Frage zur Hohmann-Rede

Dieses Thema im Forum "BRD | DDR" wurde erstellt von Ashigaru, 28. April 2005.

  1. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied


    Hallo erstmal!

    Ich plane, demnächst eine Hausarbeit mit Analyse der umstrittenen Hohmann-Rede von 2003zu schreiben. Er pflegt darin ja eine inkonsistente Zitierweise, so dass man manches nur schwer bestimmten Quellen zuordnen kann.
    Erste Frage: Er spricht darin z.B. von einer "jüdischen Frauenforscherin" und ordnet ihr das Zitat zu "Sozialismus war unsere Religion". Wer war diese "Frauenforscherin? Im Netz konnte ich dazu nichts finden.

    Zweite Frage: Stammen alle seine Aussagen und Zitate zur Verknüpfung Judentum/Bolschewismus direkt oder indirekt aus dem Buch von Rogalla-Bieberstein oder Henry Fords "Der internationale Jude oder bediente sich Hohmann weiterer Quellen?
     
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  2. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    Zuletzt bearbeitet: 28. April 2005
  3. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

  4. Arne

    Arne Premiummitglied

    Diese Rede ist für mich ein Beispiel aus einer Reihe von Reden oder Schriften, wo ein einziger "Faux pas" ausgereicht hat, eine politische (z.B. Jenninger) oder berufliche (z.B.General Günzel der KSK) Karriere zu beenden.

    Wenn man die "Elaborate" für sich, ganz nüchtern betrachtet, sind sie meist gar nicht "so schlimm", haben einfach Stammtisch-Charakter. Aber sie haben doch gereicht die Autoren abzustrafen. Meine Vermutung: Wenn man nur Spuren einer politisch inkorrekten Haltung bei einer Person aus dem öffentlichen Leben entdeckt, ist das zuviel. Gelegentlich war es aber auch nur Ungeschicklichkeit, wie das Beispiel Jenninger und seine damalige Rede zeigt. (siehe wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Jenninger)

    Manchen verzeiht man mehr als anderen, oder versteht sie einfach anders.... ;)
     
  5. hyokkose

    hyokkose Gast

    Bei Jenninger kann man von Ungeschicklichkeit sprechen, bei Hohmann ganz sicher nicht.

    Denn Hohmanns Argumentationslinie baut auf der antisemitischen Propaganda vom "jüdischen Bolschewismus" auf, die Hohmann - ohne jeglichen Anflug von Distanz - vorträgt, als handle es sich um historische Fakten.

    Der Tätervolk-Vergleich "funktioniert" überhaupt nur, weil er die schlichte Tatsache gänzlich ignoriert, daß die Verbrechen des Nationalsozialismus im Namen des deutschen Volks begangen wurden, die Verbrechen des Bolschewismus jedoch ganz gewiß nicht im Namen des jüdischen Volks.
     
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  6. Arcimboldo

    Arcimboldo Aktives Mitglied

    Hallo Arne,

    Verzeihen ist eine großmütige Tat , basiert aber meiner Meinung nach auf gefundenem gemeinsamen Nenner nach einem Konflikt. Gerade das hat Herr Hohmann vermissen lassen, im Gegenteil, er hat bewußt Trittbrettfahrer von der rechten Seite (Ecke ist es ja nicht mehr ) mit seiner starren Haltung eingeladen und mit einem beabsichtigten Meinungsumschwung in seinem Sinn in der deutschen Öffentlichkeit spekuliert.
    Das ist das Unverzeihliche, das er die Infamie des von ihm von ihm hergestellten Zusammenhang von Tätervolk und Juden nicht wahrnehmen will.
    Herr Jenninger ist da schon ein tragischerer Fall. Integer in der Haltung, verbal aber verannt
    und den Text nicht vorher entsprechendem Publikum zur Einsicht gegeben.
    Daher kein Vergleich zu Herrn Hohmann, der ein Brandstifter mit Ansage ist !
     
  7. parago

    parago Neues Mitglied

  8. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    @ Parago: Das mit "fiktiven" Juden und Zitaten hatte ich auch schon in Erwägung gezogen - ein schwieriger Fall war nämlich auch der von Hohmann erwähnte Felix Theilhaber, dessen Nachname in der Niederschrift (und damit wohl auch im Originaltext) falsch geschrieben wird.

    Es gab ihn aber wirklich und so gehe ich davon aus, dass auch die "Frauenforscherin" eine real existierende Person war - ich wüßte nur gern wer.

    Ich möchte mich mit meiner Meinung zur Rede noch etwas zurückhalten, aber sicher lässt sich sagen, dass sie mit ihrer verwirrenden Zitier- und Belegweise ein Paradebeispiel dafür ist, wenn Politiker und andere mal "wissenschaftlich" werden wollen. Da spürt man richtig, was die vielgeschmähten Fußnoten wert sein können.
     
  9. Arne

    Arne Premiummitglied

    Nur zur Klarstellung. Ich wollte die beiden Fälle nicht "inhaltlich gleichsetzen", sondern nur als Beispiele von "Genickbruch-Reden" nennen. Ich will keineswegs Hohmanns Äußerungen als mißverstandene Ungeschicklichkeit verteidigen.
     
  10. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    da bin ich ja beruhigt, das liest sich nämlich ganz anders. darf ich das so verstehen, verehrter arne, daß du deinen oben stehenden beitrag korrigierst, weil nämlich bei hohmann anders als bei jenningers ungeschicklichkeit, sein völkischer antisemitismus offen zu tage getreten ist, der sich so trefflich mit dem antisozialismus bzw. -bolschewismus verbinden lässt, was ja wohl deutlich verschieden ist, von "nur Spuren einer politisch inkorrekten Haltung".

    ponzelar

    ponzelar

    p.s.
    wenn ich jetzt noch an den alten "landser" dregger denke, komme ich vom thema ab und frage mich, inwieweit das mit brauchtum bei hessischen unionschristen zu tun hat.

    p.p.s. edit:
    http://www.geschichtsforum.de/showpost.php?p=89285&postcount=12
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. April 2005
  11. Arne

    Arne Premiummitglied

    Was soll dieses Nachhaken? Willst du mir hier irgendetwas unterstellen? Ich habe bereits klargestellt, worum es mir ging. Um Beispiele von Reden, die ausreichten Karrieren zu beenden. Ich habe nicht geschrieben, daß es in der Hohmann-Rede nur unschuldige "Spuren" gab, sondern daß solche "Spuren" ausreichen können Karrieren zu beenden. Insofern habe ich nichts zu korrigieren. :mad:
     
  12. ponzelar

    ponzelar Neues Mitglied

    hast recht, arne. pardon. das war im "zorn" geschrieben.

    ponzelar
     
    Zuletzt bearbeitet: 29. April 2005
  13. Mercy

    Mercy unvergessen

    Aber gewaltig. Und deshalb kannst du das unterlassen.
     
  14. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Mittels der inzwischen weit fortgeschritten technischen Möglichkeiten lässt sich diese alte Frage inzwischen leicht beantworten. Tatsächlich findet sich das Zitat bei Google-Books im gleichen Wortlaut im bereits erwähnten Werk von Johannes Rogalla von Bieberstein. Auch dort bleibt die "jüdische Frauenforscherin" namenlos.

    Das Buch mit dem Titel "Jüdischer Bolschewismus. Mythos & Realität" war 2002 in den damals noch weitgehend unbekannten Verlag Antaios erschienen. Götz Kubitschek, der sich als Vordenker der (Neuen) Rechten versteht, gründete diesen Verlag im Jahr 2000.
    Der editorische Kontext ist heute sicherlich leichter durchschaubar als damals.

    Hohmanns Zitierweise ist daher auch nicht verwirrend, sondern entlarvend.
    Es war eben keine ausfallende Stammtischrede, sondern er rezepierte brandaktuelle, rechte Verschwörungstheorien. Die Quellen ist auch nicht zweifelhaft, sondern eindeutig rechtsextrem.
     
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  15. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Hallo Maglor, dies hatte ich seinerseits auch herausgefunden. Der "historische" Teil der Rede ist bis auf das Ende 1:1 aus dem Buch "Jüdischer Bolschewismus" übernommen, welches wiederum, wenn ich es richtig in Erinnerung habe (ist nun schon zwölf Jahre her), auf einen Zitierapparat weitgehend verzichtet. Zur Einordnung interessant ist auch diese Interview, dass Hohmann nach seinem Parteiausschluss dem ebenfalls eher rechts stehenden christlichen Medium "idea" gab. Martin Hohmann: '... dann bin ich gerne Fundamentalist'
    Man sieht, wie Hohmann den ihm wohl gesonnenen Interviewer noch "übertrumpfte" und welchen Grad von Antisemitismus er für zulässig hält.
     
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  16. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Zur Vervollständigung ds Bildes muss natürlich noch Ernst Nolte erwähnt werden.
    Nolte war einer der wenigen Historiker, der für Hohmanns Rede lobende Worte fand. Symptomatisch ist natürlich, dass Nolte durch geschickte Vergleichsetzungen, zu dem Schluss kommt, dass der Holocaust gar nicht so schlimm gewesen sei wie die Verbrechen der Sowjetunion oder der 1. Weltkrieg.

    Nolte veröffentlichte sein Spätwerk natürlich bei der Edition Antaios.

    Offensichtlich gab es damals funktionierendes Netzwerk der Neuen Rechten im Umfeld der Zeitschrift "Junge Freiheit" und der Edition Antaios.
     
  17. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Neben den Historiker wäre aber auch der „Beifall“ militärischer Kreise für die Hohmann-Rede erwähnenswert.

    Hervorzuheben ist Brigadegeneral Günzel, Ex-Kommandeur KSK, ansonsten auch bekannt durch seine dubiose Leidenschaft für die Waffen-SS. Günzel erwies sich nicht nur flachschippig auf historischem Terrain mit dem Hohmann-Beifall, militärhistorisch war er offenbar mit seiner Bewunderung auch wenig bewandert.
    Reinhard Günzel – Wikipedia
    Antaios mischte hier auch wieder mit.
     
  18. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Und als dritter Aspekt die rechtshistorische Betrachtung. Gegen den Parteiausschluss ging Hohmann buchstäblich durch alle Instanzen, zunächst nach Beschwerde zum Landes-, dann zum Bundesparteigericht der CDU.

    Parteiausschluss wegen antisemitischer Äußerungen - Fall Hohmann 5 I, II, 21 I; PartG § 10 IV; Statut der CDU § 11 I - Zum Ausschluss eines Mitglieds der CDU aus der Partei wegen antisemitischer Äußerungen („Tätervolk-Vergleich”). Bundesparteigericht der CDU, Beschluß vom 19. 10. 2004 - CDU-BPG 3/2004

    Nach den dortigen Niederlagen und Ohrfeigen ging es weiter zum KG Berlin, KG, Urteil vom 27. 10. 2006 - 3 U 47/05.

    Die dagegen noch eingelegte Revision zum BGH wurde abgeschmiert. Damit war der Rechtsweg erschöpft. Das BVerfG und den EUGH wollte er wohl nicht mehr belästigen.

    Bemerkenswert ist, dass man sich in der Klagebegründung vor dem KG für die Tätervolk-Vergleichs-Rede Hohmanns auch auf die Entscheidung des BVerfG zur Soldaten-sind-Mörder-Verunglimpfung der Bundeswehr bezog. Eine juristisch betrachtet reichlich blöde Verteidigungsstrategie zur Mitgliedschaft in einer politischen Vereinigung, was durch die kurz-knackige Zurückweisung durch das Kammergericht zum Ausdruck kam.

    Die von den Parteigerichten getroffene Bewertung der objektiv mehrdeutigen und tendenziell als antisemitisch geprägt interpretierbaren Rede des Kl., die in ihrer Gesamtwirkung über eine Darstellung von wahren historischen Fakten oder seine Schlussaussage, dass weder „die Deutschen”, noch „die Juden” ein Tätervolk seien, hinausgeht, weil der Kl. gerade die persönliche Komponente des Judentums einzelner Täter ausführlich und heraushebend in den Vordergrund seiner Argumentationskette gestellt hat, ist weder grob unbillig oder willkürlich noch verletzt sie verfassungsrechtliche Vorgaben.

    Die Grundsätze der „Soldaten sind Mörder”-Entscheidung des BVerfG (NJW 1994, 2943f.) sind nicht auf eine Konstellation im Parteiausschlussverfahren übertragbar, bei der die Partei gegenüber dem ausgeschlossenen Mitglied nur die Konsequenzen aus einer autonom beanstandungsfrei festgestellten Abweichung seines öffentlichkeitswirksamen Verhaltens von ihren Parteigrundsätzen zieht, um ihm das Recht zu entziehen, seine Überzeugungen, die im Übrigen rechtlich und politisch weiter verfolgbar bleiben, auch zukünftig noch mit der größeren Wirkungsmacht, die mit der Zuordnung zu einer großen Volkspartei verbunden ist, zu verbreiten.
    Quelle Leitsätze KG 3 U 47/05, siehe oben.

    Wen die Schnittlinie der juristischen Betrachtung und die fachliche „Gräben“ interessieren: der fachlich durch die Urteile überholte Freifahrtschein von Zuck: Die Rede des Bundestagsabgeordneten Hohmann - verfassungsrechtlich betrachtet, NJW 2004, 1720
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Dezember 2017
  19. Dion

    Dion Aktives Mitglied

    Das ist auch kein Wunder, denn Hohmann ist inzwischen Bundestagsabgeordneter der AfD.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 16. Dezember 2017
    hatl und Sepiola gefällt das.
  20. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Bereits im September 2001 referierte Martin Hohmann bei der Sommerakadmie des "Instituts für Staatspolitik" über "Strategie im Parlamentarismus". Er war also bereits ein gefragter Akteuer in Kubitscheks Gegenöffentlichkeit. Ein weiterer Rechtsruck war danach eigentlich nicht mehr möglich.

    Es bedürfte mehrerer Zufälle, dass Hohmanns Rede, die er zum Tag der deutschen Einheit in einer hessischen Kleinstadt hielt, überhaupt von der bundespolitischen Öffentlichkeit registriert wurde.
     

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