Europa vor dem 1. Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Zeitalter der Nationalstaaten" wurde erstellt von Alexander187, 31. Dezember 2004.



  1. Alexander187

    Alexander187 Neues Mitglied

    Ich mache als mündliche Abschlussprüfung in der Realschule eine Hausarbeit(6 Seiten) mit Präsentation. Als Thema habe ich mir ausgesucht: "Die politsche Konstelation, die in Europa zum ersten Weltkrieg führte."

    Meine Gliederung: (wurde zum größten Teil von meinem Lehrer festgelegt.)

    1.) Die Problematik im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn
    2.) Tradition Serbien/Russland (mit kurzem Transfer in die Gegenwart)
    3.) Die deutschen Gründe für einen Krieg
    4.) Kurze Erläuterung zum Bündnisvertrag zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn (hätte Deutchland laut des Bündnisvertrag in den Krieg eingreifen müssen?)


    ich bin bereits seit mehr als einem Monat dabei Bücher zu lesen und im Internet zu recherieren.

    kurz Zusammengefasst, was ich bisher herraus gefunden habe.

    1.) Österreich-Ungarn war ein Vielvölkerstaat, indem 12 verschiedene Nationalitäten lebten. Viele Völker, speziel die Slawen, fühlten sich unterdrückt. Das Nachbarland Serbien wollte ein Großserbisches Reich schaffen, indem alle slawischen Völker vereint leben sollten.

    Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand plante nach seiner Thronbesteigung, das Problem so zu lösen, indem er die Doppelmonarchie zu einem "Trialismus" umformen wollte. In diesem Trialismus sollte neben Österreich und Ungarn ein weiterer südslawischer Reichsteil entstehen.

    Ein weiteres Problem war, dass die Interessen von Österreich-Ungarn und Russland auf dem Balkan aufeinander stießen, nachdem sich der Balkan zum größten Teil von der türkischen Besetzung befreit hatte. Beide Länder sahen so eine Möglichkeit ihren Machtbereich zu erweitern.

    2.) Die Russen sahen sich als Schutzmacht und Förderer des slawischen Nationalismus und konnten so von innern Problemen ablenken.

    mehr hab ich hierzu noch nicht herraus gefunden.

    3.) Nach der Reichsgründung von Bismarck wuchs das deutsche Reich zur wirtschaftlich, politisch und militärisch stärksten Macht Europas. Bismarck versuchte die Überlegenheit jedoch nur zur Sicherung des Friedens in Europa zu nutzen. Wilhelm II entlässt Bismark 1890.
    Deutschland wirkte nach seiner Entlassung immer mehr aggressiver und man verspielte die diplomatischen Beziehungen zu den anderen Großmächten in Europa, die Bismarck aufgebaut hatte. Deutschland fühlte sich nun eingegreißt von den anderen Ländern und wollte sich nun aus dieser Zangenkonstellation zu befreien.

    Es wurden koloniale Forderungen angemeldet, handelspolitische Ansprüche und machtpolitisches Mitreden. Deutschland wollte nicht nur wirtschaftsmacht, sondern auch Weltmacht sein.

    4.) "Hätte Deutchland laut des Bündnisvertrag in den Krieg eingreifen müssen?"
    Diese Frage hat mir mein Lehrer bei der Vorbesprechung gestellt und ich solle diese beantworten. Ich denke meinem Lehrer ist nicht bewusst, das Deutschland diesen Krieg mehr noch als Österreich wollte.
    Ich sollte mir diesen Vertrag zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn raus suchen und guck ob Deutscland im Kriegsfall wirklich verpflichtet war Österreich zu helfen oder ob Deutschland auch hätte sagen können:"Das ist euer Problem regelt das allein."

    Ich würde mich freuen, wenn ihr mir ein wenig helfen könntet.

    Dankeschön im vorraus.


    Mit freundlichen Grüßen

    Alex
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 23. Januar 2005
  2. Lili

    Lili Moderatorin

    Der erste Satzteil stimmt, der zweite nicht. Der länderübergreifende slawische Nationalismus (Panslawismus) entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts, sein Ziel war eine Föderation oder zumnidest eine kulturell-politische Zusammenarbeit aller slawischen Völker. Insbesondere Rußland nutzte den in Österreich-Ungarn entstandenen Panslawismus um bei den slawischen Völkern an Einfluss zu gewinnen. So sah sich Rußland als Sprecher der "slawischen Völker unter Wiener Herrschaft" und war die Schutzmacht des unabhängigen Königreichs Serbien. Von einer Vereinigung aller slawischen Völker unter serbischer Krone war allerdings nicht die Rede.
    Mit dem Panslawismus bekommst du dann auch die Überleitung von 1. zu 2. hin.



    Hier solltest du die Blockkonstellation mehr herausarbeiten. In Europa gab es zwei Blöcke, einerseits die Mittelmächte mit Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien und dem Osmanischen Reich und auf der anderen Seite die Entente mit Frankreich, Russland und Großbritannien. Die drei Entente-Staaten hatten Konflikte mit Deutschland;
    • Frankreich: Widergutmachungsbestrebungen nach dem verlorenen deutsch-französischen Krieg von 1870/71
    • Großbritannien: Herausforderung durch den deutschen Flottenbau und der sog. Kanonenbootpolitik vor Marokko
    • Rußland: Deutschland hat die Beziehungen zu Rußland immer mehr vernachlässigt, indem verstärkt auf ein Bündnis mit Österreich-Ungarn gesetzt wurde. Zudem wurde der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert.
    Bei diesem Punkt würde auch noch eine Gegenüberstellung der militärischen Ausgangslage vor Kriegsbeginn der beiden Blöcke passen. Also ein Vergleich von Ausrüstung, Soldaten, Rohstoffen etc.



    Und zu welchem Ergebnis gelangst du?
     
  3. Klaus P.

    Klaus P. Neues Mitglied

    Lieber Alex,
    Einpaar wichtige Aspekte fehlen bei dir:
    a) das dt. Weltmachtstreben (Imperialismus - "Platz an der Sonne")
    b) die dt.-brit. Flottenkonkurrenz
    c) die Bündniskonstellation nach Bismarck ("Deutschland ist am mächtigsten allein", meinte der Kaiser und viele andere, die das Sagen hatten) und die brit.-französ.-russische "entnete cordiale", d.h. herzliche Übereinkunft gegen Deutschland als Reaktion auf die dt. aggressive Außenpolitik.
    Zur letzten Frage: Wilhelm II hat dem österr. Kaiser Franz-Joseph eine bedingungslose Unterstützung (Blanco-cheque/"Nibelungentreue") zugesagt, egal wie dieser sich verhalten sollte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. Januar 2005
  4. Alexander187

    Alexander187 Neues Mitglied

    Den Bündnisvertrag konnte ich nirgendswo auffinden. Aber ich denke, dass ich dies nun auch so hin bekomme.

    Ich habe die Problematik in Österreich-Unagarn fertig verfasst. Ich bitte um Kritik. Alle vier Gliederungspunkte sollen 6 Seiten ergeben. Den ersten Teil habe ich nun fertig verfasst.

    Die Problematik im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn


    Österreich-Ungarn war eine Doppelmonarchie, nach dem Ausgleich von 1867 bestand es aus einer österreichische und einer ungarischen Reichshälfte. Beide Reichshälften reagierte der legendäre Kaiser Franz Joseph I. Er war solange auf dem Thron wie keiner vor ihm, 1916 waren es 68 Jahre. Legendär auch seine Frau Kaiserin Elisabeth von vielen nur Sissi genannt.

    Österreich-Ungarn war ein Vielvölkerstaat, indem 11 verschiedene Nationalitäten unter der Führung von zwei Völkern lebten. Neben den Deutschen und Ungarn, die die Bevölkerungsmehrheit bildeten, gab es in diesem multi-kulturellen Staatsgebilde auch noch zahlreiche andere Nationen, - alle mit dem unterdrückten Ruf nach Freiheit.

    (25% Deutsche, 17% Ungarn, 13% Tschechen, 11% Serbo-Kroaten, 9% Polen, 8% Ukrainer, 7% Rumänen, 4% Slowaken, 3% Slowenen, 2% Italiener, 1% Sonstige).

    Bereits bei der Gründung des Staates gab es massive Kritik, dass nicht alle Völker, insbesondere die Slawen gleich berücksichtig wurden. Vor allem in der österreichischen Reichshälfte entbrannte ein heftiger Nationalitätenkampf, weil sich die Slawen benachteiligt fühlten und eine Änderung zu ihren Gunsten anstrebten. Ihr Ziel war eine kulturell-politische Zusammenarbeit aller slawischen Völker. Insbesondere Russland nutzte die slawischen Unruhen in Österreich-Ungarn, um bei den slawischen Völkern an Einfluss zu gewinnen. So sah sich Russland als Sprecher der "slawischen Völker unter Wiener Herrschaft" und war die Schutzmacht des unabhängigen Königreichs Serbien.

    Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand plante nach seiner Thronbesteigung, das Problem des slawischen Nationalismus so zu lösen, indem er die Doppelmonarchie zu einem so genannten "Trialismus"(Dreibundvertrag) umformen wollte. In diesem Trialismus sollte neben Österreich und Ungarn ein weiterer südslawischer Reichsteil entstehen.

    Diese Vorhaben kreuzte die Pläne des Nachbarlands Serbien. Serbien wollte ein eigenes Großserbisches Reich schaffen, indem alle serbischen Völker in einem einzigen, unabhängigen Staat leben sollten. Die serbische Geheimorganisation „Schwarze Hand“ sah als einzigen Weg den Trialismus aufzuhalten darin, dessen Integrationsfigur, Franz Ferdinand, zu ermorden.

    In dem Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn lebten elf Bevölkerungsgruppen, die neun verschiedene Sprachen sprachen und deshalb konnten sich viele Menschen der österreich-ungarischen Monarchie nicht untereinander verständigen.

    Ein weiteres schwerwiegendes Problem waren die zahlreichen verschiedenen Kulturen, Traditionen und Religionen (Katholiken, Moslems, ..., verschiedene religiöse Feiertage, usw.) der Völker in der Doppelmonarchie. Wegen dieser Problematik konnte der Trialismus nie verwirklicht werden.

    Ein ursprünglich österreich-serbischer Konflikt weitete sich wegen der unglücklichen Bündnispolitik (Serbien war mit Russland verbündet und Russland mit Frankreich und England; Österreich war mit Deutschland und dem Osmanischen Reich verbündet) zu einem Weltkrieg aus.

    Nachdem sich der Balkan zum größten Teil von der türkischen Besetzung befreit hatte, stoßen die Interessen von Österreich-Ungarn und Russland aufeinander. Beide wollen sich Gebiete auf dem Balkan sichern, um ihren Machtbereich zu erweitern. Österreich-Ungarn riss gewaltsam das ihnen 1878 zur Verwaltung übergebene Bosnien und Herzegowina an sich und durchkreuzte so die serbischen und russischen Ansprüche auf dieses Gebiet. Damit war ein weiterer tief greifender Konflikt zwischen Serbien/Russland und Österreich-Ungarn geschaffen.

    Aufgrund dessen, dass die kaiserliche – königliche Regierung zu keinen weiteren Zugeständnissen und Konfliktlösungen bereit war, weitete sich der Balkankonflikt und der Nationalitätenstreit immer mehr aus.

    Die Höhepunkte der Unabhängigkeitsbestrebungen der slawischen Bevölkerung waren zwei Attentate auf Mitglieder des Herrscherhauses: 1898 wurde die Kaiserin Elisabeth in Genf ermordet, 1914 wurde der Thronfolger Franz Ferdinand von serbischen Nationalisten in Sarajewo erschossen. Dieser Mord löste schließlich den Ersten Weltkrieg aus.

    Die Niederlage Österreich-Ungarns 1918 bedeutete zugleich den Untergang der jahrhundertlangen Herrschaft Habsburgs in Mitteleuropa.
     
  5. Lili

    Lili Moderatorin

    schau mal in deinen Posteingang
     
  6. Alexander187

    Alexander187 Neues Mitglied

    "Deutschland vernachlässigte die Beziehungen zu Russland immer mehr, da verstärkt auf ein Bündnis mit Österreich-Ungarn gesetzt wurde. Zudem wurde der Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht verlängert."

    Ist diese Aussage korrekt? wenn ja... warum wurde verstärkt auf ein Bündnis mit Österreich-Ungarn gesetzt? Warum wurden die Beziehungen zu Russland vernachlässigt?
     
  7. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Der am 07.Oktober 1879 in Wien begründete Zweibund war ein defensives Bündnis. Es sah vor, dass das Deutsche Reich Österreich-Ungarn, im Falle eines Angriffs Russlands, verpflichtete dem Partner beizustehen. Der zweite Fall, gegen Frankreich gerichtet, wenn auch nicht namentlich genannt, sah vor, das Österreich-Ungarn dem Deutschen Reich beisteht, wenn eine andere Macht (Frankreich) einen der Partner (Deutsches Reich) angreift und von Russland militärisch unterstützt wird.

    Dieser Vertrag war eigentlich nur eine Notlösung denn Bismarck hatte eigentlich vorgehabt, ein DreiKaiserabkommen abzuschlißen, doch das war 1879 noch nicht realisierbar. Deshalb ist es Österreich-Ungarn wohl auch möglich gewesen, die Beistandsverpflichtungen zu seinern Gunsten zu gestalten.

    Das Osmanishe Reich hatte sich zwar in der Vergangenheit um ein Bündnis mit dem Deutschen Reich bemüht gehabt, doch wurde dies zuerst immer von Bismarck zurückgewiesen, für ihm war dies nur eine Notfalloption, und zuletzt sprach der deutsche Botschafter in Konstantinoplel Biebersstein den Türken die Bündnisfähigkeit ab. Das Osmanische Reich gehörte nicht zum Block des Dreibundes. Es hat sogar im Mai 1914 sich um ein Bündnis mit dem Zarenreich bemüht.

    Gerade im deutsch-englischen Verhältnis war in den letzten Jahren eine Entspannung zu konstatieren, trotz des Scheiterns der Mission Haldanes. Großbritannien war nunmehr auch bereit der Bagdadbahn keine Hindernisse mehr in dem Wege zu legen, ja man war sogar bereit der Zollerhöhung zuzustimmen. Hintergrund war sicher auch, dass das englische-russische Verhältnis eben nicht spannungsfrei war und es im Unterhaus lautstarke Stimmen gab, die ein Ausgleich mit dem Deutshen Reich forderten.

    Auf welchen Zeitraum bezieht sich deine Ausführung?

    Bismarck hatte die Beziehungen zu Russland nicht vernachässigt. Die Nichtverlängreung des Rückversicherungsvertrages würde ich nicht die große Bedeutung beimessen, denn die Annäherung zwischen dem Zarenreich und Frankreich war ohnehin nicht mehraufzuhalten. Herbert von Bismarck meinte bei Gelegenheit sinngemäß, das dieser Vertrag die Russen ein paar Wochen länger von Ostpreußen fernhalten würde, mehr aber auch nicht.

    Bismarck hat mit dem Lombardvervot für russische Papiere an der Berliner Börse einen schweren Fehler begangen, denn die Pariser Börse war sehr gern bereit für Berlin einzuspringen. Des weiteren hat es in Vergangenheit zwischen dem Deutschen Reich und Russland immer wieder Streit bezüglich der Agrar- und Industriezölle gegeben. Was hat auf deutscher Seite nicht so wirklich berücksichtigt hatte, war, das die Industrie des Zarenreich noch im Aufbau begriffen war und deshalb einen gewissen Schutz benötite, denn sie war der internationen Konkurrenz nicht gewachsen. Das konnte man von der deutschen Industrie nicht behaupten. Des Weiteren war die Ausfuhr von Getreide für das Zarenreich lebenswichtig. Man hat deutscherseits also über die Jahre hinweg die russische Seite verärgert und die dort ohnehin schon vorhandenen Ressentiments befördert. Das Resulat ist ja bekannt.

    Nach dem Scheitern von Haldane zog man es vor, über das Problem erst einmal gar nicht mehr zu sprechen. Das Problem sollte auf kleine Flamme gehalten werden. Und wie schon oben ausgeführt, war das deutsch-englische Verhältnis vor der Julikrise deutlich entspannter als in den Jahren zuvor. Man hatte ja auch beispielsweise im ersten Balkankrieg erfolgreich daran gewirkt, das dieser Krieg begrenzt blieb.
     
  8. Franz-Ferdinand

    Franz-Ferdinand Mitglied

    Genau. Das taten aber seine Amtsnachfolger! Der Rückversicherungsvertrag stand einem Wunschbündnis mit England im Weg und wurde auch deshalb nicht verlängert. Die Konsequenzen diese Handelns waren jedoch einschneidend: Zum ersten ist ein Bündnis mit England bekanntlich nie erreicht worden. Des weiteren ergab sich die Annäherung Russlands an Frankreich erst ab 1891, also zeitlich nach der Nicht-Verlängerung, und zwar weil man drittens jetzt in Petersburg zu erkennen glaubte, dass Berlin nicht mehr bereit war die russischen Pläne in Bezug auf Konstantinopel zu tolerieren (vom Mittelmeerbündnis wusste man ja nichts!) sondern, im Gegenteil, das Deutsche Reich nun dem verbliebenen Partner des ehemaligen 3-Kaiser-Bündnisses, Österreich-Ungarn, zusehends beisteht, auch wenn dessen Balkan-Politik sich gegen Russland richtet.

    So wie sich Österreich-Ungarn durch seine Haltung im Krimkrieg den andauernden Unmut Russlands zuzog, so bedingte die Richtungsentscheidung "Nicht-Verlängerung des Rückversicherungsvertrags" eine nachvollziehbare, zunehmend feindselige Haltung Russlands gegenüber dem Reich und mit der russischen Annäherung an Frankreich die gelungene Suche nach einem neuen Partner.

    Die Nichtverlängerung war zwar moralisch verständlich, jedoch ein eklatanter Fehler der deutschen Politik.
     
  9. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    "Ich bin sehr froh, das Deutschland von sich aus (als erster von uns beiden) den Vertrag nicht verlängern will, und ich bedauere es nicht sonderlich, dass es ihn hinfort nicht mehr geben wird." (1)

    Schuwalow führt in einem Schreiben an dem Zaren aus, "Caprivi sei der Ansicht, eine deutsch-russische Annäherung stimme nicht mit der allgemeinen Stimmung in Rußland überein, und der Kanzler bezweifle den wert von Verträgen, die nicht auf der inneren Überzeugung der Nation beruhen." Der Zar schrieb dazu:"Das ist mehr als zutreffend." (2)

    Diese Zitat geben Auskunft darüber, das der Zar der Nichtverlängerung keine Träne nachweinte, denn schon zu diesem Zeitpunkt war die Annäherung zwischen Frankreich und Rußland im Gange. Schon im Jahre 1887, als Bismarck das Lombardverbot für die Berliner Börse für russische Anleihen verhängte, was es die Pariser Börse die helfend einsprang.

    Bloß war das Deutsche Reich ohne Bindung an Rußland für die Briten als Bündnispartner zu jenem Zeitpunkt nicht interessant. Ludwig Raschdau ist ja auch gleich gegenüber den Briten mit der Information, der Nichtverlängerung, hausieren gegangen. Das war schon amatuerhaft.



    (1)Lamsdorf, I, S.317, 07.Juni 1890

    (2) Jakobs, Das Werden des französisch-russischen Zweibundes
     
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  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Da gibst Du im Wesentlichen die ältere Literatur wieder, die diese Ereignisse vorwiegend politisch untersucht, und im Übrigen Bismarcks Spätphase vor dem Hintergrund der nachfolgenden deutschen Außenpolitik verklärt.

    Die Annäherung FRA/RUS hat wesentlich vor 1891, im Prinzip waren die Kontakte logisch und für Rußland nützlich erst ab dem Zeitpunkt des Wieder-Erstarken Frankreichs nach 1871. Den eigentlichen Annäherungsprozess kann man locken über 10 Jahre vor 1891 veranschlagen. Umgekehrt stand Bismarck 1890 vor dramatischen Wendepunkten der außenpolitischen Szene, bei denen seine früheren Rochaden nicht mehr wirken würden.

    Das hat bereits Turgot treffend dargestellt. Die historische Analyse dieser Jahre betrifft inzwischen auch mehr als die ältere lupenreine "Politikgeschichte", und ist deutscherseits auch von der alten Eurozentrierung abgerückt.:winke:
     
  11. Franz-Ferdinand

    Franz-Ferdinand Mitglied

    Caprivis Ansicht ist doch unlogisch, weil es sich ja um ein geheimes Neutralitätsabkommen handelte, es sollte nicht die "innere Überzeugung der Nation" wiederspiegeln sondern dem Sicherheitsaspekt genügen. Für das Zarenreich war nun das Risiko gegeben, dass Deutschland zukünftig nicht mehr mäßigend auf Österreich-Ungarn einzuwirken bereit war. Dafür brauchte Russland jetzt einen neuen Partner. Diese Suche wurde duch die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags zumindest angestoßen. Wirtschaftliche Beziehungen zwischen Frankreich und Russland vor 1890 führten doch nicht in zwangsläufig in die Militärkonvention von 1892? Waren sich nicht die autokratischen Länder Russland und Deutschland näher als Russland und Frankreich? Beruhte denn das Zusammengehen zwischen Frankreich und Russland auf "inneren Überzeugungen der Nation" oder war es eben doch dem Abwenden Deutschlands von Russland geschuldet? Meiner Ansicht nach sind gerade die sich widersprechenden bismarck´schen Verträge deshalb brillant, weil es dem Kräftegleichgewicht in Europa diente. "Bereinigt" von diesen widersprücklichen Pfeilern führt die Politik aller euröpäischen Mächte geradewegs in das bipolare Bündnissystem mit bekanntem Ausgang.
    Deutschland hat sich 1890 ohne Not einer Option beraubt und das Ausmaß des angerichteten Scherbenhaufens nicht erkannt.
     
  12. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Mit "Überzeugungen" hat das auch wenig zu tun, gemeint ist, dass der Vertrag innenpolitisch im Fall der Fälle - das er gezogen werden soll - machtpolitisch durchhaltbar ist.

    Ansonsten würde dem Rückversicherungsvertrag der Versicherungsaspekt fehlen.

    Die Beschreibung war aufgrund der germanophoben Fraktionen in Petersburg durchaus zutreffend.

    Ein wesentlicher Aspekt der frz.-russ. Annäherung ist das Erstarken der frz. Militärmacht, die aus einer bloßen theoretischen Möglichkeit den Magnetismus einer echten Alternative entwickelt. Hinzu kommt die Konfrontation RUS-GB, bei der das DR ohnehin auf den globalen Schauplätzen keine wirkliche Unterstützung bieten konnte.
     
  13. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Der von Caprivi genannte Grund ist selbstverständlich vorgeschoben. Die Gründe lagen woanders und setze ich als bekannt voraus.

    Ich habe ja schon in #7 einige Gründe für die Eintrübung der Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und Rußland genannt. Der Boden war in Petersburg also durchaus bereitet. Es war Giers, der den Zaren für eine vorzeitige Verlängerung des Rückversicherungsvertrages gewinnen konnte. Mit einer Abfuhr hat er wohl nicht wirklich gerechnet gehabt.

    In Frankreich hat man lange Zeit nicht die Vorteile für ein militärisches Bündnis mit Rußland gesehen. Das änderte sich, als man Kenntnis davon bekam, dass das Augenmerk des Zarenreichs nicht mehr nur auf Österreich-Ungarn gerichtet war. Man hatte in Petersburg Kenntnis von den Abmachungen des Jahres 1879 und folglich war klar, das bei einem Konflikt zwischen Rußland und Österreich-Ungarn, in dem die Aggression von Petersburg ausgeht, das Deutsche Reich nicht beiseite stehen würde. Das war für die Franzosen interessant. Des Weiteren haben die Russen ihre Mobilmachungsverfahren so verbessert, dass sie in einem Konflikt zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich den Franzosen wirksam zur Hilfe eilen konnten, in dem sie in Ostpreußen einmarschieren. Auch die französischen Streitkräfte waren mittlerweile von einer Güteklasse, das sie für die Russen ein interessanter Bündnispartner sein würden.

    Und dann kamen natürlich noch ergänzend und ganz erheblich die wirtschaftlichen und finanziellen Gründe hinzu. Frankreich war weit besser in der Lage den russischen Kapitalbedarf zu decken, als das Deutsche Reich.

    In der Tat. Es war vom AA, da wurde ja die Ablehnung der Velängerung des Rückversicherungsvertrag mit großer Entschiedenheit vertreten, ein Fehler, ohne Not die Verbindung zu Rußland aufzugeben, ohne das man einen gleichwertigen Ersatz hatte.
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Oktober 2011
  14. Franz-Ferdinand

    Franz-Ferdinand Mitglied

    Ich denke, Frankreich wäre nach den Jahren der Isolation - in die es ja durch Bismarck geraten war - jedes Bündnis eingegangen dessen man habhaft werden konnte, und das man gegen Deutschland ausrichten zu können glaubte. Mit England war dies aufgrund ungelöster kolonialer Fragen nicht möglich während alle anderen Mächte selbst Bündnisse untereinander eingegangen waren. Erst 1887 war Russland aufgrund des ausgelaufenen 3-Kaiser-Bündnisses frei für eine solche Option. Mit der anschliessenden Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags 1890 entfiel die letzte Bindung Russlands an das Deutsche Reich und an den Dreibund. Frankreich nutzte seine Möglichkeiten entsprechend.

    Der Vertragstext des neugegründeten Zweiverbands machte den Bündnisfall ausdrücklich von einer Teilnahme des deutschen Reiches an kriegerischen Handlungen gegen den einen oder anderen Bündnispartner fest, ohne Auswirkungen bliebe es falls Deutschland nicht an kriegerischen Handlungen teilnahm.

    Damit erreichte Russland das, was ihm vorher im geheimen Zusatz zum Rückversicherungsvertrag durch Deutschland konzidiert wurde: Falls Österreich-Ungarn Russland alleine angreift, dann keine Hilfestellung durch den Bündnispartner sondern neutrales Verhalten desselben. Falls Deutschland aber aktiv an der Seite Österreich-Ungarns teilnimmt kommt Frankreich seinen Bündnisverpflichtungen nach und unterstützt Russland. Während sich also im geheimen Zusatzabkommen das Deutsche Reich eine Selbstverpflichtung auferlegte wurde diese jetzt ersetzt durch eine machtpolitische Drohkulisse.

    Das deutsche Reich gewann im Ergebnis keinen zusätzlichen Handlungsspielraum sondern ersetzte seine freie Selbstverpflichtung durch Grenzen die ihm von anderen gesetzt wurden.

    Lediglich Frankreich hatte nun mit dem französisch-russischen Bündnis den Vorteil dass jegliche Art eines deutschen Präventivkrieges zukünftig ausgeschlossen war. Dafür hat Frankreich sich das Bündnis ja auch einiges Kosten lassen, bezahlte man schließlich die russische Modernisierung der Streitkräfte zu einem Großteil mit.
     
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  15. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Ein Bündnis mit Großbritannien war damals nicht erreichbar. Österreich-Ungarn begann sich nach 1871 langsam von Frankreich weg und zu dem Deutschen Reich hin zu orientieren. Ein schon rein äußerer Beleg dafür war, dass Beust schon kurz nach der Gründung des Deutschen Reiches sich nach einem neuen Job umsehen konnte und Andrassy für die auswärtigen Angelegenheiten verantwortlich zeichnete. Andrassy war gegenüber dem Deutschen Reich positiv eingestellt und bemühte sich um ein Dreierbündnis mit dem Deutschen Reich und Großbritannien. Das wäre für Frankreich höchst unangenehm gewesen. Letzten Endes wurde daraus nichts, aber schon im Jahre 1881 kam das Bündnis zwischen den drei Kaiserreichen zustande.
    Nach Lage der Dinge kam als Bündnispartner für Paris eigentlich nur Rußland in Frage. Ein militärisches Bündnis muss für Frankreich aber natürlich auch vom Nutzen sein und diese Voraussetzungen waren es ab Ende der 80ziger gegeben.

    Für Russland war es nach der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages von elementarer Bedeutung nicht isoliert zu sein. Denn Großbritannien stand quasi als Gegner fest. Deutschland und Österreich-Ungarn waren miteinanderverbunden; die Sperrspitze richtete sich gegen Rußland. Die Militärkonvention richtete sich explizit gegen den Dreibund. Das Österreich-Ungarn nicht alleine gegen Rußland marschieren würde, das war eigentlich klar.
     
  16. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Soweit richtig, die drängenden Kontaktfühler FRA an RUS liefen allerdings seit 1885, und auch vorher war RUS als Bündnispartner attraktiv, während man global kaum Reibungspunkte hatte.

    Zu dem letzten Satz: man sollte grundsätzlich den Wert von Bündnissen und Bindungen nicht so hoch hängen, dazu:
    Katja Frehland-Wildeboer: Treue Freunde? - das Bündnis in Europa 1714-1914
    http://books.google.de/books?id=DWm...&resnum=1&ved=0CDQQ6AEwAA#v=onepage&q&f=false

    Bindungen wurden gekippt, wenn sich Interessen änderten. Bündnisse wurden eingehalten, wenn sie alternativlos waren. Das war spätestens mit der Wiedererstarkung Frankreichs (als einem externen, unbeeinflussbaren Faktor der deutsch-russischen Beziehungen) Mitte der 1880er nicht mehr gegeben. Siehe auch:
    Jakobs, Peter: Das Werden des französisch-russischen Zweibundes 1890-1894
    Kennan, George F.: Bismarcks europäisches System in der Auflösung - Die französisch-russische Annäherung 1875-1890
     
  17. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Schon zu Beginn des Jahres 1887 begannen die Gespräche, wenn auch Schuwalow ohne Autorisierung handelte, für den Rückversicherungsvertrag. Alexander III. verspürte zwar wenig Neigung zu so einer Abmachung, aber es war immerhin ein Zeitgewinn und er stand auch unter Eindruck der Katkowschen Pressenkampagne. Alexander III. sah zwar die außenpolitische Notwendigkeit für diese Abmachung, aber sie musste unbedingt geheim bleiben, da sie innenpolitisch unpopulär war.

    Das Dreikaiserabkommen, das übrigens auch streng geheim war, war im Verlauf der Bulgarienkrise praktisch schon tot. Alexander III. hatte leicht illusionäre Vorstellungen, was sowohl die Haltung Österreich-Ungarns als auch die des Deutsche Reichs hinsichtlich der Krise betraf. Er hatte die Angewohnheit, seine eigenen Fehler den Verbündeten anzulasten.

    Den Rückversicherungsvertrag würde ich nicht überbewerten. Schon Herbert von Bismarck führte aus, das dieser lediglich dem Deutschen Reich die Russen im Falle eines Falles 6-8 Wochen von Hals halte und das wäre doch schon etwas. Die Reichsleitung hatte das Vertrauen in Russland verloren gehabt und das wohl auch zu Recht. Die pro französischen Strömungen, die Handlungsfreiheit auf dem Balkan verhiessen, waren einfach mächtiger.
     
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  18. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Diese Aussage ist zumindest bis 1908 m.E. nicht korrekt. Zwar wurde, unfassbar leichtsinnig, 1890 der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert, aber spätestens ab 1894, die Bemühungen des angepeilten Bündnisses mit Großbritannien waren gescheitert, wurde im gleichen Jahre ein Handelsvertrag mit Petersburg geschlossen. In den Folgejahren hat sich die deutsche Außenpolitik nicht eindeutig festgelegt.

    Österreich-Ungarn war immer bemüht aus dem defensiven Zweibund ein Offensivbündnis zu machen und hatte 1908 im Zuge der schweren Krisen von 1908, den Bau der Sandschakbahn und der anschließenden Annektionskrise um Bosnien und der Herzegowina, letztendlich damit auch Erfolg. Damit war die Bildung von zwei Blöcken in Europa abgeschlossen.
     
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  19. Star

    Star Neues Mitglied

    Auch wenn das Einstellen lange her ist, muss man diesen Satz hier doch kritisch betrachten.
    Meines Wissens nach besass das Deutsche Reich niemals auch nur annaehernd eine gefaehrliche Hochseeflotte gegenueber Grossbritannien, deswegen duerfte dies eher ein vorgeschobenes Argument sein.
    Grossbritannien sah eher eine Gefahr in einem deutsch dominierten Europa und / oder der extremen wirtschaftlichen Macht seit 1871, die sich auf lange Sicht vom Pfundweltmarkt, und damit von GB haette loesen koennen, das war das letzte, was man in Grossbritannien wollte. (Auch ein Stichwort; Made in Germany als Diffamierung, welche zum Guetesiegel wird.)
    Des weiteren, wie man ja am spaeteren Einbruch Russlands und der dringend benoetigten Hilfe der Anglobrueder in Frankreich gesehen hatte, haetten diese beiden alleine gegen die Mittelmaechte den Krieg nicht gewinnen koennen.
    Ich denke deswegen, hier spielt vor allem wirtschaftlicher Einfluss und die beruehmte balance of power weit mehr eine Rolle, als irgend eine Flottenpolitik oder semirelevante Marokkogeschichten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. September 2013
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  20. Turgot

    Turgot Neues Mitglied

    Ganz so einfach wegwischen lässt sich der deutsche Flottenbau allerdings auch nicht, auch wenn die britische Überlegenheit nach 1905 schon sehr beträchtlich war. Und wirtschaftliche Gründe spielten nicht die entscheidende Rolle und ein Neidhammel war Großbritannien ganz gewiss auch nicht.

    Aber es ist schon so, dass Großbritannien in der Verteidigung des Empire beträchtliche Schwierigkeiten hatte und sich kurz vor der Jahrhundertwende begann sich nach einem Festlandsdegen umzusehen. Zunächst war das Deutsche Reich gemäß den Wünschen des Kabinetts der Ansprechpartner.

    Nur, das Deutsche Reich wollte ein festes Bündnis und Großbritannien wollte punktuelle Zusammenarbeit und vorzugsweise das Reich in Stellung gegen Russland bringen. Man brachte an der Themse wenig Verständnis für die prekäre Mittellage des Deutschen Reichs auf.

    Des Weiteren gab es im Foreign Office auch ein mächtige antideutsche Gruppierung, genannt seien hier beispielsweise Bertie, Hardinge, Nicholson, Lacelles, Mallet, die spätestens seit Amtsantritt von Grey einen immer größeren Einfluss gewann. Diese Gruppe wollte unbedingt den Anschluss an Frankreich und Russland mit Frontstellung gegen das Deutsche Reich. 1902 war man auch wegen seiner Interessen in China und natürlich auch Indien sogar bereit ein Bündnis mit Japan abzuschließen.

    Nicht zu vergessen ist die britische Presse, die alles andere als deutschfreundlich war. Es wurde aber wirklich jede Gelegenheit genutzt, um gegen die Deutschen zu hetzten.

    Diese Punkte sind in der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges von Bedeutung, denn sie haben maßgeblich mit zu der Blockbildung am Vorabend des Weltkrieges geführt.
     

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