Gregor von Tours' Decem libri historiarum

Dieses Thema im Forum "Die Franken" wurde erstellt von schwedenmann, 15. Februar 2015.



  1. schwedenmann

    schwedenmann Aktives Mitglied

    Hallo

    Inwieweit sieht die heutige Forschung diese Quelle als wichtige Quelle an.

    Wenn man sich den link durchliest, ist diese wichtige Quelle a priori keine verläßliche Quelle, ja eher als "Geschichte" zu werten.

    Hat dies Auswirkungen auf Frühmittalaltergeschichte ?


    http://elib.suub.uni-bremen.de/edocs/00102558-1.pdf

    mfg
    schwedenmann

    P.S
    Historiarum Libri Decem wird sie im pdf genannt, in wikipedia heißt sie wie in der Überschrift des threads
     
    Zuletzt bearbeitet: 15. Februar 2015
  2. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Einer derjenigen, der sie sehr hoch ansetzt, ist der Mediävist Georg Scheibelreiter in seinem Buch "Die barbarische Gesellschaft. Mentalitätsgeschichte der europäischen Achsenzeit 5.-8. Jahrhundert." Da Gregor jedoch so eine überragende Bedeutung für Scheibelsreiters Buch hat, war dieses nicht unumstritten. Es kam die Kritik, dass er aus der speziellen Quelle zuviel für allgemeine Beobachtungen ableitet.

    Aus meiner Sicht ist bei der Bewertung der "Zehn Bücher Geschichte" zu berücksichtigen, das die Zahl anderer historiografischer Werke für die Merowingerzeit an einer Hand abgezählt werden kann. Gerade für den merowingischen Bürgerkrieg Ende des 6. Jahrhunderts gibt es keine ausführliche Quelle.
    Auch qualitativ schneidet sie zumindest im Vergleich zu anderen zeitgenössischen Historiografien nicht schlecht ab. Als einer der "letzten Römer" im Frankenreich stand er sprachlich und bildungsmäßig über Schreibern wie dem "Pseudo-Fredegar", die gleichzeitig oder später Chroniken schrieben. Als Bischof war Gregor auch eine politische Persönlichkeit und vertrat, anders als die im Auftrage des Reichs handelnden, oft anonymen Annalenschreiber um 800 eigene Standpunkte.

    Dies wird auch als Schwäche gesehen, macht aus meiner Sicht die Chronik als Zeitdokument in diesem Falle lebendiger. Die größten Probleme bereitet aus meiner Sicht - wie auch in anderen frühmittelalterlichen Quellen - Gregors Religiosität. Sie führte dazu, dass alle möglichen Wundergeschichten aufgenommen worden, und dass Gregor natürlich auch immer wieder auf Gottesstrafen für lästerliches Handeln verweist.

    Wie man sieht, bin ich, wenn auch nicht in so extremer Weise wie Scheibelreiter, ein "Befürworter" der "Zehn Bücher Geschichte" als Quelle. Mal abgesehen von der historiografischen Bedeutung, finde ich es schade, dass die "Zehn Bücher", letztendlich ein Werk epischen Umfangs, in der kulturellen Erinnerung Europas kaum einen Platz gefunden haben. Die einzige Ausnahme bilden höchstens die Intrigen zwischen Fredegunde und Brunichild, die auch heute noch gelegentlich literarisch verarbeitet werden.
     
  3. Ravenik

    Ravenik Aktives Mitglied

    Das ist allerdings kein spezielles Problem frühmittelalterlicher Quellen. Manche heidnische antike Autoren (wie z. B. Livius und Cassius Dio) vermengten ihre Geschichtswerke mit teils recht ausführlichen Listen von Wundern und Vorzeichen, die bedeutenden Ereignissen oder Todesfällen vorangegangen sein sollen, und dergleichen. (Auf die Spitze getrieben hat das Iulius Obsequens, der gar die Vorzeichenschilderungen bei Livius exzerpierte und in einem eigenen Werk zusammenfasste.) In gewisser Weise könnte man auch die diversen Orakelsprüche anführen, die von Autoren wie etwa Herodot gerne zitiert wurden. Gregor stand also insofern durchaus in einer antiken Tradition, als für gläubige bzw. abergläubische Autoren Ereignisgeschichte und Wunderdinge miteinander Hand in Hand gingen und letztere in ihren Augen auch einen Platz in einem Geschichtswerk hatten und haben mussten.
     
  4. Krähenschnabel

    Krähenschnabel Neues Mitglied

    Wie sieht es überhaupt mit der Glaubwürdigkeit dieser Geschichtswerke über die Merowingerzeit aus? Gregor von Tours ist deswegen wichtig, weil es ja kaum andere Geschichtsschreibung aus dieser Zeit gibt. Fredegar wurde schon erwähnt. Dann gibt es noch diverse Heiligenviten und Venantius Fortunatus. Aber sonst?

    Wieviel weiß man über die Zuverlässigkeit dieser Geschichtswerke? Ergänzen diese sich oder widersprechen sie sich eher?

    Kann über die Geschichte des Frankenreiches des 6. und 7. Jahrhunderts überhaupt zuverlässig etwas gesagt werden oder handelt es sich eher um eine Geschichte, die man sich "zusammenreimen" muss? Wie hoch wird der Unsicherheitsfaktor eingeschätzt?
     
  5. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    Dazu gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Scheibelreiter nahm in "Die barbarische Gesellschaft. Mentalitätsgeschichte der europäischen Achsenzeit, 5.-8. Jahrhundert" eine hohe Historizität Gregor von Tours an. Sein Buch ist wegen diesem, aber auch vieler anderer Probleme heftig kritisiert worden, auch für meinen Geschmack liest es sich streckenweise wie eine Nacherzählung der "Zehn Bücher Geschichte."
    Gerade für die Ereignisse im Gallien des späten 5./frühen und mittleren 6. Jahrhunderts gibt es kaum eine parallele Überlieferung zu Gregor. Am ehesten noch Venantius Fortunatus, von dem leider kein eigenes Geschichtswerk überliefert ist. Die ältesten verbliebenen und als echt anerkannten merowingischen Urkunden stammen aus der Zeit nach Gregors Tod.

    Seine historiografischen Nachfolger, wie Fredegar, bedienten sich wohl in Gregors Werk. Sie übernahmen dabei eher die Informationen als die Gestaltung und Stilistik. Über die Authentizität der beschriebenen Ereignisse, besonders, wenn es um Chlodwig geht, gibt es zahlreiche Schriften und Aufsätze, z.B. Geuenich, Dieter: Die Franken und die Alemannen bis zur Schlacht bei Zülpich.
     
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  6. Armer Konrad

    Armer Konrad Aktives Mitglied

    Gibt es dazu nicht auch noch byzantinische Quellen ? Nicht das die weniger unkritischer wären, aber wenn die Gregor Tours bestätigen würden, könnte man zum Mindesten davon ausgehen, das die wohl kaum von ihm abgeschrieben haben. (Agathias, Prokopios von Cäsarea).
    Mich würde auch noch interessieren, ob sich zur Zeit der Merowinger der Katholizismus im Mitteleuropa bereits restlos durchgesetzt hat (bei den Franken jedenfalls schon) oder ob Gregor von Tours noch gegen arianische Tendenzen zu kämpfen hatte ? Wenn ja, könnte man bei der Beurteilung seiner Chronik auch dies noch berücksichtigen.
     
  7. Riothamus

    Riothamus Aktives Mitglied

    Bezüglich Christentum hätte Bonifatius kaum noch etwas zu tun gehabt, wenn sich das Christentum schon durchgesetzt hätte.

    Bezüglich Gregor von Tours ist zu bedenken, dass auch er von Quellen abhängt und er daher zu verschiedenen Themen unterschiedlich zuverlässig ist.
     
  8. El Quijote

    El Quijote Moderator Mitarbeiter

    Es gibt da noch Orosius (4./5. Jhdt.), Eugippius (5. Jhdt.), Prosperus Aquitanus (5. Jhdt.), Gennadius von Marseille (5. Jhdt.), Hydatius (5. Jhdt.), Jordanes (6. Jhdt.), Johannes Biclarensis (6./7. Jhdt.), Isidor (6./7. Jhdt.), Julian von Toledo (7. Jhdt.), die Konzilsakten der diversen Konzilien, etwa von Toledo oder von Elvira.
     
  9. Ashigaru

    Ashigaru Premiummitglied

    So, wie es sich mir darstellt, verhält es sich eher umgekehrt, nämlich dass Gregor einiges berichtet, was sich außerhalb des Frankenreichs zutrug. Besonders das Westgotenreich und dessen Könige finden häufige Erwähnungen. Umgekehrt scheinen die Ereignisse im Frankenreich in den westgotischen und byzantinischen Quellen weniger Widerhall gefunden zu haben. Wie gesagt, gilt dies vor allem für alles, was sich in der Zeit von Chlodwig und den nachfolgenden beiden Generationen ereignete.

    Gregor nimmt vor allem in den ersten Büchern - deren Geschehnisse sich aus seiner Sicht circa hundert Jahre zuvor ereigneten - Bezug auf die Arier. In einer, wie ich finde, besonders giftigen Stelle zu Beginn von Buch 3, erläutert er, dass nicht nur Arius im Höllenfeuer schmore (so nahezu wörtlich), sondern auch alle Könige und Adlige, die ihm folgten, die "Ewigkeit" verwehrt bliebe. Namentlich sind Alarich und andere Westgoten sowie Burgunder genannt.

    Was seine Zeitgenossen betrifft, die er in seiner Zeit als Bischof erlebte (um 580 n. Chr.), so scheint der Arianismus innerhalb des Reiches keine große Rolle mehr gespielt zu haben. Hier prangerte er eher individuell schändliches Verhalten von Adligen und sogar Nonnen und Bischöfen an.
     
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  10. dekumatland

    dekumatland Aktives Mitglied

    kleine Korrektur :winke:
     

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