Götz Aly: Auch im Gedenken zerbricht Europa

Dieses Thema im Forum "Russland | Sowjetunion | Osteuropa" wurde erstellt von El Quijote, 4. November 2016.



  1. Matze007

    Matze007 Aktives Mitglied

    Das hatte mich sehr beeindruckt - seine sehr offenen Schilderungen, worauf die Akzeptanz des Nationalsozialismus beruhte hat ihm vermutlich viel Kritik eingetragen.
    Ich halte ihn für einen zwanghaft aufrichtigen Querkopf, evtl bedingt das eine ja das andere.
     
  2. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Danke Ashigaru für die Infos und Einschätzung! :) Interessant ist Deine Zusammenfassung einer seiner wichtigsten Thesen. Da sehe ich Parallelen zu Ungvárys Bemühungen, die ich weiter unten erwähne.

    Stimmt, ich hätte mich über Aly besser informieren sollen. Leider hab ich mich bezüglich seiner Fenstersturzaffäre auf die dt. Wikipedia verlassen, was ich sonst nicht tue; provoziert durch Alys Artikel hat mir die dort angegebene Aussage wohl zu sehr ins Bild gepasst. Wird mir jedenfalls eine Lehre sein.
    Dennoch ging es mir nicht um die »Diskreditierung« des alten Mannes, sondern um dessen »diskreditierenden« Artikel.

    Das verstehe ich. Da aber Götz Aly für meine Begriffe kein seriöser Historiker ist, wie seinem Artikel zu entnehmen, kann mir seine sonstige Arbeit völlig wurst sein. Danke dennoch für die kleine Leseprobe… steht da auch was zum Thema »Nagy« drin?



    So möchte ich schließlich auf das Wesentliche, auf paar Sätze aus Götz Alys Artikel einen kurzen Blick werfen:

    »Vergangene Woche traf es Krisztián Ungváry, einen der profiliertesten Historiker Ungarns. Er wurde während des offiziellen Gedenkakts zum 60. Jahrestag des Ungarnaufstands von 1956 niedergeschlagen, weil er sich gegen neonationalistische Geschichtsverdrehungen wendet.«
    Krisztián Ungváry sieht den Grund für den Antisemitismus in Ungarn in erster Linie in der ungleichen Verteilung des Vermögens, mehrheitlich im Besitz des Bürgertums deutscher Abstammung und der Juden, insofern Alys Thesen nicht unähnlich: »Die einen wurden in Todesfabriken geschickt, die anderen in ein zerbombtes Deutschland.« (»Ungarns Judenhasser brauchten keinen Hitler«, Die Welt, 23. Okt. 2013.) Das Interview hat später zu etwas Aufruhr gesorgt: »Antisemitismus hat kein Ratio«, ebd., 28. Okt. 2013; und fairerweise Ungvárys Antwort: »Krisztián Ungváry reagiert auf die Kritik von WELT-Herausgeber Thomas Schmid«, Hungarian Voice, 15. Nov. 2013. Auch wurde er in Ungarn vom auf die jüdische Sozialgeschichte spezialisierten Historiker Dániel Bolgár kritisiert, er sei von Antisemiten fingierten Statistiken aufgesessen: »Historian Krisztián Ungváry rejects charges of plagiarism, unprofessional conduct«, The Budapest Beacon, 27. Jan. 2015.


    »Ungváry kritisiert zum Beispiel, dass der Führer des Aufstands, Imre Nagy, aus dem staatlichen Gedenken getilgt wurde.«
    Dafür habe ich keine Anzeichen finden können. Es wird schon stimmen, dass auch in Ungarn manchmal ideologiegenehme Themen und Institute gefördert werden, aber auch, dass Benachteiligte solche Vorwürfe gerne vorhalten. Kommt das nicht auch in Westeuropa und beispielsweise in Deutschland vor? Worin äußert sich also die staatliche Verdrängung explizit im Fall von Imre Nagy? Orbáns würdigende Rede aus 1989 anlässlich der Beisetzung ist auf Mod an: Link wurde entfernt. Siehe Hinweise zu Verlinkungen Mod aus


    »Nagy war Reformkommunist, deshalb passt er nicht in das geistige Schrumpfformat von Ministerpräsident Viktor Orbán. Das reicht heutzutage, um vergessen zu machen, dass Nagy nach dem gescheiterten Aufstand wegen „konterrevolutionärer Umtriebe“ verurteilt und gehenkt wurde.«
    Die Bezeichnung »Reformkommunist« ist absolut falsch. Nagy war während seiner Zeit in der Regierung durchwegs sowjettreu. Aly betreibt damit eindeutig Geschichtsverdrehung. »Schrumpfformat« ist außerdem Polemik der heftigen Sorte. Götz Aly versteht es auch, den Grund für die geforderte Verehrung von Imre Nagy auf dessen Ermordung zu reduzieren, um ihn als Märtyrer hinzustellen. Genau demgegenüber liegen aber tausende Leichen von Ermordeten als Nagy Teil der Regierung war. Nagy wurde zum Opfer seines eigenen bevorzugten Regimes. Der eigentliche Verdienst von Nagy liegt in der kurzen Zeit, als er Ministerpräsident war, was Aly übergeht, da dies auch an die Rákosy-Ära und deren Opfer erinnern könnte.


    »Weder Ungváry noch Kochanowski stehen politisch links. Beide arbeiten strikt quellenorientiert.«
    Ungvárys Arbeit wurde von manchen als gar etwas ›zu rigide quellenorientiert‹ abgelehnt, d.h. ohne seine Quellen zu hinterfragen.


    »In immer mehr europäischen Staaten bevorzugen und fördern staatliche Geschichtspolitiker nationalistische Mythen. Zwischen Kiew, Wilna, Warschau und Budapest pflegen sie zunehmend die Verehrung finsterer Nationalisten und Antisemiten.«
    Alys netter Rundumschlag, den thanepower weggekürzt hat. Östlich von Berlin scheint es wirklich finster zu- und herzugehen. Doch keine Sorge: Aly sorgt mit seinen Artikeln für die Einheit.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 14. November 2016
  3. hatl

    hatl Premiummitglied

    Jetzt schalt mal einen deutlichen Gang zurück Mashenka und bleib auf dem Teppich.
    Unbestreitbar ist Dein Ansatz "Da aber Götz Aly für meine Begriffe kein seriöser Historiker ist, wie seinem Artikel zu entnehmen, kann mir seine sonstige Arbeit völlig wurst sein." sehr fragwürdig um es höflich auszudrücken. Selbstverständlich ist Götz Aly ein "seriöser Historiker" und sein Buch "Hitlers Volksstaat" ist übrigens sehr empfehlenswert.

    Nicht empfehlenswert ist Dein Ansatz der eine Mischung aus bewußter Ignoranz und Themenentführung darstellt.
    Sorry, aber wir sind hier nicht im Kindergarten.
     
    3 Person(en) gefällt das.
  4. Reinecke

    Reinecke Aktives Mitglied

    Ich kann nur noch mal auf das literarische Genre hinweisen, über das hier diskutiert wird. Wenn der grandioseste, seriöseste Historiker der Weltgeschichte eine Zeitungskolumne schreiben würde, wäre dass immer noch eine journalistische Meinung, keine wissenschaftliche Facharbeit.
     
    2 Person(en) gefällt das.
  5. Mashenka

    Mashenka Aktives Mitglied

    Natürlich muss Kolumnen mehr Freiheit zugestanden werden. Habe dort gegen bissige Kommentare, überspitzte Wertungen und gegen Übertreibungen nichts einzuwenden, solange man an der Wahrheit bleibt und nicht das Gedenken von Tausenden von Ermordeten verunglimpft, indem man einen Opportunisten des verantwortlichen Systems von den Nachfahren der Opfer unbedingt glorifiziert haben will. Spätestens da wäre mehr Feingefühl und Wahrheitsliebe angesagt und seitens der Berliner Zeitung mehr Verantwortungsgefühl. Just my two cents… was Götz Alys Artikel nicht mal wert ist, um mal die Regel der Kolumne auch auf Forumsbeiträge anzuwenden. :devil:
     

Diese Seite empfehlen