Festung Jersey (Atlantikwall)

Dieses Thema im Forum "Der Zweite Weltkrieg" wurde erstellt von dekumatland, 13. September 2013.

  1. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied


    Wunderliche Blüten trieb der Festungsbau der Organisation Todt auf den britischen Kanalinseln, welche vom 30. Juni 1940 bis zum 9. Mai 1945 okkupiert waren. Auf den Kanalinseln wird dieser traumatischen Zeit viel historische und museale Aufarbeitung gewidmet. Die auffallend zahlreichen Bunkeranlagen, die während der Okkupationszeit in rasender Geschwindigkeit mit immensem Material- und Menscheneinsatz (Zwangsarbeiter!...) errichtet wurden (hierbei teilweise gar nicht fertig gestellt), erwiesen sich als völlig nutzlos: die "Festung Jersey" wurde nicht angegriffen.

    Aber warum wunderliche Blüten? Das hat zweierlei Gründe:
    1. zwar wirken die meisten verbunkerten Schartenstände und Beobachtungstürme in ihrer streng genormten Regelbauweise wie unästhetische Fremdkörper in der Landschaft, doch einige davon sind auf teils unauffällige, teils unfreiwillig komische und teils tatsächlich architektonisch ästhetische Weise in historische Gebäude integriert worden (beim Bau!)
    2. heute werden einige auf überrraschende Weise genutzt.

    in den historischen Festungsanlagen des 17.-19. Jh. wie Fort Regent Fort Regent - Wikipedia, the free encyclopedia und Elizabeth Castle Elizabeth Castle - Wikipedia, the free encyclopedia in St. Helier, aber auch in der alten Burg Mont Orgueil Castle Mont Orgueil Castle ? Wikipedia und in zahlreichen der Küstenforts des 17. und 18. Jhs. wie z.B. der L´Etacquerel Batterie waren relativ getarnte Bunker eingebaut worden, wobei sich (wohl zufällig, nicht geplant) teilweise reizvolle architektonische Integration ergab.

    komisch wirkt die das alte Granitmauerwerk nachahmende Strukturierung und Bemalung der Beobachtungsbunker/türme auf Mt. Orgeuil

    unauffällig ergo geschickt getarnt/integriert sind die Bunker in der L´Etacquerel Battery sowie auf dem Mt. Bingham Fort des Fort Regent

    ästhetisch reizvoll und sogar tenaillierte Linien imitiernd sind ein paar Bunker in der Festung Elizabeth Castle

    unästhetisch scheußlich wirken die in und auf die Steilküste überall gebauten Bunker wie z.B. die Batterie Moltke sowie der monströse Beobachtungsturm ganz oben auf dem Elizabeth Castle

    amüsant ist manche neue Nutzung der nun einmal vorhanden monolithischen Betonklötze wie etwa die Seewassertanks von Faulkners Fisheries in einem Bunker am Rand der St. Queens Bay bei l´Etacq (dort kann man Hummer & Co. wimmeln sehen und exzellent draußen vorm Bunker Meeresfrüchte essen!!!)

    (ich hoffe, ich kriege alle Beispielbilder in diesem Beitrag unter - wenn nicht, dann im nächsten)
     

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  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    (maximal fünf sind je Beitrag vorgesehen, also mache ich jetzt hier weiter)
     

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  3. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied


    freilich soll hier nicht der Eindruck entstehen, dass die Atlantikwall Fortifikationen auf Jersey stets und überall einen respektvollen Umgang mit den historischen Gebäuden oder Monumenten pflegten... schändlich (und ich wollt´s nicht fotografieren) ist der Kommandobunker nebst MG-Nestern direkt am und teils unterm La Hougue Bie Grabhügel / Ganggrab, bei dessen Bau rücksichtslos archäologisch wertvolle Strukturen zerstört wurden! :motz::motz::motz:

    wie eines der Fotos zeigt, ist Elizabeth Castle aller geplanten Tarnung zum Trotz von der Seeseite her (ein Bunker auf der Mohle, obendrüber der phänomenal scheußliche Beobachtungsbunker als höchster Punkt) ebenfalls ziemlich verschandelt worden mit den Betonklötzen...

    Aber speziell auf Elizabeth Castle sind die Bunker zugänglich, museal genutzt, dokumentiert.
     

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  4. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    weiterhin erwähnenswert unter den Atlantikwall Festungsanlagen auf Jersey sind die zahlreichen Tunnelsysteme Hohlgangsanlage tunnels, Jersey - Wikipedia, the free encyclopedia wobei als besondere Attraktion die Hohlganganlage 8 unter dem Namen "jersey war tunnels" muesal hergerichtet ist Hohlgangsanlage 8 - Wikipedia, the free encyclopedia

    tatsächlich wird diese Bunkeranlage als eine der Hauptattraktionen der Insel empfohlen, hat eine eigene Bushaltestelle (Jersey ist fantastisch mit öffentlichen Kleinbussen ausgestattet, man kommt überall hin) - im Gegensatz zu zahllosen Westwallbunkern, die bei uns gesprengt werden, werden auf Jersey derartige Anlagen wenn nicht alle gepflegt, so doch erhalten.
     
  5. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    längst nicht alle, aber einige der museal hergerichteten und geöffneten Bunker kann man hier nebst Literatur finden: http://ciosjersey.org.uk/bunkers (runterscrollen und die einzelnen Anlagen anklicken)

    ich hoffe, der Link ist ok
     
  6. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Sehr interessante Eindrücke, vielen Dank!

    Ich habe etwas quergelesen. 1942 sollte nach den Unterlagen zur Kanalküste anscheinend noch eine 4*30,5cm-Batterie dort plaziert werden. Ist das noch erfolgt?
     
  7. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

  8. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Sie werden nicht mehr zerstört. Steht alles unter Naturschutz.Ich war vor kurzem bei einer Bunkerwanderung dabei.

    Der militärische Wert der Bunker die ich gesehen habe, war jedoch im Vergleich mit der Maginotlinie sehr gering. Nur Propagandabauten.

    BUNDGrüner Wall im Westen:Startseite
     
  9. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Vielen Dank für den Interessanten Bericht und die vielen Bilder.

    Deine Meinung zu den Beobachtungsturm der Batterie Moltke muss ich jedoch entschieden wiedersprechen. Persönlich finde ich das für einen äusserst gelungenen Entwurf, so wie auch der von La Corbiere, und für eine bemerkenswerte ästhetische Leistung für ein Wehrbau der in Kriegszeiten errichtet wurde. Die Entwürfe weisen sowohl moderne wie expressionistische Elemente auf.

    Vergleich das mal mit den britischen Bunkern an der Küste von Sussex oder auf Malta, um zu sehen was ein echt hässliches Bauwerk ist.

    Die beiden sind vermutlich die am öftesten abgebildeten Bunkerbauten, zusammen mit den Großbatterien in der Normandie wie die Batterien Lindemann und Todt, oder die kleinere Anlage in Longues-Sur-Mer die bei der Landung in der Normandie heftig umkämpft wurde.

    Das Bild unten ist der Turm von la Corbiere

    Miscellaneous bunkers and gun emplacements - theislandwiki


    Ich hatte irgendwo mal eine Aufstellung mit den Batterien die ich z.Zt. nicht finde. Ich meine mich zu erinnern, dass diese nicht mehr errichtet wurde.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2013
  10. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Nicht Propaganda, sondern ein anderes taktisches Konzept.

    Der früher begonnene "Ostwall" im Oder-Warthe-Bogen, war viel stärker als der Westwall ausgelegt und mit einem ausgedehnten Tunnelsystem vernetzt. Nur hat Hitler diesen gestoppt da er eine defensiven Einstellung entsprach die er nicht befürwortete.

    Der Westwall war dagegen nur als eine art Rahmenbefestigung vorgesehen, die einen Angreifer binden sollte während das Feldheer sich in Stellung brachte.
     
  11. Isleifson

    Isleifson Gesperrt

    Die Dinger die ich gesehen habe kammen mir vor wie Särge aus Beton. Der Leiter der Wanderung bestätigte dies und meinte man hätte diese Kästen nur zu Propagandazwecken auf die Schnelle hochgezogen.

    Die Maginotlinie kenne ich natürlich gut. Bin da aufgewachsen.
     
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  12. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    du weißt ja: de gustibus non est disputandum :)
    ...mir kommt der Beobachtungsturm der Batterie Moltke eher wie ein kariöser Backenzahn vor...

    architektonische Ästhetik, sei sie nun an den im Ursprung expressionistisch wie auch kubistisch inspirierten Bauwerken der "Neuen Sachlichkeit" orientiert, war nach meiner Kenntnis selten bis nie Pate der massenhaft hochgezogenen Bunkerbauten ab den 30er Jahren, die primär rein zweckdienlich konstruiert waren (und auf allen zuvor üblichen repräsentativen Schmuck der Kehlseiten z.B. mittels Blendfassaden etc. verzichteten) - dennoch aber, wie ich vermute zufällig, ergab sich quasi von allein, zufällig, der eine oder andere architektonische Reiz. Und was die Bunker von Le Corbiere betrifft, wie übrigens auch die entlang der St. Queens Bay bis zum fotografierten Faulkners Fisheries Bunker, so haben diese den besagten architektonischen Reiz.
    ...vorausgesetzt, man mag dergleichen Bauwerke... denn wie gesagt: de gustibus... :D
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2013
  13. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Zufällig ist daran gar nichts. Du musst nur die optische Qualität der deutschen und französischen (oder auch belgischen) Bunkern mit der von den erwähnten britischen, russischen (Stalin Linie) oder sonstigen vergleichen.

    In Frankreich und Deutschland waren es akademisch ausgebildete Ingenieuere und Architekten die diese Werke planten, während es bei den Anderen vor allem den schon in Kriegszeiten gebauten Werken, es einfache Techniker und Militäringenieure (Pioniere) waren die diese realisierten.

    Anbei ein weiteres Bild des "Marinepeilstand 3" wie er geneuer hieß, daneben der Einsteinturm und ein Werk von Richard Neutra von 1936.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 14. September 2013
  14. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    willst du damit andeuten, dass womöglich die normierten Regelbauten (sic!) der Bunker von Westwall, Atlantikwall, Oder-Warte-Bogen usw usw abgesehen von ihrer puren Zweckdienlichkeit a priori in der Formgebung zusätzlich ästhetisch konzipiert gewesen seien? Das ist sehr unwahrscheinlich, widerspricht auch den kunsthistorischen Aussagen der Fachliteratur zum Festungsbau nach der Brisanzkrise (ein Beispiel unter vielen der kunsthist. Aufsatz zum Historismus und der Nachfolgezeit in "Festung Köln") - zumal sich kaum vorstellen lässt, dass rein militärische Zweckdienlichkeit am geschicktesten mittels ästhetischer Formgebung erzielt würde. Mir erscheint, trotz gelegentlicher zufälliger ästhetischer Wirkung durch Formanalogien, wahrscheinlicher, dass die Regelbauwerke in ihrer Regelbauweise keine obendrein zusätzlich kostspielige architektonisch-ästhetische Konzeption hatten.
    freilich kann man den eintönigen, monolithischen Bauten eine Wirkung zuschreiben, etwa dass sie besonders bedrohlich, abweisend oder fest erscheinen - aber das ist, nichtmal an den Kehlseiten, ihr Zweck, ihre Absicht, denn ist rein zweckorientiert.

    Das sind auch die Gründe, weshalb mein (vornehmlich kunsthistorisch orientiertes) Interesse am Festungsbau nach den Forts und Festen des frühen 20. Jhs. nachlässt: nach dem ersten Weltkrieg dominiert die nackte Zweckdienlichkeit.
     
  15. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Es ist etwas schwierig, dieses in Kurze worte zu fassen. Das fehlen von Ornamentik bedeutet nicht, dass keine Ästhetische Konzeption vorliegt.

    Und das etwas ein reiner "Zweckbau" ist, bedeutet dieses ebenfalls nicht. Nicht zufällig sind einige der Ikonen der frühen Moderne, reine Industriebauten, wie die Hutfabrik in Luckenwalde von Mendelsohn, die Turbinenhalle von Peter Behrens oder die Fagus von Walter Gropius.

    Der Einsteinturm ist ebenfalls ein Zweckbau und abgesehen von seinen geschwungenen Formen, weist er keinerlei Dekoration auf. Seine optische Qualität entspringt hauptsächlich aus seinen Proportionen und seiner Gliederung.

    Selbstverständlich steht die Optik nicht im Vordergrund, aber ein guter Planer wird es nicht auslassen, die Mittel die ihm zur Verfügung stehen zu nutzen, um dem Ganzen auch eine ästhetische Qualität zu verpassen.
     

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    Zuletzt bearbeitet: 15. September 2013
  16. Bdaian

    Bdaian Aktives Mitglied

    Man kann es auch an anderen Beispielen sehen, wie z.B. den Hochbunkern der Luftverteidigung. Es gibt klobige unförmige Exemplare wie z.B. der am Anhalter Bahnhof oder der aus der Pallasstrasse (siehe Bild unten) bei denen tatsächlich jede Absicht fehlt, diese irgendwie in Form zu bringen.

    Dagegen kann man den Flaktürmen wie der vom Humboldthain, Hamburg Heiligengeistfeld (drittes Bild) oder Wien, eine eindeutige ästhetische Absicht attestieren. Diese waren zwar auch reine "Zweckbauten" die völlig dekorlos daherkamen, es wurden aber das eingesetzt was man hatte: Proportion und Symetrien.

    Die Regelbauten und Peilstände waren auch erstaunlich modern. Die Großbauten in den Städten entsprachen dagegen mehr dem architektonischem Geschmack der NS-Führung. Bei den Flaktürmen war dieses zum Teil der Fall, Hitler selbst soll die Anregung gegeben haben diese an mittelalterliche Burgen anzulehnen. Es gab aber auch noch deutlichere Beispiele wie z.B. der Reichsbahnbunker in Berlin Mitte (der sogar eine Andeutung von Dekoration in Form der Konsolen des Gesims und der Bossierten Portale aufweist. Siehe zweites Bild unten) oder die "Engelsburg" in Lübeck.

    Die "Engelsburg" - der Rundbunker Töpferweg in Lübeck
     

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    Zuletzt bearbeitet: 15. September 2013
  17. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    da stimme ich dir zu!
    und sicher gehörte bei einzelnen Großprojekten auch eine quasi modernistische Formgebung und damit ästhetisierende Gestaltung mit dazu - aber für die massenhaft gebauten Regelbauten dürfte das ziemlich sicher nicht gelten. (bedenkt man noch, dass dergleichen ja getarnt sein wollte, entschwinden Künstlichkeiten wie ästhetische Formgebung ohnehin ganz hinterm banal-praktischen)

    zwar kenne ich die "Bunkerarchäologie" etc., aber kunsthistorisch spielen die Regelbauten eigentlich keine Rolle.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Als Nachtrag, zu den größeren "Plänen" mit 4*30,5, sozusagen 3 mal Helgoland auf den 3 Kanalinseln (sorry für die schlechte Bildqualität):

    T1022 / Roll 2231 / S. 506-508
     

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  19. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

    Ich wollte jetzt keinen eigenen Thread aufmachen. Da es hier auch um die Kanalinseln unter deutscher Besatzung geht, verlinke ich hier diesen Artikel zur Granville-Raid vom März 1945, als von den Kanalinseln aus ein deutscher Angriff auf den bereits in allierter Hand befindlichen Hafen Granville in der Normandie stattfand:

    Zweiter Weltkrieg: Die Hungerleider greifen an - SPIEGEL ONLINE - einestages
     
  20. Carolus

    Carolus Aktives Mitglied

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