Dörfer im Libanon ,der osmanisches Staatsgebiet war unternahmen und diese vollständig ausplünderten. Offenbar war das, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen möglich. Unter irgendwelchen staatlichen Schutz schienen diese Nichtmuslime nicht gestanden zu haben.

    Zitat:"Die Kriegsherren und auch viele Soldaten zogen auf dem Landweg weiter. Wir meinten um sich zu erlustieren und von der Seefahrt zu erholen. Aber es war ganz anders, die Bluthunde wollten die armen Christen im Libanongebirge , die Maroniten oder Trusken überfallen ,berauben und verderben. Sie hatten heimlich noch viel Volk im Gebirg versteckt . Unter dessen Beistand fielen sie unversehens mit bewaffneter Hand über die armen Leute in ihren verstreuten Gehöften ein, wie grimmige Wölfe in eine Schafherde. Die jählings Überfallenen hatten genug zu tun, ihr armes Leben vor den blutrünstigen Türken zu retten und sich in die Gebüsche und Höhlen des Gebirges zu flüchten ;Häuser und Habe mussten sie in den Händen der Räuber lassen. .....nichts aber auch nicht den geringsten Hausrat verschonten sie: Kleider, eiserne Häfen, Kessel, blecherne Schüsseln und dergleichen (von Silber und Gold zu schweigen), alles schleiften sie an die Galeeren. Nachher heben sie's in Tripoli verkauft. Die Ursache des Überfalls hatte mir ein Grieche erzählt. Der Pascha von Ägypten, Ibrahim in Kairo hatte lange Zeit seinen Soldaten keinen Sold gegeben; ferner braucht er auch Geld um des Sultans Amuret älteste Tochter zu freien."

    Heberer selbst, wurde als Schiffbrüchiger, in Ägypten , nachdem er entdeckt worden war in die Sklaverei gebracht. Das schien ein vollkommen normaler Vorgang gewesen zu sein.
     
  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Man kann die Verhältnisse in einem Staatswesen wie dem Osmanischen Reich nicht mit muslimischen Piratennestern in Nordafrika oder nomadischen Tatarenstaaten vergleichen. Wie bei den Christen im Hinblick auf christliche Gebote gab es auch unter den Muslimen Gruppen oder Herrscher, die den Koran nach Gutdünken auslegten oder sich um manche Gebote nicht kümmerten. Das Osmanische Reich war zwar ein absoluter, aber im wesentlichen ein Rechtsstaat, Gerade wegen der großen Zahl von Christen wurden die sie betreffenden Gesetze und Gebote sowie das Millet-System beachtet, um die Stabilität des Vielvölkerstaats nicht zu gefährden.

    Was die Knabenlese betrifft, so gab es im Osmanischen Reich islamische Geistliche, die bezweifelten, ob es rechtens sei, christliche Jugendliche den Eltern wegzunehmen und zu islamisieren. Allerdings beeindruckze das die Sultane nicht und die Knabenlese endete erst zu Beginn des 18. Jh.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Galeotto beschreibt osmanisch geduldete Überfälle von Barbareskenpiraten auf Untertanen des Osmanischen Reiches im Bereich zwischen Nordisrael und Nordwestsyrien. Wir befinden uns also geographisch nicht in Nordafrika.
     
  9. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Sicher gibt es Unterschiede zwischen islamischer Theorie und Praxis. Die Barbareskenstaaten hatten sich der Herrschaft des Osmanischen Reiches weitgehend entzogen. Bei Kriegen mit Staaten des Abendlandes suchten beide Seiten den Gegner so viel wie möglich zu schädigen. Insofern wurde das Piratenunwesen von den Osmanen geduldet und sogar gefördert. Innenpolitisch sah das im gesetzlich verankerten System zwischen Muslimen und Nichtmuslimen anders aus, d.h. es war nicht von Willkür bestimmt - zumindest nicht im Regelfall.
     
  10. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Darum geht es nicht. Es geht um - zumindest nach der Darstellung Heberers, die Galeotto wiedergibt - osmanisch geduldete Überfälle von Barbareskenpiraten auf Ansiedlungen innerhalb einer Region des osmanischen Reiches. Also auf Untertanen der Osmanen.
     
  11. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Auch wenn Ochiali, der zu dieser Zeit schon fest in Konstantinopel als Admiral lebte und dessen Piratenkariere schon eine ganze Weile her war, mit bei dem Überfall auf die Christen im Libanon von der Partie war, so handelte es sich hier um den osmanischen Bey von Ägypten und dessen osmanische Soldaten ,die diesen durchführten. Man kann in diesem Fall eher nicht von Barbareskenpiraten sprechen. Aber Du hast Recht, ich meinte eine willkürliche Gewaltaktion innerhalb des Herrschaftsgebietes des Sultans.
    Die Knabenlese, mit der Zwangsbekehrung war, wie Dieter auch schon bemerkte, von religiöser Seite umstritten, das ändert aber nichts daran, dass dabei osmanische Untertanen in die Sklaverei geführt wurden. Der Status dieser ehemals freien Christen war der eines Militärsklaven der vom Untertan zum Besitz des Sultans wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. Januar 2017
  12. Phalangit

    Phalangit Mitglied

    Deine eigenen Aussagen zeigen doch wie tolerant es war.
    Das man Christen dultete, hiess nicht dass man, wie du selber es sagst, Rechte und damit ein freies Leben hatte. So wie du es schilderst,war es fast "ein Glück", in einem Staat mit einem Rechtssystem zu leben, das dieses Saudi-Arabiens ähnelte, ohne einer jeglichen Form von Modernisierung.

    Du sollst dich tiefer mit dem Thema beschäftigen und mal lesen was Menschen damals über die Bevölkerungen des Balkans sagten oder niederschrieben, sowohl Balkaner als auch Europäer oder auch manche Osmanen.

    "Die Tyrranei der Türken-wir haben sie so viele Jahre erlebt- war nicht mehr auszuhalten. Und wegen dieser Tyrranei, unter welcher wir unser Leben und unsere Ehre nicht bestimmen konnten, fassten wir den Entschluss, unsere Waffen gegen sie zu erheben. Entweder Tod oder Freiheit."

    (Ioannis Makrygiannis, Aufständischer und Politiker)

    "Die griechsche Nation, als sie sich der Barberei und dem schweren Joch der Osmanischen Tyrranei beugte, hat sich nicht nur seiner Freiheit entzogen, aber auch von jeder Form der Bildung...

    (Palaion Patron Germanos, Bischof von Patras).
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Natürlich haben Vorkämpfer eines Freiheitskampfes einen besonderen Blick auf diesen, schließlich müssen sie ihn rechtfertigen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Aussagen 1:1 von den Nachgeborenen zu übernehmen sind.
    Das zu bemerken bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass der Freiheitskampf ungerechtfertigt gewesen sei.
    Zu den Vergleichen sage ich jetzt mal nichts.
     
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  14. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Dass das osmanische Reich ein besseres Rechtssystem wie die nordafrikanischen und tatarischen Völker aufwies bezweifle ich nicht. Es ist aber doch zweifelhaft, dass Christen als Volk des Buches eine gewisse Achtung entgegen gebracht wurde, wenn Angehörige dieser Religionsgemeinschaft vollkommen legal, von den Menschenraub betreibenden Reichsanghörigen (Tatataren, Barbaresken) im gesamten Staatsgebiet als Sklaven verkauft werden konnten.
    Ich zitiere noch einmal Heberers Beschreibung der Basare in Istanbul: "...-in beiden werden auch Menschen verkauft. Denn fast jeden Monat kommen aus der Tatarei Schiffe mit gefangenen Christen an, welche aus Moskowien und den angrenzenden Ländern geraubt werden. Sie werden Männer und Weiber, nackt ausgestellt ,wie bei uns Tiere auf dem Viehmarkt. Da werden oft Vater und Sohn, Mutter und Tochter getrennt und verschachert, daß einem Fremden das anzusehen das Herz blutet...."
    Letztendlich war doch die einzige Rechtfertigung, diese Leute in die Sklaverei zu führen, dass sie Christen waren, denn sobald sie konvertierten wurden sie freigelassen. Das passt ,in meinen Augen nicht zu der oft gerühmten Toleranz und der Achtung gegenüber der Völker des Buches im osmanischen Reich.

    Auch war es offenbar Christen verboten Beziehungen zu Musliminnen einzugehen.
    Heberer: " So war zu meiner Zeit eine junge türkische Witib (Witwe) , die sich mit einem armen Griechen abgab. Weil der nicht Türke werden wollte, so wurden Beide auf einen Esel gesetzt, dem Weib der Zaum ,dem Manne der Schwanz in die Hand und sie so durch die vornehmsten Gassen von Konstantinopel geführt ,dann über den Fischmarkt hinaus ans Meer, wo das Hochgericht war. Da wurde der Grieche an einem eisernen Haken, der ihm durch die Rippen ging, nackt an den Galgen gehenkt. Da die Türkin die schreckliche Strafe sah, rief sie ihm zu und mahnte ihn zur Geduld. Aber man ließ sie nicht lange reden, band ihr die Augen zu und ersäufte sie im Meer."
    Auch hier ,entweder konvertieren oder Tod. Freiwilligkeit sieht doch etwas anders aus.
    Man kann Heberer nicht unbedingt großen Türkenhaß bescheinigen (als Protestant schimpft er häufiger über die Gnadenlosigkeit von katholischen Priestern und dem deutschen Gesandten, die ihren versklavten Landsleuten die Hilfe verweigerten) , denn er findet in seiner Beschreibung auch zahlreiche Beispiele, in denen er die positiven Seiten dieses Volkes hervorhebt. Zitat:" Die Türken sind in den Moscheen und sonst beim Gebet still, anständig und andächtig; auch freigiebig, so daß sie in diesem äußeren Wesen uns Christen übertreffen.... Im Kriegswesen herrscht bei den Türken eine höchst löbliche Ordnung und Zucht. Da geht es allenthalben in einem großen Feldlager friedsam und still zu, ohne Zank und Hader, ohne Spielen und Fluchen, ohne Zechen und Zutrinken, ohne Unzucht und Ueppigkeit, mit unaussprechlicher Sparsamkeit.... Wer das nicht mit angesehen, glaubts einfach nicht." Auch über das Rechtssystem findet er anerkennende Worte: "So hat es in allen Gassen Unterkadi und zwei Janitscharen, welche mit ihren Stecken Wache halten, so daß kein Lärm und Zank entsteht. Geschieht das so laufen sie herbei und führen den Schuldigen vor den Gassenschulzen. Daher gibt es auch wenig Schlägereien. "
     
  15. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Vorsicht, Galeotto, du vermengst hier zwei Dinge. Das eine ist der Umgang mit christlichen Untertanen, die - solange sie nicht rebellieren - das Anrecht auf den Amān hatten. Also Christen, die im Dār al-Islām/as-Salām lebten. Christen, die außerhalb des Dār al-Islām/as-Salām lebten, im Dār al-Ḥarb, waren als Ḥarbīs, nicht Teil der Schutzgemeinschaft, bis sie den Amān erbaten. Amān bedeutet in etwa 'Schutz', je nach Kontext auch 'freies Geleit', kann aber auch so verstanden werden, dass eine Person oder ein Personenverband sich unter den Schutz des islamischen Herrschers stellte, was gleichbedeutend damit war, dass sie die Herrschaft dieses Herrschers über sich anerkannten.

    Zum anderen galt natürlich das islamische Recht, wobei sich im sunnitischen Islam vier verschiedene Rechtsschulen ausgebildet hatten. Im Maġrib und in al-Andalus herrschte die mālikitische Rechtsaufassung vor, im osmanischen Reich setzte sich die ḥanafītische Rechtsschule durch.
    Aber ähnlich, wie sich im Christentum nicht immer oder sogar eher selten an das kanonische Recht oder die Zehn Gebote gehalten wurde, hielten sich natürlich auch im muslimischen Raum nicht alle immer an das für sie gültige Recht.

    Dār al-Islām - Haus des Islam
    Dār
    as-Salām -
    Haus des Friedens
    Dār al-Ḥarb - Haus des Krieges
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Januar 2017
  16. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wie ich schon mehrfach sagte, waren die Christen im Osmanischen Reich Bürger zweiter Klasse. Und niemand bezweifelt, dass die Balkanvölker mehr als 400 Jahre unter türkischer Fremdherrschaft lebten. Man muss sich aber frei machen von der Vorstellung, dass die Christen tagaus tagein von den Muslimen gepeinigt oder schikaniert wurden. Die Rufe nach Freiheit, von denen du schreibst, erschallten erst im 19. Jh. und waren Folge des erwachenden Nationalismus.

    Auf religiösem Sektor herrschte gemäß festen Gesetzen Toleranz und im Alltag lebten Christen und Muslime auf dem Balkan über Jahrhunderte ohne großen Zwist nebeneinander,

    In einem Standardwerk schreibt Josef Matuz:

    "Der nicht muslimische Bevölkerungsteil lebte in verhätnismäßig günstigen Verhältnissen, wenngleich er zusätzliche aber nicht besonders drückende Steuern zu entrichten hatte. ... Es wäre jedoch verfehlt von solchen finanziellen Sondergegebenheiten auf eine Diskriminierung der nichtmuslimischen Untertanen im Osmanischen Reich zu schließen, wenngleich die cicye-Steuer in der osmanischen Spätzeit von den Betroffenen als Diskriminierung empfunden wurde. ... Dafür konnten Nichtmuslime ein mehr oder weniger unbehelligtes Leben führen, vorausgesetzt, dass es den Prinzipien des Islam nicht widersprach.
    Die Grundlage dieser toleranten osmanischen Religionspolitik bildete nicht nur das islamische Religionsgesetz. ... Außerdem sollte die Integration neuerworbener Gebiete nicht durch religiöse Unruhen zusätzlich erschwert werden."
    (Josef Matuz, Das Osmanische Reich, S. 112 f.)
     
  17. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Demnach hätte es genügen müssen, dass ein christlicher Sklave, der ja verschleppt wurde und nicht freiwillig ins osmanische Reich gekommen war ,nur um Amān bitten müssen und schon wäre er geschützt gewesen ? Soweit mir bekannt ist war das nicht so.
    Ein Christ bleibt ein Angehöriger einer Buchreligion, ob als Untertan des Sultans oder aus einem anderen Land. Trotzdem wurden diese fremden Christen mit der Begründung dass sie Giaur (Ungläubige) sind ,ganz automatisch zu Sklaven, sobald sie in die Fänge von Sklavenjägern gerieten und blieben auch Unfreie wenn sie dann auf osmanischen Territorium lebten. Im Prinzip waren sie damit ja automatisch Untertanen der Pforte. Trotzdem konnten sie nur durch Relionswechsel die Freiheit erlangen.

    Heberers Bericht über den Überfall auf die Christen des Libanon zeugt von einer gewissen Rechtlosigkeit von Andersgläubigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Autor zufällig bei dem einzigen Ereignis dieser Art anwesend war. Möglicherweise verhielt es sich ja anders auf osmanischem Teritorium ,wo die Christen die Mehrheit bildeten, wie in den griechischen und slawischen Provinzen, während sie im Libanon, Ägypten und Syrien immer nur eine Minderheit waren.
     
    Zuletzt bearbeitet: 25. Januar 2017
  18. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es ist doch überall so, dass die Mächtigen das Gesetz oder die Religion so auslegen, wie es ihnen gerade passt. Es gibt da eine interessante Studie zum Christentumsbegriff in andalusischen Quellen (Bettina Münzel: Feinde, Nachbarn, Bündnispartner). Verbündete Christen oder Untertanen wurden in den Quellen als Nazarener (Naṣrānīyūn) oder Messiasanhänger (Masīḥīyūn), christliche Feinde als Kuffār (Ungläubige) oder Mušrikūn (Heiden, in Anspielung auf die Dreifaltigkeit) bezeichnet. Das ist in allen Gesellschaften so: Man legt es sich so, wie es einem gerade passt

    Das ist in der Tat nicht so. In Ägypten waren die Verhältnisse erst relativ spät so, dass die Muslime die Bevölkerungsmehrheit bildeten (in osmanischen Zeiten allerdings war das bereits der Fall), im Libanon sind die Christen bis heute mindestens wichtig. Vor dem Bürgerkrieg 1979 ff. bildeten die Christen etwa 52 % des libanesischen Staatsvolkes. Ein Grund des Bürgerkriegs war ja gerade, dass man die palästinensischen Flüchtlinge nicht integrierte, um das austarierte Religionsgewicht, auf dem der libanesische Staat basierte, nicht zu stören.
     
  19. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Da gebe ich Dir 100-prozentig Recht.
    Mir ging es nur darum die, so häufig hervorgehobene Toleranz im osmanischen Reich etwas zu relativieren.
     
  20. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Sicher muss man das relativieren. Der Koran ist wie auch die Bibel immer wieder verschieden ausgelegt worden, oftmals wie es Regierungen oder bestimmten Bevölkerungsgruppen opportun erschien.

    Die Regierung des Osmanischen Reichs war zu der Erkenntnis gelangt, dass angesichts der zahlreichen Völker religiöse Toleranz das beste Mittel sei, um die innenpolitische Stabilität zu gewährleisten. Diese Toleranz beruhte weniger auf religiöser oder gar ethischer Erkenntnis, als auf Nützlichkeitserwägungen. Auf der anderen Seite trieb das islamische Krimkhanat einen schwunghaften Handel mit christlichen Sklaven, die auf Raubzügen in Russland und der Ukraine erbeutet wurden.

    Für beide Handlungdweisen bot der Koran eine religiöse Grundlage, wenn man ihn entsprechend interpretierte und dazu bestimmte Suren heranzog, während man andere überging, die dem nicht entsprachen.

    Dennoch ist festzuhalten, dass Juden und Christen sowohl im Osmanischen Reich als auch im islamischen al-Andalus geringerem Druck ausgesetzt waren, als z.B. im christlichen Spanien, wo Ausweisung und Zwangskonversion geübt wurden.
     

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