Frage zur entstehen der Demokratie

Dieses Thema im Forum "Absolutismus und Aufklärung (1648-1789)" wurde erstellt von Stardust*, 1. Juni 2014.

  1. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter


    Ich kann dir das gerne näher erklären, wie diese Entwicklung in der Schweiz war. Wenn du wirklich daran interessiert bist. Wenn ja werde ich bei Gelegenhheit ein Thema dazu eröffnen.
     
  2. Wilfried

    Wilfried Aktives Mitglied

    nun, ich habe , was die Schweiz und ihre Demokratiegeschichte angeht, Bildungslücken.
    Und da wäre das nett..
     
  3. Rebellution

    Rebellution Gesperrt


    Meine Rede. Das Bürgertum wollte im 18./19. Jahrhundert zunehmend auch politische Entscheidungskompetenzen.
    Aber das mit der sozialen Frage würde ich unter dem Vorbehalt sehen, dass Arbeiterschaft und Bauern eigentlich stets kleingehalten wurden, die Demokratie, bzw das Parlament neben (in Wahrheit eher unter) dem Kaiser also eher von der großbürgerlichen Schicht "erkämpft" war.
    Prinzipiell ist der Vergleich Diktatur - Absolutismus richtig, aber es gibt doch Differenzen.
    Die zentralen Unterschiede zwischen Absolutismus und Diktatur sind:
    - in der Diktatur können mehrere Menschen als "Herrscherclique:friends:" regieren, während im Absolutismus sich alle Macht auf einen Monarchen beschränkt,
    - der Titel des absoluten Monarchen ist erblich, der Diktator (bzw die Diktatoren) wählen sich Nachfolger meist aus ihren Getreuen aus. Ist allerdings nicht als Konstante zu sehen, wie in Nordkorea deutlich wird, obwohl das da wirklich eher einer Monarchie zu gleichen scheint.
     
  4. Stardust*

    Stardust* Neues Mitglied

    In beiden Formen gibt es immer einen Absoluten Herrscher der das letzte Wort hat, und andere um in rum die Einfluss nehmen. ( Im absolutismus gab es das ebenso wie in der Diktatur)

    sehe ich als einzigen unterschied an
     
  5. Brissotin

    Brissotin Aktives Mitglied

    Interessant wäre sicher ein Vergleich mit den Aussagen bei Montesquieu zu Despotismus und Monarchie.
     
  6. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Auch in Nordkorea gibt es keine offiziell festgelegte Nachfolgeregelung. Dass da Enkel auf Sohn auf Staatsgründer folgte, ist eine Sache der Fakten. Jede ernstzunehmende Monarchie hat Erbregeln, die sagen, welches seiner Kinder (bzw Verwandten bei Kinderlosigkeit) dem Monarchen auf den Thron folgt.

    Aber gut, das ist die graue Theorie, die Praxis ar schon immer vielgestaltig...
     
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  7. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    In der DDR zog sich der jeweilige Mächtige seinen Nachfolger heran( Ulbricht-Honecker, Honecker-Krenz), musste aber von dem erst gestürzt werden, denn freiwillig gaben die Alten die Macht nicht her. Über den Vorgänger breitete sich anschließend der Mantel des Schweigens.
     
  8. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    In Nordkorea hat sich ein ganz absurdes Staatsgebilde entwickelt. Offizieller Präsident ist noch immer, der längst verstorbene Kim Il Sung. Seine Nachfolger tragen völlig andere Titel und stehen noch immer unter dem zum Gott erhobenen. Kim Yong Il war der "gute Führer", sein Nachfolger Kim Jong Un ist der" Marschall". Präsident bleibt aber der erste Kim. Nordkorea ist der einzige Staat auf der Welt, der einen verstorbenen Präsidenten besitzt, auch wenn der Jetzige ihm in Figur und Frisur gleicht.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Ist es vielleicht möglich, ein wenig beim Thema zu bleiben und in der jeweiligen historischen Epoche.

    Man bekommt zunehmend den Eindruck, dass nahezu jedes Thema historisch in die "DDR" einmündet.
     
  10. Galeotto

    Galeotto Aktives Mitglied

    Wenn der Fragesteller auch etwas über Diktatur wissen will, liegt die DDR ja auch nicht weit entfernt. Bei Dir endet in der Regel auch jedes Thema bei Rechtsradilalen.
     
  11. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    :rofl:Mehr fällt mir wirklich nicht dazu ein.

    Ansonsten. Das war der weiterführende Strang und vergleich den Hinweis der Moderation dazu.

     
  12. gabelbart

    gabelbart Neues Mitglied

    ich will mal die antiken demokratien aussen vorlassen.

    demokratie in centraleuropa ist aber älter als manche glauben.
    wie ursi schon dargestellt hat, waren neben manchen italienischen stadtstaaten (wobei, republik=/=demokratie) einige schweizer kantone im zeitraum dieses unterforums demokratisch regiert (aber nicht alle - die aktuelle gesamtschweizer demokratie kam mit der verfassung von 1849 nach dem sonderbundkrieg zustande).

    eine art "protodemokratische" legislative gab es aber auch hier bei mir in tirol schon ab dem hochmittelalter, wo die zusammensetzung ähnlich dem vorrevolutionären frankreich ständisch organisiert war - die landstände, die sich zum landtag trafen.
    und diese landstände hatten durchaus einiges an macht gegenüber dem landesfürsten (der aber nie grundsätzlich als autorität in frage gestellt wurde).

    als beispiel sei gebracht
    einerseits landesfürst friedrich iv. (*1382), der ein besonderes vertrauen der bäuerliche stände genoss.
    und aufgrund dieses rückhalts in der landbevölkerung konnte er 1415 aus konstanz fliehen, wo er eingekerkert war, weil er den falschen papst unterstützt hatte, nach tirol zurückkehren (ohne eine münze in der tasche, daher kommt sein volkstümlicher name "friedl mit der leeren tasche"), und sich kriegerisch gegen den tiroler adel durchsetzen, welcher seine chance nach machtergreifung gesehen hatte.

    andererseits landesfürst sigismund ("der münzreiche", *1427). dieser führte einen ausschweifenden lebensstil, startete massive befestigungsbauten, z.b. sigmundskron bei bozen und stürzte sich in einen kostspieligen krieg gegen venedig.
    damit brachte er die landstände gegen sich auf, und wurde deswegen schließlich von diesen 1490 zur abdankung gezwungen.

    keine demokratie im eigentlichen (modernen) sinne also, die exekutive alleinmacht des fürsten wurde nie in frage gestellt, aber eben doch "protodemokratische" ansätze durch die macht des ständisch organisierten landtages.
     
  13. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Wobei man aufpassen muss, ob Entscheidungen, die durch die bäuerlichen Stände zustande kommen wirklich immer demokratisch sind. Kann jeder seinen Beitrag unbedroht dazugeben? Wer ist inkludiert, wer ist exkludiert? Sind es wirklich Mehrheitsentscheidungen? Oder handelt es sich um Akklamationen? Wie wird mit der Minderheit umgegangen?
    Ich denke, der Begriff der Protodemokratie, den du verwendest, ist schon ganz r/wichtig, ganz ab von einer Verfasstheit der partizipatorischen Möglichkeiten.
     
  14. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Etwas abschweifend:

    In der DDR wurden die Bauernkriege gerne als frühsozialistische Revolution aufgefasst, weil sie scheinbar die Ständeordnung in Frage stellten, und in das Geschichtsbild des HistoMat eingeflochten; das bot sich ja auch gewissermaßen an: "Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?" Auch kirchengeschichtlich gab es mehr als einmal auf den ersten Blick "protosozialistisch" wirkende Bewegungen, von den Benediktinern ("ora et labora") bis hin zu verschiedenen reformatorischen Bewegungen (wobei der calvinistische Fleiß ja eher kapitalistische Züge hat: Wer Erfolg hat, auf dem liegt der Segen Gottes, auf dem der Misserfolg hat eben nicht. Pech gehabt - so die calvinistische Denkweise etwas vereinfacht.) oder katholischerseits zu den Reducciones der Jesuiten im Paranágebiet. Aber man muss bei diesen Begriffen sehr genau aufpassen, wenn man sich die Bewegungen dann mal genauer anschaut, bleibt von demokratischem oder sozialistischem Gedankengut meist nicht viel übrig.

    Man darf sich auch das Mittelalter nicht so vorstellen, als habe ein König oder Kaiser von oben durchregiert und irgendwann sei ein Befehl dann bei einem Leibeigenen gelandet. Ein König oder Kaiser konnte nicht ohne Rücksprache mit dem Hochadel regieren, der Hochadel nicht ohne Rücksprache mit Adel, Klöstern und Rittern, der Adelige oder Ritter musste wiederum Rücksicht auf die ihm unmittelbar Untergebenen nehmen und mit diesen Rücksprache halten. Und da gab es immer wieder Rang- und Sitzordnungskonflikte, denn je näher man am König etc. saß, desto größer war der Einfluss den man hatte, man hatte das Ohr desjenigen, dem man mit Rat und Tat beiseite stehen sollte.
     
  15. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    ME sah die realsozialistische Geschichtsschreibung, ua der DDR, in den Bauernkriegen eine früh-bürgerliche Bewegung. Gemäß dem Historischen Materialismus musste der Feudalismus erst von einer bürgerlichen Gesellschaft abgelöst werden, ehe das mit dem Sozialismus auf dem Programm stehen konnte (verkürzt gesagt, natürlich).

    Das Problem, städtisch- oder ständisch-republikanische Verfassungen als "Demokratie" auffzufassen, sehe ich auch. Ein weiteres Beispiel aus dem Mittelalter wäre die "Bauernrepubik" Dithmarschen. Diese konnte sich recht lange gegen eine faktische Dominanz feudaler Machtausübung wehren (wenn auch juristisch immer lehnsabhängig). Das bedeutete in der Praxis aber mWn eine Vormacht der dortigen Großbauern, keineswegs eine Gleichberechtigung gemäß den Idealen der Demokratie.
     
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  16. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Im wesentlichen würde ich Deiner These folgen, wenngleich die Kausalität eher als parallele Interaktion bzw. Verstärkung zu denken wäre. Und als weitere Größen, die nicht weiter verfolgt werden sollen, wäre in der Tat die 1. industrielle Revolution zu nennen und damit zusammenhängend eine Veränderung der feudalen Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen. Die äußere Manifestierung der Veränderung der Gesellschaft in der FNZ in der Form der amerikanischen und der französischen Revolution ist jedoch in der Entwicklung und Veränderung des Menschen und seiner kollektiven Identität seit dem Mittelalter angelegt (vgl. Taylor).

    Ähnliches gilt für die Vorstellungen in Bezug auf die Staatsführung, die seit der Reformation einem säkularen Trend unterworfen sind und zunehmend eine "weltliche Sicht" auf die Staatsfühung ermöglichen (vgl. Beyme, S. 45 ff). So schreibt Beyme: "Die Säkularisierung des Naturrechts bei Grotius und Pufendorf macht es möglich, die religiöse Argumentation durch eine Legitimationskonstruktion zu ersetzen, die auf einen Gesellschaftsvertrag rekurriert." (Beyme, S. 130).

    Systematisch wurde, ausgehend von der Kritik an der Feudalgesellschaft, im Rahmen eines "Humanismus" während der Renaissance im 14. und 15 Jahrhundert die philosophische Grundlage für die "Aufklärung" gelegt. "Für die Renaissance-Humanisten waren die Menschen vernunftbegabt und zu eigener Erkenntnis der Wahrheit und zu selbständiger Entscheidung fähig." (Bajohr, S. 36)

    Die radikalste Version dieser Vorstellung fand seinen Ausruck im Roman "Utopia" von Thomas Morus (1478-1535), der die Vision einer demokratischen Republik ohne Privateigentum ausmalte.

    Die parallel einsetzende Medienrevolution durch den Buchdruck erleichterte die massenhafte Verbreitung von Ideen und politischen Vorstellungen, die zu diesem Zeitpunkt primär einer sehr kleinen, elitären Schicht lediglich zugänglich war.

    Und schuf damit erste Ansätze für eine "bürgerliche Öffentlichkeit", in denen die mehr oder minder radikalen Vorstellungen der Philosophen der Aufklärung sowie der Radikal-Aufklärung, aber auch die Anti-Aufklärung einem breiteren Publikum zugänglich gemacht worden ist. Wichtige Arbeiten zentraler Theoretiker fallen in diese Epoche, wie von Bacon (1561-1626), Descartes (1596-1650), Spinoza (1632-1677), Locke (1632-1704), Bayle (1647-1706), Montesquieu (1689-1755) und nicht zuletzt auch Voltaire (1694-1778).

    Als unmittelbar relevante philosophische Vorläufer einer demokratischen Thoeriebildung vor und während der Französischen Revolution wären zudem Diderot (1713-1784) und seine extrem einflussreiche Enzyklopädie auf das damalige zunehmend naturwissenschaftlich geprägte Weltbild und Rousseau (1712-1778), sowie der einflussreiche Condorcet (1743-1784) zu nennen. (vgl. Bajohr, S. 31-46)

    Dieses Bild ließe sich natürlich deutlich verfeinern, sofern man die noch etwas früher einsetzende Veränderung in GB und in den amerikanischen Kolonien während des Unabhängigkeitskampfes (Federal Papers etc.) betrachtet.

    Dennoch ist diese Phase die eigentlich Geburtsstunde der modernen Vorstellungen zu einen demokratisch verfaßten und regierten Nationalstaat.

    Die antiken proto-demokratischen Vorgänger und einzelne republikanische Varianten in Stadtstaaten (z.B. Italien etc.) weisen an vielen Punkten abweichende Merkmale auf, die sie als nicht systematische Vorgänger zu heutigen modernen Demokratien auszeichnen.

    Bajohr, Stefan (2014): Kleine Weltgeschichte des demokratischen Zeitalters. Aufl. 2014. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.
    Beyme, Klaus von (2009): Geschichte der politischen Theorien in Deutschland 1300 - 2000. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
    Taylor, Charles (1996): Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp
     
  17. Chan

    Chan Aktives Mitglied

    Ich bin so frei, dazu ein längeres Selbstzitat beizusteuern:

    Ausgehend von der platonisch-aristotelischen Auffassung der Weltordnung als einer vollkommenen statischen Vernunftstruktur, die der menschliche Geist denkend entschlüsseln könne, hatten neuzeitliche Denker wie Grotius oder Pufendorf eine universale Rechtsordnung - das vernünftige Naturrecht - postuliert, die sich als Alternative für das im Verfall befindliche christlich-mittelalterliche Dogma eines von ‘Gott’ gesetzten moralischen Rechts anbot. Der Schritt führt also vom guten Recht zum vernünftigen Recht: ein Gesetz ist nicht zu befolgen, weil es die (christliche) Moral, sondern weil es die Vernunft befiehlt. Schon der Aristoteliker Thomas von Aquin unterschied zwischen göttlichem, die Vernunft übersteigendem, und natürlichem, für die Vernunft einsehbarem, Recht (lex aeterna und lex naturalis) und ebnete so ungewollt den Weg für Konzeptionen eines entmythologisierten, d.h. post-christlichen Rechtsverständnisses. Faktoren wie der Aufstieg der Naturwissenschaften (d.h. der Einsicht in eine irgendwie gesetzmäßig strukturierte Natur), der immer stärker sich formierende politisch und ökonomisch motivierte Widerstand nichtklerikaler Teile der Gesellschaft gegen die Macht klerikaler Institutionen, die Spaltung der Kirche in zwei verfeindete Konfessionen (was in the long run zur Marginalisierung der Theologie als Autorität in Rechtsfragen führt), all dies stärkt das Bedürfnis nach einer Rechtsinstanz, die dem Menschen übergeordnet ist, aber nicht bloß deswegen befolgt werden muss, weil das Recht göttlichen Ursprungs und Gottes- und damit Rechtsgehorsam etwas ‘Gutes’ ist, sondern weil der Mensch kraft seiner natürlichen Erkenntnisfähigkeit den vernünftigen Sinn der Gesetze direkt erfasst und bejaht. Ein solches Recht kann nur ein durch die allen Menschen eingeborene Vernunft einsehbares ‘natürliches’ Recht sein, welches die Maßstäbe dafür liefert, wie Menschen so miteinander umzugehen haben, dass ein friedliches Zusammenleben im Staat und zwischen Staaten möglich ist. Damit ist ein universaler Rechtsbegriff gewonnen, der die Grenzen der Konfessionen - allerdings noch nicht den Horizont der Theologie - überschreitet.

    Bei Locke, dem Verfechter wirtschaftsliberalistischer Ideen, kommt ein stark utilitaristisches Motiv zum Vorschein, er anerkennt wohl die metaphysische Autorität des Christentums, insistiert jedoch auf einem irdischen Rechtsbegriff - einem Begriff des natürlichen Rechts -, der von theologischen Interventionen freizuhalten und vornehmlich dem ökonomischen Gedeihen der Gesellschaft dienlich ist. Mit einer logischen Inkonsistenz kappt Locke, seinen säkularisierenden Neigungen zum Trotz, die Theologie nicht gänzlich von seiner politischen Lehre ab. Denn das natürliche Recht mag wohl als in sich Geschlossenes und Quasi-Absolutes dastehen wie gemeißelt aus dem Marmor der Ewigkeit - nur: den Meißel geführt hat selbstredend der biblische Gott. Inkonsistent ist das deshalb, weil die Sphären des Religiös-Guten und des Irdisch-Vernünftigen hier nur zum Schein getrennt werden, kann doch das Vernunftrecht als ein Produkt des vollkommen guten Gottes selbst nur etwas durch und durch ‘Gutes’ sein. Der Fundierung des Naturrechts im biblischen Mythos wegen kann Atheismus für den ‘Menschenrechtler’ Locke (der bekanntlich in Sklavenhandel-Aktien investierte) übrigens nur gleichbedeutend sein mit der Leugnung der göttlichen Quelle des Naturrechts, Grund genug, die Atheisten als staatsfeindlich einzustufen.

    Auch der Pionier des Völkerrechts, Grotius, bleibt zwei Generationen vor Locke auf halbem Wege stehen - wer weiß, in welche Verliese der Inquisition ihn der ganze Weg geführt hätte - und räumt die göttliche Herkunft des natürlichen Rechts ein; nur sei dieses Recht aus sich heraus so einleuchtend vernünftig, dass sogar die hypothetische Annahme, es gäbe keinen Gott, der Gültigkeit des Naturrechts keinen Abbruch täte. Immerhin ein klarer Wink.

    Mit all diesen Projektionen, die gleichwohl wichtige Wegbereiter für eine bessere Zukunft sind - so sind die Prinzipien der Politik jetzt deutlich weniger von der Willkür der Mächtigen gezeichnet als zuvor, auch kann keine Rede mehr sein von göttlicherseits den Fürsten übertragenen Herrschaftsrechten -, räumt Rousseau auf, nicht vollkommen gründlich und manche Irrtümer bewahrend, gewiss, aber hinreichend kraftvoll und inspiriert, um eine neue Ära - die des nach Freiheit dürstenden Subjekts - mit einer Verve einzuläuten, dass es im ganzen Okzident widerhallt. Nicht mehr die vom Christengott gesetzte gerechte Weltordnung, pax et justitia, ist die Quelle, aus der die weltlichen Fürsten die Legitimation ihrer eigennützigen Politik und Gesetzgebung schöpfen - damit hatten ja schon die aufklärerischen Naturrechtler halbwegs abgerechnet - ; nicht mehr das vom Christengott auf ewig gesetzte Recht der von ihm geschaffenen Natur, das vernünftige Recht, ist das Ordnungsprinzip der Gesellschaft, welches jeder vernünftig denkende Mensch unmittelbar als solches einzusehen und nicht anders als zu akzeptieren vermag - nein: der Mensch, das Subjekt, selbst ist es, welcher aus sich heraus, in vollkommener und unmittelbarer Freiheit, die vernünftigen Gesetze schafft, nach denen das Zusammenleben im Staat geordnet ist.

    Anders als der theokratische oder der naturrechtliche Staat ist der Rousseausche Staat vollkommen souverän; nicht gebunden an eine über ihm stehende Göttlichkeit oder natürliche Vernunft ist er freier, sich selbst bestimmender, also souveräner Schöpfer der vernünftigen Gesetze, die das gesellschaftliche Leben regulieren. Souverän ist dieser Staat, weil er die Hervorbringung der Gesamtheit der in ihm zusammengefassten freien Subjekte ist, das Werk eines souveränen, d.h. sich selbst bestimmenden Volkes. Er ist das Produkt ihres ‘an sich’ freien Willens, in ihm fließen die Willensentscheidungen von Natur aus vernünftiger und verantwortungsfähiger Subjekte zu organischer Einheit zusammen, und so kann er selbst gar nicht anders sein als frei. Bis dato waren und sind alle Staaten ungerecht und unfrei organisiert, sagt Rousseau, aber das ist so, weil nicht ein freier, sondern ein unfreier, ein falscher Wille sie errichtete. Partikulare, egozentrische, machtgierige Individuen hatten ihren partikularen, egozentrischen, machtgierigen Willen ausgeübt, um ein soziale Ordnung zu schaffen, die für die meisten in ihr Lebenden Unrecht und Ausbeutung, Resignation und Leiden bedeuten, Brüche in der sozialen Zirkularität. Um einen Weg aus dieser Sackgasse aufzuzeigen, führt Rousseau den Begriff der volonté générale ein. Es handelt sich dabei nicht um den Willen einer Allgemeinheit im Sinne der statistischen Mehrheit des Volkes, sondern um einen qualitativen Willensmodus, der gänzlich unbelastet von partikularen Nutzenerwägungen allein auf das Allgemeinwohl, auf das Wohl der ganzen Gesellschaft, ausgerichtet ist.
     
  18. Shinigami

    Shinigami Mitglied

    Das hier einmal herauszustellen ist sicherlich ganz enorm wichtig. Ich würde noch hinzusetzen wollen, dass darüber hinaus im Mittelalter zumeist ja auch keine eindeutigen Entscheidungsfindungsmodi, wie man sie sich heute vorstellt vorhanden waren oder zumindest meist fehlten, was sich ja bis zu solch zentralen politischen Entscheidungen wie der Wahl eines neune Königs (innerhalb des Reiches war ja z.B. meines Wissens bis zu Karl IV. kein verbindlich geregeltes Verfahren vorhanden) oder dier die eines Papstes.
    In letzterem Falle gab es ja neben einem "Conclave" derjenigen Kirchenfürsten, die es selbst rechtzeitig bis nach Rom schafften auch die Möglichkeit der Akklamation durch das römische Stadtvolk, wie z.B. im Falle Gregor VII. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_VII.)
    Demnach müsste man sich neben der Frage der Partizipationsmöglichkeit dabei dann auch die der Institutionalisierung eines solchen Verfahrens stellen, denn gerade in lokalen Angelegenheiten, die wenig Aufschub duldeten, war ja einfach die Möglichkeit sich an die entfernteren Autoritäten zu wenden mitunter nicht gegeben, weswegen die Entscheidung dann den lokalen Notabeln zuviel.

    Ergänzend dazu wurde in der DDR ja mitunter selbst Luther, seiner Angriffe auf die Monopole und Geldgeschäfte der Fugger wegen zu einer Art Proto-Klassenkämpfer verklärt.


    Edit:

    Ergänzend zu thanepowers Auflistung betreffes politischer Ideengeschichte, würde ich vielleicht noch Gerd Koenen: Die Farbe Rot, Ursprünge und Geschichte des Kommunismus, München 2017, Verlag H.C. Beck ergänzen.

    Vom Titel her nicht ganz das Thema, präsentiert aber auf den ersten rund 200 Seiten auch einen Abriss über die Geschichte der präbürgerlichen politischen Utopie, von der Frühgeschichte, soweit das feststellbar ist, bis in den Vormärz hinein, einschließlich einiger, wie ich meine sehr sinnvollen Diskussionen über den Charakter der jeweiligen Utopien und in wie weit sie tatsächlich als proto-demokratisch/sozialistisch/egalitär betrachtet werden können, dagegen auch, wo sich Ansätze finden, diese im Gegenteil als dezidiert antimodern und repressiv zu betrachten.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. Februar 2019 um 22:42 Uhr
  19. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Ergänzend ist zu erwähnen, dass in den "mittelalterlichen Bauernrepubliken" (die alpenländischen Landsgemeinden sind ein weiteres Beispiel) nur die "Freien" beschlussfähig waren. Die grosse Masse der hörigen Bauern war ausgeschlossen. Ein Merkmal der "freien" Bauern war zudem, dass sie "waffenfähig" d.h. berechtigt waren, (ritterliche) Waffen zu tragen; dies war Voraussetzung. (Aus diesem Grund wurden die schweiz. Landsgemeinden noch im 20. Jahrhundert mit dem Degen als "Stimmrechtsausweis" abgehalten). Insofern waren auch die mittelalterlichen "Demokratien" eigentlich ständische Versammlungen und Organisationen.
     

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