Familie Pämb

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von edgar, 29. Juli 2013.



  1. edgar

    edgar Mitglied

    Dieser Artikel: Strafe mit sexuellen Untertönen | Telepolis hat mich wieder an das Schicksal der Familie Pämb erinnert. In mir kocht es da innerlich hoch vor Wut. Selbst jene die helfen wollten hat man abgeschlachtet.
    Auch werden sie in neuerer Zeit immer noch abwertend als Landstreicher bezeichnet. Beängstigend.

    Diese teutsche Menschenverachtung über sozial Schwache oder Randgruppen findet man durch die ganze Geschichte bis heute in diesem Land. Kein anderes Land hat so viele 'Hexen' ermordet. Typisch.
     
  2. Apsara Menaka

    Apsara Menaka Neues Mitglied

    Man merkt dir deine Wut an. Aber ich glaube nicht, dass Menschenverachtung eine typisch deutsche Eigenschaft ist. Eher eine typisch menschliche.

    Was die große Zahl der ermordeten "Hexen" in Deutschland angeht, so waren es zynischerweise ausgerechnet die Nationalsozialisten, die diese Zahlen übertrieben haben um damit zu "werben". Und auch bei der - immer noch hohen - tatsächlichen Zahl der Hexenverbrennungen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das damals "Deutschland" war, muss man auch mit einbeziehen, wie groß dieses Gebiet war (großes Gebiet+mehr Menschen=mehr potentielle Opfer). Aber auch England und die USA, Belgien und die skandinavischen Ländern haben in Sachen Hexenverfolgung nicht gerade Milde walten lassen.

    Und auch noch heute gibt es Hexenverfolgung in Staaten wie dem Kongo (Stichwort: "Hexenkinder") und Saudi-Arabien (2011 wurde Amina bent Abdelhalim Nassar hingerichtet).

    Du siehst: Menschenverachtung ist zutiefst menschlich.

    Oder mit Hobbes gesagt: "Homo homini lupus"
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. Juli 2013
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  3. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    In der Zeit der Hexenverfolgungen gab es "Deutschland" doch noch gar nicht, sondern viele deutsche Länder. In einzelnen Territorien wie in den fränkischen Bistümern Würzburg und Bamberg oder in Thüringen gab es tatsächlich eine sehr hohe Verfolgungsdichte mit mehr als 1000 Exekutionen. Neben Frankreich und der Schweiz gab es im Heiligen Römischen Reich die meisten Exekutionen von Hexen in Europa in Europa.

    Die Annahme, dass es in den deutschen Ländern soviele Exekutionen gegeben habe, wegen einer angenommenen Menschenverachtung gegenüber sozial Schwachen ist allerdings eine sehr steile These. In Russland oder Irland gab es überhaupt keine Hexenverfolgungen, ohne dass sich der Schluss aufrecht erhalten lässt, dass dort mehr soziales Bewusstsein als in den deutschen Ländern vorhanden war. Viele Verfolgungen kippten im Laufe der Zeit, und bei den Verfolgungswellen der 1620er und 1640er Jahre wurden schließlich auch Frauen und Männer aus den höheren Ständen exekutiert. Beim Beispiel der Schweiz spricht einiges dafür, dass gerade deren demokratischer Charakter dazu beigetragen hat, zu einem Zentrum der Hexenverfolgung zu werden. Ein Großteil der Bevölkerung glaubte an Hexen und wünschte sich Verfolgungen, Obrigkeiten wurden kritisiert wegen einer zu laschen Haltung.
     
  4. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied


    Grundsätzlich d´accord! Nur eine Anmerkung dazu: Die Hexenverfolgungen in Salem/Massachusetts ereigneten sich im Jahre 1692, und zu diesem Zeitpunkt gab es weder die USA (seit 1776) noch Belgien (seit 1830).
     
    Zuletzt bearbeitet: 30. Juli 2013
  5. Apsara Menaka

    Apsara Menaka Neues Mitglied

    @ Scorpio: Ja, da hast du Recht.
     
  6. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Es bringt meines Erachtens nichts, wenn man sich im nachhinein über historische Geschehnisse aufregt. Grausamkeit oder Menschverachtung als typisch Deutsch oder sowas zu definieren, halte ich für bedenklich. Rutscht man damit nicht gerade in die Gefahr, dass man bestimmte nationale Klischees aufbaut wie sie schon damals, zum Nachteil eines gegenseitigen Verständnisses, existierten?

    Was man sehr wohl wissenschaftlich oder zumindest sachlich untersuchen kann, wäre ob die Hexenverfolgung gesetzlich verankert war (sieher CCC) und ob es da in der FNZ zwischen den Ländern Gemeinsamkeiten gab.
     
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  7. edgar

    edgar Mitglied

  8. Apsara Menaka

    Apsara Menaka Neues Mitglied

    Vielleicht würde es ja für das Vermeiden von Wiederholung der Geschichte schon helfen nicht in "wir" und "die Anderen" zu denken :)
     
  9. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Danke für die Karte. Schön, dass da auch mal das HRR in den Grenzen der FNZ eingezeichnet ist, bzw. ich glaube das zu erkennen.

    Den Rest von Deinem Beitrag habe ich nicht verstanden. Tut mir leid.
     
  10. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Gesetze gegen Magie und Schadenszauber finden sich schon in den römischen Zwölftafelgesetzen, und auch die Constitutio Criminalis Carolina enthielt Passagen gegen Zauberei, sofern dabei Personenschaden entstanden war. Die CCC war liberaler, als der Sachsenspiegel, der jede Form der Zauberei mit Todesstrafe ahndete.
    Die Folter als ein Instrumentarium der Wahrheitsfindung erscheint unter modernen humanitären Vorstellungen als furchtbar, die Auflagen, die nach der Carolina an Anwendung der Folter gestellt wurden, waren aber relativ hoch. In protestantischen Territorien wurde die Carolina oft als zu lasch angesehen und ignoriert, um der Hexerei verdächtige Frauen auch wegen Sachschäden foltern und exekutieren zu können.

    Der Verfasser des Hexenhammers wollte, dass Hexerei als Superverbrechen und Häresie bestraft wurde und empfahl wiederholte Folterungen, die die CCC verbot, einfach als Unterbrechung der Folter zu legitimieren. Die Vorstellung Hexerei= Häresie und die Annahme einer organisierten Hexensekte erleichterten es, Hexerei als eine Art Hochverrat und Verschwörung anzusehen, für die die strengsten Strafen gerade repressiv genug waren.
     
  11. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Da ist ja gut zu wissen, dass es noch emotionale Fanatiker gibt, die einen vor der Wiederholung der Geschichte bewahren.

    Was mich mal interessieren würde, ist ob da die eigene Phantasie Pate gestanden hat oder eine ausgeborgte.
     
  12. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    So wie ich sie bis jetzt verstand, sah die CCC Folter im Falle dringenden Tatverdachtes vor. In neueren Publikationen wird diese Passage betont und als ein Fortschritt bezeichnet. Ich habe jedoch den Eindruck, dass man den hinlänglich belegten dringenden Verdacht gern weiter auslegte. Davon abgesehen, scheint es nicht selten gewesen zu sein, dass man das Prozedere der Folter verkürzte, indem man bestimmte Grade übersprang.

    Mir ging es oben darum, ob eine Betonung der Hexerei in der Rechtsprechung nicht eventuell zwangsläufig dazu führte, dass eben in dem Raum, wo die selbe Rechtsprechung üblich war, auch ein ähnlicher Umgang mit der Hexerei durchsetzte, der heute erkannt werden kann.

    Ich habe mich in den letzten Tagen mit den Hauptakteuren des 30-jährigen Krieges beschäftigt und da sind mir auch in dem Zuge bestimmte Landesherren aufgefallen unter deren Egide dann in besonderem Maße der Hexenverfolgung nachgegangen wurde. Oder aber auch das Gegenteil: Johann Philipp von Schönborn ? Wikipedia
     
  13. Scorpio

    Scorpio Aktives Mitglied

    Aus Quellenstudien zum Thema organisierte Kriminalität und Justiz habe ich reichlich Beispiele entdeckt, dass man die gesetzlichen Formalien gerne mal überschritt oder sie großzügig auslegte, wenn der Zweck die Mittel heiligte. Ähnliche Phänomene lassen sich auch an aktuellen beispielen konstatieren, ich muss dabei nur an die ganzen Radikalenerlasse, Lauschangriffe und Berufsverbote gegen "Sympathiesanten" im Kontext des Terrorismus der 70er Jahre denken.
     
  14. Mirtos

    Mirtos Neues Mitglied

  15. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ich störe mich zudem an den Ausdruck: Strafe mit sexuellen Untertönen.
    Die Brüste wurden Anna Pämb symbolisch abgeschnitten und in den Mund gestopft, weil sie damit ihre Kinder (die an den angeblichen Straftaten beteiligt waren) ernährt hatte. Die Symbolik betraf das Säugen und war nicht sexuell motiviert.
    Zudem gibt es um einiges grausamere Hinrichtungen, wie die des Massenmörders Peter Nirsch 1581 in Nürnberg, die drei Tage dauerte. Oder Henning Brabandt, 1604 in Braunschweig. Dessen Entmannung entsprang auch keinem sexuellen Wunschkatalog. Es war eher der Hass seiner politischen Gegner.
     
  16. Conzaliss

    Conzaliss Neues Mitglied

    Es erschaudert mich immer wieder, wenn ich bedenke wie grausam und bestialisch diese Strafen vollzogen wurden...
     
  17. Turicenser

    Turicenser Neues Mitglied

    In der Schweiz wurden proportional wohl noch mehr Menschen als sog. Hexen verbrannt. Der Unterschied zu Deutschland: Durch die insgesamt doch vorbildliche Aufarbeitung des modernen Holocaust sind die Menschen in Deutschland sensbilisiert. In der Schweiz hingegen denken nur wenige wirklich an die historische Schuld und entsprechende Rehabilitierung. Wir Schweizer sind nach wie vor blind und selbstgerecht.
    Mir persönlich ist es übel geworden, als ich in „Horizonte“ Nr. 88 vom März 2011, der Publikation des Schweizerischen Nationalfonds, unter dem ungeheuerlichen Titel „Angewandte Theologie“ zusammenfassend las: “Die vormoderne Schweiz war ein Zentrum der Verfolgung von Hexen – und Kinderhexen. Theologen und Gerichte gingen dabei nicht etwa fanatisch, sondern vernünftig vor.“ Ich wähne mich buchstäblich im falschen Film, und ganz besonders, wenn die zuständige Forscherin noch meint, die meisten der als Kinderhexen verurteilten Kinder seien „straffällig und berufskriminell“ gewesen. Es ist mir unerklärlich, wie so etwas geschrieben werden kann. Es gibt Morde, die nie und zu keiner Zeit mit Zeitgeist zu entschuldigen sind. Zu jeder Zeit gab es nebst den (Justiz-)mördern Menschen, die wussten, was richtig ist.


     

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