Frankreichs Weg in den Zweiten Weltkrieg

Dieses Thema im Forum "Die Zeit zwischen den Weltkriegen" wurde erstellt von thanepower, 16. März 2015.



  1. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Die Haltung Frankreichs in den zwanziger und dreißiger Jahren wurde sehr stark durch eine Reihe von Fakten determiniert und reduzierte den kollektiven Handlungsspielraum der Regierungen der 3. Republik nach 1918 und hat zu einer teilweisen Neubewertung der Außenpolitik in den 30er Jahren durch aktuellere Studien geführt [5, S. 173]

    Frankreich hatte im WW1 mit 17 % einen der höchsten Mobilisierungsgrade bei der männlichen Bevölkerung und bei den Musterungsjahrgängen zwischen 1905 und 1915 sind zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung durch den Krieg ausgefallen [vgl. Statistiken 6, S. 11ff]. Die demographische Entwicklung stellte Frankreich unmittelbar und auch perspektivisch vor gravierende demografische Probleme, auf die die Politik im Rahmen seiner Strategie zur Sicherung Frankreichs gegenüber vor allem dem Deutschen Reich einzugehen hatte. [2, S. 164ff]

    Weitere Aspekte, die sich auf den militärpolitischen Diskussionsprozess nach 1918 ausgewirkt haben, waren die starke Bedeutung der Landwirtschaft, eine eher mittelständische Industrie mit Defiziten in der Massenproduktion („Economies of Scale“), Industriezentren, die im Nord-Osten Frankreichs grenznah lagen, ein im europäischen Vergleich – bis 1936 – und vor allem im Vergleich zur Weimarer Republik, ein eher unterentwickelter Sozialstaat und eine extreme politische Fragmentierung zwischen den politischen Polen, den moskauorientierten Kommunisten und den italophilen Faschisten der „Action francais“ etc. (vgl. 14, 112 ff).

    Die Periode nach 1933 verschärfte dabei den politischen Konflikt – ähnlich wie im DR – ausgehend von der Weltwirtschaftskrise. Sie wirkte sich in Frankreich wirtschaftlich zwar nicht so gravierend aus wie im DR, dennoch verschlechterte sich die materielle Situation der Arbeiterschaft deutlich und schuf die Grundlage für einen wirtschaftspolitischen Konflikt auf der Basis von realen sozialen Mißständen in Kombination mit einer von links und rechts betriebenen ideologischen Überhöhung der Gegnerschaft. Dieser Konflikt gipfelte in dem Versuch der französischen Faschisten am 6. Februar 1934 einen Putsch in Paris zu inszenieren, der aufgrund mangelhafter populärer Verankerung in der Bevölkerung erfolglos blieb [4, S. 1ff].

    Die Bildung einer „Volksfront“ in Frankreich ist somit einerseits – wie kurz dargestellt - innenpolitisch, aber andererseits auch zusätzlich durch die außenpolitische Bedrohung durch Italien, Deutschland und natürlich auch durch Japan zu interpretieren. Die gemeinsame Zielsetzung war der Kampf gegen den sich ausbreitenden Faschismus und der daraus resultierenden Gefahr für die demokratischen Werte der 3. Republik [8, 11].

    Vor diesem Hintergrund soll die Situation in der 3. Republik für die Diplomatiegeschichte, die innenpolitische Situation und die militärstrategische Sicht beleuchtet werden. Auch, weil die entsprechenden Beiträge auf Wiki nicht mehr aktuell sind und die Gefahr einer „retrospektivischen Vereinfachung“ [3, S. 281] zu berücksichtigen ist.

    Die Voraussetzungen für die außenpolitische Strategie Frankreich haben sich zwischen dem Sommer 1938 („München“) und dem Sommer 1939 („Kriegsbeginn“) nicht grundsätzlich geändert, allerdings hat sich die Bewertung in dieser Periode in der französischen Regierung diametral gewandelt {3, S. 281].

    Die französische Regierung, so Azema, hat seit 1919 konstant ein doppeltes Ziel bei der Außenpolitik verfolgt, die auf die Erhaltung des Friedens und auf die territoriale Integrität von Frankreich abzielte. Aber bereits bei dieser grundsätzlichen Zielsetzung waren zwei grundsätzliche Denkschulen relevant. Die eine Gruppe wollte einen ausgehandelten Revisionismus im Rahmen eines kollektiven Sicherheitssystems akzeptieren, während die andere aus der Position der Stärke ein „Containment“ des DR erreichen wollte und dazu Bündnispartner im Osten suchte. Das „System von Locarno“ von Briand entsprach bis Anfang der dreißiger Jahre diesem französischen „Sicherheitsbedürfnis“ optimal [3, S. 281-282].

    Die politischen Veränderungen, aber spätestens die Besetzung des Rheinlands machte deutlich, dass dieses System nicht mehr griff und führte dazu, dass die französische Außenpolitik zwischen den Extremen hin und her schwankte, Hitler einzudämmen oder ihn politisch in ein neues europäisches Sicherheitssystem einzubinden, also ihn zu „appeasen“. Dabei passte sich Daladier vor München – auf Druck – Chamberlain an, dem Daladier am 25. September 1938 erklärt hatte, dass die Forderungen von Hitler nicht akzeptabel sein. [13, S. 220]

    Dabei warf die neutrale Haltung, die die Volksfront-Regierung unter Blum in spanischen Bürgerkrieg eingenommen hatte, ihren Schatten auf die Bewertung der „Sudetenkrise“. Die Nichteinmischung in Spanien 1936 wurde von Teilen der französischen Öffentlichkeit als Kriterium für die folgenden Konflikte herangezogen und die Frage aufgeworfen, warum man sich im Osten engagieren sollte, wenn man sich für Spanien nicht engagiert hatte. [11, S. 280]

    Das Dilemma der französischen Außenpolitik bestand dabei im wesentlichen darin, dass eine offensive Bündnisstrategie, auch im Osten, mit einer defensiven Militärstrategie kombiniert wurde und dieses Problem wurde durch die „Sudetenkrise“ in 1938 in Kombination mit dem „Münchner-Abkommen“ und dann durch das Bündnis mit Polen und dem „Sitzkrieg“ deutlich gemacht [3, S. 282-283]. Zudem wardie Situation aus französischer Sicht deutlich dramtischer. „Entgegen der allgemein anerkannten Vorstellung schloss Daladier das Risiko eines Krieges nicht aus, sondern faßte es in der Zeit vom 23. Bis zum 28 September [Anmerkung tp: 1938] ins Auge.“[5, S. 180] Und zusätzlich hatte Daladier ausgeführt:“Wenn ich 3000 oder 4000 Flugzeuge gehabt hätte, hätte es „München“ nicht gegeben.“ [5, S. 186]

    In der Phase nach dem „Münchner Abkommen“ akzentuierten sich drei außenpolitische Lager in Frankreich. Die erste Gruppe, die „östlich orientierten Realisten“ setzten auf eine Erneuerung der französich-russischen Zusammenarbeit von 1914. Und wollten durch die Drohung eines Zweifrontenkrieges Hitler von einem Angriff auf einen seiner Nachbarn abhalten. Ihr politischer Einfluss in Paris nahm in 1939 tendenziell eher ab. Die zweite Gruppe, zu der Daladier und Leger gehörten, kann als „pro-München-wider-Willen“ beschrieben werden und setzte auf einen Zeitgewinn für die eigene französische und britische Aufrüstung. Die dritte Gruppe , getragen von AM Bonne, teilte aus ideologischer Überzeugung die Strategie Chamberlains und sah in Hitler das „Instrument“, einen „Cordon sanitaire“ gegen den Bolschewismus zu errichten. Diese Politik wurde von den „Rechten“, Monarchisten und von Teilen der „Radikalen“ (linksliberale kleinbürgerliche Partei, zu der Bonnet und Daladier gehörten) bis in den Oktober 1938 mit getragen.

    Der Parteikongress der „Radikalen“ – Partei brachte im Oktober 1938 in Marseille die Neuausrichtung der außenpolitischen Koordinaten [5, S.181-185]. Die parteipolitische Linie schwenkte auf die Vorstellung ein, dass im Osten die Verbindung zur Sowjetunion gesucht werden sollte und mit GB ein festes Bündnis eingegangen werden sollte [5, S. 183].

    Im März 1939 macht Daladier die Neuausrichtung im Rahmen einer Radioansprache deutlich und Ende März 1939 schwenkte die französische Regierung auch nach Außen, positiv begleitet von der französischen Öffentlichkeit auf eine harte anti-München-Haltung um[3, 285]. Innenpolitisch ergab sich die Kräfteverschiebung dadurch, dass sich die „östlichen Realisten“ und die „auf-Zeitspieler“ annäherten und die überzeugten „Münchner“ , vor allem Bonnet, innenpolitisch und parteipolitisch zunehmend isoliert wurde. [3, S. 286]

    Die veränderte außenpolitische Sichtweise führte ab April dazu, dass sich die französische Diplomatie aus der Dominanz der britischen löste [9, S. 103] und einerseits kooperierte und andererseits in einer einseitigen Konfrontation sich gegen Hitler stellte, wie beispielsweise bei der Drohung, eine einseitige Garantie für Rumänien auszusprechen die dann aber in einer gemeinsamen französisch-britischen Garantie einmündete.

    Den deutlichsten Konflikt in 1939 ergab die unterschiedliche Position zur UdSSR. Mitte Mai 1939 drängte der Quai d`Osay (fr. Außenministerium) die Briten dazu, Moskau ein deutliches Hilfeversprechen zu geben, sofern sie durch das 3. Reich angegriffen werden würden und Halifax machte gegenüber Daladier deutlich, dass die konservativen Kreise in GB eher ein Bündnis mit Polen und nicht mit der UdSSR suchen würden [3, S. 290].

    Die unterschiedliche diplomatischen Sichten kamen bei den militärischen Gesprächen in Moskau deutlich zum tragen. Der französiche General Doumenc hatte das Vertrauen von Daladier und eine entsprechende Handlungsvollmacht, zu einem – ehrlichen – Vertragsabschluss mit den Russen zu kommen. Ähnliches kann man von dem englischen Vertreter in Bezug auf Chamberlain nicht sagen [3, S. 290-291]. Daladier erhoffte sich von der Zusammenarbeit mit Moskau, dass seine östlichen Verbündete u.a. durch die Sowjetunion militärisch aufgerüstet werden könnten, da Frankreich selber nicht dazu in der Lage war. [5, S. 194-195]

    Im Rahmen der Verhandlungen im August 1939 wollte Daladier den Polen gegenüber durchsetzen, dass sie der Roten Armee in einem definierten Korridor das Recht auf den Durchmarsch (via Wilna und Galizien) einräumen. Und es war ein Woroschilow (sowjetischer Verhandlungsführer), der die unterschiedliche Haltung der Franzosen und der Briten deutlich wahrgenommen hatte und entsprechend Stalin kommunizierte.

    Unter dem Eindruck der sich zuspitzenden Krise Ende August 1938 verschärften sich die unterschiedlichen außenpolitischen Sichten in der Regierung Daladier. Den expliziten „Appeasern“ wie Bonnet standen die harten „Anti-Appeaser“ wie Reynaud (Finanzminister) und Mandel entgegen denen sich Daladier angeschlossen hatte.

    Reynand leitete eine Reihe wirtschaftlicher Reformen ein, die letztlich das Ende der Volksfront bedeuteten.[5, S. 188] In der Folge deutlich wirtschaftfreundlicher Reformen floßen der Bank von Frankreich in den folgenden 8 Monaten ca. 26 Millionen Franc zu, die den Handlungsspeilraum bei der Rüstungsbeschaffung deutlich verbesserte [9,S. 104]

    Die harte Haltung Daladier wurde durch die Versicherung von Gamelin [1] und von Darlan, dass Armee und Flotte bereit sein für einen Krieg. Die Situation sah bei der Luftwaffe deutlich kritischer aus, wie Viillemin als Generalstabschef der Luftwaffe, feststellte [5, S. 177]. Diplomatisch wurde Daladier durch einen Brief des französischen Botschafters Coulandre in Berlin unterstützt, der die Bitte formulierte: „Nach wie vor müssen wir fest bleiben, fest bleiben, fest bleiben“ [3, S. 295]

    Vor diesem Hintergrund ging Frankreich im September ohne Begeisterung, aber durchaus mit einer gewissen Zuversicht in den Krieg [3, S. 307]. So erkläre General Weigand im Juli 39, dass die französische Armee eine größere Schlagkraft hätte wie jemals zuvor in der Geschichte [3, S. 296] Dieses gilt auch vor dem Hintergrund der Auswertungen des Einsatzes von Panzern und der Rolle von Panzerabwehrwaffen. [12, S. 167 ff]]. Nicht zuletzt entsprach die defensive Ausrichtung nach Osten und die offensive Konzentration nach Nord-Osten den Erwartungen an einen Krieg, der auf mehrere Jahre prognostiziert wurde [7, S. 262]. Und in dem unbedingt französisches Leben angesichts des demographischen Erbes aus dem WW1 zu schonen war.

    Und es ist beispielweise May, der argumentiert, dass nichts zwangläufiges in dem Zusammenbruch 1940 der französischen Armee und des BEF lag [15]

    1. Alexander, Martin S. (1993): The republic in danger. General Maurice Gamelin and the politics of French defense, 1933 - 1940. Cambridge, New York, NY, USA, Oakleigh, Vict., Australia: Cambridge Univ. Press.
    2.Alexander, Martin S. (1998.): In defence of the Maginot Line: security policy domestic politics and the economic defpression in France. In: Robert W. D. Boyce (Hg.): French foreign and defence policy, 1918-1940. The decline and fall of a great power. London, New York: Routledge, S. 164–194.
    3.Azema, Jean-Pierre (1979.): Die französische Politik am Vorabend des Krieges. In: Wolfgang Benz und Hermann Graml (Hg.): Sommer 1939. Die Grossmächte und der europäische Krieg. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, S. 280–313.
    4. Danos, Jacques; Gibelin, Marcel (1982.): Die Volksfront in Frankreich. Hamburg: Junius.
    5.du Réau, Elisabeth (1990): Frankreich vor dem Krieg. In: Klaus Hildebrand, Jürgen Schmädeke und Klaus Zernack (Hg.): 1939, an der Schwelle zum Weltkrieg. Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges und das internationale System. Berlin, New York: W. de Gruyter, S. 173–196.
    6.Hughes, Judith M. (2006.): To the Maginot Line. The politics of French military preparation in the 1920's., Harvard University Press
    7.Imlay, Talbot C. (2006.): Strategic and military planning, 1919-39. In: Talbot C. Imlay und Monica Duffy Toft (Hg.): The fog of peace and war planning. Military and strategic planning under uncertainty. London, New York: Routledge, S. 139–158.
    8. Jackson, Julian (1988.): The Popular Front in France. Defending democracy, 1934-38. Cambridge [Cambridgeshire], New York: Cambridge University Press.
    9.Jackson, Peter (1998.): Intelligence and the end of appeasement. In: Robert W. D. Boyce (Hg.): French foreign and defence policy, 1918-1940. The decline and fall of a great power. London, New York: Routledge.
    10.Jackson, Peter (2003.): France. In: Robert W. D. Boyce und Joseph A. Maiolo (Hg.): The origins of World War Two. The debate continues. Houndmills, Basingstoke, Hampshire, New York: Palgrave Macmillan, S. 86–110.
    11.Jordan, Nicole (2002.): The Popular Front and Central Europe. The dilemmas of French impotence, 1918-1940. Cambridge: Cambridge University Press.
    12.Kiesling, Eugenia C. (1996): Arming against Hitler. France and the limits of military planning. Lawrence, Kan.: University Press of Kansas.
    13. Lacaze, Yvon (1998.): Daladier, Bonnet and the decision-making process during the munich crisis, 1938. In: Robert W. D. Boyce (Hg.): French foreign and defence policy, 1918-1940. The decline and fall of a great power. London, New York: Routledge, S. 215–233.
    14. Nolte, Ernst (1990.): Der Faschismus in seiner Epoche. Action française, italienischer Faschismus, Nationalsozialismus. 8. Aufl., Neuausg. 1984, München, Zürich, Piper
    15. May, Ernest R. (2009.): Strange victory. Hitler's conquest of France. London: I.B. Tauris.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. März 2015
  2. hatl

    hatl Premiummitglied

    Ehrlich gesagt Thane,
    fühl ich mich fast erschlagen von der Wucht der Quellen :).

    Dennoch,
    ist Dein Artikel, den ich ja nicht ernsthaft würdigen kann, ein sehr interessanter Ansatz für weitere Recherchen.* (ich kann ja nicht alle Quellen lesen ohne dabei älter zu werden als der Heesters)

    Es ist ja so, dass Du hier eine sehr komprimierte, und ich nehme an eine entsprechend kompetente, Zusammenfassung der Vorkriegssituation Frankreichs darstellst.
    Was mir auffällig erscheint: während sich das DR bereits uniform organisiert zeigt, befindet sich die Dritte Republik noch in einem inneren Widerstreit, welcher bei günstigerer weltpolitischer Großwetterlage, befruchtender für das allgemeine Wohl hätte sein können; oder müssen.

    Danke für Deine Anregungen..

    Grüße hatl

    *http://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1959_2_2_albertini.pdf
    Französischer Faschismus: Die Republik widersteht | ZEIT ONLINE
     
  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Das ist wohl richtig und die Komplexität wird zusätzlich erhöht, wenn man die kolonialen Überlegungen, die für Frankreich ähnlich wie für GB eine dominante Rolle gespielt haben, mit in den Kontext einbezieht.

    Ähnlich ist die komplizierte und widersprüchliche Beziehung zwischen Frankreich und Italien auch nicht berücksichtigt.

    Dennoch kann man festhalten, ähnlich wie im Fall von GB und den Dominions, dass die Appeaser in Frankreich auch die Ruhe in Mitteleuropa akzeptieren wollten, um ihre Position in den Kolonien zu konsolidieren. Das Kolonialreich wurde als Machtposition begriffen und nicht die Situation in Europa. Zumal Frankreich bei Kriegen in Mitteleuropa nichts zu gewinnen hatte und somit auch lediglich ein defensives Interesse verfolgte.

    Im Prinzip waren GB und sein Empire und Frankreich und seine Kolonien bereits vor dem WW2 strategisch überdehnt und der Ausgleich zwischen den rivalisierenden Interessen wurde immer komplizierter, da er globaler wurde.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. März 2015
  4. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Der spektakuläre und überraschende Kollaps Frankreichs 1940, verbunden mit Blitzkriegsmythos, der besonderen britischen Positionierung dazu etc. hat in der Nachkriegsliteratur lange den Blick auf die Wurzeln dieser Niederlage verstellt.

    Dass Frankreich im Zuge der Weltwirtschaftskrise nicht wie das Deutsche Reich dem Faschismus anheim gefallen ist, trotz einiger Tendenzen, ist auch auf entscheidende Unterschiede zurückzuführen. Frankreich war Siegermacht des Weltkrieges, und es hatte die größeren finanziellen und ökonomischen Ressourcen (siehe zB die makroökonomische Diskussion über die Goldreserven im Vorfeld von 1929, als Ursache und als Puffer der Depression). Das sind zwei gewichtige Unterschiede.

    Die militärische Niederlage 1940, bei ausreichender Überlegenheit der Westalliierten 1940, war Resultat eines vermeidbaren schweren operativen Fehlers, die allerdings politisch erzwungen wurde und im Kern in der frz. Sicherheitsdoktrin 1920/40* angelegt war (die Deckung von Belgien und den Niederlanden). Sehr klar wird das in den begeisterten Tagebucheinträgen der deutschen militärischen Führung (v. Leeb, v. Bock), als nach 48 Stunden klar wurde, dass man in die Falle tappt. Durch den Blitzkriegsmythos, geteilt von Autoren wie Shirer, Churchill, etc., wurde hier Jahrzehnte nach anderen Ursachen gesucht, zugespitzt die Implosion der frz. militärischen Kapazitäten, innere Schwäche, mangelnder Wille, usw., was spätestens mit Friesers Untersuchung obsolet ist.

    * und im Kollaps der frz. Außenpolitik 1933/39, soweit sie auf die Sicherheit des Landes bezogen war.
     
    Zuletzt bearbeitet: 17. März 2015
  5. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Bei den Verhandlungen zum Versailler Vertrag wollte Frankreich Sicherheit (und Hegemonie) durch Niederhalten Deutschlands und Bündnisse u. a. mit dem östlichen Europa. Allerdings gab es da von Beginn an Widerstand aus London und die Frage wie eine stabile Situation bei all den repressionen erreicht werden solle. Darauf hat Frankreich keine Antwort gehabt.

    Die Aufrüstung Deutschlands in den 30ern zeigte deutlich, dass ein Niederhalten nicht ohne massive Einschränkungen der Rechte der deutschen Bevölkerung möglich war und überdies hohe Kosten angefallen wären. Auf der anderen Seite waren die diplomatischen Umstände aber derart, dass die demokratischen Kräfte in Deutschland geschwächt wurden.

    Eine wirksame Bündnispolitik in Osteuropa war ebenfalls nicht möglich, da der Schutz von Minderheiten nicht forciert wurde und Streitigkeiten zwischen den Ländern nicht gemeinsam lösbar waren.

    Rein quantitativ war doch das Aufrüstungsprogramm von 1937 schon in vollem Gange. Oder war Daladier der Widerspruch zwischen den Zahlen und der reellen Stärke bekannt?

    In Verbindung mit den bereits verabschiedeten Rüstungsprogrammen, was sollte Frankreich denn noch aufrüsten?
     
  6. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Der Ausgangspunkt für die Entwicklung in der Zwischenkriegsphase in Mitteleuropa ist sicherlich das Zusammenbrechen der „Alten Ordnung“ und der damit zusammenhängenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Aus der Sicht von Clemenceau und von Tardieu (die französischen Verhandlungsführer in Versailles) hatte sich als Ergebnis des WW1 eine Situation ergeben, bei der Russland als Verbündeter Frankreichs weggefallen war und sie mit einem Nachfolgestaat, der Weimarer Republik, konfrontiert waren, von der sie annahmen „that the German mentalities had not been altered by the defeat“ [21, S. 23] und deshalb basierten sie ihre zukünftigen Vorstellungen im wesentlichen auf „Macht“ und weniger auf „Konsens“.

    Vor diesem Hintergrund stellte sich aus der Sicht von Frankreich vor allem eine Herausforderung: „This leaves the security question as fundamental“ [21, S. 23], nicht zuletzt da die Zusicherung einer anglo-amerikanischen Garantie für Frankreich durch die Nicht-Ratifizierung durch den amerikanischen Senat 1920 entfiel. Und somit – laut Lloyd Georg – auch GB an keine Zusagen Frankreich gegenüber mehr gebunden war. Und sich somit Frankreich ab 1920 in einer relativ isolierten Position gegenüber seinen ursprünglichen Verbündeten befand.

    Neben der realpolitischen – machtbasierten - Durchsetzung einer neuen Nachkriegsordnung hatte sich vor allem durch die 14 Punkte von Wilson ein „utopisches“ internationalistisches Element in die Vorstellungen über die zukünftige internationale Ordnung „eingeschlichen“. Und so schreibt MacMillan: „Most important of all, the international order had to be recreated on a new different basis“. [15, Pos. 188], die sich zunächst in der Gründung des „Völkerbunds“ und der damit zusammenhängenden Idee einer kollektiven Sicherheit und der Wahrung des Status quos niederschlug. Und letztlich, so ihr Resümee scheiterte die neue Ordnung vor allem an den irrationalen Kräften eines übersteigerten Nationalismus und religiösen Dogmatismus [15, Pos. 9841].

    Was man retrospektiv – so Stevenson – dem VV vorhalten könnte ist, dass die Vertragbestimmung des VV für die an die Macht gelangten Demokraten der Weimarer Republik zu hart waren, um einen nachhaltigen friedlichen Ausgleich und Annäherung an Frankreich zu ermöglichen. Und sie waren nicht hart genug, um den militaristischen Bestrebungen der Revisionisten – auch in der Person von Hitler – bei der Wiederbewaffnung der Weimarer Republik entschieden zu unterbinden.

    Vor diesem Hintergrund entstand eine Nachkriegsordnung, die Vordergründig auf die Regelungsmechanismen des Völkerbunds setzte, aber im wesentlichen in seiner Funktionsfähigkeit durch die militärische Macht Frankreichs in Europa garantiert wurde. Dabei wurde seine Bedeutung allerdings durch Frankreich und durch GB relativiert, da beide Mächte eher auf die traditionelle Großmachtdiplomatie setzten und nicht auf die Mechanismen des Völkerbunds. [19, S. 349ff]

    Ironischerweise verstärkten die völkerrechtlichen Absprachen, wie die Verträge von Locarno, ausgehandelt u.a. von Briand und Stresemann, die „pazifistischen“ und die „internationalistischen Tendenzen vor allem in Frankreich [18, Pos 2309] und erzeugten den Eindruck: „The era in which great-power war could be reckoned a reasonable tool of policy, other than in seld defence, was surely over.“ [22, Pos. 8448].

    Diese Sichtweise war bis Mitte der dreißiger Jahre die dominante offizielle Sichtweise auf die Außenpolitik, jenseits von mehr oder minder militant vorgetragenen, revisionistischen Forderungen. Die Veränderungen des Status quos durch das faschistische Italien und durch das nationalsozialistische Deutschland, am deutlichsten im spanischen Bürgerkrieg, erzeugte eine zunehmende Neubewertung der militärischen Seite der Außenpolitik in Frankreich und GB.

    Die wirtschaftliche Ausgangslage war im Verlauf der Wirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre für Frankreich anders wie für Deutschland, GB oder die USA. [1, S. 140ff] Zwischen 1928 und 1938 stieg beispielsweise die industrielle Produktion in GB um 20 Prozent an und in der WR um 16 Prozent, während sie in dem gleichen Zeitraum in Frankreich um 24 Prozent sank.

    Die Erklärung für die lange wirtschaftliche Talfahrt wird dabei in der traditionelle Orientierung der französischen Wirtschaftspolitik am Goldstandard und einem überbewerteten Franc, der die Exporte behinderte, gesehen [3, S. 249]. Daneben spielen strukturelle Defizite der französischen Wirtschaft eine Rolle, die am ehesten durch eine hohe Abhängigkeit von importierten Rohstoffen, eine relativ geringe Stahlerzeugung, ein unterentwickelter Maschinenbau und eine zu große Anzahl nicht wettbewerbsfähiger Klein- bzw. Familienunternehmen gekennzeichnet war.

    Erst die 25 prozentige Abwertung im September 1936 durch die Volksfrontregierung durch Blum belebte die stagnierende Wirtschaft und erzeugte Wirtschaftswachstum. Davon unberührt war, so Adamthwaite, das Verständnis der politischen Elite in Frankreich für volkswirtschaftliche Instrumente eher unterentwickelt und verhinderte eine aktive Wirtschaftspolitik im Stile des „New Deals“. Vor diesem Hintergrund sah man eher in einem stabilen Franc und hohen Goldreserven eine „zweite Maginotlinie“ und nicht in einer kreditfinanzierten Ankurbelung der Wirtschaft, auch durch Investitionen in die Rüstungsindustrie.

    Die Wahl der „Volksfrontregierung“ unter Blum in 1936 markierte in einer Reihe von Punkten einen Einschnitt in der französischen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Eine Veränderung, die europaweit mit der Weltwirtschaftskrise das Ende des liberale Wirtschaftssystems endgültig einläutete und der Staat eine aktive Rolle bei der Wirtschafts- und Infrastukturpolitik spielte.

    Es brachte in Frankreich 1936 vor allem aber auch durch das „Matignon“-Abkommen deutliche Verbesserungen für die Arbeiterschaft und leitete gleichzeitig die notwendige Konzentration bzw. teilweise Verstaatlichung der noch stark handwerklich geprägten französischen Rüstungsindustrie ein. Die Widersprüche einer verstärkten Sozialpolitik und dem deutlich steigenden Kapitalbedarf, um die Rüstungsprojekte zu finanzieren ist ein Grund für den Übergang der Regierungsgewalt auf Daladier. In der Folge der Amtsübernahme und einer deutlich wirtschaftsfreunlicheren Revision der ursprünglichen arbeitsmarktpolitischen Reformen, floss deutlich mehr Kapital zurück nach Frankreich und ermöglichte der Regierung von Daladier den steigenden Bedarf nach kreditfinanzierter Rüstung decken. [6]

    Insgesamt orientierte jedoch vor allem die Volksfrontregierung unter Blum Frankreich ab 1936 auf einen deutlichen Kurs gegen das nationalsozialistische Deutschland. [12] Nicht zuletzt aufgrund des Bürgerkriegs in Spanien, in den Blum auf Seiten der Republik hätte intervenieren wollen [16, S. 232].

    Anhand der absoluten Zahlen der Rüstungsbudgets lassen sich vor allem die Steigerungsraten der Budgets im Vergleich erkennen. Deutlich werden die unterschiedlichen Sprünge im Budget, die den zunehmenden Rüstungswettlauf deutlich machen und ab 1935 die Wahrscheinlichkeit friedlicher Regelungen unwahrscheinlicher werden ließen.

    Die Entwicklung der Rüstungsausgaben im Vorfeld des WW2

    in Mio................1934....1935.....1936....1937.....1938....1939.....1940
    Frankr (francs)...1,600...12,800..15,100..21,500..29,100..93,600..-
    GB (Pf sterl.)......113,9....137,0...185,9...256,3...397,4....719,0...2.600,0
    3. Reich (RM)......4,190....5,480..10,270..10,960..17,240..38,000 55,900
    Quelle: [18, Tab II, Pos. 6378]

    Betrachtet man das Wettrüsten im Spiegel der Budgets als Anteil am BSP dann wird deutlich, dass das 3. Reich bereits 1936 deutlich mehr für Rüstung ausgab wie Frankreich oder GB. Dennoch wird auch ersichtlich, dass sich die westlichen Demokratien, die deutlich höheren innenpolitischen Restriktionen unterlagen bei der Umschichtung ihrer Staatshaushalte, in der Phase nach München deutlich auf einen anti-Appeasementkurs begaben und innerhalb der kurzen Zeit die offensichtlichsten Rüstungsdefizite gegenüber dem 3. Reich quantitativ und qualitativ aufholten. Nicht jedoch im Bereich der letztlich entscheidenden operativen Kriegsführung wie Frieser es überzeugend darstellt. [7]

    Militärische Ausgaben für Frankreich, GB und das 3. Reich als Prozent des GNP
    ...............1936....1937...1938...1939
    France.......6........6.8......8,2.....22,8
    GB............5.........7........8........22
    3. Reich..... 10,8....11,7....17,2....30
    Quelle: [1, S. 145] und bei [18, in Tabelle I, Pos 6379]

    Vor diesem Hintergrund wechselte das Primat der Verteilung des Staatsbudgets in Frankreich ab 1936 aus innen- und aus außenpolitischen Gründen kontinuierlich in Richtung einer stärkeren Rüstung und machte deutlich, dass Frankreich durchaus gewillt war, sich als Großmacht gegenüber dem 3. Reich zu behaupten und die ursprüngliche „Dekadenz-These“, wie beispielsweise noch von Bloch formuliert, als Erklärung für den Zusammenbruch 1940 als nicht mehr angemessen angesehen wird. [8]

    In der Budgetplanung der Regierung Blum aus dem September 1936 wird die Bereitschaft deutlich, die Sicherheitsinteressen Frankreich durch ein deutlich erhöhtes Budget Rechnung zu tragen. Bereits der Plan II weist eine deutliche Erhöhung gegenüber dem Plan I aus dem April 1934 auf und dieHöhe des Budgets wird durch Daladier in der Folge noch deutlich nach oben korrigiert.

    Zeitlicher Ablauf der Planungsprogramme für die französische Luft-Rüstung
    ................Zeitpunkt...Summe (Mio Francs)
    Plan I........Apr. 34.......1.343
    Plan II.......Sept. 36......2.851
    Plan V........Marz 38......4.739
    Plan V.1.....März 39......5.133
    Plan V.2.....Sept. 39.....8.176
    Quelle: [9, S. 18]

    An der Verteilung der Budgets für die unterschiedlichen Bereiche wird teilweise die Ausrichtung der französischen Militärstrategie ersichtlich, die die „systematische Kriegsführung“ als Grundlage für ihr operatives Handeln in 1940 ansah. [2, 13]

    Verteilung der Plan-Waffen-Kredite vom September 1936 (in Mio Francs)
    ........................1937....1938....1939....1940.....Gesamt
    Infantry.............300.......830.....680......589......2400
    Mechanization......500......640.....390......290......1920
    Fortification.........555......460.....110......90........1215
    Artillery..............204......730......730.....356.......2020
    Industrial Mob.....302.......381......341.....311......1335
    Total.................2652.....4571....3642....3133.....14000
    Quelle: [2, S. 406]

    Dennoch erreichte die Neuausrichtung kurzfristig nicht den gewünschten Erfolg bei der Steigerung der Rüstungsproduktion, da die strukturellen Maßnahmen der Konzentration der Rüstungsproduktion kurzfristig eher das „Rüstungs-Chaos“ verstärkte und erst ab 1938 zu einer Steigerung der Effizienz bei der Rüstungsproduktion führte und die Produktionsziffern sukzessive erhöht wurden.

    Deutlich wird das Anstieg beispielsweise bei der Panzerproduktion, die erst 1939 den Char B1 in deutlich erhöhter Stückzahl produzierte, obwohl er zu dem Zeitpunkt der leistungsfähigste Panzer, neben dem Somua, war.

    Panzer – Produktion
    ...............1936....1937....1938....1939....1940 (bis Juni)
    Char B1.....27........35........25......100.....187
    Gesamt.....467......482......403.....1059....854
    Quelle: [9, S. 14]

    Der verzögerte Effekt der Rüstungsausgaben wird ebenfalls bei der Struktur der Beschäftigung in der Flugzeugindustrie ersichtlich. Seit 34 erfolgte zwar eine langsame Erhöhung des Anteil der Beschäftigten an militärischen Flugzeugproduktion, aber erst mit Kriegsbeginn erfolgte eine deutliche Erhöhung. Zum Zeitpunkt des französischen Zusammenbruchs outperformte die britische und die französische Flugzeugproduktion bereits die Produktion des 3. Reichs.

    Beschäftigte in der Rüstungsindustrie für den Flugzeugbau
    Zeitpunkt......Beschäftigte
    Nov. 34........21.500
    Dez. 36........35,200
    Mai 38..........48.000
    Jan 40.........171.000
    Mai 40.........250.000
    Quelle: [9, S. 18]

    Bei der Bewertung der Position von Frankreich und GB muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass die kollektive Erinnerung an den WW1 ein abschreckendes Beispiel für einen weiteren Rüstungswettlauf war.

    1. Adamthwaite, Anthony P. (1995.): Grandeur and misery. France's bid for power in Europe, 1914-1940. London, New York, New York: Arnold; Distributed exclusively in the USA by St. Martin's Press.
    2. Alexander, Martin S. (1993): The republic in danger. General Maurice Gamelin and the politics of French defense, 1933 - 1940. Cambridge, New York, NY, USA, Oakleigh, Vict., Australia: Cambridge Univ. Press.
    3. Ambrosius, Gerold; Hubbard, William H. (1986): Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas im 20. Jahrhundert. München: Beck.
    6. Du Réau, Elisabeth (2001.). Edouard Daladier: The Conduct of War and the Beginning of Defeat. In: Joel Blatt (Hg.): The French Defeat Of 1940. Reassessments. New York, NY: Berghahn Books, S. 100–125.
    7. Frieser, Karl-Heinz (1996): Blitzkrieg-Legende. Der Westfeldzug 1940. 2. Aufl. München: R. Oldenbourg.
    8. Irvine, William D. (2001.): Domestic Politics and the Fall of France in 1940. In: Joel Blatt (Hg.): The French Defeat Of 1940. Reassessments. New York, NY: Berghahn Books, S. 85–99.
    9. Jackson, Julian (2003.): The fall of France. The Nazi invasion of 1940. Oxford, New York: Oxford University Press (Making of the modern world).
    12. Jordan, Nicole (2002.): The Popular Front and Central Europe. The dilemmas of French impotence, 1918-1940. Cambridge: Cambridge University Press.
    13. Kiesling, Eugenia C. (1996): Arming against Hitler. France and the limits of military planning. Lawrence, Kan.: University Press of Kansas (Modern war studies).
    15. MacMillan, Margaret (2002): Paris 1919. Six months that changed the world. 1st U.S. ed. New York: Random House.
    16. Maiolo, Joseph A. (2010.): Cry havoc. The arms race and the Second World War, 1931-41. London: John Murray.
    18. Overy, Richard; Wheatcroft, Andrew (1991): The Road to war: Papermac.
    19. Steiner, Zara (2005): The lights that failed. European international history, 1919-1933. Oxford, New York: Oxford University Press (Oxford history of modern Europe).
    21. Stevenson, David (1998.): France at the Peace Conference: addressing the dilemmas of security. In: Robert W. D. Boyce (Hg.): French foreign and defence policy, 1918-1940. The decline and fall of a great power. London, New York: Routledge, S. 10–29.
    22. Tooze, J. Adam: The deluge. The Great War and the remaking of global order 1916-1931.
     
    Zuletzt bearbeitet: 2. April 2015
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  7. Solwac

    Solwac Aktives Mitglied

    Du bist auf die Rüstung vor allem aus Sicht des Budgets herangegangen. Meine Frage richtete sich aber nach der (gefühlten) Qualität der Rüstung. Denn die von Daladier angesprochenen Flugzeuge wären wohl 1938 da gewesen, nicht aber der Wille sie einzusetzen.
    Es wäre ja auch überraschend, wenn an diesem Punkt ein Schritt hinter der Maginot-Linie hervor getan worden wäre.
     
  8. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Das hatte Gründe, siehe hier:
    http://www.geschichtsforum.de/f68/luftkrieg-franz-sische-luftwaffe-1940-a-19971/
    Frankreich hinkte zeitlich hinterher, mW - schlage ich nach, im Vergleich zu Großbritannien - wurden 1932-34 quasi keine Militärflugzeuge gebaut. Die Verzögerung konnte man nicht aufholen.

    Die ökonomische Entwicklung in der WWW ist ein entscheidender Punkt, wie von Thanepower aufgezeigt. Dort hat es aber wirtschaftshistorisch wohl einige Neubewertungen in neuster Zeit gegeben. Trage ich noch nach.
     
  9. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied

    Zwei schnelle Antworten:

    1. Daladier hat zu München geäußert, dass es dieses Abkommen nicht gegeben hätte, wenn er 3000 Flugzeuge mehr gehabt hätte. Das Appeasement ging vor allem - politisch motiviert - von Chamberlain aus und traf in Frankreich auf deutlich mehr Widerstand.

    2. Die Einschätzung einer komplett passiven Strategie der Franzosen ist nicht ganz korrekt. Der Breda-Dyle-Plan war eine offensive Bewegung, die von Gamelin als Bewegungsschlacht konzipiert war. Und dazu hat er die modernsten und die mobilsten Teile herangezogen.

    Im kontrafaktischen Sinne wären diese Kräfte geeignet gewesen, sofern sie im Raum Sedan disloziert gewesen wären, den "Sichelschnitt" wirkungsvoll zu behindern.

    Hintergrund für die Überlegungen waren die Erfahrungen aus dem spanischen Bürgerkrieg. Und auch die Franzosen haben, ähnlich wie auch die sowjetischen Militärs, die falschen Schlussfolgerungen für ihre Bewertung des Panzers gezogen. Und im Fall der Franzosen ergab sich eine deutliche Überbetonung der Panzerabwehrwaffen, wie Kiesling ausführt.

    Kiesling, Eugenia C. (1996): Arming against Hitler. France and the limits of military planning. Lawrence, Kan.: University Press of Kansas

    Insgesamt verweisen diese Aspekte auf operative Probleme, die nicht zuletzt durch die - neutrale - Haltung der Belgier den Franzosen vorgegeben worden ist und teilweise die - retrospektiv - problematischen Entscheidungen mit erklärt.
     
  10. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    französische Wirtschaft 1919/39

    Die Potenziale von Frankreich zur Reaktion auf die internationale Lage 1933-1939 waren eng mit den ökonomischen Folgen des Ersten Weltkrieges verknüpft, die die sozialen, politischen und militärischen Folgen prägten. Um die französische Sicht aufzureißen, muß man mE in drei Schritten die ökonomische Entwicklung betrachten:

    1. 1919/26
    2. 1927/32
    3. 1933/39

    zu 1:
    Frankreich folgte unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges nicht der scharfen britischen Kontraktions- bzw. Stabilisierungspolitik.

    a) die Budgets wurden nicht zurückgefahren, insbesondere wegen der Militärausgaben, diese wiederum aus Befürchtungen über deutschen Revanchismus. Begleitet wurde das von den starken französischen demografischen und finanziellen Kriegsverlusten. Schon die Ausgangslage war hier anders, wenn man die Opferzahlen betrachtet. Die britische Politik der Budget- und Geldmengenkontraktion konnte kaum in dieser Weise nachvollzogen werden.

    b) Folge waren drastische Preisanstiege, sowie Abwertungen des Francs zu GBP und US-$, mit Verlusten von 500%. Realwirtschaftlich stand Frankreich dadurch kurzfristig betrachtet besser dar: sowohl die Industrielle Produktion lief besser als in GB, während die Arbeitslosigkeit nicht wie in Großbritannien anstieg (in der Rezessionsphase 1919/23).

    c) die strukturellen Probleme - über die Budget- und Geldpolitik - wurden indessen vorgetragen: die Erholungsphase 1924/28 verlief dann schlechter als in GB oder den USA.

    d) das hatte Auswirkungen auf die Reallöhne: diese entwickelten sich wesentlich schlechter als in GB/USA, mit der Folge starken sozialen Drucks.

    e) die Preis-, Geldmengen- und Währungsprobleme kulminierten in der französischen Goldpolitik ab 1926: bis zur Weltwirtschaftskrise erhöhte Frankreich - die internen Probleme ausgleichend - seine nationalen Goldreserven von 7% des Weltbestandes 1926 auf 27% 1932. Der Goldfluss nach Frankreich hinein, ein Faktor für die Weltwirtschaftskrise ab 1929 un d im Verlauf, nahm Dimensionen an, der globale Wirkung entfaltete.

    Bordo/Hautcoeur:Why didn't France follow the British Stabilization after World War One.

    2. Die Große Deflation 1929/32 wird von zahlreichen Ökonomen mit dem Goldstandard verlinkt. Hier die Bedeutung dieses Aspekts für die französische Wirtschaft:

    a) Die massiven französischen Goldimporte bis 1930 (die Absorption wesentlicher Teile der Weltgoldreserven im Kontext des Goldstandards) sind ein wesentlicher Faktor für die Deflationslage im Rest der Welt. Die Goldimporte wiederum sind durch die nicht mögliche, zum Teil nicht vollzogene französische Konsolidierung nach dem Ersten Weltkrieg bedingt.

    Die Goldabsortion folgte den Preis- und Geldmengensteigerungen in Frankreich, und geschah zur Stützung des aus dem Abwertungsruder laufenden Francs, (parallel wurden und GBP-Reserven verkauft, um den Francs zu stützen, was die Deckung ebenfalls verminderte) und verlief noch parallel zur Goldnachfrage anderer Länder, da sich die Zahl der nationalen Ökonomien mit Goldstandard von 7 auf 43 (1929) erhöhte. Beide Faktoren zusammen übersteigen das Goldangebot (das sich von 9 auf 12 Mrd US-$ bis 1932 erhöhte).

    b) in der Weltwirtschaftskrise - von der realwirtschaftlich Frankreich deutlich weniger betroffen war als die anderen Industrienationen - wurde die französische Gold-Deckungsrate für Noten und Sichteinlagen der Banken sogar noch wesentlich erhöht: von den gesetzten 35% auf über 80 %.

    c) praktisch erfolgte damit in die WWK hinein in Frankreich eine inflationäre Politik, was aber die globalen realwirtschaftlichen Wirkungen der WWK (Rückgang güterwirtschaftlich um 30%, Auswirkungen auf Außenhandel) nicht definitiv fernhalten konnte, sondern um mindestens ein Jahr im Verlauf verzögerte und dabei abschwächte.

    Johnson, Gold, France, and the Great Depression, 1997. Zur Wirkung des Goldstandards zB Choudhri/Kochin, Eichengreen/Sachs, Hamilton, Temin, Bernanke.

    d) Vergleiche Frankreich/Rest zwischen 1929/39 sind daher irreführend, weil Frankreich 1919/29 einen anderen Verlauf nahm. Die Erholung fällt schwächer aus, ebenso wie die Rezession, und startete relativ - alles auf Vorkriegsstand bezogen - von einem höheren Niveau bei Eintritt in die WWK. Die Sozialpolitik ab 1935/36 ist nur begrenzt vor dem Hintergrund frz. Arbeitslosenstatistiken zu sehen, da deren Aussagefähigkeit höchst begrenzt war (nur teilweise Erfassung, sehr hohe Unterbeschäftigung)

    3. Die Folgen der WWK - Verzögerung bis 1936

    a) Frankreich verließ erst verzögert im September 1936 vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklung das System des Goldstandards, und erlebte verzögerte scharfe Zinsanstiege mit restriktiver Wirkung für die Budgets.

    b) Ergebnis war ein Scheitern des französischen "New Deals" in den 1930ern, Stagnation verbunden mit Inflation (zB 1936: +16%, 1937: +38%) und Lohnanstiegen, verbunden mit fallender Industrieproduktion.

    c) dieser time lag in den Folgen der WWK traf auf die rüstungs- und außenpolitische Herausforderung durch das Deutsche Reich, verschärfte soziale Spannungen, begrenzte die franz. Budgetmöglichkeiten, und hat insoweit nichts mit "innerer Verkrustung" oder "Defensivdogmen" Frankreichs zu tun, sondern handfeste ökonomische Kontexte.

    ZB Cohen-Setton/Hausman/Wieland: Stagflation in the 1930s: Why did the French New Deal Fail?
     

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