Fragen zu den Balkankriegen

Dieses Thema im Forum "Südeuropa | Mittelmeerraum" wurde erstellt von Soralion, 31. Juli 2010.

  1. Soralion

    Soralion Neues Mitglied


    Hallo Leute,

    Ich beschäftige mich zwar gern hauptsächlich mit der Antike und auch bissl mit dem Mittelalter, aber in letzter Zeit hab ich auch Interesse für die Neuzeit entwickelt.

    Über den 1sten und 2ten Weltkrieg hab ich unmengen an dokumaterial und Texten finden können, aber über den letzten "modernen" Krieg in Europa, nämlich die Balkankriege findet man nicht ganz so viel.

    Deswegen hätt ich ein paar Fragen dazu:

    1. Gibts irgendwo "neutrale" Bücher oder Texte darüber, hab 2 Arbeitskollegen, die eigentlich die besten Freunde sind (ein Kroate und ein Serbe), nur über die Kriege unten sind sie sich überhaupt nicht einig, jeder erzählt mir diese Ereignisse aus seiner "Sichtweise", und die passen nicht wirklich zusammen.

    2. Was waren die Ziele der Kriegsparteien unten, und wer war letztendlich der Sieger? Wie konnte es einfach so zu einem Krieg kommen? Woher hatten sie die Waffen dafür? Und warum hat niemand auf internationaler Ebene versucht den Krieg zu verhindern?

    3. Was ich vor allem gern wüßte ist, wie darf man sich die Kämpfe die dort stattfanden vorstellen? Waren das kleine Scharmützel von Freischärlern, ohne Fronten, oder gabs richtige Frontlinien, Großverbände und größere Militäroperationen, wie z.B. im 2ten Weltkrieg.

    4. Was für Waffen-Gattungen kamen zum Einsatz und gibts "neutrale" Berichte über versch. Schlachten.

    5. Ich hab bisher erfahren können, dass es große Massaker und Vertreibungen, an der Zivilbevölkerung gab (z.B. Srebrenica). Wieso tat man sowas, reichte es nicht "militärisch" zu siegen? Gabs noch ähnliche Ereignisse wie Srebernica.

    6. Wie ist die Situation heute am Balkan, verstehen sich die Leute wieder einigermaßen gut, oder gibts noch immer Spannungen?

    Danke euch im Voraus.
     
  2. Rheinländer

    Rheinländer Neues Mitglied

    Einen guten Überblick gibt sicherlich wikipedia.

    Schlachten im originären Sinne mit großen Truppenaufgeboten gab´s da nicht, denn es waren ja Bürgerkriege. Also eher kleinere Gefechte. Jugoslawien zerfiel und der serbische Kern versuchte, das Abspringen der Peripherie-Länder Slowenien, Kroatien usw. zu verhindern.

    Daher waren es eher kleine Truppen aus Polizei und dem jeweiligen lokalen Militär, die sich mit den pro-serbischen Kräften duellierten.
    10-Tage-Krieg ? Wikipedia

    Die Bewaffnung stammte natürlich aus den Beständen der Armee, Polizei, war ja ein organisiertes Staatswesen.

    Einen internationalen Eingriff hat sicher die Lage kurz nach dem Kalten Krieg verhindert, denn die Westmächte wollten bestimmt nicht in den post-sowjetischen Einflussbereich so schnell eingreifen. Das hat man sich dann erst Ende des Jahrzehnst getraut.

    Ganz interessant ist auch die schnelle Anerkennung Sloweniens durch die BRD.
     
  3. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied


    Es gab die Tschednik und die Ustaschas. In einem Guerillakrieg, wie er von diesen geführt wurde, gibt es keine Sieger und Verlierer. Damals wie heute und immerdar. Okay, Verlierer schon, die Zivilbevölkerung.
    Die Besatzer hatten kaum Kontrolle über Jugoslawien. Die Deutschen hielten sich in den größeren Städten, ansonsten bewegten sie sich auch nur schnell oder in gepanzerten Fahrzeugen "In den Schluchten des Balkan". Man setzte von deutscher Seite auch ukrainische Kosaken ein. Die waren etwas abgebrühter.
     
    Zuletzt bearbeitet: 31. Juli 2010
  4. Rheinländer

    Rheinländer Neues Mitglied

    Es geht aber um den Bürgerkrieg Jugoslawien Teilregionen nach den Kalten Krieg und nicht um Partisanenbekämpfung im 2. Weltkrieg.
     
  5. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied

    Ja, aber das sind doch fließende Übergänge. Es gab dort nie die Zäsur wie hier in Deutschland. Tito war nur ein Intermezzo.
     
  6. KTSKNS

    KTSKNS Gesperrt

    Kriegsschuldfrage Bulgarien, Griechenland usw.....

    [MOD: gewerblichen link ausgetauscht.]

    Das ist letztendlich das Fazit der eingesetzten Carnegie Komission, die eingesetzt wurde, um Kriegsverbrechen des südlichen Balkanraumes zu analysieren ......
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 14. Mai 2011
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  7. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Das Ergebnis kann keinen erstaunen, denn angesichts der aufgeheizten nationalistischen Emotionen hielt sich keine der Kriegsparteien in Bezug auf auf die Zivilbevölkerung und die Vernichtung wirtschaftlicher Ressourcen zurück.

    Von nicht geringerer Bedeutung als die territorialen Veränderungen waren die Bevölkerungsverschiebungen, die noch während der beiden Balkankriege und in den Monaten danach die nationale und konfessionelle Bevölkerungsverteilung Südosteuropas gravierend veränderten und die nationale und konfessionelle Entmischung der bisherigen Vielfalt einleiteten. Da die Krieg führenden Staaten die anderskonfessionelle und anderssprachige zivile Bevölkerung nicht schonten, sondern im Gegenteil häufig sofort nach der Inbesitznahme eroberter Gebiete mit Diskriminierungsmaßnahmen und Zwangsbekehrungen gegen sie vorgingen, reagierten die betroffenen Bevölkerungsteile mit Massenflucht.

    Während des 1. Balkankriegs erfasste diese Fluchtbewegung nur die muslimisch-türkische Bevölkerung der von den verbündeten Truppen eroberten Gebiete, ergriff aber schon im Frühjahr 1913, als Griechen, Serben und Bulgaren sich bemühten, sich das besetzte Gebiet ethnisch anzugliedern, auch die Christen.

    Alle Zahlenangaben über diese Massenbewegungen beruhen nur auf Schätzungen. Lediglich zwischen Bulgarien und der Türkei kam es durch ein Zusatzprotokoll im Frieden von Konstantinopel zu einem geregelten Bevölkerungsaustausch in einem Streifen von je 15 km entlang der neuen Grenze. Praktisch hatte sich auch dieser Austausch schon vor dem Friedensschluss als beiderseitige Flucht abgespielt. Durch den vereinbarten, in Wirklichkeit aber nicht durchgeführten Vermögensaustausch erfolgte eine genaue Registrierung der Gruppen, wodurch sich ergab, dass rund 49 000 Türken aus dem bulgarisch gewordenen Grenzstreifen gegen fast 48 000 Bulgaren aus dem bei der Türkei verbliebenen Grenzgebiet ausgetauscht worden waren.

    Darüber hinaus wurde die Zahl der Moslems, die noch während des Krieges in die Türkei flüchteten, ohne eine Entschädigung für das zurückgelassene Vermögen zu erhalten, auf 100 000 geschätzt, während weitere 134 000 in den Jahren 1913 und 1914 Bulgarien und Serbien verließen. Aus dem griechisch gewordenen Mazedonien flüchteten noch 1913 etwa 15 000 Bulgaren, gegenüber 70 000 Griechen, die das bulgarisch gewordene Westthrazien, 10 000 Griechen, die das serbisch bzw. bulgarisch gewordene Mazedonien verließen. Eine weitere Fluchtbewegung erfasste etwa 70 000 Albaner aus dem griechisch gewordenen Epirus.

    Am schwersten war Griechenland betroffen, das im Jahr 1914 noch 265 000 aus der Türkei geflohene Griechen aufzunehmen hatte, während Serbien, das seine Grenze weit über das serbische Sprachgebiet ausgedehnt hatte, keine Flüchtlinge und Vertriebene aufzunhmen und einzugliedern brauchte.

    An dieser Massenflucht der Zivilbevölkerung waren alle Balkanstaaten schuldig, auch wenn sie den einen Staat mehr trafen als den anderen. Es ergibt sich aber noch ein anderes Resultat: Die schon seit 1908 sehr heftigen nationalen Leidenschaften waren durch die beiden Balkankriege und ihre Folgen noch erheblich verstärkt worden und glommen auch die folgenden Jahrzehnte weiter, bis sie schließlich im aktuellen Bosnienkrieg zum neuerlichen Ausbruch kamen.
     
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  8. KTSKNS

    KTSKNS Gesperrt

    Zahlen, Daten, Fakten zu den Balkankriegen ........

    Eine komplexe, zusammenfassende, chronologisch aufgebaute und gut zu lesende Darstellung hier:

    http://www.mgfa.de/pdf/ZMG_Heft 2_2008 internet.pdf

    Die Balkankriege 1912/ 1913.

    @ Dieter:

    Auch im Jugoslawienkrieg zeigt sich irgendwo eine Frontenverhärtung zwischen christlichen und muslimischen Staaten bzw. die dazugehörige Spaltung zwischen den entsprechenden Lagern.... grob formuliert.( siehe dein Beispiel mit Bosnien)
     
    Zuletzt bearbeitet: 14. Mai 2011
  9. Gunny

    Gunny Neues Mitglied

    Um zur Ausgangsfrage von Soralion zurückzukommen: lies "War in the Balkans" von Yves Debay und Eric Micheletti, Paris 1993. Das Buch reflektiert zwar den kenntnistsand von Mitte 93 (also fehlen ganz wichtige Ereigniss wiedie NATO-Intervention, die Opeartion Sturm etc.), aber zwei Dinge scheinen mir bemerkenswert:
    1. die Autoren sind als ehemalige Angehörige von Spezialeinheiten immer hautnah am Geschehen,
    deswegen ist (2.) auch das Bildmaterial hervorragend.
     
  10. Jassej

    Jassej Neues Mitglied

    1)Also und ein Buch ist nur sichtweise eines Autors :scheinheilig:
    2)Also viele hier antworteten das keiner Sieger war was eigentlich stimmt nicht. Vor dem Krieg lebten moslems im Bosnien verstreut und überwiegend im Städten, die wurden dann vertrieben, getötet und teile des Bosnies von serben etnisch gesäubert. Heute ist Bosnien innerhalb in 3 geteilt, Republika Srpska (serben) mit knapp hälfte von Bosnien, Federacija (moslem und kroaten) andere hälfte, und District Brcko also Stadt mit Region, (welche im vergleich zu vorkriegs Zeit deutig verkleinert wurde) wo alle zusammen leben. Da ist doch klar das sehr wohl da ein Sieger ist, Serben!!!
    3)Vorallem kleinere auseinander setzung, aber am ende des Krieges waren da schon zu mindestens zwei größere Militäroperationen. Eine in Kroatien , wo Kroatien und Bosnien gemeinsam zurückeroberrten von serben besetzen kroatische gebiete. Und eine in Bosnien wo wieder gemeinsam Kroatien und Bosnien fast Banja Luka zurückeroberrten.
    5)Ja z.B. Massaker in Gorazde oder auch in Brcko. Serben hatten mehrere KZ Lager wo viele moslems, viel weniger aber auch katholiken getötet, frauen vergewaltigt wurden.Nur ein Sieg reichte eben nicht da die wollten (und heute haben) "saubere" Gebiet.
    6)Auch heute ist es Angespannt, sehr sogar, obwohl es minimale verbeserrungen gibt, das Potential ist aber sehr groß. Jugendlichen sehen das viel locker, vielleicht wartet auf uns also rosige Zukunft!
     
  11. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ein paar Thesen und ein Versuch:

    Der Balkan ist Ende des 19. Jhds. bis Anfang des 20. eine besondere Region.
    Geografisch eingeklemmt zwischen zwei großen multiethnischen Reichen, dem Osmanisches Reich und Ö-U, bildet sich hier erfolgreich ein Nationalismus heraus, der zunehmend aggressiv beide morsch werdenden, oder gewordenen, Imperien in Frage stellt.
    Der Förderer und Protektor Russland, ist selbst kein Nationalstaat im Sinne einer ethnischen Geschlossenheit, findet sich in seinem Eigenverständnis aber so weit an der Peripherie des grundsätzlichen Konflikts,
    dass es meint, hier strategische Aussenpolitik zum eigenen Vorteil betreiben zu können, ohne eine unmittelbare negative Rückwirkung auf die eigene innere Stabilität fürchten zu müssen, oder sogar einen Vorteil im Hinblick darauf ziehen zu können.
    Schließlich überschlagen sich die Ereignisse und Ende 1912 steht der Balkan in Flammen.

    Im Frühherbst 1913 tritt eine Beruhigung der Region ein, aber es bleiben ungelöschte Glutherde des großen Brandes zurück.
    Noch am Tag der Ermordung des habsburgischen Trohnfolgers Franz-Ferdinand findet sich ein kriegerischer Konflikt des Balkans auf der Titelseite einer führenden Zeitungen Berlins.
    Kalender Auswahl (ZEFYS)

    Die Ablenkung der Großmachtkonflikte in die Peripherie des Balkans, im bismarckschen Sinne, ist nicht mehr gegeben, denn es steht der Balkan mittlerweile im Zentrum des Interesses dreier niedergehender großen Reiche, die sich am Ende eines umittelbar darauf folgenden, viel größeren Verheerens, schlicht auflösen oder am Abgrund taumeln.

    Bitte:
    Das kann auch anders verstanden werden, und ich versuche hier auch nur ein Schlaglicht auf das zu werfen, was mir selber rätselhaft ist.
     
  12. Maelonn

    Maelonn Gesperrt

    Wenn ich das richtig sehe, meinst Du nicht die Balkankriege des frühen 20. Jahrhunderts sondern die Kriege nach dem Zerfall Jugoslawiens ab 1991, richtig?

    Schau mal hier: Jugoslawienkriege ? Wikipedia
    Da findest Du unten eine ganze Reihe von Weblinks zu Veröffentlichungen aus seriösen Quellen.

    Auch das hier könnte hilfreich sein: Marie-Janine Calic: Der erste ?neue Krieg?? Staatszerfall und Radikalisierung der Gewalt im ehemaligen Jugoslawien - ZF 1/2005 - Zeithistorische Forschungen

    Die Frage kann man meiner Ansicht nach so nicht stehen lassen. Es gab schon zu einem sehr frühen Stadium Versuche, mit Uno-Truppen den Konflikt abzumildern. Als das wirkungslos blieb, gab es dann auch "robustere" Aktionen der Nato vor allem im Kosovo. Dort stehen heute immer noch Nato-Truppen, auch deutsche. Die Bundeswehr gibt an, dass im Laufe der Jahre 100.000 Bundeswehrsoldaten im Kosovo Dienst getan hätten. Auch auf diplomatischer Ebene hat es erhebliche internationale Bemühungen gegeben, den Konflikt (besser: die Konflikte) zu lösen. Letztlich war das auch durchaus erfolgreich, denn anders als die diversen Balkankonflikte im Vorfeld des Ersten Weltkriegs ist diesmal die Sache nicht zu einem großen Krieg eskaliert.

    MfG
     

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