Gliederung zur Fragestellung "Die Weimarer Republik- eine Demokratie ohne Demokraten?

Dieses Thema im Forum "Die Weimarer Republik" wurde erstellt von Luna2505, 11. Juni 2016.

  1. Luna2505

    Luna2505 Neues Mitglied


    Hallo,

    in einer mündlichen Präsentation mit anschließendem Kolloquium soll ich mich mit der Frage befassen, ob die WR tatsächlich eine "Demokratie ohne Demokraten" war.
    Ich habe mir eigentlich genügend Wissen angeeignet, um diese zu beantworten und zu begründen. Mein hauptsächliches Problem liegt vielmehr darin, diese Art Erörterung in verschiedene Themen zu gliedern, da es trotz eines persönlichen Fazits am Schluss eine klassische Präsentation sein soll. Überlegt habe ich bisher, Hindenburg als einen Gliederungspunkt zu nehmen, auch den Ebert-Groener-Pakt erachte ich als relativ ausschlaggebend.
    Ich hoffe, ihr könnt mir helfen!

    Liebe Grüße
    Valerie
     
  2. Lafayette II.

    Lafayette II. Aktives Mitglied

  3. thanepower

    thanepower Aktives Mitglied


    Die Kennzeichnung der Weimarer Republik als Demokratie ohne Demokraten oder als Republik ohne Republikaner ist m.E. polemisch.

    Diese These zielt darauf ab, die demokratischen Kräfte auf eine Stufe zu stellen mit den destruktiven rechtsextremen Kräften. Und sie geht noch weiter in der Polemik, indem die zahlreichen politischen Opfer in der Weimarer Republik, als Vertreter der Demokratie, auf eine Stufe gestellt werden mit den rechtsextremen Tätern, die im Rahmen unzähliger heimtückischer Morde diese Vertreter getötet haben.

    Wie besonders deutlich an dem Mord an Erzberger durch die „Organisation Konsul“ (vgl. Winkler, S. 290ff). Und an diesem Beispiel werden auch schon die Defizite der Demokratie von Weimar deutlich.

    -Eine extrem gewaltbereite Szene, die im Umfeld der Reichswehr agierte (In der späteren WM wurden „Dienstzeiten“ in der Organisation Konsul als reguläre Dienstzeiten für die Berechnung von Bezügen etc. anerkennt!)

    -Eine Justiz, die die Täter aus dem rechtsextremen Umfeld nicht – angemessen – bestrafte bzw. sogar freisprach, wie beispielsweise den Auftraggeber des Mords an Erzberger, M. Killinger. Und somit die Demokratie nicht gegen die Anschläge von Rechtsextremen geschützt hatte

    - Eine extreme, rechte Hetzpropaganda, die die Morde rechtfertigte und systematisch die Unzufriedenheit mit dem demokratischen System schürte

    - Ein politisches Umfeld aus radikalen Deutschnationalen, Monarchisten und völkischen Rechtsextremen, die als kleinsten gemeinsamen Nenner ihren Hass auf die Weimarer Republik benennen konnten und auf die Beseitigung des politischen Systems hinarbeiteten

    Mit Weitz ist somit festzuhalten:
    „Weimar did not just collapse; it was killed off. It was deliberately destroyed byGermany`s antidemocratic, antisocialist, anti-Semitic right wing, which, in the end jumped into political bed with the Nazis“ (S. 404 ff)

    Und fährt fort in der Beschreibung: „Weimar may indeed have had too few democrats, too few people willing to stand up and defend the republic.“ (S. 404)

    Und resümiert diese Widersprüche: „The Right occupied governmental offices and military commands and controlled great segments of the industrial and financial resources of the country …those are the people who destroyed the republic without whom the Nazis would never come to power. Their attacks on Weimar, coupled with the Nazis formidable political instincts, underminded the system“ (S. 404)

    Dieses Befund deckt sich mit dem generellen Urteil von Almond und Verba zur rudimentär vorhandenen politischen Kultur in der Weimarer Republik und entspricht auch der Darstellung von H. Mommsen zur Genese einer demokratischen, diskursiven Kultur vor allem im linksliberalen und sozialistischen Umfeld (SPD) im Kaiserreich.

    Ähnlich auch das Urteil von Ritter zur Funktionsfähigkeit des aus dem Kaiserreich übernommenen Parteienwesens, das vor allem durch ein nicht ausgeprägtes Rollenverständnis von Regierungs- und Oppositionsparteien gekennzeichnet war, da Parteien im Kaiserreich nicht daran gewöhnt waren, eigenständige Politik zu formulieren und durch parlamentarische Mehrheiten durchzusetzen.

    Die Einschätzung zur vorsätzlichen Zerstörung der Weimarer Republik vor allem durch rechtsextreme politische Kräfte erhält zusätzliche Evidenz durch die Ergebnisse einer komparativen, ökologischen Regressionsanalyse von Bromhead, Eichengreen und O'Rourke.

    Sie kommen zu dem Ergebnis, dass es ein Bündel situativer historischer Ereignisse gab, die die Entwicklung rechtsextremer politischer Parteien nach dem WW1 begünstigt hatte. Dazu zählen eine nicht so ausgeprägte demokratische politische Kultur vor dem WW1 (im Sinne von Almond und Verba), die Frage, ob man zu den Gewinnern oder den Verlierern des Krieges zählte und die Länge der wirtschaftlichen Krise in den zwanziger Jahren.

    Es waren somit übergreifende historische Prozesse, die die Radikalisierung der Rechten und ihr numerisches Anwachsen erst ermöglicht hatte. Erst in diesem Kontext konnten sie die Massen mobilisieren und für ihre radikalen politischen Ziele begeistern.

    Aber es waren nicht die angeblich nicht vorhandenen Demokraten, an der die Weimarer Republik gescheitert ist.

    Almond, Gabriel A.; Verba, Sidney (1965): The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations. An Analytic Study. Boston: Little, Brown.
    Bromhead, Alan de; Eichengreen, Barry; O'Rourke, Kevin (2012): Political Extremism in the 1920s and 1930. Do German Lessons generalize? Cambridge, MA: National Bureau of Economic Research.
    Friedemann, Peter (Hrsg.) (1978): Materialien zum politischen Richtungsstreit in der deutschen Sozialdemokratie. 1890-1917. Mit einer Einleitung von Hans Mommsen. 1. Aufl. Frankfurt/M. u.a.: Ullstein
    Ritter, Gerhard A. (1985): Die deutschen Parteien 1830-1914. Parteien und Gesellschaft im konstitutionellen Regierungssystem: Vandenhoeck & Ruprecht
    Weitz, Eric D. (2007): Weimar Germany. Promise and tragedy. Princeton, N.J.: Princeton University Press.
    Winkler, Heinrich August (2011): Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914-1945. München: Beck
     
    Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2016

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