Frauen als Heilerinnen-Eine Bedrohung der Kirche?

Dieses Thema im Forum "Hexenverfolgung (1450-1750)" wurde erstellt von babsi, 22. Februar 2012.

  1. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied


    eine hochinteressante Geschichte!
    sie bestätigt den alten Satz "irgendetwas bleibt hängen" - mich wundert, dass die "Besessenen" nicht unter die Lupe genommen wurden.
     
  2. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    @Rurik
    kannst du noch mehr erzählen über die simulierte Besessenheit in diesem interessanten Fall? Ich frage mich, was man sich ausgerechnet in der salopp gesagt "Inquisitionszeit" für Vorteile versprach, wenn man sich als besessen stellte - also simulierte Besessenheit und Besessenenplage sind schon aufsehenerregende Umstände!
    ...oder...hm...:):scheinheilig::)...willst du schelmisch darauf hinaus, dass manche damals besessen davon waren, Gerüchte zu verbreiten?
     
  3. Rurik

    Rurik Aktives Mitglied


    So eine Besessenenplage gab es z.B. 1692 in Salem, im puritanischem Amerika. Dort saßen die besessenen Mädchen sogar mit im Schwurgericht und entschieden mit Zuckungen und Schreien, wer ein/e Hexe/r war. In Salem wurden allerdings nicht die gehenkt, die sich dann auch selbst für schuldig bekannten, sondern die "Uneinsichtigen".

    Die Theologie unterscheidet zwischen Besessenen und Hexen/Hexer. In die einen ist der Teufel gefahren, sie sind also Leidende. Die anderen haben sich mit dem Teufel verbündet, sind also Täter.
     
  4. Dog Soup

    Dog Soup Neues Mitglied

    Kommen wir vielleicht nochmal auf Ruriks ersten Punkt zu sprechen, nämlich die ganz wertungsfreie Frage: Gab es auch Frauen, die während der Hexenverfolgung Täterinnen waren - und wenn ja, worin konnte ihre Rolle bestehen?

    Wir sollten zwei Ansätze unterscheiden, nämlich die Rolle gesunder, in der Gesellschaft fest integrierter Frauen und die Rolle geistig kranker oder sonstwie beeinflussbarer Frauen.

    Für die ersten gälte es, das Ausmaß der bewussten "Instrumentalisierung des pervertierten kollektiven Denkens" zu bemessen, wie Zoka das so schön genannt hat (wir sollten auch nicht vergessen, dass viele schlichtweg daran geglaubt haben dürften dass es Hexen gab und dass sie in ihrem bösen Tun gestoppt werden mussten). Ich denke, es ist unbestritten, dass ein gutgläubiges ebenso wie ein berechnendes Agieren gegen Hexen "hinter den Kulissen" grundsätzlich vorkommen konnte, nur ist es vermutlich unlauter, über die genauen Vorgänge zu spekulieren. Solche Einflussnahmen kommen selten in die Berichte, weil sie zu versteckt sind und unspektakulär scheinen, gerade wenn sie erfolgreich verlaufen. Mit Selbstzeugnissen können wir auch nicht rechnen. Also haben wir dazu einfach keine Quellen und können nicht darüber diskutieren. Leider. Das fände ich nämlich am interessantesten. Hier käme auch das Strukturargument, dass ich an Ruriks ursprünglicher Idee so spannend fand, am ehesten zum Tragen.

    Konzentrieren wir uns also auf den zweiten Punkt, wo sich Frauen beispielsweise als Besessene ins Rampenlicht stellen. Hier wurden in der Diskussion zwei mögliche Hauptgründe genannt, nämlich Boshaftigkeit/Machtrausch und Geisteskrankheit. Gerade wenn jemand schizophren war, kann ich mir das durchaus auch in Kombination vorstellen. Immerhin neigen Schizophrene ja in ihren Schüben zu völlig ungefilterten Gefühlen, also beispielsweise auch von Bosheit. Gehört bei manchen Formen stark mit zum Krankheitsbild.

    Interessant fand ich - quasi als dritte Möglichkeit - folgendes Detail an dem Paderborner Fall, den Rurik hier netterweise so episch für uns aufbereitet hat:

    Das scheint mir doch eine Massenhysterie zu sein. Ich habe dazu neulich einen sehr anschaulichen Artikel gelesen, in dem das in verschiedenen Ausprägungen durchgespielt wird, und ich fühlte mich beim Lesen sehr daran erinnert. Hochinteressant finde ich das im Zusammenhang mit den Hinweisen des Korinthers am Anfang dieses Threads, in denen er die generell bedrückende, bedrohliche Lage mit der kleinen Eiszeit usw. beschreibt. Eine Massenhysterie ist durchaus eine Möglichkeit, auf solchen Druck zu reagieren.
     
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  5. Turicenser

    Turicenser Neues Mitglied

    Wie ich aus meiner Quellenarbeit zur Hexenverfolgung im alten Stadtstaat Zürich zu wissen glaube, fühlten sich vor allem die etablierten und anerkannten lokalen Scherer, Chirurgen, Aderlasser, Bader, Barbiere u.ä., also die anerkannt als Heilkundige Tätigen von solchen Frauen konkurriert. Die Kirche fühlte sich insofern bedroht, als sie hinter der Heilkunst nicht entsprechend Etablierter "Teufelswerk" witterte. Dorfarzt und Pfarrer konnten dann zur unheiligen Allianz zusammenfinden.
     
  6. Gandolf

    Gandolf Neues Mitglied

    Hier sollte man den Bezug zum damaligen religiösen Weltbild sehen:
    (1) Als Hexe kam man in die Hölle.
    (2) Wenn man sich selbst der Hexerei bezichtigte, aufrichtig seine Verfehlungen bereute und dann hingerichtet wurde, würde man in den Himmel kommen.

    Das konnte bei instabilen (hysterischen) Menschen die Selbstdiagnose/Befürchtung "Hexerei" fördern. Bei Menschen mit suizidalen Neigungen konnte das auch eine Wunschdiagnose sein.
     
    Zuletzt bearbeitet: 16. September 2012
  7. Kassia

    Kassia Neues Mitglied

    War das in einer hysterischen Zeit in der man jederzeit Opfer werden konnte vielleicht die Flucht nach vorn? Angenommen eine(r) fängt an, sich besessen zu geben und der Dämon sagt, er würde erst ausfahren, wenn XY hingerichtet wird. Vielleicht steht man selbst auch auf der Liste? Bevor man zum Täter gemacht wird, ist es doch besser, sich als Opfer zu geben und so den Spieß bei Zeiten umzudrehen.
    @ Gandolf: Mit der Selbstbezichtigung im "nüchternen" Zustand war das so eine Sache, schließlich haben wir es bei den Hexen mit einer imaginären Sekte zu tun. Selbst wenn man sich stellte und abschwor, konnte man jederzeit wieder besagt werden und dann galt man als rückfällig. Vorher wurde man nicht automatisch hingerichtet. Sowohl Delrio als auch Binsfeld fordern ausdrücklich zum Abschwur auf. (Man denke immer an Alexander VI: Die Kirche will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er lebe und zahle!)
    Insofern scheint mir eine simulierte Besessenheit geradezu als Lebensversicherung.
    Ich habe die Ausführungen von Rurik hier nicht gelesen, kenne aber den Fall Löprer sehr gut, weil ich ih in meiner Dipl. Arbeit verbraten habe. Es gab da doch Pater Michelangelo, der einer geradezu revolutionäre Sicht auf die Exorzismen hatte, die aber leider bei Löper kein gehör fand. So gesehen drängt sich der Eindruck auf, daß die Betroffenen gar nicht geheilt werden wollten, was meine Überlegung stützt, daß sie simulierten um selbst einer Besagung zu entgehen.

    Was mich hier interessiert ist die Frage, ob es bei den vielen Besessenen immer eine Beziehung zwischen Opfer und Täter gab, oder ob der Dämon auch jemanden nannte, der dem Opfer völlig unbekannt ist.
    Und wurde zwischen den verschiedenen Graden der Besessenheit unterschieden und unterschiedlich verfahren? (Possessio, Obsessio, Circumsessio?)

    Gruß
    Kassia
     

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