Frage: Bismarcks Sozialversicherung unter dem Aspekt "Anspruch und Wirklichkeit"

Dieses Thema im Forum "Das Deutsche Kaiserreich" wurde erstellt von Chiavra, 20. Mai 2016.

  1. Chiavra

    Chiavra Neues Mitglied


    Hallo zusammen,

    Bei meinen Hausaufgaben komme ich bei der Beantwortung folgender Aufgabestellung nicht ganz weiter:

    Versuchen Sie eine Deutung der hier abgedruckten Quelle unter der Fragestellung "Anspruch und Wirklichkeit".

    "Meiner Meinung nach liegt der Sieg über die lügenhaften Versprechungen und schwindelhaften Ideen, mit welchen die Führer der Sozialdemokratie die Arbeitermassen ködern, namentlich in dem tatkräftigen Beweise, dass der Staat oder wie bei uns der König, zu dessen dynastischer Tradition es zudem gehört, sich der wirtschaftlichen Schwachen und Bedrängten annimmt. Nicht als Almosen, sondern als Recht auf Versorgung, wo der gute Wille zur Arbeit nicht mehr kann... Die sozialpolitische Bedeutung einer allgemeinen Versicherung der Besitzlosen eine konservative Gesinnung zu erzeugen, welche das Gefühl der Pensionsberechtigung mit sich bringt. Warum sollte der Soldat der Arbeit nicht eine Pension haben wie der Soldat oder der Beamte? Das ist Staatssozialismus, das ist praktisches Christentum in gesetzlicher Betätigung."
    (Zitat Otto von Bismarck)

    Ich verstehe die Aufgabenestellung so, dass sie auch in folgender Frage formuliert werden könnte:
    Werden die sozialen Reformen von Bismarck dem Anspruch der Bevölkerung gerecht?
    Meine spontane Antwort wäre: Weitgehend! Sie war eine Antwort auf die soziale Frage. Wie tragfähig dieser politische Beschluss war, zeigt sich doch noch heute.
    Das Zitat lässt ja meiner Meinung nach nicht viele Deutungsmöglichkeiten übrig. Laut Bismarck werden durch die neuen Versicherungen die Argumente der Sozialdemokraten hinfällig (dass die Regierung sich nicht der Arbeiterschaft annimmt und diese der Verelendung überlässt) und damit ist die Sozialversicherung wirksamer als jedes Sozialistengesetz.
    Aber wahrscheinlich beziehe ich nicht genügend Faktoren ein.

    Vielleicht könnt ihr mir bei der Aufgabenstellung helfen?
     
  2. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Vermutlich, aber vermutlich würde auch - lediglich - eine weitere Lektüre von Wiki weitere Aspekte beleuchten, die in der bisherigen doch sehr einseitigen unkritischen Sicht zu kurz gekommen sind.

    Es gab im wesentlichen zwei Lösungsansätze. Den durch die Arbeiterbewegung, also die SPD in Kombination mit den Gewerkschaften. Und es gab den Weg der staatlichen Fürsorge aus der Versorgung von Armen und Invaliden heraus, wie ihn beispielsweise Bismarck hat gehen wollen, ergänzt durch die sozialpolitischen Vorstellungen der Kirchen.

    Die Initialzündung und die Entwicklung des Wohlfahrtsstaat ist eng verbunden mit der zunehmenden Bedeutung der Thematisierung der „sozialen Frage“, die ein Ergebnis ist, zwischen dem Widerspruch der ungebremsten Dynamik der industriellen Revolution in den kapitalistischen Ländern und der Formulierung eines ideologisch begründeten Wertesystems, in der Folge der Französischen Revolution und der Propagierung von sozialer Gerechtigkeit (vgl. G. Eley: Forging Democracy) .

    Die konkrete Einbettung der Ausbildung des Wohlfahrtsstaats in Deutschland reflektiert zum einen diesen universellen Konflikt, ist dennoch durch eine Reihe von speziellen Aspekten gekennzeichnet, die den frühen Zeitpunkt der Initiierung wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen durch Bismarck erklärt (vgl. europäische Übersicht in Ambosius & Hubbard: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Euopas im 20. Jahrhundert, S. 113). In besonderem Maße war die Ausgangssituation nach der Reichsgründung 1871 durch einen harten Gegensatz des autokratischen Regierungssystems und dem politisch nicht einbezogenen „Proletariat“ gekennzeichnet. Aus diesem Aspekt speiste sich die eine Quelle der Infragestellung des politischen Systems des Kaiserreichs nach 1871. Zum anderen war es die generelle Frage des „Nationbuilding“, dass einerseits die Integration des katholischen Milieus betraf und andererseits die staatsferne, in ihrer Bedeutung stetig anwachsende Klasse der Arbeiter (vgl. Wehler: Bismarck und der Imperialismus).

    Am 9 Mai 1978 brach die Börse in Wien zusammen und löste den „großen Krach“ europaweit aus, der sich ebenfalls im DR massiv auswirkte. Der im Reich ausgelöste Gründerboom erschien zunehmend als „Gründerschwindel“ und bewirkte ein Platzen der Spekulationsblase(vgl. Winkler: Der lange Weg nach Westen, Bd. 1, S. 226). In Anlehnung an Rosenberg charakterisiert Winkler diese Phase zwischen 1873 und 1896, dem Ende der langen Depression, als eine Periode des allgemeinen Pessimismus und der sozialen Unzufriedenheit , die einherging mit einer „zunehmenden ideologischen Dynamik und Aggressivität. Die unmittelbare Folge war der Niedergang des „laisser faire, laisser aller“ und wirkte sich aus bis in den politischen Niedergang der Nationalliberalen und dem damit teilweise zusammenhängenden Aufkommen eines wirtschaftlich motivierten Antisemitismus. Ein Aspekt, den Bismarck für seine politischen Ziele zu nutzen wusste.

    Die politisch relevante Phase für den Einstieg in den Wohlfahrtsstaat bildet die Phase der „Großen Depression“. Die Entwicklung beispielsweise bei Wehler beschrieben (Wehler, Bismarck und der Imperialismus, S. 67ff. und ebd: Deutsche Gesellschafts-Geschichte 1848 – 1914, S. 547ff). Diese Periode ist durch eine weitgehende Stagnation der Nominallöhne der Arbeiter gekennzeichnet mit einem leichten Aufwärtstrend nach 1880. Die Reallöhne folgten dieser Entwicklung nicht, aufgrund deutlich gestiegener Lebenshaltungsosten im Bereich der Grundnahrungsmittel (auch durch Agrarzölle) und der Mieten und führte zu einem Absinken des Lebensstandards (Wehler: DGG, Bd. 3, S. 908). Diese Entwicklung verschärfte die sozialen Bedingungen in Teilen der Arbeiterklasse und führte vor allem zu einer Zunahme der Doppelbelastung für Arbeiterfrauen. Gleichzeitig kam es zu einer systematischen Verschlechterung der Wohnbedingungen durch die Zunahme von Untervermietungen in den ohnehin begrenzten Wohnverhältnissen (Grebing: Arbeiterbewegung, S. 68/69).

    Unter anderem in der Folge der Französischen Revolution, der gescheiterten Revolution von 1848 und der niedergeschlagenen Pariser Commune von 1871 organisierte sich die deutsche Arbeiterschaft. Mit dem Gothaer Programm von 1875 formulierte die SAD in der Tradition einer marxistischen Gesellschaftsanalyse ihre dennoch ausgesprochen revisionistischen Ziele: Ziele, die zudem unter den Vorbehalt gestellt wurden, „mit allen gesetzlichen Mitteln“ erlangt zu werden (vgl. dazu das Programm in Kuhn: Die deutsche Arbeiterbewegung, S. 296.). In der Folge erhält die Sozialdemokratie einen deutlichen Zulauf, wobei ihre Hochburgen bei der Mitglieder- und auch der Stimmenentwicklung in Gemeinden über 10.000 Einwohner und vor allem in den Großstädten, wie in Berlin (RTW 1912: 75%) oder Hamburg (RTW 1912: 62%) liegen (vgl. Grebing , S. 199).

    Vor diesem Hintergrund erkannte Bismarck einen massiven Handlungsbedarf, der sich aus der real verschlechterten sozialen Situation der Arbeiter ergab und ihrer Formulierung einer „Gegenutopie“, die die herrschende Ordnung des Kaiserreichs in Frage stellte (Wehler: DGG, Bd. 3, S. 902ff). Seine Lösung basierte auf zwei Pfeiler. Zum einen auf der Repression der Sozialdemokratie, im Rahmen der „Sozialistengesetze“, und zum anderen auf der vom Staat initiierten und vor allem auch vom Staat finanzierten Wohlfahrtspflege.

    Vor diesem Hintergrund initiierte er sein innenpolitisches Programm. Bismarck politisches Credo war „Man kann nicht ein Land von unten regieren“ , da diese Vorstellung gegen die „natürliche Ordnung“ verstoßen würde. Und befürchtet für den Konflikt, dass „die Hungrigen ….uns auffressen“ (ebd. S. 903). Bismarck führte dabei seinerseits einen durchaus als polemisch zu bezeichnenden Kampf gegen die „rote Gefahr“, indem er die Wirtschaftskrise von 1873 bis 1896 dem Wirken der Sozialdemokratie anlastete.

    Den Anlass bildeten zwei Attentate auf den Kaiser, die der Sozialdemokratie, ohne handfeste Belege, zur Last gelegt wurden. Im Zuge seiner Kampagne marginalisierte er zunehmend die Nationalliberalen (vgl. oben Gründerkrach), die im bürgerlichen Lager ein Garant für die Vereidigung bürgerlicher Rechte gegen staatliche Interventionen waren. In diesem Umfeld wurde das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ im Oktober 1878 verabschiedet (vgl. Wehler ebd, S. 905, vgl. Grebing, Abdruck des „Sozialistengesetz“ S. 149. „Wie beim Kulturkampf erreichte die Regierung Bismarck ….das genau Gegenteil dessen, was sie intendiert hatte (ebd. S. 906). Und Wehler stellt resümierend fest: „Im Grenzfall hielt der Kanzler die Staatsmacht und das Militär dieser aufsässigen Opposition allemal gewachsen.“ (ebd. S. 907).

    Neben die Repression der Sozialdemokratie wollte Bismarck einen „Staatssozialismus“ stellen, der auf die positive Integration der Arbeiterschaft, die „innere Reichsgründung“, in das DR abzielte. Er ging dabei von der Prämisse aus, dass die sozialistischen Theorien bereits so tief in der Arbeiterschaft verwurzelt waren, als dass sie nicht mehr ignoriert werden konnten. Bismarck orientierte sich dabei in seinem Modell an dem Vorbild von Napoleon III. Dieser hatte durch ein System von Zahlungen die Franzosen zu direkten Empfängern von Staatszahlungen gemacht und sich über diesen Weg die Zustimmung zu seiner Regierung „erkauft“. Bismarck wollte ein Modell im DR einführen, dass ebenfalls möglichst direkte Zahlungen durch den Staat an die Empfänger“ vorsah und sie somit durch eine „kollektive Massenbestechung“ (H. Rosenberg) in das politische System zu integrieren.

    Von Nipperdey wird die Mehrdimensionalität der Bismarckschen Politik in den Vordergrund gestellt. So sieht er folgende Aspekte: 1. Der Kampf gegen die Revolution und die Erhaltung des monarchisch-obrigkeitsstaatlichen Staates, 2. Der Marginalisierung des Liberalismus, und 3. Der Verfolgung einer klassischen Fürsorgepflicht des Monarchen gegenüber seinen Untertanen, die bereits in der preußischen Revolution von Oben angelegt ist (v. Stein, Hardenberg etc.) (Nipperdey, Deutsche Geschichte. Arbeitswelt und Bürgergeist, Bd. 1, S. 337ff).

    Und Nipperdey kommt zu einem positiven Befund der Wirksamkeit der wohlfahtsstaatlichen Maßnahmen und hält fest, dass sich die Lage der Arbeiter zwischen 1866 und 1913 „gewaltig verbessert“ hat (ebd. S. 372).

    Und bei Wehler heißt es, obwohl er Bismarck kritisiert: „Trotzdem: Die Bismarcksche Sozialversicherung hat den Grundstein für eine ausbaufähige, immens differenzierbare und weltweit nachgeahmte Daseinsvorsorge gelegt…..Man wird sogar anerkennen müssen, dass Bismarcks politisches Kalkül ….aufgegangen ist. …die systemkritische Distanz der organisierten Arbeiterschaft aufzuweichen und ihre Staatsloyalität zu gewinnen.“ ( Wehler: DGG, Bd. 3, S. 915).

    In diesem Sinne war der machiavellistische Bismarck in seiner „operativen Politik“ durchaus erfolgreich und auch in der „Nachhaltigkeit“ der Auswirkungen seiner Sozialpolitik.
     
  3. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter


    Den Umgang mit der Quelle als solche, den Kontext der Verhältnisse etc., musst Du natürlich recherchieren und darstellen.

    Thanepower hat einen größeren Abriss gegeben, wie die Entstehung der SV einzuordnen ist.

    In Deinem Zitat sind einige Aussagen unterstrichen.

    Die solltest Du mal gezielt mit der Fragestellung (Anspruch und Wirklichkeit) kombinieren,
    a) vor der SV
    b) Änderungen durch die SV, wurden die damit adressierten sozialen Probleme gelöst und in welchem Umfange?
     
  4. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    Danke für deinen Beitrag. Ich frage mich, wie real war die Gefahr einer sozialistischen/sozialdemokratischen oder sonstigen Revolution zu den Zeiten als Bismarck die SV einführte.
    Oder wurde von Bismarck nur etwas als Gefahr wahrgenommen, was in Wirklichkeit weit weniger gefährlich war?
     
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  5. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Als Einleitung in das Thema, etwas zum Kontext: „Nun habe ich diese Bastards“, soll Bismarck gesagt haben und durchaus nicht die Sozialdemokraten gemeint haben, sondern die National-Liberalen.

    Es gab sicherlich nach 1848 eine latente Bedrohung des Staates, aber sie wurde durch Bismarck instrumentalisiert, um seine politischen Ziele durchsetzen zu können.

    Die zwei Anschläge auf den Kaiser wurden von Bismarck als Vorwand genutzt, die National-Liberalen im Reichstag politisch zu polarisieren, indem sie sich für ihn oder für ihre liberalen Werte entscheiden sollten. Diese liberalen Werte betrafen zum einen individuelle Freiheitsrechte und damit zusammenhängende politische Rechte und andererseits eine laissez faire-Vorstellung von Wirtschaft. Die politische Polarisierung der Liberalen und somit ihre Integration in die bismarcksche parlamentarische Machtphalanx erfolgte anhand der Sozialistengesetze. Sie zielten auf die politische Schwächung der National-Liberalen ab und auf die Stärkung der Konservativen. Was Bismarck im Rahmen der folgenden Wahlen auch erreichte (ausführlicher bei Gall oder Steinberg zu Bismarck).

    Insofern sollten die Sozialistengesetze aus der Sicht von Bismarck mehreren Zielen dienen. Im Kontext mit dem „Kulturkampf“ gegen das katholische Zentrum wird dann deutlich, wie stark die bismarcksche Innenpolitik – als zweite Staatsgründung nach Innen – konterproduktiv angelegt war, da sie weite Teile der Bevölkerungen ausgrenzte.

    Fortsetzung zur „Revolution“ folgt.
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Stelle war bei Eley (1, S. 16), der sich auf Stürmer bezieht und eine Unterhaltung von Bismarck und Karl Nobeling berichtet

    B: Now I`ve got the scoundrels
    N: Your Highness means the Social Democrats?
    B: No, the National Liberals

    "Scoundrels" sind eigentlich korrekt mit "Schurken" zu übersetzen, oder aber auch mit "Hundspfott". Ein Begriff, den Bismarck wohl benutzt hat.

    Eley, Geoff (1992): Bismarckian Germany. In: Gordon Martel (Hg.): Modern Germany reconsidered, 1870-1945. London, New York: Routledge, S. 1–32.
    Stürmer, Michael (1969) Staatsstreichgedanken im Bismarckreich, Historische Zeitschrift, Vol. 209, S. 593 (ähnlich A.J.P Taylor: Bismarck, (1955), S. 172ff
     
  7. Ugh Valencia

    Ugh Valencia Aktives Mitglied

    @thane, danke für deine Antworten. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung zur Revolution. Stürmers Staatsstreichgedanken gibt es kostenlos im Netz. Ich werde es lesen dieses Wochenende - und das beginnt jetzt nach einer Woche Nachtschicht. Ich muss aber erst mal schlafen.
     
  8. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teil 1
    Insgesamt steht die Beantwortung dieser Frage unter dem Vorbehalt unterschiedlicher Aspekte. Zum einen sind es die variierenden und teils widersprüchlichen historischen Erklärungsansätze, die die Arbeiterbewegung und die dazugehörigen Sozialismus-Theorien darstellen, wie u.a. bei Jarausch und Geyer ausgeführt (10) Und es ist im späten neunzehnten Jahrhundert erst einem undogmatischen Marxisten wie Mehrung zu verdanken, dass die Arbeiterbewegung eine Darstellung ihrer Entwicklung verdankt, die ihr eine eigenständige historische Identität ermöglichte (16).

    Zum anderen sind es aber auch die unterschiedlichen Ebenen der Konzeptualisierung von Politik in der Arbeiterbewegung selber, die die Beantwortung erschweren. Zum einen weil innerhalb der SPD ein deutlicher Unterschied gesehen wurde zwischen den grundsätzlichen ideologischen – sozialistischen bzw. marxistischen – Positionen und der taktischen bzw. operativen Ausrichtung an die Rahmenbedingungen eines „schein-konstitutionellen, autoritären Obrigkeitsstaat“ , wie sehr deutlich bei Bebel zu erkennen. (1)

    Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es viele Gründe gab, dass es zwischen dem systemüberwindenden Anspruch und der pragmatischen täglichen politischen Praxis deutlich Unterschiede gab. Und dieses erschwerte auch Bismarck die Beantwortung der Frage, zumal Tilly – selbst aus rückwirkender analytischer Sicht – darauf hinweist, dass man keine „Regeln“ für die europäischen Revolutionen erkennen konnte. (25, S. 338ff). Insofern ist Bismarck mit den „Sozialistengesetzen“ – entsprechend seiner Verantwortung als Kanzler – subjektiv gerechtfertigt der potentiellen Bedrohung entgegengetreten, die objektiv nicht gegeben war. (22, S. 213)

    Die gegenseitige Vorstellung der Bedrohung resultierte zum einen aus den realen Unterschieden hinsichtlich des Zugangs zu politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ressourcen. Daneben waren es aber auch in starkem Maße die historischen Ereignisse, die die symbolträchtigen negativen Bezugspunkte geprägt haben. Für Bismarck ist es zum einen die Existenz einer Pariser Kommune, die Ansätze zur Realisierung einer sozialistischen Gesellschaft zeigte und zum anderen die positive Bezugnahme von Bebel im Reichstags auf dieses soziale Experiment(1 und 22, S.221). Für die Arbeiterbewegung ist es dagegen die repressive Unterdrückung der 48er Revolution und die standrechtliche Hinrichtung ihrer Volksvertreter wie im Falle von Blum, wenn Lassalle formulierte: „Was Deutschland so empörte war, dass er in Form des Rechts, wenn auch des Standrechts, getötet wurde.“ (13, Pos. 984).

    Die subjektiven Bedrohungsvorstellungen bei Bismarck entsprangen dabei seinem konservativen monarchischem Weltbild. Die Polarisierung des politischen Spektrums und somit die Ausgrenzung der Sozialdemokratie war aber im Bewußtsein konservativer Politiker insgesamt tief verwurzelt und somit spiegelte Bismarck durchaus den Zeitgeist seines politischen Umfeld wider. „Die Gegner der Sozialdemokratie bis weit in die Regierung hinein waren aber von dem konspirativen Charakter [der Politik der SPD] überzeugt, der sich hinter [demokratisch legitimierten und quasi revisionistischen ] Erklärungen nur verberge. „(7, S. 61)

    So schreibt beispielsweise Heinrich von Treitschke: „ Eine allmähliche Läuterung der Sozialdemokratie von innen heraus haben wir nie zu erwarten, denn der Unsinn und die Niedertracht können sich nicht abklären…Wir können uns nicht mehr täuschen, die Sozialdemokratie ist der Rute entwachsen, sie ist zur Schule des Verbrechens geworden…Die Sozialdemokratie bildet einen Staat im Staate… Es wird höchste Zeit, dass der Staat für längere Zeit die Vereine der Sozialdemokratie schließt, ihre Zeitungen verbietet, ihre Agenten aus den großen Mittelpunkten der Arbeiterbevölkerung ausweist. Diese Menschen trotzen auf die Gewalt der Fäuste und sie verstehen nur die Sprache der Gewalt (22, S. 219)

    Liberaler äußert sich beispielsweise Theodor Fontane, der feststellt: „Sie vertreten nicht bloß Unordnung und Aufstand, sie vertreten auch Ideen, die zum Teil ihre Berechtigung haben und die man nicht totschlagen oder durch Einkerkern aus der Welt schaffen kann.“ (22, S. 219)

    Die Arbeiterbewegung bzw. die Sozialdemokratie im Deutschen Bund bzw. im Deutschen Reich zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts stand unter dem Zeichen der industriellen Revolution und den radikalen ideologischen Formen der Aufklärung wie beispielsweise in der Theorie von Marx und Engels.

    In diesem Spannungsverhältnis der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Modernisierung des Deutschen Reichs nach 1871 gab es vielfältige Spannungen zwischen dem Staat und der Arbeiterschaft (vgl. 20, S. 679ff). Dieses Spannungsverhältnis betraf zum einen die Tendenz zur ökonomischen Besserstellung und zur quasi rechtlichen und faktischen Gleichberechtigung und zum anderen die fortwährende Verweigerung der politischen Gleichberechtigung und „Fortdauer der Ausbeutung und der Unterdrückungsmaßnahmen andererseits. (7, S. 36)

    „Die Arbeiter und die Katholiken mit samt ihrer Kirche standen im Vordergrund solcher Befriedungsbemühungen . Arbeiter erfuhren, wenn sie kritisch dachten, den Staat immer auch als Repressionsinstanz.“ (20, S. 881) Und richtete sich „zweifellos am härtesten gegen die sozialdemokratischen Arbeiterführer.“ (20, S. 682). Parallel zu dieser staatlich intendierten Ausgrenzung des Arbeiterschaft bzw. der Sozialdemokratie entwickelten die Organisationen der Arbeiterschaft, vor allem die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften, basierend auf einer parteipolitischen Doktrin ebenfalls eine eigenständige Identität, - als Staat im Staate – die bei Groh als „negative Integration“ bezeichnet wird (7, S. 36ff).

    Die zunehmende politische Frustration der radikaleren Sozialdemokraten griffen die sozialdemokratischen Funktionäre auf und bauten eine umfangreiche Infrastruktur auf, die in ihrem organisationellen Umfang in dieser Periode weltweit einmalig war. (7, S. 36). Mit dem Ausbau des sozialdemokratischen Staates richtete sich die formal revolutionäre marxistische Sozialdemokratie im Kaiserreich ein und stabilisierte, aufgrund der vielen Schnittpunkte zum restlichen bürgerlich aristokratisch-geprägten Staat dennoch das Staatswesen (7, S. 36).

    Dieser affirmativer Charakter der proletarischen Institutionen und Organisationen gegenüber dem Kaiserreich kam nicht zuletzt auch dadurch zur Geltung, dass in ihnen die zentralen bürgerlichen Werte nicht in Frag gestellt wurden, sondern sie wurden vermittelt und trugen so dazu bei, dass die proletarische Subkultur in den zentralen Normen und Werten sich den bürgerlichen Vorstellungen anpasste. Das Proletaritat war in seinem Denken bis 1918 teilweise „verbürgerlicht“ (7, S. 59)

    Diesem Prozess der negativen Integration entsprach die vor allem von Karl Kautsky formulierte revolutionäre Ideologie. Seine Sicht konnte man dahingehend zusammenfassen:“dass die deutsche Sozialdemokratie zwar eine revolutionäre, aber keine Revolutionen machende Partei sei“ (7, S. 36 und 17, S. 21)

    Durch Lassale wurde das Verständnis von Revolution noch dadurch geprägt, dass er seinen Anhängern einschärfte: „sie sollten, wenn er von allgemeinem Wahlrecht spreche, Revolution verstehen.“ (7, S. 57). Im Gegensatz dazu entwickelte sich das ideologische Verständnis von Revolution in den siebziger Jahren dahingehend, „die von steigenden Wähler- und Mitgliederziffern indizierte und von der ökonomischen Entwicklung garantierte [das automatische Anwachsen des Proletariats] „naturgesetzliche“ oder „naturnotwendige“ Entwicklung zum Sozialismus. Eine Entwicklung , die man durch Agitation und Organisation fördern könnte, deren revolutionärer Klimax im „Zusammenbruch“ der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates aufgrund historisch –ökonomischer Gesetze und weitgehend unbeeinflußt durch den Willen der handelnden Individuen erreicht werde. Da der Revolution ein historisches Subjekt [also das Proletariat] mehr und mehr abhanden kam, trat sie in Gestalt eines Naturereignisses auf“ (7, S.57).

    In diesem Denken kommt der Dualismus der Politikformulierung der Sozialdemokratie deutlich zum Ausdruck, auf der einen Seite eine revolutionäre Theorie der radikalen gesellschaftlichen Transformation zu formulieren, der andererseits ein pragmatischer, auf evolutionäre Reformen abzielende Praxis entgegengesetzt wurde (7, S. 58).

    Das Warten auf die Revolution entsprach sozialpsychologisch der erfahrenen Ohnmacht gegenüber dem Staat und den Möglichkeiten des Militärs, wie v. Saldern es sehr deutlich anhand von Versammlungsprotokollen der Göttinger SPD zeigt (21). Am deutlichsten kommt diese reformorientierte Sicht im Rahmen des „Neuen Kurses“ nach dem Aufheben der Sozialistengesetze in der berühmten „Eldorado-Rede“ des bayerisch Führers der Sozialdemokraten Georg von Vollmar im Jahr 1891 zum Ausdruck (17, S.17-18). Diese Sicht entsprach einer Mehrheit der Mitglieder in der SPD und deswegen war es für Bebel schwer, dieser Sicht von Vollmar zu widersprechen, obwohl sie im klaren Widerspruch zum revolutionären Anspruch der offiziellen Parteilinie stand (17, S. 18).

    Dabei setzte sich erst mit dem Erfurter Programm 1891 eine offizielle marxistische Sichtweise in der SPD durch. Und es gab einen mehr oder minder deutlichen Bruch zur ideologischen Ausrichtung des Gothaer Programms (1875), das Marx noch deutlich kritisiert hatte. (17, S. 19). Einen hohen Stellenwert kommt dabei die Ausarbeitung des „Anti-Dühring“ durch Engels – unter Mitarbeit von Marx – zu, der erstmals 1877 publiziert wurde und den ideologischen Schwenk insofern ermöglichte als die SPD-Führung die Vorstellungen von Marx und Engels verstanden haben.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Anti-D%C3%BChring

    Die Adaption erfolgte in der SPD insofern als die – offene - analytische Sicht des Historischen Materialismus in eine erkenntnistheoretisch gesicherte, empirisch nachprüfbare Ideolgie und ein deterministisches Weltbild überführt wurde. „Im vulgärmarxistischen Denken, wie er sich in der deutschen Sozialdemokratie herausbildete, erschien der Niedergang des Kapitalismus als automatischer Prozeß, den die Arbeiterklasse bloß abzuwarten hatte.“ (17, S. 21)

    Unter dieser Voraussetzung lehnte sowohl Kautsky als zentraler Theoretiker der SPD und auch Bebel als Parteiführer jede „willkürliche Revolution“ ab. (17, S. 21). Das sozialistische Endziel wurde synonym mit dem Begriff der „sozialen Revolution“ verwandt, ohne dass ausgeschlossen wurde, dass es auf evolutionärem Weg durchzusetzen.“ (17, S. 23)

    Diese hohe Diskrepanz zwischen revolutionärem Anspruch und reformistischer Alltagspolitik war bis weit in die neunziger Jahre für die SPD ein parteiintern handhabbarer Konflikt. In dem Maße wie die SPD bei Wahlen erfolgreich war und somit das Proletariat als zunehmend erfolgreiche politische Bewegung im Kaiserreich agierte, stellte sich die Frage der realen Überwindung der ökonomischen und politischen Verhältnisse erneut. Wortführer dieser neuen Generation von SPD-Funktionären waren unter anderem Mehring, Luxemburg und Liebknecht (5 und 12)

    In diesem Kontext der Analyse der Wählerpotentiale der SPD bis 1912 stellt Sperber fest, dass es die SPD war, die aufgrund ihrer breiten Mobilisierung von Wählern als erste „Volkspartei“ angesehen werden kann, gemessen an der Breite der mobilisierten sozialen Schichten. Im Jahr 1912 war die SPD auf dem Sprung aus ihrem engen Reservoir der Stimmern aus der Arbeiterschicht in die Mittelschicht zu expandieren. Und damit widerspricht Sperber der Aussage von Falter nebenbei, die NSDAP sei die erste „Volkspartei“ in der deutschen Geschichte gewesen. (23)

    Insgesamt wurde diese Form der pseudo-revolutionären Politik der SPD bis 1914 von Groh zutreffend als „revolutionärer Attentismus“ bezeichnet (7)
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juni 2016
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Teil 2:

    Zwei wichtige Aspekte sollen noch separat bewertet werden, da sie im Denken der Sozialdemokratie in Bezug auf Revolutionen von Bedeutung waren. Zum einen die Bedeutung von Kriegen für revolutionäre Situationen und die Bedeutung des „Massenstreiks“ bzw. des „Generalstreiks“.

    Es war Bebel, der in seinen Darstellungen potentieller revolutionärer Situationen dem Krieg einen besonderen Stellenwert zuwies. Aus seiner Sicht beschleunigten Kriege die krisenhafte Entwicklung des deutschen Kapitalismus und ermöglichten im Zuge des allgemeinen Zusammenbruchs der staatlichen und wirtschaftlichen Strukturen das revolutionäre Erlangen der Macht für das Proletariat. (1 und 8, S. 34)

    Diese Sicht wird besonders deutlich im Vorfeld des WW1, bei der die Bewertung eines sich abzeichnenden Krieges durch die „Internationale“ unterschiedlich ist. Von Jaures (Frankreich) kam der Vorschlag den Krieg durch Verweigerung - in allen Ländern der Internationale - der Kriegskredite zu verhindern. Anders die extreme Linke. „Within the Intrernational the revolutionary left did not share the majority`s adhorence of war. They argued that imperialsim was the last stage of capitalism… and that the result of war would be the opportunity to create class revolution.“ (24, S. 113)

    Eine weitere Kontroverse (aber erst zunehmend nach 1900), um den „revolutionären Attentismus“ der SPD zu überwinden, entzündete sich an der Frage, ob die SPD zur Durchsetzung ihrer Ziele Massenstreiks organisieren sollte. Aufbauend auf positiven Erfahrungen in Belgien propagierte vor allem die extreme Linke die Vorteile des Massenstreiks und vor allem durch Luxemburg wurde ein derartiges Konzept um 1906 auch theoretisch ausgearbeitet. (14) Der rechte Parteiflügel und die Gewerkschaften widersprachen heftig dieser Sicht und kritisierten Luxemburg dahingehend, dass sie das „revolutionäre proletarische Bewußtsein“ maßlos überschätzen würde und somit politische Aktionen, die in einem Mißerfolg einmünden könnten, die SPD und die Gewerkschaften nachhaltig als Organisation beschädigen würden.

    Insgesamt war es wohl die erzwungene „Politikferne“ der SPD dass sie eine umfangreiche theoretische Diskussion geführt hatte wie eine bessere Gesellschaft zu realisieren sei. Diese demokratische und legalistische Sicht der Parteistrategie verhinderte das „Machen“ von Revolutionen, aber verhinderte auch, dass die SPD im Jahr 1933 einen Generalstreik ausrief, um Hitler zu verhindern. Ein Ausrufen des Generalstreiks wäre - aus der Sicht der SPD-Führung - nicht mit geltendem Recht in der WR im Einklang gewesen.

    1.Bebel, August (1997): Aus meinem Leben. Ungekürzte Neuaus. Bonn: J.H.W. Dietz.
    3.Eley, Geoff (2002): Forging democracy. The history of the left in Europe, 1850-2000. Oxford, New York: Oxford University Press.
    5.Flechtheim, Ossip Kurt (1986): Rosa Luxemburg zur Einführung. 2. Aufl. Hamburg: Edition SOAK im Junius Verlag
    7. Groh, Dieter (1974): Negative Integration und revolutionärer Attentismus. Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Frankfurt (M.), Berlin, Wien: Ullstein
    8. Groh, Dieter; Brandt, Peter (1992): Vaterlandslose Gesellen. Sozialdemokratie und Nation 1860-1990. München: Beck.
    10.Jarausch, Konrad H.; Geyer, Michael (2003): Shattered past. Reconstructing German histories. Princeton, N.J.: Princeton University Press.
    12.Laschitza, Annelies (2000): Rosa Luxemburg. Im Lebensrausch, trotz alledem. Berlin: Aufbau. und auch dies. (2009): Die Liebknechts. Karl und Sophie - Politik und Familie. Berlin: Aufbau-Taschenbuch
    13. Lassalle, Ferdinand (2011): Reden und Schriften. Hamburg: tredition.
    14.Luxemburg, Rosa (2011): Reden. Hamburg: tredition.
    16.Mehring, Franz (2015): Gesammelte Werke: Politische Schriften + Historiografische Werke (Vollständige Ausgaben): e-artnow.
    17.Mommsen, Hans: Einleitung in: Friedemann, Peter (1978): Materialien zum politischen Richtungsstreit in der deutschen Sozialdemokratie. 1890-1917. Frankfurt/M. u.a.: Ullstein
    20.Ritter, Gerhard Albert; Tenfelde, Klaus (1992): Arbeiter im deutschen Kaiserreich. 1871 bis 1914. Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Bonn: J.H.W. Dietz
    21.Saldern, Adelheid von (1998): Latent Reformism an Socialist Utopia: . The SPD in Göttingen, 1890 to 1920. In: David E. Barclay und Eric D. Weitz (Hg.): Between reform and revolution. German socialism and communism from 1840 to 1990. New York: Berghahn Books, S. 195–222.
    22.Schulz, Ursula (1976): Die deutsche Arbeiterbewegung 1848-1919 in Augenzeugenberichten. München: Deutscher Taschenbuch Verlag
    23.Sperber, Jonathan (1998): The Social Democratic Electorate in Imperial Germany. In: David E. Barclay und Eric D. Weitz (Hg.): Between reform and revolution. German socialism and communism from 1840 to 1990. New York: Berghahn Books, S. 167–194.
    24.Strachan, Hew (2001-): The First World War. Volume I: To Arms. Oxford [England], New York: Oxford University Press.
    25.Tilly, Charles; Koskull, Hans-Jürgen (1993): Die europäischen Revolutionen. München: C.H. Beck
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. Juni 2016
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