Geschichte der Bergjuden

Dieses Thema im Forum "Judentum | Israel | Naher Osten" wurde erstellt von Dieter, 16. Oktober 2013.

  1. Dieter

    Dieter Premiummitglied


    Ich finde es erstaunlich, in welche Regionen sich jüdische Ethnien über Jahrhunderte und oft Jahrtausende zurückzogen und dabei ihre Identität bewahrten. In einem benachbarten Thread berichtete ich kürzlich über das Schicksal der kurdischen Juden, die im nördlichen Mesopotamien und Ostanatolien siedeln (siedelten). Sie führen sich auf die Juden zurück, die die Assyrer nach Vernichtung des Nordreichs Israel deportierten. http://www.geschichtsforum.de/f29/kurdische-juden-46924/

    Zu solch erstaunlichen Begebenheiten zählt auch die Geschichte der Bergjuden, die sich selbst Juhuro (= Juden) nennen, eine iranische Sprache sprechen und im Kaukasus (Dagestan) leben. Heute gibt es in Dagestan noch etwa 3000 Bergjuden, während 50 000 nach Israel auswanderten.

    Woher kamen die Bergjuden und sind sie möglicherweise ein Rest jener Juden, der 597 v. Chr. vom babylonischen König Nebukadnezar II. nach Babylon verschleppt wurde, dort in einer Minderheit unter persischen Königen verblieb, während der größte Teil nach Juda zurückkehrte?

    Nach einer anderen Version gehören die Bergjuden zu jenen persischen Juden, die um die Mitte des 8. Jh. n. Chr. in das türkische Chasarenreich einwanderten, das sich nördlich des Kaukasus über Südrussland erstreckte. Dort errangen sie Einfluss und sollen Auslöser dafür sein, dass die Chasaren im 8./9. Jh. zum Judentum konvertierten. Ob es Verbindungen zwischen den Bergjuden und den jüdischen Karäern gibt, die einst auf der Krim und in Anatolien siedelten, ist strittig. Karäer ? Wikipedia

    Dem Holocaust konnten die Bergjuden glücklicherweise entrinnen, da der größte Teil ihres Siedlungsgebietes außerhalb der Reichweite der Wehrmacht lag. Bei den anderen Bergjuden war man sich uneinig, ob es sich nun um "Rassejuden" oder "Bekenntnisjuden" handelte. Einige hundert wurden dennoch bis zum deutschen Rückzug 1943 ermordet.

    Die Bergjuden bewahrten über viele Jahrhunderte Religion und Brauchtum. Sie beschäftigten sich mit Ackerbau, Tabakbau, Lederhandwerk und Handel. In Kleidung und allgemeiner Erscheinung unterschieden sie sich nicht wesentlich von anderen Dagestanvölkern. Allerdings ist ihr jüdischer Glaube stark von heidnischen Vorstellungen durchsetzt, wie z.B. Gottheiten der Fruchtbarkeit, des Wassers, der Pflanzen sowie ein Gewittergott. Nach der Emigration nahezu aller Bergjuden nach Israel wird das alles in Vergessenheit geraten.
     
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  2. ursi

    ursi Moderatorin Mitarbeiter

  3. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied


    Im Vergleich mit den anderen europäischen Juden mögen die Bergjuden exotisch erscheinen, sind aber im Grunde ganz und gar gewöhnlich verglichen mit den asiatischen Juden oder auch den nicht-jüdischen Völkern im Kaukasus.

    In Tracht und Habitus scheinen sie sich wenig von den anderen "kriegerischen Bergvölkern" des Kaukasus unterschieden zu haben.
    Interessant ist noch, dass in der Region mehrere jüdische Traditionen zusammentreffen. Neben den iranisch-sprachigen Bergjuden gibt es georgische Juden und zumindest seit russischer Zeit auch aschkenasische Juden jiddischer Sprache. Diese Sprachevielfalt ist aber im Kaukasus eigentlich alles andere als ungewöhnlich.

    Zu den Karäern sehe ich keine direkten Zusammenhang. Zum einen sind die Karäer tendziell turksprachig und zum anderen habe anders als die "Bergjuden" vom rabbanischen Juden abweichende Tradition.

    Bemerkenswert ist hier jedoch die Bemerkungim verlinkten jüdischen Lexikon, die Juden im Kaukasus hätten erst in russischen Zeit Zugang zur Jeschiwot, d. h. der Talmud-Schule, gehabt und die "Kulturträger" der Juden im Kaukusus wären erst an litauischen Talmud-Schulen ausgebildet worden und hätten vorher keinen Zugang zu "jüdischer Literatur" gehabt.
    Dummerweise wird da nicht angegeben, ob sich das auf die georgischen Juden oder die Bergjuden bezieht und ob mit der Literatur der Taldmud als solches gemeint ist. Wäre den Bergjuden der Talmud unbekannt gewesen, so könnte man sie bis dahin leicht zu den Karäern zählen und sie wurden erst in russischer Zeit quasi zum rabbinischen Judentum "bekehrt".

    Iranische Sprachen sind unter den Juden Asiens quasi vorherrschend gewesend. Es gab eine ganze Reihe iranischer Judensprache, verbreitet vom Kaukasus im Westen bis nach Usbekistan und Afghanistan im Osten - hierzu die englische Wikipedia.
    Es hat sich hier im Forum schon oft mehrfach aufgezeigt, dass die Abgrenzung der iranischen Einzelsprachen untereinander schwierig und umstritten ist.
    Die Sprache der Bergjuden ist eng mit der tatischen Sprache oder identisch. Die Taten, ebenfalls in Dagestan und Umgebung beheimatet, sind (oder waren) mehrheitlich schiitische Muslime. Gelegentlich wurden die Taten auch schlicht Perser genannt und der Name der Tadschiken soll quasi das gleiche bedeuten - nur eben weiter östlich.
     
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  4. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Nun ja, man erwartet eben keine Juden, die seit über tausend Jahren - oder viellicht noch länger - im Kaukasus sitzen und sich als versprengter Rest der "Verlorenen Stamme Israels" betrachten. Deshalb ist es keine schlechte Idee, das erneut ins Bewusstsein der Menschen zu rücken.

    Nachdem nahezu alle Bergjuden nach Israel ausgewandert sind und nur noch ein winziger Rest in Aserbeidschan zurückgeblieben ist, wird die Geschichte der Bergjuden vermutlich ohnehin im Nebel der Vergangenheit versinken. Bedauerlicherweise haben Historiker nicht ernsthaft erforscht, ob es sich bei den Berjuden tatsächlich um jene Juden handeln könnte, die im 6. Jh. v. Chr. von Nebukadnezar ins "Babylonische Exil" verschleppt wurden. Oder sogar um jene Juden des Nordreichs Israel, die die Assyrer im 8. Jh. v. Chr. in den heutigen Nordirak deportierten.

    Die Karäer saßen auf Halbinsel Krim und in Anatolien und somit nicht weit entfernt von den Kaukasus-Juden. Deshalb halte ich einen Zusammenhang für wahrscheinlich und glaube, dass beide Bevölkerungen aus gleicher Wurzel stammen. Dass sich im Verlauf von über tausend - oder sogar zweitausend (?) - Jahren Sprachwechsel und kulturelle Wandlungen einstellen können, sodass die Bergjuden eine iranische und die Karäer eine Turksprache annahmen, ist vielfach belegt.
     
  5. silesia

    silesia Moderator Mitarbeiter

    Wenn das Thema noch weitergehend interessiert: es gibt dazu eine neuere Publikation.

    Brook, The Jews of Khazaria, 2006.

    Ein Auszug:

    "Some writers, including Arthur Koestler, have conjectured that the Mountain Jews of Daghestan and Azerbaijan have Khazarian ancestry. Others have suggested that they partially descend from Alans who converted to Judaism during the tenth century (see appendix D, “Other Instances of Conversion to Judaism in History”). The traditional language of the Mountain Jews, Juhuri, is part of the Iranian language family and contains many Hebrew elements. In Juhuri, they call themselves Juhuri (Derbent dialect) or Juwuri (Kuba dialect), and in Russian they are known as Gorskie Yevrey. In reality, the Mountain Jews primarily descend from Persian Jews who came to the Caucasus during the fifth and sixth centuries. This is clear not only by the culture and language of the Mountain Jews but also by their genetic inheritance from the Israelites. The genetic data connecting Mountain Jews’ Y-DNA (paternal) haplotypes to other Jewish communities and peoples of the Mediterranean region were announced by geneticist Dror Rosengarten in 2002.
    However, Mountain Jews probably encountered the Khazars during the era of the Khazar kingdom, and small elements of culture appear to have been exchanged between the two groups. For instance, among the Mountain Jews, some very common names are derived from Hebrew words for Jewish holidays, including the men’s names “Khanuko” and “Pisakh” and the woman’s name “Purim.” We recall that the Khazars also used the personal names “Hanukkah” and “Pesakh.” Moreover, the historian Igor Semyonov noted that the name “Nisu” (also spelled “Nusu”) is frequently found among Mountain Jews, and it appears to derive from the Hebrew name “Nisi,” which again was used by the Khazars. The researcher Zvi Abraham found that some Mountain Jews are named “Savriil,” equal to the Hebrew form “Sabriel” or “Savriel,” the alternate name of Bulan, the first Jewish king of Khazaria (see chapter 6). The rare female Hebrew name “Serakh” (also the name of King Sabriel’s wife) was also in use among the Mountain Jews. Some historians, including Haiko Haumann, view the Mountain Jews as a combination of Khazarian Jews and Persian Jews."
     
    Zuletzt bearbeitet: 24. November 2014
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  6. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass es eine direkte Verbindung zwischen den Bergjuden und der Konversion der turkstämmigen Chasaren zum Judentum gibt. Dieses Ereignis hat allen Historikern stets Rätsel aufgegeben, doch es ist sehr wahrscheinlich, dass es die Bergjuden waren, die den Chasaren das Judentum brachten.

    Ob allerdings diese jüdischen Chasaren den Kern der Ostjuden - der Aschkenasim - bildeten, wie das Arthur Koestler in seinem umstrittenen Buch "Der dreizehnte Stamm" behauptet, bleibt unbewiesene Hypothese. Der dreizehnte Stamm ? Wikipedia

    Ich habe Koestlers Buch hier besprochen: http://www.geschichtsforum.de/697635-post14.html
     
  7. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Für die tatisch-iranische Sprache im Kaukasus gibt es eine einfache Erklärung.
    Es war die Sprache einiger safawidisch-persischer Vasallenstaaten im Kaukasus: Khanat Schirwan und Quba.
    In jenem Gebiet existierten wie auch im Safawidenreich aserbadschanisch und iranisch nebeneinander.
    Die Sprachen haben im Kaukasus oft gewechselt. Nach der russischen Eroberung verloren die iranischen Sprachen dort an Bedeutung.
    Im Grunde handelt es sich um einen neupersischen Dialekt, der nach der russischen Eroberung nicht mehr als identisch mit dem Persischen aufgefasst wurde.

    • Wikipedia sagt:
      Während Muslim-Tat schon im 19. Jahrhundert auf dem Rückzug war, expandierte Judeo-Tat noch in derselben Zeit. Einige Gemeinden, die vorher tscherkessische Dialekte oder tschetschenisch gesprochen hatten, übernahmen die tatische Sprache, die sich Umgangssprache der Bergjuden nicht nur in Aserbaidschan und Dagestan, sondern im gesamten Nordkaukasus entwickelte.

    Demnach wäre der Kulutrkreis der iranisch-sprachigen Bergjuden eine jüngere Entwicklung und keineswegs uralt, zurückzuführen auch die persische Stadtgründung im 18. Jahrhundert und eine anschließende kulturelle Assimilation älterer, einheimisch-kaukasischer jüdischer Gruppierungen.
     
  8. Dieter

    Dieter Premiummitglied

    Wenn das so ist erhebt sich die Frage, welche Sprache die Bergjuden vor ihrem Sprachwechsel zum Iranischen sprachen. Möglicherweise Neuaramäisch wie die einst benachbarten kurdischen Juden, von denen es nach ihrer Massenauswanderung nur noch geringe Reste in SO-Anatolien gibt? Kurdische Juden ? Wikipedia

    Und es bleibt natürlich eine offene Frage, ob es die Vorfahren dieser Bergjuden waren, die einst den Chasaren das Judentum brachten.
     
  9. Maglor

    Maglor Aktives Mitglied

    Die Sache ist schon grell. Aserbadschan hat eine turksprachige Bevölkerungsmehrheit. Die dortigen Juden sprach tatisch. Noch besser: Es gibt oder gab dort tatisch-sprachige armenische Christen.
    Die armenischen Juden
    Turksprachige jüdische Gemeinden sind nur auf der Krim nachgewiesen, die Krimtschaken. Die Krimtschaken sind Juden, keine Karäer.
     

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